Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Titus 2,7b-8

Pastorin Anne Brisgen (ev.-luth.)

30.01.2012

ökumenischer Semesterabschlussgottesdienst zum Thema: Vor-Bilder

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen.

 

Als ich am Wochenende die neue NEON-Ausgabe las, entdeckte ich auf der letzten Seite ein Bild von Margot Käßmann unter der Rubrik: Vom Leben gelernt. Als Beschreibung ihrer Person stand da: „Sie war das Oberhaupt der Evangelischen Kirche in Deutschland, bis sie betrunken mit ihrer Dienstlimousine fuhr. Jetzt fährt sie Ente.“ Und als weitere Erläuterung: „Margot Kässmann, 53, war mit 1,54 Promille im Blut bei Rot über eine Ampel gefahren. Daraufhin trat sie im Februar 2010 als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche zurück. (…)

Käßmann ist geschieden und hat vier Töchter.“ Für viele war Margot Käßmann ein Vorbild. Als promovierte Frau an der Spitze der EKD, mit 4 Töchtern und überstandenem Brustkrebs galt sie als eine, die alles kann, die keinen Fehler hat, an der man sich orientieren konnte, eine vor-bildliche Christin. Als sie eine fahrlässige Fehlentscheidung traf, veränderte sich das öffentliche Bild, die öffentliche Wahrnehmung von ihr. Kaum eine Schlagzeile, die nicht hämisch darauf hinwies, dass ja kaum je ein Vorbild so tief gefallen sei. Ich mache kein Hehl daraus, dass ich nie zu ihren Bewunderinnen gezählt habe.

Vermutlich, so diagnostziere ich für mich selbst, lag das vor allem daran, dass ich dachte, dieses öffentliche Bild sei zu glatt, zu reibungslos. Zu offensichtlich, fand ich, hatte sie sich selbst zu einer Art Vorbild stilisiert. Allerdings, so ist zu fragen, soll es nicht auch so sein?

 

Paulus beispielsweise schreibt an seinen langjährigen Mitarbeiter Titus Folgendes:

 

7b Dich selbst aber mache zum Vorbild guter Werke mit unverfälschter Lehre, mit Ehrbarkeit,

8 mit heilsamem und untadeligem Wort, damit der Widersacher beschämt werde und nichts Böses habe, das er uns nachsagen kann.

 

Gerade Paulus, der selbst einst als Saulus die Christinnen und Christen verfolgt und umgebracht hatte, schreibt diesen Satz. Von sich selbst sagt er zudem: Ich bin für euch ein Vorbild - nicht weil ich so fromm oder so toll bin oder so genial, sondern weil ihr an mir seht, wie barmherzig Gott ist, der, obwohl ich so fern von seinen Geboten lebte, mir vergeben und mich in seinen Dienst genommen hat.

 

Bereits in der Bibel also wird von Menschen erzählt, die durchaus Vorbilder sind, ohne zugleich Idealmenschen zu sein, ganz ohne Schwächen, Fehler, Verirrungen, die eigenwillig sind, die  sich behaupten, die große Aufgaben nicht erledigen können:

 

Mose, der Gott entgegen hält, dass er nicht in seinem Auftrag tätig sein will, obwohl Gott ihn eindeutig ausgewählt hatte, der letztlich nicht einmal selbst das gelobte Land betreten darf, weil er die Voraussetzungen nicht erfüllt.

 

Jakob, der seinen Bruder und seinen Vater betrogen hatte, der durch Lug und Trug zum Erzvater des Volkes Israel wurde.

 

König David, der Ehebruch begangen und einen Menschen dafür hatte sterben lassen.

 

Petrus, der aus Furcht Jesus verleugnet hat.

 

Maria, Marthas Schwester, die gegen alle Erwartungen an sie als Frau einfach am Tisch sitzt und Jesus zuhört.

 

Vorbilder entstehen am häufigsten, weil Menschen bewundert und nachgeahmt werden, weil man sich mit ihnen identifiziert. Oft sind es nur bestimmte Eigenschaften, die dazu führen, dass jemand zum Vorbild wird: Stilempfinden, Rhetorik, Gelassenheit, Mut fallen mir auf Anhieb ein. Niemand kann sich wirklich selbst als Vorbild inszenieren, meine ich, die meisten entwickeln sich ganz ohne zielbewusste Absicht, eines zu werden, dazu. Doch es gibt Grenzen von Vorbildhaftigkeit: ich sehe sie da, wo keine Trennung, keine Ablösung vom Vorbild erfolgt. Dann bleibt nur unreflektierte Bewunderung und Nachahmung, unreflektierte Identifikation.

