Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Was zählt. Von Simultanten und anderen Menschen."

Gisela Brackert

16.12.2007

Hessischer Rundfunk: Evangelische Morgenfeier

Hessischer Rundfunk: Evangelische Morgenfeier

Was zählt.
Von Simultanten und anderen Menschen.

Eine Freundin, Mitarbeiterin in einer großen kirchlichen Einrichtung, verschickte vor einigen Jahren eine ungewöhnliche Weihnachtskarte. Keine Krippe war darauf zu sehen, kein Engel, keine Kerze. Da ertönte kein eingebautes Weihnachtslied, blendete keine selbstfotografierte Schneelandschaft, nicht einmal ein dekorativer Weihnachtsbaum in buntem Flitter. Schmuckloser konnte ein Weihnachtsgruß nicht sein, denn auf dieser Karte stand nur zu lesen: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“ Nie hat, so sagt die Freundin, ein Weihnachtsgruß, den sie versandte, soviel Resonanz ausgelöst, wie diese schlichte Karten mit den zwei Zeilen: Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen. Es ist ein Zitat von Astrid Lindgren und es hat die Wucht einer ganz elementaren und doch unzeitgemäßen Wahrheit. Mach mal Pause, slow down, nimm dir Zeit. Auch für dich.

Auch ich habe diese Weihnachtskarte nicht vergessen. Wie ein Widerhaken senkte sich vor allem das Wörtchen „muss“ in meine Seele – „und dann muss man ja auch noch Zeit haben.“ Teile ich sie wirklich, diese Überzeugung, dass man unbedingt Zeit haben muss, nichts zu müssen? Und wenn ich sie teile, lebe ich sie?

Musik

Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.

Zu keiner Jahreszeit wirkt diese Aufforderung provozierender als jetzt, im Advent, in diesen vier Wochen vor Weihnachten, von denen zwei nun schon vergangen sind. Nach christlichem Verständnis sollten das eigentlich Wochen der Stille, des Fastens, der Besinnung und Vorbereitung auf das große Fest der Menschwerdung Gottessein.

Im Alltag jedoch ist „Advent“ heute zum Synonym geworden für eine Zeitspanne, in
der eigentlich alles über unsere Kräfte geht:
• Die extreme Arbeitsverdichtung in den Unternehmen und
Organisation
• Das knappe Zeitbudget, das dann noch für die Familie bleibt,
insbesondere für die Kinder
• Die gefühlte Verpflichtung zum großen Geschenkaustausch, zur
organisierten Geselligkeit, der so genannten Weihnachtsfeiern
• Die Menschenmassen in den Kaufhäusern und
Weihnachtsmärkten
• Die Mühsal jeder Fortbewegung: Überfüllte Züge, überfüllte
Autobahnen, unfreundliche Wetterbedingungen.
• Und dann auch noch – die Steuererklärung...

Wahrlich, es gibt kaum eine Jahreszeit, in der ich das Leben als so anstrengend und atemlos empfinde wie im Dezember und das heißt auch: Wie im Advent.

Das war nicht immer so. Als Kind war der Dezember mein allerliebster Monat. Er war durchglüht von Freude und Erwartung – von einer tätigen Erwartung, die sich in unzähligen kleinen Schritten dem großen Freudenfest näherte. Die Freude begann schon mit dem Adventskranz. Es musste immer ein großer Tannenkranz sein, oft hatte die Mutter ihn selbst gebunden. An roten Bändern und mit roten Lichtern besteckt, wurde er im Wohnzimmer aufgehängt. An diesem Kranz baute sich die Erwartung auf. Jeden Sonntag wurde eine Kerze mehr angezündet. Undenkbar die Vorstellung, gleich alle vier Kerzen auf einmal anzuzünden. Ich bringe es bis heute nicht fertig, denn es entkleidet den Adventskranz seiner rituellen Bedeutung und degradiert ihn zu einem folkloristischen Schmuckobjekt.

Auch mit der viel zitierten Gemütlichkeit, die den häuslichen Advent auszeichnen soll, hatte dieser kleine Akt des Lichter-Anzündens wenig zu tun. Es umgab ihn vielmehr eine Atmosphäre heiterer Feierlichkeit. Sie wurde unterstützt von den Liedern, die wir dazu sangen. Dunkle, rätselhafte Texte waren das. Sie sprachen von einem Schiff mit seltsamer Fracht, ein „Gottessohn“, der zugleich des „Vaters ewges Wort“ war. Wir sangen von einem „Heiland“, der den „Himmel aufreißt“ und dann als Tau und Regen auf die Erde niederkommt. In anderen Liedern war dieser Heiland der „Herr der Herrlichkeit“ für den man die „Türe hoch und die Tore weit“ machen solle, so als ob er mit einem Riesengefolge käme. Dann wieder, und das waren die besonders innigen Lieder, wurde er als Kind in der Krippe besungen, im gleichen Atemzug aber auch als „König der Ehren“, als „wunderstarker Held“, als „Freudensonne“, als „Helfer wert“. Es war verwirrend: Der Erwartete, der so geheimnisvoll Kommende trug Namen aller Art und kannte offenbar viele Wege, sich uns zu nähern. Die gesungene Frage „Wie soll ich Dich empfangen?“ schien mir darum die verständlichste von allen.

