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Predigt über "Yorams Traum"

Bhajan Noam

14.06.2008 in der Wallfahrtskirche „Maria Licht“ in Trun im Kanton Graubünden in der Schweiz

Predigt mit einem jüdischen, genauer chassidischen Hintergrund

Predigt mit einem jüdischen, genauer chassidischen Hintergrund

„Die Sonne war untergegangen
und dichte Finsternis herrschte,
siehe, da war es wie ein rauchender Ofen
und wie ein Feuerbrand fuhr es hin

                                            Genesis 15.17

Yorams Traum

Im letzten Jahr starb Yorams Mutter. Er war an diesem Tag nicht bei ihr. Er konnte nicht, sie klebte bis zuletzt noch so am Leben. Und Teil dieses Lebens war er. Vielleicht aus einer unerfüllten Phantasie heraus auf ihn projiziert. –

In der Nacht vor ihrem Tod hatte Yoram so etwas wie einen biblisch-mystischen Traum. Er befand sich mitten in einer Zirkusarena. Und es lief gerade die Raubtiernummer. Rechts von ihm, in einigem Abstand, dirigierte der Dompteur seine Raubtiertruppe, als plötzlich einer der Löwen ihn von hinten anfiel und seine Schultern umkrallte. In stummer Panik und hilfesuchend starrte Yoram den Dompteur an, der, obgleich er dessen Lage sah, nicht reagierte. Verzweifelt versuchte Yoram herauszufinden, was er wohl tun könne. Die Umklammerung wurde enger und nahm ihm den Atem.

Da war plötzlich diese Stimme in ihm, die ihn aufforderte: Geh, geh einfach. Und tatsächlich versuchte Yoram daraufhin, einen kleinen Schritt vorwärts zu gehen. Und einen zweiten. Doch der Löwe packte ihn nur noch machtvoller. Geh weiter, sagte die klare Stimme. Und mit zähem Willen taumelte er Schritt für Schritt wie ein Kind, das gerade zu laufen beginnt, voran.

Da wurde das Umklammern schwächer, so als wäre das Tier irritiert. Ermutigt davon setzte Yoram weiter Fuß vor Fuß. Aber der Löwe, zwar ausgezehrter, hielt jetzt seine Hüften in festem Griff. Yoram wollte sich umschauen. Geh weiter, klang es beschwörend. Und während er der Stimme folgte, glitt der Löwe wie ermattend von ihm ab. Tiefer und tiefer sank er; fasste noch zaghaft seine Beine und fiel zuletzt hoffnungslos, kraftlos, wie vergilbtes Laub zu Boden. Und Yoram lief unendlich befreit mit leichten Füßen und fliegendem Atem, lief in den purpurnen Horizont – und wachte auf.

An diesem Morgen wollte er, wie fast täglich in den letzten zwei Monaten, seine Mutter, deren halber Leib schon vom Krebs zerfressen war, im Hospiz besuchen. Jedoch er wollte und er wollte nicht. Er befand sich schon auf  halbem Weg, vielleicht noch dreihundert Schritt von diesem Haus der unglücklichen Engel entfernt. Da hörte er wieder, wie im Traum, die Stimme in sich: Geh weiter! Und Yoram machte kehrt mit wirr tobenden Gedanken im Kopf, setzte sich in den nächsten Zug und fuhr nach Hause.
Es war schon spät abends. Yoram, in den Armen seiner Frau – vielleicht sich tröstend, sein Gewissen betäubend im Liebesspiel, gerade dem Gipfel entgegeneilend, hörte das Telefon, hob den Hörer ab mit noch bebenden Körper: Seine Mutter hatte es geschafft. Nach langem Ringen mit dem Tod, mit dem Leben, mit  Vergangenheit und Zukunft, mit sich selbst und mit Gott hatte sie endlich loslassen können. Ihr Sternzeichen war ...  Löwe.

