Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Sprüche 8,22-31 und Johannes 16,12-15

Pfarrer Matthias Blaha (rk)

26.05.2013 in der Pfarrei St. Anton

für den Dreifaltigkeitssonntag

„Zwei Männer mit Vogel“

* Als Kaplan habe ich Ende der neunziger Jahre eine achte Klasse Hauptschule in Religion unterrichtet. Unter dem Thema „Gottesbil­der“ habe ich den Jugendlichen auch die Dreifaltigkeit näherzubrin­gen versucht. Ich habe ihnen dazu eine Ikone gezeigt, auf der Gott Vater und Jesus auf einem breiten Thron sitzend abgebildet sind: Gott Vater als würdevoller älterer Herr mit grauem Haupt- und Barthaar, sein Sohn Jesus als junger Mann, beide gleich groß und beide gleich prächtig gekleidet. In der Mitte über den beiden schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Die Schüler und ich, wir haben dann erarbeitet, warum die Lehre von der Dreifaltig­keit Gottes für die Christen wichtig ist.
In der Woche drauf habe ich die Schüler mit einer Probe beglückt; eine der Fragen lautete: „Was weißt du über die Dreifaltigkeit Got­tes?“ Ein Schüler schrieb, sich an die Ikone erinnernd, kurz und bündig auf sein Blatt: „Dreifaltigkeit: Zwei Männer mit Vogel.“

* Ich habe beim Korrigieren erstmal laut gelacht. Das war ja mal eine originelle Beschreibung der Dreifaltigkeit: Zwei Männer mit Vogel! Doch je länger ich über diese paar Wörter des Achtklässlers nachgedacht habe, habe ich erkannt: „Zwei Männer mit Vogel“ – das ist eigentlich gar keine schlechte Kurzformel für die Dreifaltig­keit – aus drei Gründen.

* Der erste Grund:
Das Wort „Gott“ ist meistens männlich besetzt: Jesus als Sohn Gottes ist ein Mann, und wenn wir Gott mit „Vater“ ansprechen, trägt auch dieser Titel männliche Züge. Bleibt noch der Heilige Geist; auch der kommt männlich, mit dem Artikel „der“ daher. In der Sprache des Alten Testaments, die auch die Sprache Jesu war – im Hebräischen – ist das nicht so: Da ist das Wort „Geist“ – ruach – weiblich. Wenn Jesus also vom Heiligen Geist spricht, ruft das bei seinen hebräisch sprechenden Zeitgenossen weibliche Assoziatio­nen hervor – und schon ist das Bild des ausschließlich männlichen Gottes aufgebrochen und geweitet. Jesus spricht im heutigen Evan­gelium von seinem göttlichen Vater (männlich) und vom Heiligen Geist (weiblich); damit lässt Jesus vor dem inneren Auge seiner Zuhörer ein Bild von Gott entstehen, das männlich und weiblich zugleich ist: ein väterlich-mütterlicher Gott.
Leider ist in unserer Sprache dieses Bild abhanden gekommen. Umso wichtiger ist, dass wir im Hinterkopf behalten: Gott ist nicht ausschließlich männlich, Gott kann nicht auf ein menschliches Geschlecht festgelegt werden. Gott ist, wenn wir so wollen, männ­lich und weiblich – und zugleich immer mehr als das. Weil ja beim Reden von und mit Gott immer irgendeine menschliche Vorstellung in uns mitschwingt, trifft die des gleichermaßen väterlichen und mütterlichen Gottes das göttliche Wesen am besten. „Zwei Männer mit Vogel“ eben – wobei der Vogel weiblich ist.

