Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Sacharja 4,6

Pfarrer Jens Burgschweiger

10.06.2006

Tagung der Kreissynode Minden zum Themenschwerpunkt „Globalisierung“

Tagung der Kreissynode Minden zum Themenschwerpunkt „Globalisierung“

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4,6)

Liebe Synodalgemeinde,

Da steh ich nun mit meinem Adidas-Fußball - ich armer, elender Sünder. Gerade neu gekauft, der Ball - mein Sohn hat sich richtig gefreut, weil die bei der WM ja mit dem gleichen spielen.

Und nun? Also, ich denke, wenn Kirche Ignoranten wie mich zum Umdenken bewegen möchte, sollten wir vielleicht noch mal ganz anders ansetzen.

„Die Pfingstgesellschaft“ - schreibt Peter Handke, der ja zur Zeit in aller Munde ist, nachdem er den Heinrich Heine Preis abgelehnt hat - aber ich will da jetzt nicht näher drauf eingehen - „die Pfingstgesellschaft“ - schreibt Peter Handke, in seinem Essay „Versuch über die Müdigkeit“ - „die Pfingstgesellschaft, wie sie den Geist empfing, stelle ich mir durch die Bank müde vor. Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann.“

Kirche, diese schöne Pfingstgesellschaft, als Ort inspirierter Müdigkeit. In allen Globalisierungsfragen und Diskussionen um eine Kirche mit Zukunft ist das mein Bild: Kirche als Ort inspirierter Müdigkeit.

Sicher, das ist kein Bild, das für die breite Öffentlichkeit taugt.
Und unter Marketing-Aspekten scheint es ganz und gar verfehlt. Müdigkeit - das hört sich an nach Gähnen - und eine Kirche zum Gähnen, die bestätigt ja nur das gängige Vorurteil.

„Schläfrig singt der Küster vor,
schläfrig singt auch die Gemeinde,
auf der Kanzel der Pastor,
betet still für seine Feinde“, spöttelte Detlev von Liliencron schon im 19.Jahrhundert. Obwohl, auch eine schläfrige „Dorfkirche im Sommer“ hat ja so seinen ganz eigenen liebenswerten Charme...

In Handkes Sprachspiel ist Müdigkeit - also pfingstliche Müdigkeit - das ganze Gegenteil eines lethargischen Dahindämmerns, einer „Müdigkeit zum Fürchten“, wie Handke sie nennt. Die Müdigkeit der Pfingstgesellschaft beschreibt ein Zugänglichwerden, ein Berührtwerden, das öffnet und durchlässig macht für „das Epos aller Wesen“. Sie verbindet das Einzelne mit dem Ganzen - schafft sozusagen einen spirituellen Zusammenhang.

Was mir daran gefällt: Der globale Horizont - er ist hier nicht das Ergebnis moralischer Erwägungen. Das auch. Aber primär ist er eine Folge der weltumspannenden Verbundenheit im Geist, eines inspirierten Blickwinkels.

Kirche also als Ort, der Inspirationsräume, Atemräume eröffnet. Und indem sie das tut, erbaut sie sich oder wird erbaut. Kirche heute erbaut sich ja nicht anders als der Tempel, den Sacharja vor seinem geistigen Auge hat: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch den Geist des Herrn Zebaoth.“

Auch damals - zur Zeit des Propheten - waren Kirche und Gesellschaft im Umbruch. Die babylonische Gefangenschaft zuende, der jerusalemer Aufschwung in vollem Gange. Alles musste sich politische neu orientieren. Der Grundstein zum neuen Gotteshaus war gelegt, aber es gibt Verzögerungen, lähmende Kräfte, finanzielle Engpässe. Vom Tempel gibt es gerade mal den Grundstein. Wie soll es weitergehen? Nicht wie bisher, sagt der Prophet. „Nicht durch Heer oder Kraft.“ Laßt Gottes Geist wirken!

Sicher, der braucht seine Zeit. Aber gerade das kann ja auch wieder eine Stärke sein. Zeit haben. Sich Zeit nehmen.
Ja, ich glaube, das ist so: Wo man dem Geist Gottes Raum gibt, da fängt das Atem-Holen, das Zeit haben an.

Kirche als Ort „inspirierter Müdigkeit“ - um Peter Handke wieder aufzugreifen - ist eine Kirche, die Zeit hat. Und die den Menschen Zeit gibt, Atem zu holen.

Peter Handke schreibt: „So wie jene alte krumme Frau in dem Garten, wieder einmal weitergetrieben von ihrem auch schon grauhaarigen, doch ewig gehetzten Sohn sagte: „Ach sitzen wir doch noch!“

Sitzen können. Sich Zeit nehmen. Nichts tun müssen. Reine Anschauung. Kirche als Ort des Seins. Bei sich sein. Ganz. Und gerade dadurch weniger „Ich-bezogen“ sein. Den Geist Gottes, den Atem der Seele wirken lassen. Nichts tun müssen.

Einmal nicht fromm sein und werden müssen. Einmal nicht engagiert sein. Nicht professionalisieren, evaluieren, Nachhaltigkeit produzieren - das ist ja alles gut und richtig, aber es ist nicht das Eigentliche. Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen...“.
Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann. Das hat etwas sehr Befreiendes, finde ich.

Sitzen. Alles „Du sollst“ und „Du musst“ darf zurücktreten. Du darfst Mensch sein, einfach so ein Mensch, der sich von dieser Erlaubnis da zu sein tragen lässt. Arglos. Ohne die zermürbenden Gedanken: Wie rechtfertige oder erkläre ich, dass ich so bin wie ich bin. Schöpfer bin ich dann, Schöpfer meiner Zeit, meines Seins und doch ganz und gar Geschöpf, „ein Tropfen Tau im siebenfarbnen Licht, mehr weiß ich nicht, mehr bin ich nicht“(Lothar Zenetti).