Hier endet aber die Geschichte nicht. Hier fängt ihr wahres Leben an. Yorams Traum und der reale Tod der Mutter waren für ihn der Beginn einer tiefen Wandlung, der Anfang seiner Individuation, seiner Befreiung von allen Konventionen. Der Tag der Beerdigung sollte zum Tag seiner ersten Erweckung und Berufung werden! An diesem Tag blieben Yoram und seine Frau Ashera als letzte der Trauernden noch alleine am Grab der Mutter zurück, um ein stilles Gebet des Dankes und der Fürbitte gen Himmel zu schicken. Da erschien ihnen beiden plötzlich ein beklemmendes, düsteres Bild: Die Mutter als eine wieder zum Leben erwachte Tote unter Geröll und Erde, die erneut verzweifelt dem Schicksal zu trotzen versuchte und mit ungehörten Schreien flehend gegen die Sargwände pochte. – Von Entsetzen getrieben rannten sie zum Ausgang des Friedhofs, wo zum Glück der Rabbi noch bei einigen Hinterbliebenen weilte, und berichteten ihm hastig das Geschaute. Der begleitete sie mit besänftigenden und tröstenden Worten zurück zum Grab und begann dort nach stiller Sammlung mit wohltönender, kraftvoller Stimme eine uralte Weise zu singen. In ihr beschwor er die Dahin-geschiedene, Gottes unwiderruflichen Beschluss mit Weisheit anzunehmen und unbekümmert in sein heiliges Zwischenreich des Friedens, des Lichtes und der Erwartung einzutreten.

Als die feine Melodie gerade ausgeklungen war und nur ihr Echo noch im Geist der Anwesenden leise nachschwang, mussten die drei Menschen unvermittelt himmelwärts schauen. Dort erlebten sie, wie über ihnen das düstergraue Wolkenmeer – wie einst das Schilfmeer beim Gesang Moses – sich unter Sturmesbrausen teilte und durch einen rasch breiter werdenden Spalt hindurch goldenes Sonnenlicht herabströmte. Es fiel wie ein breiter, blinkender Wasserfall auf das nackte Grab und ließ es hell erstrahlen, und erhellte zugleich auch die verdunkelten und verstörten Gemüter der beiden. Ein tiefer Frieden kehrte an der Stätte der Trauer und des Schreckens ein. Der alte Rabbi sprach nun leise seinen Segen über jedem, über der Seele der jetzt friedvoll Heimgekehrten, über Ashera und zuletzt über Yoram. Er verließ sie schweigend und ohne Abschiedsworte; doch dann wandte er sich noch einmal um und sah Yoram, der ihm wohl unbewusst nachgeblickt hatte, ruhig in die Augen und sagte:  „Du wirst eines Tages, wenn die rechte Zeit dafür da ist, zu mir kommen und mir eine lange Geschichte erzählen. Ich warte auf dich. Warte du nicht zu lange.“

Bei diesen Worten des Rabbis war es Yoram, als risse ein Beben ihm urplötzlich allen Halt unter den Füßen hinweg. Aufschreiend, jegliche Beherrschung in einem Augenblick von sich schleudernd, stürzte er nieder und weinte laut und hemmungslos wie ein verlassenes Kind. Nach etlicher Zeit erst verebbte ungezähmte die Flut in ein leises Schluchzen und verstummte dann nach und nach. Doch seinen Körper durchzuckte es weiter wie von inneren Schlägen. Mit schäumendem Atem lag er dahingestreckt vor dem Grab seiner Mutter im Staub und Dreck. – Doch dann, wie von unbezwingbaren Mächten gezogen, erhob er sich abrupt, warf beide Arme wie Speere gen Himmel und sein von Tränen und Erde verschmiertes Gesicht leuchtete in hellem Glanz. Er glühte, er tanzte, er sang wild Unverständliches! Der Alte, der die ganze Zeit über nur still abgewartet hatte, sah nun mit seinem inneren Auge, was auch Yoram schaute. Und er verneigte sich in tiefer Ehrfurcht. Er, der Gerechte, der diese Erscheinung selbst einst mit mächtigem Gebet herbeigerufen hatte, durfte nun erneut durch Yorams heiligen Rausch an ihr teilhaben. So erfuhren sie beide die Umkehr.

