Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Titus 2,11

Pfarrerin Susanne Graap (ev.)

24.12.2009 in der Christophoruskirche Berlin-Friedrichshagen

Christvesper

Christvesper

„Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes.“  Titus 2,11

 

Liebe Gemeinde am heiligen Abend,

jedes Jahr geht mir die Weihnachtsgeschichte wieder neu zu Herzen. Es ist, als ob ich nach langer Zeit wieder gute Freunde treffe und ein Funke überspringt. Da ist das Kind mit Namen Jesus gerade geboren. Da sind Maria und Josef, abgekämpft vom langen Weg und niedergeschlagen von den unfreundlichen Wirten in Bethlehem. Da ist der gute Stern, der über der Krippe steht. Engel, die Hirten mitten in der Nacht auf den Weg zum Kind schicken. Der Stall, der warm und ruhig scheint. Das alles strahlt Frieden aus. Gelassenheit und Geborgenheit erwarte ich dort im Stall von Bethlehem bei dem neugeborenen Kind.

Der Gemeindeleiter Titus muss vor etwa eintausendneunhundert Jahren ähnliches empfunden haben. Er schreibt: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes.“ Das, liebe Gemeinde, ist auch die Botschaft  für den heiligen Abend 2009 Jahre nach Christi Geburt. Sie nährt die Sehnsucht vom Frieden in unseren Herzen.

Aber können wir an die heilsame Gnade in unserem Leben glauben? Ich stelle diese Frage vorsichtig weil ich weiß, in der Realität unserer Welt müssen wir diese Wahrheit heute genauso suchen, wie die Hirten damals zur Zeit der Geburt Jesu, wie der Gemeindeleiter Titus zu seiner Zeit. Für viele von uns ist die weihnachtliche Idylle, wie wir sie aus Kindertagen kennen, zur Sehnsucht geworden. Was für einen Blick braucht es, um die „heilsame Gnade“ in unserem Leben, in dieser Welt entdecken zu können? – Es braucht unsere Lebensgeschichten, in denen diese Wahrheit aufscheint.

Die Geschichte, die ich ihnen erzähle ereignet sich im Winter 1929/30. Die Menschen leiden unter einer bedrückenden Atmosphäre. Die Weltwirtschaftskrise ist Auslöser für manche Depression. Viele haben keine Arbeit mehr und wer eine hat, hat Angst sie zu verlieren. Immer neue Nachrichten von Konkursen erschüttern die Sicherheit der Menschen. Es ist also kein Wunder, dass sich eine von Gleichgültigkeit und Zynismus getragene Stimmung breit macht. Männer und Frauen sitzen in den Lokalen, trinken Whisky und versuchen auf ihre Weise mit ihrer Hoffnungslosigkeit irgendwie zurechtzukommen. Solch eine Stimmung herrschte auch in jenem kleinen Lokal, das am Rande des Schlachthofviertels von Chicago gleich neben der U-Bahn zu finden ist. An diesem Weihnachtsabend war es noch überfüllter als an den übrigen Tagen. Der Whisky war noch wässriger und das Publikum noch verzweifelter. Keiner kann genau sagen, ob es lange Weile oder einfach nur der Wunsch war, der eigenen Wut und Ohnmacht Ausdruck zu verleihen: Die Männer und Frauen in jenem Lokal kamen auf die Idee, eine Weihnachtsbescherung für einige aus dem Lokal zu veranstalten. Nachdem sie dem Wirt schmutziges Schneewasser zum Whiskyverlängern, einem Mädchen ein Taschenmesser zum Abkratzen seiner Puderschicht vom Gesicht geschenkt hatten, fiel den Männern dann für einen der Gäste im Lokal ein Geschenk ganz besonderer Art ein. Dieser Mann gehörte zu den Stammkunden des Lokals und alle kannten ihn. Er redete nie. Von Zeit zu Zeit sah er ängstlich auf. Es war, als würde er sich vor etwas oder jemandem verstecken. Die Männer beschlossen also aus einem alten Adressbuch drei Seiten herauszureißen. Auf ihnen waren lauter Polizeiwachen verzeichnet. Sie schlugen diese sorgfältig in eine Zeitung, verschnürten das Päckchen und überreichten es schließlich dem Mann. Dieser nahm das Geschenk zögernd entgegen. Er befühlte es mit den Fingern. Es war, als wolle er möglichst schon vor dem Öffnen feststellen, was darin sein könnte. Dann machte er es rasch auf. Plötzlich geschah etwas sehr merkwürdiges. Sein Blick fiel auf das Zeitungsblatt, in das die Adressbuchblätter geschlagen waren. Sein ganzer Körper schien sich plötzlich um das Zeitungsblatt zu krümmen. Er bückte sein Gesicht tief herunter und las. Er schien die Zeilen geradezu zu verschlingen. Und dann schaute er auf. Es wurde ganz still in dem Lokal, denn niemand hatte je einen Menschen so strahlen sehen wie diesen Mann. „Da lese ich in der Zeitung“, sagte er mit einer verrosteten, mühsam ruhigen Stimme, „dass die ganze Sache einfach schon lange aufgeklärt ist. Jedermann in Ohio weiß, dass ich mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun hatte.“ und dann lachte er. Alle im Lokal begriffen, dass der Mann unter falscher Beschuldigung gestanden und inzwischen, wie er aus dem Zeitungsblatt erfahren hatte, rehabilitiert worden war. Plötzlich lachten alle im Lokal mit und die gewisse Bitterkeit mit der dieser Abend begonnen hatte, war vergessen. Es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachtsfest, das bis zum morgen dauerte und alle zufrieden werden ließ. „Es spielte keine Rolle mehr, dass dieses Zeitungsblatt nicht die Männer im Lokal ausgesucht hatten, sondern Gott.“ - schreibt Bertholt Brecht am Ende seiner Geschichte, die er aufgeschrieben hat.