Man kann Texte lieben, auch ohne sie wirklich zu verstehen. So ging es mir mit den Adventsliedern, von denen ich die meisten bis heute auswendig kann. Und auch wenn mein Alltag in diesen Adventswochen von dem der übrigen gestressten Zeitgenossen nicht wesentlich unterschieden ist – das eine klappt noch: Wenn ich diese Lieder singe, zum Beispiel im Gottesdienst, dann ist es wieder da, dieses unverlierbare, früh in mir verankerte Gefühl einer freudigen Erwartung von etwas, das über alle Begriffe ist.

Musik

Es gehört zum Standardrepertoire vieler Predigten, die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes und der ihm vorgeschalteten Adventszeit zu beklagen. Ich will mich damit nicht aufhalten. Es ist wie es ist, und auch das geht vorüber.

Das was an Weihnachten auf die Welt gekommen ist, die Liebe Gottes nämlich, geht nicht vorüber. Sie wartet darauf, uns beschenken zu dürfen. Mit Hoffnung, mit Freude, mit Wegweisung, mit Sinn.

Ich denke auch: es ist längst nicht mehr der Konsum, der den Zugang zu diesem Mysterium blockiert. Es ist heute eher der ganz normale Irrsinn unseres Kommunikationsalltags, dem niemand, der noch mitten im Leben steht, entrinnen kann und der unsere Köpfe und Herzen besetzt hält.

Wie das Internet, das Handy, der e-mailfähige Alleskönner BlackBerry das Leben verändern, hat jetzt eine beschrieben, die es wahrhaft wissen muss: Miriam Meckel, eine Karrierefrau wie sie im Buch steht. Ehemalige Staatssekretärin in Nordrhein- Westfalen, heute Professorin für Unternehmenskommunikation an der Universität St. Gallen, Direktorin eines Instituts für Medien und Kommunikationsmanagements, Moderatorin einer wirtschaftspolitischen Talksendung auf n-tv, und, ganz nebenbei, Lebensgefährtin der ARD Star-Talkerin Anne Will.

Diese Miriam Meckel hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben. „Das Glück der Unerreichbarkeit“ heißt es und ist die ungeschminkte, ungemein kenntnisreiche Bilanz einer Lebensform, die mit der ganzen Welt vernetzt, Zugang schafft zu Wissen, Macht und Einfluss und dabei eines an sich reißt: das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung. Oder die Freiheit, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.

In einer beinah alltäglichen Situation, nämlich an einem Samstagmorgen, als wieder einmal der BlackBerry die Regie übernahm und alle Verabredungen und persönlichen Pläne dabei auf der Strecke blieben, dämmert es der Autorin, dass sie mit der von ihr verfolgten Strategie der optimalen Erreichbarkeit – nicht mehr Herrin im eigenen Haus war. Zeitdiebe und Hausbesetzer hatten sich stattdessen in ihrem Leben breit gemacht, und während sie noch meinte, durch den Zugriff auf alle Kommunikationskanäle an Lebenschancen zu gewinnen, fingen eben diese Zugriffsmöglichkeiten an, sie als Persönlichkeit zu demontieren. „Ich war zu jener Spezies Mensch mutiert“, schreibt Miriam Meckel, „die angeblich alles gleichzeitig tun kann. Ich war geworden, was ich nie sein wollte: ein Simultant“.

Diese schöne Wortschöpfung, entstanden aus „simultan“ im Sinne von gleichzeitig und Simulant im Sinne von Vortäuschen, „So tun als ob“ – diese Wortschöpfung könnte Schule machen.

Denn ein Simultant wird man schnell. Schon wer beim Telefon- Gespräch mit der Freundin fortfährt, den Film im Fernsehen weiter zu verfolgen, ist auf dem Wege dazu. Genauso wie der Vater, der seinen Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest und dabei an die 60 Geschäftsmails denkt, die noch auf ihn warten. Auch Miriam Meckel entdeckte an sich immer öfter, dass sie ihrem Gegenüber kaum noch zuhörte, sondern in Gedanken schon bei der nächsten zu erledigenden Aufgabe war. Dem Simultanten geht die Fähigkeit verloren, sich wirklich noch auf das Jetzt und Hier einzulassen. Die Gegenwart, definiert durch Ort und Zeit, verschwindet irgendwie in der Ritze zwischen Vergangenheit und Zukunft, in der Grenzenlosigkeit der globalen Vernetzung. Und mit der Gegenwart verschwindet der erfüllte Augenblick, also das, woraus sich am Ende Lebenszufriedenheit speist.