Drei Tage später saß Yoram in der kleinen Stube seiner Frau gegenüber. Vieles war mit ihm und in ihm geschehen, was er glaubte erklären zu müssen und was er doch nicht zu erklären vermochte. „Ich möchte dich um Verzeihung bitten“, begann er hilflos. „Du warst immer sehr lieb zu mir. Du hast mich stets begleitet und verstanden, während ich doch gar nichts verstand und keine Hilfe war.“ Er stockte. „Es geht um mein künftiges Leben“, fuhr er nach längerem Schweigen fort,  „ich möchte gerne bei unserm alten Rabbi lernen.“ – „Wenn es für dich und dein Leben wichtig ist“, antwortete Ashera, „dann ist es auch wichtig für uns beide. Von meiner Seite wird sich nichts zwischen uns ändern. Ich liebe dich und so wird es immer bleiben. Ich bin jetzt sogar sehr stolz auf dich. Lange habe ich gewartet und gehofft, dass du noch einen entscheidenden Schritt in deinem Leben tust. Irgendwie stagnierte es. Aber jetzt ist es passiert und das ist wunderbar!“ In dieser Nacht hielten sich beide fest umschlungen in den Armen und waren sich so nah wie nie zuvor.

Drei Jahre lernte Yoram bei dem weisen Rabbi. An jenem Tag, nach der Beerdigung seiner Mutter, als ihn die Worte des Rabbi so tief getroffen hatten, während seines Zusammenbruchs, war ihm Elia erschienen, hatte ihn gesegnet und ihm, dem gänzlich Unwürdigen, eine heilige Aufgabe übertragen. – Sein Verzücken war jedoch schnell wieder verflogen und klägliche Verzagtheit und Verwirrung hatten sich stattdessen in ihm breit gemacht. In dieser bisher nie zugelassenen Hilflosigkeit öffnete er dem Alten sein ganzes Herz. Und der Rabbi, der Yorams künftigen Weg sehen konnte, nahm demütig und dankbar von Gott die Aufgabe an. Er wurde Yorams weiser Führer beim Umschiffen aller Untiefen und spirituellen Klippen. Er übertrug ihm seinen stählernen Mut und sein samtenes Herz. Am Ende des dritten Jahres, als er seinen Tod nahen fühlte, legte er ein letztes Mal Yoram segnend seine Hände aufs Haupt, lächelte ihn in schweigendem Einvernehmen aus leuchtendem Antlitz an  –  und Elia war wieder zugegen.

Gleich zu Beginn seiner Lehrzeit hatte ihn der Rabbi einmal mit den Worten schockiert: „Deine Mutter ist nur so elend krepiert, weil sie zu vornehm war, um einmal aus tiefster Seele heraus zu fluchen. Man muss mit Gott und dem Tod auch laut hadern können. Und man sollte mit Gott alleine sein im Sterben, ohne Zuhörer. Wer im Leben nicht hin und wieder vulgär war, der sollte es sich wenigstens in der Stunde des Todes erlauben dürfen, sonst fährt er nur vornehm in die Hölle. All die Vornehmen knöpft sich nämlich der Teufel vor. Gott hat mit Fluchen kein Problem.“ – „Wenn ich einst sterbe“, brummte er, „werde ich alle rausschmeißen, denn ich will den letzten Kampf ganz auf meine Weise feiern und in der Niederlage freudig triumphieren! Und dabei soll mir kein Moralist in die Quere kommen.“