Diese Geschichte gibt eine einfache Antwort auf die Frage, wo wir das Wunder der Gnade Gottes in diesem Leben finden. Es sind die schlichten Geschichten – in denen scheinbar zufälliges geschieht, in denen die Gnade Gottes aufscheint und Menschen plötzlich verändert. Das ist die einfache Wahrheit, Gott setzt in dieser Welt Zeichen seiner Gnade. Daraus wachsen unsere Hoffnungsgeschichten. Hoffnungsgeschichten, an die ich als erwachsener vernunftgesteuerter Mensch oft schwer glauben kann. Ist das nicht manchmal eine Plage, dass wir Worte drehen und wenden? Dass wir das „Ich liebe dich“ abklopfen, bis nur noch ein dürrer Zweig bleibt. Dass wir dem Frieden nicht trauen und lieber in unseren Stellungen bleiben als uns einem Wunder auszusetzen, nur weil wir die Enttäuschung fürchten, nur weil wir durch unsere Erfahrung misstrauischer geworden sind? Wie leicht wird durch Misstrauen eine einfache Wahrheit zerredet. Einfache Antworten sind uns verdächtig.

Und doch erinnert uns die Botschaft von Weihnachten daran, eine befreiende Wahrheit ist einfach gesagt: „Es ist erschienen allen Menschen die heilsame Gnade Gottes.“ - so steht es im Titusbrief. Wenn uns diese Nachricht heute Abend erreicht und wir sie in den Geschichten unseres Lebens finden ist alles gesagt, was zu sagen ist.

Gott sagt durch ein kleines Kind in der Krippe zu jeder und jedem von uns „Ich habe dich lieb.“ – Da ist kein Kleingedrucktes. Ich, Du, Wir alle -  sind eingeschrieben in sein Herz. Wir Menschen suchen nach dem, was für uns stimmt. Ich bin mir sicher, in unserem Suchen werden wir die Hoffnungsgeschichten in unseren Lebensgeschichten entdecken. Wie die Hirten, die sich auf den Weg machen, wie der Mann, der das Geschenk ganz besonderer Art, trotz allem auswickelt.

Weihnachten ist ein Fest an dem wir eingeladen werden, das Unerwartete zuzulassen. An dem wir feiern, dass unsere Sehnsucht nicht ins Leere geht, dass die Antwort da liegt. Eine einfache zerbrechliche, ehrliche Antwort, in die Kälte eines Stalles, in das Stroh einer Krippe und uns ans Herz gelegt.

Lasst diese einfache Wahrheit nicht hier. Nehmt sie mit, sie ist gut für ein Leben und mehr. Amen