Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG 369)

Pfarrer Wolfgang Buchholz (ev.)

31.10.2009 in der Dreieinigkeitskirche Wellinghofen

Kantatengottesdienst am Gedenktag der Reformation 2009. 25. Ordinationsjubiläum

Kantatengottesdienst am Gedenktag der Reformation 2009. 25. Ordinationsjubiläum

Liebe Schwestern und Brüder !

„Wie anders waren diese anderen, und dann wieder: wie gleich?“

Das sind Worte aus dem Buch Allerseelen meines Lieblingsschriftstellers Cees Nooteboom.

„Die Sonne kreiste erhaben um die Erde, die Erde war der Mittelpunkt des Kosmos, und der Kosmos lag geborgen in Gottes Hand, alles stimmte, die Welt war eingeschlossen in die göttliche Ordnung, und in dieser Ordnung hatte jeder seinen hierarchischen Platz.
Das alles war so unvorstellbar geworden, dass man es nicht mehr nachempfinden konnte, nicht einmal annäherungsweise.“

Von wem ist hier die Rede? Von uns auf der einen und Luther und Paulus auf der anderen Seite. Und wie anders waren diese anderen, eben Luther und Paulus oder der Evangelist Johannes oder Matthäus und dann wieder wie gleich?

Die Bücher von Nooteboom und die darin geäußerten Gedanken begleiten mich schon viele Jahre. Er ist ein guter Weggefährte, wie überhaupt ich mir den Dienst an Wort und Sakrament, das Amt der öffentlichen Verkündigung des Wortes Gottes als heilschaffende, gute Botschaft gar nicht anders vorstellen konnte und kann ohne Weggefährten, ohne Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, mit denen offenes und doch behutsames Nachdenken über die Worte der heiligen Schrift über Gott und Glaube möglich ist
Der Tag des Erinnerns an meine Ordination vor 25 Jahren gibt mir nun die Gelegenheit, allen zu danken für diesen geistigen, spirituellen Austausch, in den verschiedenen Gemeindegruppen und Gesprächskreisen, im Presbyterium, mit der Kollegin, den Kollegen, den ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern, im vertrauten Einzelgespräch, bei den intensiven Kontakten mit unserer katholischer Schwestergemeinde Heilig Geist, im Bereich des Kirchenkreises und des Referats für gesellschaftliche Verantwortung, mit all´ den guten Freunden aus der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen.
Hoffe, dass ich bis auf den Superintendenten keinen vergessen habe!

Dass ich in diesen Jahren zwei Vikarinnen und drei Vikare jeweils 2 Jahre begleitet habe und sie mich, hatte und hat unschätzbare Bedeutung für meine pastorale Existenz.

Natürlich gehört das Nachsinnen über die Bibel im stillen Kämmerlein auch dazu.
Martin Luther nennt das meditatio. Für ihn ist die meditatio das erste von drei Dingen, die den Theologen, den Christen überhaupt ausmachen. Doch das Gespräch, der wechselseitige Austausch mit den Schwestern und Brüdern ist für ihn ebenso wichtig, und das zweite, was einen Christenmenschen ausmacht.

Heute am Reformationstag sind uns die reformatorischen Erkenntnisse von Luther besonders nahe, besondere seine Wiederentdeckung der Rechtfertigungsbotschaft des Apostels Paulus: allein der Glaube, allein Christus, allein die Gnade und allein das Wort Gottes.

Die Gnade und Güte Gottes ist der Maßstab, an den wir uns halten dürfen.

Sie werden sich vielleicht jetzt fragen: Warum hat er denn in seiner Einleitung davon gesprochen, Luther und alle Reformatoren und Paulus sind die einen, wir die anderen?
Wenn wir doch unsere Identität als evangelische Christen in besonderer Weise diesen beiden verdanken?
Was also verbindet Paulus und Luther und trennt sie von uns?