„Ich glaube“, und dabei sah er Yoram herausfordernd und spitzbübisch an, „auch dich muss ich das Fluchen, doch vor allem das grundlose Lachen lehren, damit du kein Heiliger wirst – da sehe ich eine große Gefahr bei dir –, sondern ein ganzer Mann! Schau mich nicht so entsetzt an. Ich meine es, wie ich es sage. Am besten gewöhnst du dich gleich an ungeschminkte Worte, wenn du bei mir bleiben möchtest. Deine Frau unterstützt deine Entscheidung, sie weiß warum. Und du wirst es auch bald verstehen, wenn du etwas entspannter geworden bist. Nutze jede Minute in meiner Nähe. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich morgen noch da bin. Ich bin unberechenbar und Gott ist es noch weit mehr. Sei immer furchtlos!“

Da der Rabbi von morgens bis tief in die Nacht hinein von Menschen aus allen Schichten und Weltgegenden konsultiert wurde, erlebte Yoram nur wenige private Momente mit ihm; um so mehr wusste er diese wie seltene Perlen zu schätzen. Bei einer dieser Gelegenheiten, es war ein warmer Frühlingsabend und sie saßen einmal ungestört draußen auf der Terrasse, begann der Rabbi unvermittelt von sich zu erzählen. Und während er so intim sprach, klang es auf einmal ungewöhnlich unbeholfen. Die Worte schienen anfangs sich nur zögernd in Sätze formen zu lassen, so als müsse er nach jedem einzelnen in fernen  Erinnerungen suchen. Doch dadurch grub sich die Erzählung nur umso tiefer in Yorams Herz ein:

„Ich hatte mich jahrelang vollkommen aus der Natur herausgezogen; meine Welt war Gott, war das Bethaus, war die Thora. Ich wusste nichts über Pflanzen, über Tiere, über Berge und Flüsse, über  Jahreszeiten. Ich kannte nicht die Schönheit des Himmels, der Sterne bei Nacht, der Wolkenformationen und Sonnenuntergänge... Die Natur ist ungeheuer verletzlich. In der Natur erfährt man das Leben im einmaligen und nie wiederkehrenden Augenblick. Sie ist stark und stolz und schön gerade durch ihre radikale Verwundbarkeit und rückhaltlose Lebendigkeit.“

„Ich erblickte einmal aus einem fahrenden Zug heraus auf einer Wiese ein grasendes Reh. Ich hatte noch nie zuvor ein Geschöpf in dieser Weise gesehen. Ich war erschüttert und plötzlich wie aus einem Dämmerzustand herausgerüttelt. Ich sah diese zarte Erscheinung und zugleich ihr Einssein mit der Unzerstörbarkeit einer Kontinuität: Gottes ewiger Schöpfung, die jedoch ebenfalls nur ein hauchfeines Gespinst aus Licht, aus Form und Farbe zu sein schien, ein illusorisches Sichereignen im ewig stillen Geist.“
Nach diesen Worten verharrte der Rabbi in langem Schweigen. Doch dann kam sein Mund plötzlich nah an Yorams Ohr und er sprach flüsternd und eindringlich: „Jenes Reh, verstehst du, war der Messias. Und er war auch die Wiese, der feine Dunst und die formende Luft. Er war der Bote der meinem Zug entgegengeeilt und doch an dem Ort geblieben war, wo er immer ist. Der Messias, der Unbenannte, der Unfassbare, in Allem und überall!  - Deshalb brauchen wir nicht nach ihm zu suchen und auf ihn zu warten; und doch müssen wir auf eine Gnade in Zeit und Raum mit jeder Faser hoffen, auf ein Bild, auf ein Zeichen, das uns seine immerwährende Wahrheit offenbar.“ – Er lehnte sich zurück und schaute für eine kleine Weile in die Nacht hinaus, um dann mit warmer, fester Stimme fortzufahren: „Das ist das Paradoxe am Menschsein und der gesamten Schöpfung, was zugleich ihre einzigartige Existenz ermöglicht: ihre Hilflosigkeit in ihrer potentiellen Allmacht... Nur indem wir nicht denken, indem wir staunend und lachend darüber hinausgehen, sind wir wirklich!“  –
 
