Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Warum Leid? Warum das Böse?"

Pfarrer Lukas Jünemann

10.02.2008 in St. Hubertus, Aachen

Warum Leid? Warum das Böse?

Liebe Gemeinde,

Ein alter, gramgebeugter Jude steht am Totenbett seiner Frau. Sein Leben liegt in Scherben zersplittert vor ihm. Aus seinem Heimatland Galizien musste er flüchten, weil die Judenpogrome überhand genommen hatten. Er ist nach Amerika ausgewandert und lebt in einem Elendsquartier in New York. Sein Sohn, der sich der russischen Armee angeschlossen hatte, ist im 1. Weltkrieg gefallen. Der andere Sohn musste als Schwachsinniger in Galizien zurückgelassen werden. In Amerika verfällt die Tochter Myriam der Schizophrenie. Der Name des Juden: Mendel Singer.

„Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer…. Er hat keinen Sohn, er hat keine Tochter, kein Weib, er hat keine Heimat, er hat kein Geld. Gott sagt: Ich habe Mendel Singer gestraft; Wofür straft er, Gott? ... Nur Mendel straft er. Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel. Aus, aus, aus ist es mit Mendel Singer“1.

Tatsächlich, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer: Aus ist es mit Mendel Singer. Welches Unheil könnte ihn denn noch treffen? Bis auf den Tod ist er gequält. Was kann er tun? Den Gebetsschal verbrennen? Das Schicksal verfluchen? Im Alkohol Zuflucht suchen? Und Gott, spielt er mit Mendel Singer vielleicht ein grausames Spiel? Die Romangestalt Mendel Singer aus dem Buch „Hiob“ des österreichischen Schriftstellers Josef Roth treibt es literarisch auf die Spitze, was jeder von Ihnen aus eigenem Erleben kennt. Egal wie, egal was, egal wann. Sei es seelische Not oder äußere Schwierigkeiten, Depression, Einsamkeit, eine Ehescheidung. In irgendeiner Form, irgendwann trifft es Sie genau wie mich, früher oder später. Dann brechen die Fragen auf, wie bei Mendel Singer. Letztlich läuft es für Gläubige dann nur in die eine Frage: Und Gott? Warum greift er nicht ein? Warum hilft er nicht? Warum schafft er das Leid nicht weg? Hat Gott die Welt vielleicht sich selbst überlassen? Oder ist die Welt vielleicht gar nicht so paradiesisch und vollkommen, wie es die Bibel beschreibt?

Doch wenn es stimmt, dass Gott die Welt gut geschaffen hat, so wie es unser Glaube sagt, woher kommt dann das Böse? Oder der Böse? Die heutige Lesung aus dem Buch Genesis zeigt uns die listige Schlange, die den Menschen dahin bringt, dass er Böses tut. Sie stellt ihm vor Augen, wie frei er sein könnte, dass der Mensch wie Gott, Herr sein könnte, auch über Gut und Böse. Doch das geht, so sagt es der biblische Bericht, gründlich schief.

Die Augen gehen ihnen auf und die Menschen erkennen, wie arm sie sind und wie nackt. Sie erfahren, dass die Versuchung zum Bösen mächtig ist. Die Menschen haben ihren Anteil am Bösen. Bis hin zu jenen Ungeheuerlichkeiten in Auschwitz und in allen Folterkammern der Welt und der Geschichte. Menschen sind böse. Auch oft fremdbestimmt in ihren bösen Taten. Das Symbol der Schlange zeigt dies. Menschen entscheiden sich für etwas als sie vielleicht wollen. Sie entscheiden sich für etwas, was für Andere schlimm ist, Anderen schadet und manchmal entscheiden sie sich auch für etwas, was ihnen selbst schadet.

Noch einmal anders und sehr bitter gefragt: Woher kommt die totale Verirrung eines 16-Jährigen, der vor 14 Tagen in unserer Stadt vom Eisenbahnviadukt gesprungen ist und sich selbst so das Ende bereitet hat? Alle psychologischen, medizinischen, historischen oder welche Erklärungen auch immer scheitern.

Aber auch gegen die natürlichen Übel sind vor machtlos. Die Krebszellen, die so schnell wuchern. Ein Seebeben, das Zehntausende von Menschen die Existenz kostet. Eine Hungerepidemie in Afrika. Warum schickt Gott keinen Regen? Warum hält er die Tsunamiewelle nicht auf? Warum gibt’s noch keine Medizin gegen Alzheimer Krankheit?

