Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Sprüche 14,34

Bischof Dr. Ulrich Fischer

17.11.2004 in der Ludwigskirche Freiburg

Buß- und Bettag

Gerechtigkeit erhöht ein Volk - der Buß- und Bettag als politischer Tag

Liebe Gemeinde,

schon von seiner Entstehung her war der Buß- und Bettag als Bußtag des Volkes ein politischer Tag - im 19. Jahrhundert zunächst in Preußen, dann im Jahr 1892 als staatlicher Feiertag von Kaiser Wilhelm II für das ganze Deutsche Reich eingeführt. Seit 1980 nahm die politische Bedeutung des Bußtages zu, weil mit ihm stets die Friedensdekade abgeschlossen wurde.

Zum Abschluss der Friedensdekade
Auch in diesem Jahr beschließt der Buß- und Bettag die Friedensdekade, in der wir unter dem Thema „Recht ströme wie Wasser“ in ganz besonderer Weise der Öffnung der Mauer vor 15 Jahren gedachten. Von seiner Entstehung bis heute also ist der Buß- und Bettag ein politischer Tag. Und auch seine Abschaffung als gesetzlich geschützter arbeitsfreier Feiertag vor 10 Jahren verdankt sich einer politischen Entscheidung, denn mit seiner Abschaffung sollten Kosten der Pflegeversicherung kompensiert werden. Dass diese Rechnung nicht aufging, wissen wir inzwischen. Zugleich aber wurde mit der Abschaffung des Buß- und Bettages insofern ein politischer Fehler begangen, als ein Tag des Innehaltens als Feiertag beseitigt wurde, der wie kein anderer Gelegenheit bietet, Wege und Irrwege unserer Gesellschaft vor Gott zu bedenken und um neue Ausrichtung für die Gestaltung unseres Gemeinwesens zu bitten.

Soziale Gerechtigkeit als Grundlage für ein Zusammenleben in Freiheit
Am heutigen Buß- und Bettag wollen wir uns in unserem Nachdenken leiten lassen vom Spruch des Tages aus den Sprüchen Salomos, den ich mit Worten aus seinem Kontext ergänze: „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott. Gerechtigkeit erhöht ein Volk.“ In diesen Worten ist wie in einer Quintessenz zusammengefasst, was für das alte Volk Israel Grundlage für ein Zusammenleben in Gerechtigkeit war. Für das Gottesvolk war stets unstrittig, dass ohne eine Orientierung am Maßstab der sozialen Gerechtigkeit ein Zusammenleben in Freiheit nicht gelingen kann. Immer wieder haben die Propheten gewarnt, dass Gott den für das Land erbetenen Segen wieder entziehen könne, wenn es zu ungerecht im Lande zuginge. Das Volk Israel entwickelte Regeln für das Zusammenleben, in denen immer wieder die vorrangige Option für die Schwachen Gestalt gewann. Der Blick für das Leid der Armen wurde zur Bedingung gelingenden Zusammenlebens.

„Wer sich der Armen erbarmt, ehrt Gott, den Schöpfer. Wer ihnen Gewalt antut, lästert Gott. Diese Grundüberzeugung und die aus ihr resultierende soziale Verantwortung teilte die christliche Gemeinde von Anfang an mit dem Gottesvolk Israel.“

Diese Sicht der sozialen Gerechtigkeit hatte für das Volk Israel seine Grundlage im Glauben an Gott den Schöpfer: Wer an Gott als den Schöpfer allen Lebens glaubt, übernimmt mit diesem Glauben Verantwortung für alle Mitgeschöpfe und für alle Mitmenschen. Wer sich der Armen erbarmt, ehrt Gott, den Schöpfer. Wer ihnen Gewalt antut, lästert Gott. Diese Grundüberzeugung und die aus ihr resultierende soziale Verantwortung teilte die christliche Gemeinde von Anfang an mit dem Gottesvolk Israel.

Einsatz für soziale Gerechtigkeit in aller Welt ist eine christliche Verpflichtung
Diese Grundüberzeugung gilt es einzubringen in die Gestaltung einer gerechten Weltordnung:
Wenn wir bedenken, dass heute eine Milliarde Menschen weniger als einen Dollar täglich zur Verfügung haben,
wenn wir bedenken, dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent des Weltsozialprodukts verbrauchen, während die restlichen 80 Prozent der Weltbevölkerung sich um die verbleibenden 20 Prozent des Weltsozialprodukts streiten,
wenn wir dies in unserem Glauben an Gott bedenken, dann wird uns deutlich:

„Wer sich anrühren lässt vom Geist Gottes, wird sich nicht abfinden mit der Trennung einer Welt in Reiche und Arme. Wird sich auch nicht damit abfinden, dass derzeit in unserem Land der Armut eine wachsende Konzentration von privatem Reichtum gegenüber steht.“