 

Vor-Bilder brauchen ein ins-Bild-setzen. Manche Vorbilder haben Schattenseiten, andere Eigenschaften, die im Schatten des Glänzenden nicht mehr wahrgenommen werden. Werden sie aufgedeckt, dann offenbaren sie das Mensch-Sein jedes Vorbildes. In der Bibel sind es oft die Propheten, die Unliebsames zu sagen hatten über die Schattenseiten mancher. Sie hatten das Amt des Richters inne und mussten im Auftrag Gottes dem Volk, den Menschen und auch den Herrschenden ihre Schwächen, Blindstellen, Fehler vorhalten. Wie Natan: König David als hellglänzendes Vorbild seines Volkes war ins Gerede gekommen und seine Vergehen waren bekannt, er wird feinsinnig vom Propheten für seine Gier und Maßlosigkeit zur Rechenschaft gezogen.

 

Als im Juni 2011 der Kirchentag in Dresden stattfand, habe ich zum ersten Mal ganz deutlich gemerkt, dass Margot Käßmann den meisten immer noch ein Vorbild ist: in Massen strömten sie zu ihren Veranstaltungen, die schnell überfüllt waren. Für mich ist sie es immer noch nicht, ich habe andere zum Vorbild, aber ich sehe daran, dass Menschen offenbar vor allem Vorbilder brauchen, die nicht unfehlbar sind, keine Ikonen, keine Heiligen. Menschen, die mutig und gelassen quer zum Zeitgeist leben. Menschen, die Fehler zugeben können und auch Konsequenzen ziehen. Menschen mit gebrochenen Biographien, ohne Selbstgerechtigkeit. Menschen, die nicht wegschauen, wenn Unrecht geschieht. Menschen mit Zivilcourage. Menschen brauchen Vorbilder, weil es eine Sehnsucht in fast jedem / jeder von uns gibt nach anderen Menschen, die glaubwürdig sind, authentisch, an denen man sich orientieren kann.

 

Wer von mir erwartet, dass ich sage: Wir brauchen Jesus als Vorbild! Oder: Das einzig richtige Vorbild ist Jesus - denjenigen, diejenige muss ich enttäuschen. Jesus ist nicht mein Vorbild. Wenn er mein Vorbild wäre, müsste ich jeden Tag die Krise kriegen. Wenn er mein Vorbild wäre, ich wüsste nicht, wohin mit allem, was ich bin: mit manchem Versagen, mit mancher Schuld, mit all dem, was mir nicht gelingt, mit allem, worin ich andere enttäusche. Wenn er mein Vorbild wäre, ich würde zerbrechen unter einem solchen Vorbild. Ich bin nicht so und werde nicht einmal ansatzweise so sein. Jesus, Gott selbst, der Mensch wurde, ist für mich das Zentrum meines Glaubens. Durch ihn sehe ich in einem ganz existenziellem Sinn an mir meine Grenzen, durch ihn sehe ich, woran ich als Mensch wachsen kann. Vor-Bilder hingegen nutze ich, um mich selbst in bestimmter Hinsicht weiter zu denken und weiter zu entwickeln und um mich zu fragen, ob es nicht ganz schön wäre, wenn ich ein bisschen mehr Stil, mehr Gelassenheit, eine bessere Rhetorik oder mehr Mut haben würde.

 

Letztlich sind Vor-Bilder eben Bilder, sie erzeugen eine Resonanz, sie rufen zur Auseinandersetzung auf. Gott schuf den Menschen einst zu seinem Bilde, er legte in uns alles an, was wir sind und sein können. Egal, woran wir uns letztlich orientieren im Leben, Gott sieht uns aus der Perspektive des Schöpfers. Im Sinne geschöpflicher Entsprechung ist es bleibend an uns, dem nahe zu kommen.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist und weiter reicht als all unser menschliches Hoffen und Sehnen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott.

 

Amen.

 

Stille

 

Ich lese die Zeilen des Liedes, welches wir nun miteinander singen wollen.

 

In deinen Augen kann ich schöner werden, als ich bin.

In deinen Händen kann ich stärker werden, als ich bin.

In deinen Armen kann ich freier werden, als ich bin.

In deinem Wesen kann ich stiller werden, als ich bin.

In deinen Worten kann ich reifer werden, als ich bin:

Ein Segen, ein Segen.