Die Fragen nach Gott die das Leid und alle Not der Welt betreffen, jeder von Ihnen kennt sie und kann eine ganze Litanei beten. Nun sind wir nicht die Ersten, die diese Fragen stellen, auch die Bibel greift sie auf und versucht zu antworten. Eine Antwort lautet etwa, dass man sagt, Leid sei eine Zeit der Prüfung, in der man sich bewähren muss. Oder das Böse soll der Besserung dienen. Oder, wie es sich viele auch heute noch vorstellen, das Böse sei von Gott geschickt, gewissermaßen als Schuld für eine Sünde, die man begangen hat. Vor allen Dingen kennt die Bibel das Klagen, das Weinen und das Schreien vor Gott und zu Gott hin aus aller Not heraus. Wie Mendel Singer, der da betet: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu dir, Herr höre meine Stimme.“2 Der Protest, die Anklage hin zu Gott, kann hilfreich sein, weil sie erst einmal Luft und Erleichterung verschafft. Aber, wie gesagt, sie erklärt das Böse nicht. Ein anderer kühner Gedankengang, wie ich finde, formuliert es so: Wenn Gott der Herr über alles ist, dann erstreckt sich seine Herrschaft auch über das Dunkle. Auch die lebensfeindlichen Elemente, wie immer wir sie bezeichnen, gehen damit letztlich auf Gott zurück. Es gibt eine unerforschliche und befremdliche Seite in Gott, so wie es die ungeheuren Sätze beim Propheten Jesaja ausdrücken: „Ich bin der Herr und sonst niemand. Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel. Ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der alles vollbringt “3. Gott schafft das Dunkel, Unheil, Übel, Böses? Da ist kein Platz mehr für die Rede von der Rede vom lieben Gott. Da steht das Bild eines Gottes, der zumindest indirekt Unheil in Kauf nimmt, und es sich ermöglichen lässt außerhalb seiner selbst, ja in Freiheit von ihm und allem Guten. Danach bewertet Gott die menschliche Freiheit sehr hoch. Der Mensch kann, darf, soll, ja muss zwischen Gut und Böse wählen, so wie es die heutige Lesung sagte und wie es Jesus auch erlebt hat, da in der Wüste unter dem, was man mit Versuchung betitelt, sich entscheiden musste. Ohne diese mögliche Freiheit wäre der Mensch nicht fähig Gott gewissermaßen auf gleichem Plateau zu begegnen und ihn zu lieben. Denn in seiner Liebe und wegen der geschenkten Gottebenbildlichkeit eröffnet Gott dem Menschen einen Raum, in dem Gut und Böses stattfinden kann. Aber ob solche vielleicht eher philosophischen Gedankengänge Mendel Singer trösten? Gott, der stumm ist, der zuschaut, der alles Leid laufen lässt? Wie hoch ist der Preis der Freiheit?

Aber dieser Gott hat noch nicht einmal seinem eigenen Sohn geholfen. Ich meine, die Szene in Getsemani. Dort bittet Jesu in aller Todesangst, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge. Aber er muss den Kelch, Symbol des Leidens, trinken bis zum Schluss. Und Jesus stirbt mit der anklagenden Frage und mit dem Schrei: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?4. Der Leidensmann am Kreuz hört am Karfreitag keine Antwort. Nein, er muss auch noch in den schwarzen Karsamstag und bis in die tiefste Hölle hinab.

Doch scheint mir, für Christen zumindest, sich eine Möglichkeit im Leben Jesu zu eröffnen. Im Hebräerbrief steht: „Als Jesus auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“5. Danach ist Jesus sehr wohl befreit worden, aber erst nachdem er den Kelch des Leidens und der Tränen getrunken hat. Und mit der Befreiung und der Rettung ist sicherlich die Auferstehung gemeint. Der Sohn Gottes überwindet das Böse von innen her. Indem Jesus das Böse hinnimmt in seinem Leben, alles erleidet, durchleidet, indem überwindet er es. Gott ist nach einem Wort von Dietrich Bonhoeffer ohnmächtig und schwach in dieser Welt und gerade so, ist er neben uns und hilft uns. Aus dem Tod tritt er ins Leben, in eine Welt, die wir Herrlichkeit, Himmel, Ostern wie auch immer nennen, in der das Böse und der Tod eben nicht mehr das letzte Wort haben, sondern Gott wirklich Herr über alles ist, er allein. In der Hoffnung auf diesen neuen Himmel und die neue Erde, in dem die Gerechtigkeit wohnt, kann diese ursprüngliche Freiheit zum Guten wieder aufleuchten. Wie gesagt, im Glauben und sei er noch so schwach und sei er noch so geprüft, kann man allein dieses Mysterium annehmen.

Damit bleiben die Tatsache und die Ursache des Bösen und des Übels hier und jetzt ungeklärt und unerklärlich. Letztlich glaube ich, ist das Böse nicht zu verstehen sondern nur zu bestehen. Zu bestehen im Blick auf das Kreuz und im Glauben an den Auferstandenen. Jedem Glaubenden bleibt der tröstliche Gedanke, dass Gott in Jesus mit einem jeden geht. Ihnen nahe ist. Ja, dass wir alle Fragen und Not tapfer durchstehen und überwinden können, weil, wie es in der Karfreitagsliturgie heißt, im Kreuz Heil, Hoffnung und Leben ist. Allen Fragen nach Leid und Bösem kann, wenn überhaupt, nur im nackten und manchmal so erbärmlichen Glauben nachgegangen werden. Dass Gott ganz anders und so groß ist, dass er selbst das alles zu einem Ziel bringt. Gott, den wir nicht verstehen, aber im Glauben alles zutrauen dürfen.

Amen.

 

 

1 Roth, Joseph, Hiob, Roman eines einfachen Mannes. Köln 1930. Hier zitiert nach: Langenhorst, Georg, Zuviel gefragt. Die Hiobsgestalt bei jüdischen Dichtern unserer Zeit. In: Fuchs, Gotthard (Hrsg.), Angesichts des Leids an Gott glauben? Zur Theologie der Klage. Frankfurt 1996. S.187.
2 Ps 130,2
3 Jes 45,7 
4 Mk 15.34 
5 Hebr 5,7

 

Literatur:
Greshake, Gisbert, Der Preis der Liebe. Besinnung über das Leid. Freiburg-Basel-Wien 1982.
Fuchs, Gotthard (Hrsg.): Angesichts des Leids an Gott glauben? Zur Theologie der Klage. Frankfurt 1996.
Wabbel, Tobias Daniel (Hrsg.): Das Heilige Nichts. Gott nach dem Holocaust. Düsseldorf 2007.