Unser christlicher Glaube an Gott, den Schöpfer des Lebens und den Vater aller Menschen, ist untrennbar verbunden mit unserer christlichen Verpflichtung eines Einsatzes für soziale Gerechtigkeit in aller Welt. Wer sich anrühren lässt vom Geist Gottes, wird sich nicht abfinden mit der Trennung einer Welt in Reiche und Arme. Wird sich auch nicht damit abfinden, dass derzeit in unserem Land der Armut eine wachsende Konzentration von privatem Reichtum gegenüber steht. So betrugen im Jahr 1999 die Spareinlagen bei Privatpersonen in Deutschland 1165 Milliarden DM, gleichzeitig lebten 13,7 Millionen Menschen bei uns unterhalb der Armutsgrenze.

Herausforderungen des Bußtags 2004
Solches zur Kenntnis zu nehmen, muss jeden und jede, die vom Glauben an Gott erfüllt ist, zu der Frage provozieren: Wer ist schwächer als ich? Wo kann ich Mangel aus meinem Überfluss heilen? Wo kann ich geben, ohne dass es mich sozial gefährden würde? Wie erbarme ich mich der Armen in unserem Land und in unserer Welt? Was kann ich dazu beitragen, dass Gerechtigkeit unser Volk erhöht? Sich solche Fragen zu stellen bedeutet, sich den Herausforderungen des Bußtags des Jahres 2004 zu stellen. Solche Fragen stehen am Anfang allen Nachdenkens über soziale Gerechtigkeit. Aber wir wissen auch: Diese Fragen greifen noch zu kurz. Mehr noch ist nötig als eine Neuverteilung von Vermögen und Reichtum. Mehr noch ist gefragt: eine grundlegende Reform der Weltwirtschaftsordnung und eine Reform unseres Sozialstaats an Haupt und Gliedern. Eine solche Reform ist um der Menschen willen nötig. Sie hat ihren Sinn darin, für die nach uns Kommenden die Freiheiten zu bewahren, die wir selbst für uns in Anspruch nehmen. Sie soll sicherstellen, dass weder heute noch morgen Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, diese Hilfe entbehren müssen. Sie soll sich daran ausrichten, dass heute und morgen Armen geholfen wird.

Gerechtigkeit erhöht ein Volk - auch unser Volk
In unserem Land ist solch eine Reform in wichtigen Teilen in Gang gekommen. Doch den meisten Menschen ist nicht deutlich, um welches Ziel es in diesem Reformprozess geht. Eine Reform, die diesen Namen verdient, findet nicht um der Sozialsysteme statt, sondern um der Menschen willen! Zu Recht wird sie deshalb daran gemessen, ob sie den Menschen einen erkennbaren Gewinn an Zukunftsgewissheit und Freiheitschancen vermittelt. Das Ziel dieser Reform besteht darin, den Sozialstaat um der Menschen willen zu erhalten und unsere Verpflichtung auf soziale Gerechtigkeit zu erneuern. Die Stärke unseres Sozialstaates, die Stärke einer Weltordnung bemisst sich am Wohl der Schwachen. Eine solche Gerechtigkeit erhöht ein Volk - auch unser Volk.
Soziale Gerechtigkeit sucht eine Balance zwischen Reichen und Armen, zwischen Starken und Schwachen. Ihr Prüfstein ist, dass auch Schwache ein menschenwürdiges Leben führen können. Damit der soziale Friede gewahrt bleibt, ist ein sorgfältiges Austarieren der Unterschiede nötig. Dass weltweit die Unterschiede zwischen Reich und Arm nicht verantwortbar austariert sind, ist offenkundig. Aber auch in unserem Land ist das Vertrauen, dass das Austarieren der Unterschiede wirklich sozial verantwortlich geschieht, brüchig geworden. Wer die Abfindungen für entlassene Vorstandsmitglieder von Großkonzernen oder die Gehälter von Profifußballern und Formel 1-Piloten mit der Mindestwitwenrente oder dem Arbeitslosengeld II vergleicht, muss fragen, welche Unterschiede unsere Gesellschaft akzeptieren will. Eine Selbstbegrenzung an der Spitze dieser Pyramide ist für die Glaubwürdigkeit unseres Gesellschaftssystems unerlässlich. Eine gewisse Pluralität hinsichtlich des verfügbaren Vermögens ist für jedes Gemeinwesen unverzichtbar; jedoch darf die Schere nicht zu weit auseinander gehen. Die aktuellen Einschnitte durch Hartz IV treffen mit steuerpolitischen Maßnahmen zusammen, die Wohlhabende ungleich günstiger stellen. Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe bei einer gleichzeitigen Senkung des Spitzensteuersatzes lässt die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft weiter auseinander klaffen. Viele Menschen in unserem Land sehen darin ein elementares Gerechtigkeitsproblem.