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch den Geist des Herrn Zebaoth“ - Peter Handke findet ein weiteres Bild für die Inspiration der Müdigkeit: „In der Osternacht lagen bei der Auferstehungsfeier die alten Männer des Dorfes vor dem Grab, einen roten Brokatumhang an der Stelle des blauen Arbeitszeugs...“.

Stellen wir uns das vor: Die Männer, wie sie daliegen, den Alltag buchstäblich abgestreift haben, gehüllt in das neue Sein, das ihnen geschenkt ist, kostbar wie der Brokatumhang. Rot, wie das Blut Christi - Christi Blut für dich vergossen - so liegen sie da, ausgestreckt, ausgestreckt in Ihn, den Lebendigen.

Der rote Brokatumhang - ein Symbol für die Würde, die Schönheit und Kostbarkeit des Menschen - die Würde jedes Menschen: des Kindes in Pakistan ebenso wie die der Arbeiterin einer Textilfabrik in Windhuk.

Menschenwürde, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit das sind ja die elementaren Werte, an denen globales Denken und wirtschaftliches Handeln heute und morgen zu messen ist.

Was tun die Männer, die da in der Osternacht ausgestreckt liegen? Sie liegen da. Und doch bewegen sie die Welt. Denn wenn sie nicht eingeschlafen sind, dann liegen sie da und beten, oder sie beten im Schlaf - und es ist das Gebet, welches Kirche und Welt erbaut.

Der EKD Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber hat beim Johannisempfang in Berlin im Jahr 2004 gesagt: „Mit Christen in Lateinamerika, in Afrika und Asien sind wir im Gebet verbunden. Das ist der tiefste Grund dafür, dass wir auf ihre Stimmen hören und ihre Stimmen zu Gehör bringen müssen... Deshalb sind wir als „global player“ zuerst ein „global prayer“.
Unsere erste Pflicht ist es, der Erde und der Welt fürbittend treu zu sein.“

Das daraus dann das Tun folgt, der Einsatz für fairen Handel, Schuldenerlass, Achtung der Menschenrechte - für eine „Globalisierung der Solidarität“ - versteht sich von selbst.

Wenn wir beispielsweise das VaterUnser beten, setzen wir unsere Hoffnung nicht auf menschliche Kraft und menschliches Vermögen, sondern auf den Schöpfer des Himmels und der Erde. Darauf, dass sein Wille geschehe.
Und doch bewegt uns unsere Bitte um Bewahrung vor dem Bösen, dass wir uns für das Gute einsetzen. Unsere Bitte um Vergebung der Schuld macht uns auf Schuldzusammenhänge aufmerksam und ruft uns in die Verantwortung. Unsere Bitte um das täglich Brot weist uns an den, dem dieses Brot fehlt.

Darin liegt die Einheit von Beten und Handeln. Dorothee Sölle hat dies einmal so formuliert: „Wo das Ich sich nur Gott gegenüber weiß, da hat es gut beten, fromm sein, loben und danken. Je tiefer es sich aber einlässt auf diese Welt mit ihrem Hunger, ihren Verkrüppelungen und Ängsten allerorts, umso mehr wird das Gebet dem Gebet Jesu ähnlich, nämlich Bitte sein. Nur die, die beten, bleiben der Erde treu, nämlich ihren Schmerzen, nicht die Fluchenden und nicht die Stummen.“

Beten ist ein Akt der Solidarität, ein Akt des Füreinanander-Einstehens.

Übrigens: das ist etwas ganz anderes als das, was wir aus der Politik gut kennen, und was unsere Gesellschaft prägt. Im Feld der Politik gibt es überall Lobbygruppen. Ich habe manchmal den Eindruck, als bestünde unsere Gesellschaft nur aus Lobbygruppen, die darum kämpfen, im Interesse ihrer Gruppe Einfluß zu nehmen, folglich möglichst lautstark tönen, um gehört zu werden. Das Gebet ist nicht das Getöne eines Lobbyisten, es ist ein Akt der Solidarität, ein Eintreten des Einen für den anderen.
„Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch den Geist des Herrn Zebaoth“.

Dieser spirituelle Zugang achtet das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen - stellt mich in die Freiheit der Verantwortung vor Gott.

Ein letzter Gedanke: Was ist die essentielle Ursache ungerechter Wirtschaftsstrukturen?

Ist es nicht der Mensch selbst? Die Gier des Menschen nach „Immer mehr“? „Und an allen Abenden“ - schreibt Peter Handke -„an allen Abenden hier in Linares schaute ich dem Müdewerden der vielen Winzigkinder, mitgeführt in Bars, zu: keine Gier mehr, kein Greifen in den Händen, nur noch ein Spielen.“

Ja, was wäre das für eine Kirche! „Keine Gier mehr, kein Greifen mit den Händen, nur noch ein Spielen.“ Ein Vorbild für die Welt. Aber vielleicht ist das ein bisschen gar zu himmlisch gedacht...

Allerdings - wenn wir nachher aufstehen und weggehen, hinein in den synodalen Sitzungssaal, dann lasst uns hoffen, dass uns vielleicht dort eine kleine Müdigkeit winkt - eine wunderbare, inspirierte wohlgemerkt. Und nicht bloß wieder Müdigkeiten zum Fürchten.

Amen.