Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Sprüche 8,31

Johannes Büsching

in Neuss

Ich spielte auf seinem Erdenrund

Liebe Christen,

es gibt Stunden oder Tage, da denkt man mehr als sonst über sein Leben nach.
Seit alter Zeit bis zur Gegenwart sehen viele Menschen im Leben vor allem ein Streben nach Genuß und Lust.
Oder das Streben nach Geld und Erfolg. Ich könnte mir vorstellen, daß Zachäus ein solcher war, der seinen Beruf als Zöllner in erster Linie ausübte, um möglichst schnell und bequem an das Geld anderer Leute zu kommen. Aber kaum taucht Jesus auf, schaut ihn an und ruft ihn, ist Zachäus bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um dem zu folgen, der in sein Leben Anerkennung, Liebe und Freundschaft gebracht hat.
Manchen Menschen erscheint ihr Leben wie ein Kampf, vielleicht auch wie ein Klassenkampf, ein Kampf mit Waffen oder wie der Kampf ums nackte Überleben.
Manchen erscheint das Leben wir ein bloßes Funktionieren. So denken vielleicht die Menschen in einer Diktatur, in einem straff geführten Unternehmen oder Menschen mit einer entsprechenden Neurose.
Wieder andere sehen im Leben nur ein einziges Leid, z.B. manche Kranke. Das ist aber auch die Weltanschauung der Hindus.
Oder ist das Leben vielleicht eine Sklaverei?

In meinen jüngeren Jahren als Kaplan war ich zehn Jahre lang Pfadfinderkurat. In dieser Zeit habe ich natürlich auch das internationale Pfadfinder - Abschiedslied mitgesungen, in dem noch ein anderer Lebensentwurf benannt wird. Es heißt da:
"Das Leben ist ein Spiel,
und wer es recht zu spielen weiß
gelangt ans große Ziel."
Das Leben ist ein Spiel. Damit ist kein kindliches oder gar kindisches Tun gemeint, obwohl wir doch sehr oft Kinder beobachten oder beneiden, wenn wir sie bei ihrem oft sehr ernsthaften oder fröhlichen Spiel beobachten. Kinder lernen beim Spiel das Leben kennen und nähern sich dadurch den ihnen noch fremden Lebensinhalten. Sie spielen Mutter oder Baggerführer, spielen heimlich Pastor, Polizist oder Model. Technische Spiele am Computer können sie ebenso fesseln und vergnügen wie eine Kissenschlacht oder das Bauen einer Sandburg.

Wenn nun das Leben wie ein Spiel betrachtet wird, dann ist damit keine Spielerei gemeint. Vielmehr werden all die geistigen, körperlichen und sozialen Kräfte angesprochen, die unser Leben lebenswert machen. Im Spiel erfahren wir uns als frei, auch wenn bestimmte Regeln zu achten sind. Im Spiel gibt es ein Ziel, dem sich der Einzelne oder die Gemeinschaft im Teamwork annähern. Manchmal mit Anstrengung, manchmal entspannt und locker. Zum Spiel gehören Witz und Humor, gehört der plötzliche Einfall und auch wieder die Überlegung und Planung. Wer spielt, rechnet mit Sieg oder Niederlage. Und nach dem Spiel kommt die Feier, die Versöhnung und der Trost.
Viele Theologen und Philosophen haben dicke Bücher über das Spiel und den spielenden Menschen geschrieben. Ausgangspunkt und biblische Grundlegung für diese Gedanken

ist ein Satz aus dem Buch der Sprüche (Sprichwörter 8,30/3 1). Da handeln zwei Kapitel über die Weisheit Gottes, die praktisch wie ein lebendiges eigenständiges Wesen geschildert wird. Über Gott bei der Erschaffung von Himmel und Erde heißt es da:
„...als er die Fundamente der Erde abmaß,
da war ich als geliebtes Kind bei ihm.
Ich war seine Freude Tag für Tag
und spielte vor ihm allezeit.“

Vielleicht ist allzu vielen Menschen unserer Tage das spielerische Element im eigenen Leben abhanden gekommen. Daher lassen sie sich vom Spiel anderer Menschen in Bann schlagen, so etwa bei einer Fußballweltmeisterschaft. Ersatzweise und stellvertretend spielen und kämpfen dort die bezahlten Profis wie Gladiatoren. Die Zuschauer versetzen sich in sie hinein und erleben Sieg und Niederlage mit, ohne selbst etwas dafür zu tun, außer die Fernsehgebühren zu zahlen oder die Werbung über sich ergehen zu lassen. Besser und wertvoller wäre sicher das eigene Tun und Spiel. Ein moderner Theologe hat sich vor ein paar Jahren den Spaß gemacht, in spielerischer Weise einen bekannten Bibeltext umzuschreiben und auf die Weltmeisterschaft anzuwenden. Mir hat dieser Text so gut gefallen, daß ich ihn abgeschrieben habe und hier vortragen möchte, als Anregung auch für das eigene Nachdenken. „Preis der Fairness“ (frei nach Korinther 13)

Wenn ich um den höchsten Sporttitel kämpfte und meine ganze Energie für den Sieg einsetzte, und da wäre kein Mensch, der mich liebt und keiner, den ich liebe, dann wäre ich nur ein funktionierendes Muskelpaket, ein Sportroboter.

Wenn ich alles Denken und Tun nur auf den Sport ausrichten würde, also der Leibesübung mein ganzes Leben opferte, und es wäre nirgendwo Liebe im Spiel, was sollte mir das alles nützen?

Wenn ich die perfektesten Spielregeln beachtete, die Fehlerquellen für Unparteiische durch perfekte Technik beseitigte, wenn ich mich stets für Gesundheit und Wohl aller im Spiel einsetzte, und ich gäbe meine Liebe her, dann wäre alles vergebens.

Und wenn alle Athleten und Mannschaften endlich mit den Regeln statt gegen sie anträten, und wenn sie auf Fouls, Täuschungen und Lüge verzichteten, und es wäre keine Liebe in den Menschen, dann brächte aller guter Wille zum Fair play nichts.

Und wenn wir uns darauf verlassen könnten, dass alle Sportler und Schiedsrichter ihr Bestes dafür geben, dass es Siegern und Verlierern gut geht, sie unabhängig vom Resultat akzeptiert werden und immer wieder antreten können, und Gott gäbe Akteuren und Zuschauern keine Liebe ins Herz, ein solcher Sport wäre kein Segen.

Ich brauche als Konditionen zu jedem fairen Wettkampf Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe ist dabei aber das Größte.
(Heinz Schindler)

Könnten wir doch am Ende unserer Tage sagen:
„Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

Amen.