Würde des Menschen
Wenn wir ein an Gerechtigkeit orientiertes Staatswesen erhalten und eine gerechte Weltordnung entwickeln wollen, müssen wir dazu beitragen, solche Gerechtigkeitslücken zu schließen. Aber damit ist es nicht getan. Vielmehr müssen wir um die Zukunftsfähigkeit unseres Sozialstaats und um die Zukunftsfähigkeit unserer Welt kämpfen, müssen ihre Nachhaltigkeit stärken. Zukunftsfähig und nachhaltig gestalten wir unseren Sozialstaat aber nur dann, wenn wir heute den Mut zur nötigen Reform aufbringen und als Kirche der Politik Mut zu solcher Reform machen. Zukunftsfähig und nachhaltig sichern wir auch unsere Weltordnung nur, wenn wir soziale Gerechtigkeit weiter fassen als bloße Verteilungsgerechtigkeit.

„Deshalb reicht es nicht aus, dass Menschen nach den Möglichkeiten verteilender Gerechtigkeit mit dem Nötigsten versorgt werden. Sie müssen darüber hinaus die Möglichkeit haben, von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen und ihre Gaben in das menschliche Miteinander einzubringen.“

Es reicht eben nicht aus zu fragen, wie wir den Unterschied zwischen Reichen und Armen reduzieren können. Wir müssen den überkommenen Begriff der sozialen Gerechtigkeit um weitere Elemente ergänzen, wenn er unseren Vorstellungen von Würde des Menschen als eines Geschöpfes Gottes entsprechen soll. Zur Würde eines Menschen gehört es ja nicht nur, dass er als ein Wesen betrachtet wird, das auch in seiner Bedürftigkeit um seiner selbst willen da ist; sondern zur Würde des Menschen gehört es auch, dass er sich selbstbestimmt entfalten, von seinen Gaben Gebrauch machen und seine Freiheit in Anspruch nehmen kann. Deshalb reicht es nicht aus, dass Menschen nach den Möglichkeiten verteilender Gerechtigkeit mit dem Nötigsten versorgt werden. Sie müssen darüber hinaus die Möglichkeit haben, von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen und ihre Gaben in das menschliche Miteinander einzubringen.

Befähigung und Beteiligung sind für die Gerechtigkeit genauso wichtig wie Verteilung. Deshalb muss die Gerechtigkeit, die ein Volk erhöht, zugleich eine Beteiligungs- und Befähigungsgerechtigkeit sein. Die Ermöglichung von Arbeit und eigenem Erwerbseinkommen hat in diesem Zusammenhang eine Schlüsselbedeutung. Dass eine große Zahl von Menschen von der Möglichkeit ausgeschlossen ist, durch Erwerbsarbeit für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen, erweist sich als die größte Herausforderung. Die individuellen Chancen zu aktiver Beteiligung zu erhöhen, ist eine Schlüsselaufgabe der Zukunft. Aktive Beteiligung erschöpft sich dabei keineswegs in Erwerbsarbeit, sondern schließt die anderen für die Gesellschaft ebenso wichtigen Formen von Arbeit mit ein, besonders das bürgerschaftliche Engagement sowie die Familien- und Erziehungsarbeit, der zumindest in unserer Gesellschaft die gebotene Anerkennung noch immer fehlt.

Der Gerechtigkeit leben
„Gerechtigkeit erhöht ein Volk.“ Der Bußtag kann und soll uns Anlass sein, neu nach einer solchen unser Volk erhöhenden Gerechtigkeit zu suchen. Nach einer Gerechtigkeit, die sich umfassend an dem Wohl der Schwachen orientiert. Um gerechten Ausgleich für die Benachteiligten geht es dabei ebenso wie um ihre Beteiligung am menschlichen Leben und um ihre Befähigung, sich in das gesellschaftliche Leben einzubringen.

Indem wir in unserem persönlichen Umfeld solcher Gerechtigkeit nachjagen,
indem wir zur Reform unseres Landes unter dieser Perspektive ermutigen, ehren wir Gott, unseren Schöpfer. Denn: „Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott."

Indem wir nicht nachlassen, nach unserem Beitrag zu einer sozial gerechten Weltordnung zu fragen, indem wir in umfassendem Sinn für soziale Gerechtigkeit eintreten,
antworten wir auf Gottes gerechtmachendes Tun an uns. Denn: „Christus hat unsere Sünde selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben."

Amen.


 


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