„Während ich dies alles erkannte, verstand mein Herz auf einmal, was mein Verstand zuvor nicht fassen konnte: den tiefen Sinn von Freundschaft, den Sinn der Liebe, von der geschlechtlichen Verbindung  bis zur rein geistigen, spirituellen Begegnung hin – und die Leichtigkeit und Verspieltheit darin. Ich verstand die Wichtigkeit des Mitteilens und Zuhörens. Und mir erschloss sich der wahre Wert des Gebets.“  Damit endete er. Und beide saßen noch lange in stiller Beredsamkeit unter dem klaren Sternenhimmel, ohne die aus den Tälern heraufziehende Kühle als störend zu empfinden.
Das zunächst Wesentlichste, das Yoram dank des Rabbi also gelernt hatte, war das Kommunizieren, vor allem mit seiner Frau Ashera. Ihre Gespräche, bei denen beide die Herzen immer weiter für einander öffnen konnten, waren von einem besonderen Geist erfüllt, auch wenn es darin oft scheinbar nur um Alltägliches ging. Yoram empfand sie als heilig, weil sie zunehmend von nährender Liebe, Verständnis, Humor und gegenseitigem Respekt durchdrungen waren. Durch diese Gespräche lernte er ein aufrichtiges und mitfühlendes Zuhören und ein klares Artikulieren seiner bis dahin tief vergrabenen Gefühle und flüchtenden Gedanken. Er stieg heraus aus seinem Grab und brachte alle ungesagten Qualen und Schrecknisse, die seine beiden Hände und sein Herz wie mit falschen Schätzen füllten, mit hinauf ans klare Licht in eine helle Leichtigkeit. Er lernte den Fremden in sich kennen und verstehen, um damit auch das Fremde in anderen immer besser verstehen zu lernen. Er konnte die Geschenke der Liebe und der Freundschaft offener und mit Dankbarkeit entgegennehmen. Dieser allmählich und oft schmerzvoll sich vollziehende Prozess – so manches Mal noch kehrte der Löwe zurück, um ihn zu lähmen – war seine Vorbereitung auf die künftige Arbeit in der großen Gemeinde der allseits Verwundeten. Yoram, vom Rabbi selbst zu dessen Nachfolger erkoren, sollte ihr ein kluger und liebender Führer und weiser Arzt werden.

Anfänglich noch etwas scheu, wuchs er jedoch rasch in diese gewaltige Aufgabe hinein; und es schien bald so, als hätte er nie etwas anderes getan. Bereits seine erste Predigt unmittelbar nach dem Tode des geliebten und hochverehrten Rabbi, welcher ein großer Schock und Verlust für alle war, erschloss ihm die Gemüter der trauernden Gemeinde und bildete den Grundstein für sein baldiges, hohes Ansehen weit über die Gemeindegrenzen hinaus. Mit der Übernahme des Amtes schien ihn eine unsichtbare Kraft zu beseelen. Von ihr ganz entflammt und bewegt stand er mitten unter ihnen und rief mit kraftvoller, prophetischer Stimme:

„Hört heute die Worte Jesajas: Sucht den Herren, solange er sich finden lässt, ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Sünder soll seinen Weg verlassen, der Frevler seine Pläne. Er kehre um zum Herren, damit er Erbarmen hat mit ihm; denn unser Gott ist groß im Verzeihen. – Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken. –  Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprießen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. – Voll Freude werdet ihr fortziehen, wohlbehalten kehrt ihr zurück. Berge und Hügel brechen bei eurem Anblick in Jubel aus, alle Bäume auf dem Feld klatschen Beifall. Statt Dornen wachsen Zypressen, statt Brennesseln Myrten. Das geschieht zum Ruhm des Herren als ein ewiges Zeichen, das niemals getilgt wird.“
An dieser Stelle schloss Yoram die Augen und ließ die erhabenen Bilder vor seinem inneren Auge aufleuchten; tief versenkte sich sein Geist in die Stille Gottes. - Ehrfürchtig schweigend folgte ihm seine Gemeinde auf den unsichtbaren Pfaden, die er so sicher beschritt: Sie wandelten mit ihm über die Hügel des Heiligen Landes im gleißenden Licht unter einem weiten, blauen Gewölbe, das ringsum nahtlos mit der Landschaft verwoben zu sein schien.