Nooteboom fragt immer wieder in seinen Romanen: Was hat sich denn im Laufe der Menschheitsgesichte verändert an den Menschen? Oder gibt es Konstanten über die Jahrhunderte hinweg?
Eine atemberaubende Frage. Nooteboom spitzt sie noch zu.
Wie haben denn die Menschen bis zum Mittelalter und der Reformation geglaubt, ihre Welt gesehen und darin Gott?
So wie wir oder anders?
Wenn wir heute von Glaube, Gott, Welt, Vertrauen, Geborgenheit, Gnade und Güte reden, können wir sicher sein, dass wir in etwa das Gleiche meinen und sagen wie etwa Luther oder gar Paulus?

Nooteboom gibt eine Antwort: Nein, wir können nicht sicher sein. Es hat sich eine Kluft aufgetan. Etwas Dramatisches hat sich verändert.

Dieser radikale Umbruch heißt: Gott hat nicht mehr ganz selbstverständlich seinen ihm gebührenden Platz in der Welt und im Bewusstsein der Menschen.
Das geschlossene und religiös bestimmte Weltbild, das durch niemand und nichts hinterfragt oder gar völlig in Frage gestellt wurde, ist der Lebens- und Glaubenshintergrund eines Paulus und auch eines Luther. Nicht ob es Gott überhaupt gibt, sondern ob Gott wirklich gnädig ist, führte Luther erst in tiefe Verzweiflung, dann in tiefe Glaubensgewissheit.

Religiöse Existenz heute, christliche Gemeinde und eben auch ein Predigers dieser Gnade und Güte Gottes weis sich umgeben von lauter Bestreitungen Gottes.

Im Namen der Vernunft, im Namen der Wissenschaft wird die Existenz oder Nichtexistenz Gottes weitestgehend beiseite gelassen. Moderne Wissenschaft redet nicht nur nicht von Gott, sie lässt ihn aus.
Das alles können wir ja noch gelassen akzeptieren, brauchen es nicht zu beklagen Die Reformation hat ja selber entschiedene Impulse gesetzt, menschliche Vernunft in dieser Welt unabhängiger zu gebrauchen.

Was mir, was uns allen aber an die Nieren geht ist das unermessliche Leid auf dieser Welt und himmelschreiende Ungerechtigkeiten im kleinem wie im großen Maßstab.
Wir kennen die Stimme, die gegen einen Gott aufschreit, der das alles so geschaffen haben soll und es walten lässt. Erst recht, wenn er doch barmherzig und gütig sein soll!
Wenn ich das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ singe, stellen sich diese bohrenden Fragen in mir selbst ein. Da braucht man gar nicht groß etwa an Georg Büchner erinnern.

Büchner hat das Leid in dieser Welt den Fels des Atheismus genannt, das war 1835 (in seinem Drama „Dantons Tod“) und er wusste noch nichts von den ungeheuerlichen Gräueltaten des 20 Jahrhunderts.

Ein weiterer Beweggrund, Gott aus dieser Welt zu verbannen, heißt Freiheit.
Der Mensch will frei sein und das kann er doch nur ohne Bindung an ein höheres Wesen.

In den Büchern von Cees Nooteboom wird von Menschen erzählt die das alles in sich tragen, den nagenden Verstand, das wissenschaftlich geschulte Bewusstsein, den Drang nach Freiheit und das Erschrecken über so viel Unordnung und sinnlose Gewalt, Brutalität und Leid in einer entseelten, kalten Welt.
Und dann ist da diese unstillbare Sehnsucht. Ach könnten wir doch zurück in andere Zeiten, als die Welt noch gesehen wurde als eingeschlossen in eine göttliche Ordnung. Der Kosmos geborgen lag in Gottes Hand.