„Wohlwollend betrachtet“, schreibt Miriam Meckel, „war ich zu einem Exemplar der Spezies Mensch geworden, die einen neuen Lebenstrend definiert. Das virtuelle mobile Ich. Immer unterwegs, immer mit den neusten Informationen versorgt, immer vernetzt mit anderen, die gleiche Interessen und Ziele haben. Kritisch betrachtet war ich zum Sklaven meiner technischen Vernetzung geworden. Ich bekam durchschnittlich 250 E-Mails pro Tag, die meisten über den BlackBerry, dieses handtellergroße Gerät, das den mobilen Empfang von E-Mails an jedem Ort und zu jeder Zeit möglich macht, und gleichzeitig Telefon, elektronischer Kalender, Adressverzeichnis und Notizblock ist. Ich hatte eine Handy-Rechnung von mehreren hundert Euro pro Monat, weil ich nie zu Hause war und alle Gespräche mobil von unterwegs erledigte. Und ich arbeitete mehr als 12 Stunden am Tag, regelmäßig bis in die Nacht hinein.“

Vermehrt hatte sich dabei nicht ihre Arbeitslast. Vermehrt, und das geradezu explosionsartig, hatten sich die Unterbrechungen, denen sie sich auslieferte. Vernetzt mit der ganzen Welt, nahm diese Welt sie in Besitz. Und alle äußeren Erfolge konnten eines Tages die bittere Erkenntnis nicht verhindern:„Als Simultant war ich nicht mehr bei mir und selten bei denen, die meine Aufmerksamkeit gern in Anspruch genommen hätten.“

Wir Netzwerker, sinniert Meckel, müssen ein neues Verhältnis zwischen unserer On und Off-Zeit finden. „Wir können nicht ständig auf Standby sein. Das frisst Energie und ist auch fürs Klima schädlich – vor allem für das zwischenmenschliche.“

Musik

Was hat nun dieser Bericht von der Kommunikationsfront, dieses Plädoyer einer erfolgreichen Wissensarbeiterin für die Kommunikationspause, für das punktuelle Glück der Unerreichbarkeit, was hat das alles mit Advent zu tun?

Nun, ich halte es zumindest für eine adventliche Geschichte. Weil es die Geschichte einer Umkehr ist. Denn Advent, das ist ja nicht der besinnliche Augenblick vor den flackernden Kerzen, mit Spekulatius und einem guten Wort im kleinen Kreis. Das ist nicht die Glühwein-Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt. Advent ist nicht Brauchtum.

Advent, das ist ein Wachwerden.

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist nicht umsonst ein viel und gern gesungenes Adventslied. Und in vielen Kirchen wird heute über ein sehr ernstes Wort gepredigt. Es steht in der Offenbarung des Johannes und rüttelt an allen Sicherheiten der Zuhörer: „Dem Namen nach lebst du. Aber du bist tot. Deine Werke sind unvollkommen. Wache auf. Sonst kommt das Gericht über dich wie der Dieb in der Nacht.“ (Offenbarung 3,1-3 in der Übersetzung der Jerusalemer Bibel)

Adventsstimmung ist das nicht. Das ist eine bitterernste Aufforderung, das eigene Leben neu auszurichten. Und genau davon redet diese Miriam Meckel, deren virtuelle Omnipräsenz mir erscheint wie eine moderne Illustration des Jesuswortes: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“. (Mtth. 16,26)

Der katholische Theologe Johann Baptist Metz hat einmal eine ungewöhnliche Definition für Religion gegeben. Die kürzeste Definition für Religion sei, so sagte er: Unterbrechung. Mir hat diese Formulierung gefallen und zu denken gegeben. Unterbrechung des Gewohnten als der erste Schritt?

Advent – das wäre dann die Herausforderung an uns, die eingeschliffenen Handlungs- und Urteilsmuster zu unterbrechen. Sie – wenigstens vorübergehend – außer Kraft zu setzen.

Advent, das hieße dann: Erkennen, dass unser Umgang mit der entgrenzten Welt des Internet durchaus Suchtcharakter haben kann. Das hieße dann: Zugang zu den eigenen, den inneren Räumen suchen und nicht nur ein weiteres Fenster im Netz zu öffnen. Das hieße dann: Privatheit verteidigen und leben. Beziehungen ernst nehmen und nicht nur Verbindungen. Sich klar machen, dass der Datenfluss aus dem Netz zwar unsere Aufmerksamkeit schult, aber unsere Wahrnehmung verkümmern lässt.

Advent, das wäre dann die Unterbrechung, die Raum schafft für neue Erfahrungen. Nichts wollen. Auch keine frommen Gefühle. „Sondern“, so sagte es einmal die Dichterin Hilde Domin, „dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten.“

Musik