* Ein zweiter Grund, weshalb die „Zwei Männer mit Vogel“ zur Beschreibung Gottes geeignet sind:
Gott ist nicht einsam, Gott ist kein Einzelwesen. Gott ist von Ewig­keit her Beziehung, denn Gott ist die Liebe. Und Liebe richtet sich auf ein Du, ein Gegenüber. Deshalb ist die Lehre von der Dreifal­tigkeit Gottes so wichtig für uns Christen: Weil wir um einen liebe­vollen Gott wissen – und der lebt eben nicht allein, denn seine Lie­be will fließen. So ist Gott die Beziehung zwischen mehreren Per­sonen – Vater, Sohn und Geist; dennoch sind das keine drei Götter, sondern ein einziger – aber eben einer, der aus drei Personen besteht, damit seine Liebe fließen kann.
Diese Vorstellung, dass Gott nicht allein ist, taucht schon lange vor Jesus im Alten Testament auf; auch da ist immer wieder vom „Geist Gottes“ die Rede, beispielsweise schon im zweiten Vers der Bibel, wo es in der Schöpfungserzählung heißt „Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“ (Gen 1,2). Der Geist war schon immer als Gefährtin Gottes mit dabei.
Auch die alttestamentliche Lesung heute spricht von einer göttli­chen Gefährtin, der Weisheit. Damit ist das Gleiche wie mit „Geist“ gemeint – eine Person, die zu Gott gehört und mit der Gott in Beziehung steht. Die Weisheit als Gefährtin Gottes, so sagt die Lesung, ist schon von Anfang an bei Gott – noch lange bevor die Welt entstand. Sie war dabei, als Gott die Welt geschaffen hat, sie war Gottes Freude und, so vermerkt der Autor der Lesung: Sie spielte vor ihm allezeit.
Das Spielen hat etwas Unbekümmertes, Leichtes, Fröhliches und deutet darauf hin, wie Gott innerhalb seiner Dreifaltigkeit Bezie­hung pflegt: unbekümmert, unbeschwert, voll Freude. Das Bild des Vogels für den Geist (oder auch die Weisheit) Gottes drückt diese Leichtigkeit und Freude in der Beziehung der göttlichen Personen aus. So passt die Aussage „Zwei Männer mit Vogel“ ein zweites Mal, um der Dreifaltigkeit auf die Spur zu kommen.

* Und auch einen dritten Grund gibt es: Gott Vater, Sohn und Heili­ger Geist wollen mit ihrer Liebe nicht bei ihrer Beziehung zueinan­der stehen bleiben; die Liebe Gottes drängt nach außen.
Hier kommen wir ins Spiel, liebe Schwestern und Brüder: Weil Gott so liebevoll ist, sucht er Partnerinnen und Partner, die er lieben kann – und findet sie in den Menschen. Wir, die Menschen, gelten als Gottes Ebenbilder. Wir sind also echte Gegenüber für Gott, denen er seine Liebe schenkt. Die göttliche Weisheit spricht in der Lesung „Meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“ Gottes Freude ist es, uns anzuschauen, unser Leben zu teilen, uns nah zu sein – und uns zu lieben. Das zu wissen, kann uns Anteil geben an der göttlichen Unbeschwertheit und Leichtigkeit und Freude: Uns gilt Gottes Liebe, und schon allein deswegen passt Gott gut auf uns auf; schon allein deswegen schickt Gott uns Gutes, über das wir uns freuen können, und er hilft uns, Schwierigkeiten zu tragen und zu meistern. Sinnbild für all das Gute und die Kraft, die Gott uns schickt, ist der Heilige Geist; das Bild des Vogels, der sozusagen zwischen Himmel und Erde hin- und herflattert, lässt die Verbin­dung zwischen Gott und uns Menschen erkennen.

* „Zwei Männer mit Vogel“ – ein sympathisches Bild für die Dreifal­tigkeit. Es zeigt uns einen Gott, der väterlich und mütterlich zu­gleich ist; einen Gott, der seit jeher in Beziehung lebt, weil er Liebe ist; und einen Gott, der die Menschen in diese Liebes-Beziehung mit hineinnimmt.

* Wenn Sie, liebe Schwestern und Brüder, die Dreifaltigkeit nun noch immer nicht kapiert haben, seien Sie beruhigt: Mir geht es genauso – und jedem anderen Menschen auch, der darüber nach­denkt. Wir können nur erahnen, aber niemals begreifen, wie Gott ist. Ein Gott, drei Personen – das sprengt unser Vorstellungsvermö­gen. Und das ist auch gut so. Denn, so sagt der große christliche Denker Augustinus: „Obwohl Gott sich offenbart, bleibt er doch ein unaussprechliches Geheimnis. Verstündest du ihn, es wäre nicht Gott.“ – Wer es etwas weniger theologisch mag, dem sei ein Zitat des englischen Schriftstellers Graham Greene ans Herz gelegt: „Ich würde mich weigern, an einen Gott zu glauben, den ich verstehen könnte.“