Ja, das alles war so unvorstellbar geworden, und dennoch, die Sehnsucht bleibt. Ein Buchtitel heißt „Paradies verloren“. Das sagt schon fast alles.
Menschen des 21.Jahrthunderts fühlen sich unbehaust und doch bleibt die Sehnsucht nach kosmischer, nach göttlicher Geborgenheit und umfassender Sinnstiftung.
Für mich sind die Bücher so wertvoll. Da ist von mir die Rede, als Mensch des 21. Jahrhunderts, als Christ und als Verkündiger des Evangeliums. Die Bücher sind mutig und ehrlich, weil hier eine Wahrhaftigkeit der Empfindungen, Zweifel und Sehnsüchte zur Sprache kommt, die mir aus der Seele sprechen.

Aber das Entscheidende ist. Die Menschen bleiben offen für Zeichen und das Angerührt -Werden von göttlicher Gegenwart in dieser schönen, hässlichen, liebevollen, brutalen Welt voller Höhen und Tiefen, Abgründe und Momente höchsten Glücks und wenigstens punktueller Lebenserfüllung.

Was ist christliche Existenz heute anderes als vor sich und anderen zu bekennen:
Ich habe in dieser Welt, so wie sie ist, Zeichen göttlicher Gegenwart erfahren, sein Wort der Gnade und Güte hat mich angerührt, sein Wort der Weisungen hat mich zurecht gerückt und von manchen Irrwegen ablassen können.
Gott spricht auch noch heute zu uns. Er ist der Gott der Güte, Barmherzigkeit und des mahnenden, aufhelfenden Wortes.

Wenn wir das immer wieder in diese eine Liedzeile fassen können „Wer nur den lieben Gott lässt walten.“ dann ist alles gesagt.

Es gibt Gott, es gibt einen letzten Urgrund des Lebens gegen alle Stimmen, die es anders sagen. Es gibt ein schöpferisches Woher und Wohin gegen alle Stimmen, die die Zufälligkeit des Lebens an die höchste Stelle setzten.
Die Mitte, das Wesen dieses Gottes, der da ist, der da war und der da kommen wird, ist Güte Gnade, Liebe und Barmherzigkeit.

Das ist der Gott, den Jesus verkörpert in Wort, Werk und Person, das ist der Gott, an den sich die Apostel und Paulus und dann Luther, Melanchton, Calvin und die Christinnen und Christen aller Generationen bis heute gebunden haben.

Ja, sie waren anders, von Paulus bis Luther und doch, wie gleich. Denn in der Welt, wie sie ist, den Gott der Gnade, Güte und Liebe zu verkündigen, ist die eigentliche Herausforderung unseres Glaubens. Wo ist denn der gütige Gott? Wo seine Güte? Wo regiert seine Barmherzigkeit?  Das sind die Fragen die das Volk Gottes seit Tausenden von Jahren begleitet und auch unsere eigenen bohrenden Fragen sind. Wir bekennen und singen von einem Gott der Liebe, der sich so oft in dieser Welt verbirgt.

Das ist den Psalmen zu finden. Und was ist die Passion Jesu anderes als bis auf das äußerste angefochtener Glauben des Gottessohnes.
„Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“
Anfechtung im Glauben. Das war und ist die die Erfahrung eines Paulus und eines Luthers und unzählig vieler Christinnen und Christen.
Lebendiger Glaube ist angefochtener Glaube. Die Anfechtung, Tentatio, ist nach Luther das dritte, was einen Christenmenschen ausmacht.
Darum sind sie uns vielleicht näher als ich erst dachte, kostbar und wertvoll, weil sie nicht
einfach Gott behaupten, sondern ihn bezeugen und bekennen, um Glauben ringen und uns ermutigen, das Lied neu anzustimmen.

Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit,
Den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

Auf keinen Sand gebaut…..
Christliche Existenz erfährt Halt und Geborgenheit durch diese Bindung an Gott.
Da werden wir mit den Verfechtern absoluter Freiheit tapfer streiten und allen sagen:
Ich gehöre zu Gott und bin nicht absolut frei. Will es auch gar nicht sein. Ich bin gerne angewiesen auf Gott. Darum lasst uns singen, beten und auf Gottes Wegen weitergehen und durch seinen Segen uns den Rücken stärken für das, was zu tun ist.
Amen

Und der Friede, welche höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.