Zur einen Seite blickend überraschte sie der tiefgründige See, Tiberias an seinem Ufer, an den Hängen Zefat und weit dahinter, blass verschwimmend der schneegekrönte Hermon. Auf der anderen Seite dann, hell erstrahlend auf den Höhen: Yerushalayim, die Stadt Gottes! In den Weiten dazwischen züngelten verstreut die hohen, schlanken Zypressen wie dunkle Flammen himmelwärts.

Und dann war es ihnen allen auf einmal, als mischte sich ein buntes, musizierendes, tanzendes, singendes, klagendes und lachendes Völkchen mitten unter sie: Die alten, ewig wandernden, heiligen Mütter und Väter, voran ein zerlumpter, heruntergekommener, bettelnder Salomon und ein nackter König David im Rausch. Letzterer zupfte die Harfe und psalmodierte monoton: „Warum ließt du mich nicht sterben, Mutter, und statt dessen aufwachsen in diesem ungläubigen und nichtsnutzigen Volk? Vierzig Tage standen die Heere stumm sich gegenüber, aber keiner wagte den Spötter in ihrer Mitte zu vernichten. Obgleich noch ein Jüngling, spürte ich doch das treue Blut schon in mir und tötete für ihre Ehre. Eine stolze Frau hatte diese Treue, einst aus der Fremde kommend, aus Liebe zu dem Gott, den sie nicht kannte, ins Land gebracht. Sie liebte Boas und gebar ihm Orbed, der Isai zeugte, meinen Vater. Dann wurde mir dieser selbstherrliche Sohn geboren. Einen prachtvollen Tempel zwar erbaute er unserem Gott, doch seiner schönen Frauen wegen hüpfte er buhlend um fremde Götzen herum. So verkam unter ihm und nach ihm das Land und wurde nie wieder einig und heilig.“

Doch um David herum bildete sich nun ein Reigen tanzender Frauen. Ruth und Bat Sheva waren unter ihnen, Rebecca und Sarah, Rachel und Lea, Ada und Zilla, Naama und Eva und noch viele mehr. Die spielten die Handtrommel, Zimbeln und Glöckchen und sangen vielstimmig dazu:

„Wir gehören der Erde. Unser Blut trinkt sie und nährt unsere Kinder mit Milch dafür. Wir gehören den Flüssen. Sie schwellen an von unserem Schweiß und unseren Tränen, und unser Lachen und Schwatzen ist ihr munteres Plätschern. Wir gehören dem Mond. Sein Licht segnet unsere Leiber, und unser Tanzen in den Nächten lässt ihn groß und hell erstrahlen. Wir gehören der Allmacht Gottes. Sie macht die Samen in uns lebendig, und wir gebären ihr Töchter und Söhne der Weisheit. Wir gehören nicht der Willkür einer Vergangenheit. Unsere Liebe erblüht in Freiheit; ja, ihre süßen Früchte sind Sanftmut und Wildheit, Intelligenz und Mitgefühl, Friedenskraft und Heldinnenmut, Entschlossenheit und Ehrfurcht, Glaubenskraft und Schönheit, zartfühlende Stärke und handelnde Phantasie.“

Dabei hüpften und wirbelten sie unbändig durch ihr Volk, die Arme hoch in den Lüften, mit klatschenden Händen, sprühenden Blicken und lachenden Mündern mit blitzenden Zähnen. Junge wie Alte, Männlein und Weiblein, einfache Leutchen wie Würdenträger schubsten sie mit derben Püffen an oder packten sie gleich an den Händen oder Rockzipfeln und zogen sie mit hinein in den wilden Tanz und Gesang. – Dann verschwand die Szene ebenso plötzlich, wie sie erschienen war.

Die Sonne stand schon tief; die Schatten der Berge mischten sich mit dem Dunst der Täler. Ein warmer Wind kam auf und brachte erdige Düfte zu den fernen Klängen. Die Gemeinde der Frommen atmete noch lange den Geist, der hier golden die Lüfte durchtränkte. Und sie beteten wortlose Gebete des Dankes und der Freude. Doch behutsam nahm sie Yoram wieder mit zurück, um nun in vertrauten Ton zu ihnen zu sprechen:

„Eine neue Gläubigkeit, eine beseelte, authentische Gläubigkeit beginnt immer mehr Menschen zu erfassen oder wird von ihnen als noch nicht benennbare Sehnsucht tief in ihrer Seele erahnt. Das äußere Leben wird als sinnentleert empfunden. Die Politik, der Unterhaltungsmarkt, das vorgegaukelte Leben in der Werbung, die eigene Tätigkeit und leider auch das vorhandene Religionsangebot werden oft als hohl, als Surrogat erfahren. Die Suche nach neuen, gangbaren Wegen, nach kompetenten Menschen, die brennenden Fragen nicht mit erlernten Phrasen und kaltherzigen Vertröstungen begegnen, sondern die mit offenen Ohren und verstehenden Herzen zuhören, die durch wirkliches Zuhören eigene Antworten im Gegenüber erwachsen lassen, diese Suche wird immer lauter vernehmbar für alle, die im Pulsschlag der Zeit und dieser Menschheit wach und fühlend mitschwingen."

„Was fehlt den Synagogen, den Kirchen, den Gotteshäusern überall? Was macht Gottesdienste so langweilig, dass sie sich keiner mehr anhören und anschauen mag? Sie sind zu nichtssagenden Ritualen und zu wertneutralen Predigten verkommen. Es gibt ganz sicher beispielhafte Ausnahmen; aber insgesamt zeigen uns doch die bescheidenen Besucherzahlen den tiefen Verdruss. Ich behaupte: Es ist kein Unglaube im Volk, es ist Unglaube in den führenden Persönlichkeiten. Prediger, die von Gott leibhaftig beseelt sind, vermögen Menschen anzuziehen und für Gott zu begeistern, wie es viele Jahrzehntelang unser heiliger Rabbi beispielhaft tat. Shabbat für Shabbat kamt ihr auch von weit entfernten Gemeinden angefahren, um genau das zu bekommen, was Gottesdienst für euch sein sollte und hier offensichtlich war und ist. Diese scheintoten Religionsapparate, die die Erhebung der Seele, die Erleuchtung des Menschen verhindern, sind wie Krankenhäuser, in denen Heilung verboten ist. Der Meister der Christen sagte dazu schlicht: Lasst die Toten die Toten begraben.“

„Und das Volk wird sich die Lebendigen suchen, die Meister, die Erwachten, die leuchtenden Wesen; denn das Volk hat sich noch ein natürliches und gesundes Gefühl bewahrt. Die neue Gläubigkeit wird sich neue Orte suchen, lebendige Tempel mit Predigern, die singend und tanzend die Wahrheit verkünden, deren Gebet die Menschen wieder mit Heiligkeit erfüllt.“
„Aber auch dies möchte ich zu euch sagen: Religion gehört wieder ins eigene Heim, in die eigene Wohnung. Dort war immer der Platz der heilen und heiligen Volksgläubigkeit. Gottesdienst kann täglich stattfinden vor dem kleinen Altar oder der einfachen Kerze. Gebet beginnt und beendet hier den Tag, führt morgens in einen erfüllenden Arbeitstag und abends in eine erholsame Nacht hinein. Gebet sollte auch, egal wo wir uns befinden und was wir gerade tun, dem Tag wieder seinen prägenden Rhythmus geben. Einen Rhythmus, der gesund für uns ist, der uns wohltut, der uns nicht außer Atem bringt, sondern der uns gerade wieder in unsere Natürlichkeit zurückführt. Dankgebet und Meditation sind die natürliche Sprache und Seinsweise der Seele, von der wir uns so weit entfernt haben. Das ist unsere eigentliche Krankheit. Das ist der Grund für unsere Rastlosigkeit. Wir sind auf der Suche und wissen nicht, nach was und wo wir suchen sollen. Es ist immer hier. Findet es wieder im Gebet!“

„In aller Demut und mit Gottes unendlicher Güte und Gnade will ich das Wirken unseres heiligen Rabbi, von eurer Liebe unterstützt und getragen, fortführen. Wie er werde auch ich nicht aufhören zu bezeugen: Gott, den wir suchen und herbeisehnen, ist nichts Abstraktes, er ist unmittelbar. Er fließt durch unsere Adern. Er weht durch unseren Atem. Er pocht in unseren Herzen. Er denkt in unserem Geist. Er träumt in unseren Nächten. - Dass er so nah, so selbstverständlich ist, lässt ihn uns so oft nicht wahrnehmen. Dass er so groß ist, dass er das unendliche Ganze ist, macht ihn uns so unermesslich. Wie der Vogel eins ist mit den Winden, mit der Luft, wie der Fisch eins ist mit den Strömungen, mit dem weiten Ozean, sind wir in Gott und Er in uns. Da es keinen Abstand gibt, nicht einmal in der größten Sünde, ist Gott für uns nicht zu fassen. Und dennoch haben wir ein Wissen in unserer tiefsten Seele, das wie ein helles Licht erstrahlt, wenn wir unsere ganze Wachsamkeit vom Verstand zum Herzen hin lenken. Gott erfahren wir in der Liebe zum Anderen. Gott nehmen wir wahr im Echo der Welt auf unser Sein. Gott erkennen wir in der Richtigkeit unseres Denkens und Handelns. Gott lernen wir immer besser kennen beim Studieren der tieferen Gesetze des Lebens. Gott begegnen wir innigst in der Stille unseres Gebets. Und Gott lässt sich immer wieder von uns allen gemeinsam in diesem Raum erleben: In dem feinen Erzittern der Sphäre und unserer Gemüter, wenn wir zusammen mit unseren Schwestern und Brüdern singen und beten, wenn wir alle unsere Herzen öffnen und unsere Stimmen frei erschallen lassen zu den geheiligten Worten und Melodien.“

Ohne eine Aufforderung Yorams erhob sich im selben Moment die ganze Gemeinde und stimmte wie aus einem Mund das alt überlieferte Gebet an:


„Mein Gott ist mein Gott
Auch wenn ich das Gebet verliere
Und im Finstern irre
Ich bin unter deinem Schutz
Dein Mantel umhüllt mich
Dein Licht glimmt im Verborgensten
Und leuchtet hell auf
Sobald ich deinen Namen spreche
Ich kann dich nicht verlassen
Du bist da, wo ich bin
Wohin ich fliehe, flieht dein Segen mit
Mein Gott ist mein Gott
Mein Gott ist mein Gott!
Und schenkt mir meine Freude
Und gibt mir Mut und Zuversicht
Ich bleibe, weil ich bleiben muss
Und danke den Engeln des Höchsten
Mit meinem Gebet voller Unschuld
Mit meinem Lied voller Zartheit
Mit Handeln in Liebe und Wahrheit
Ich gebe mein Leben hin meinem Gott
Der mein Gott ist und bleibt
Durch alle Zeiten bis in Ewigkeit

Amen, amen, amen.“


Und während sie diese schlichten Worte mit Andacht sprachen, bündelten sich die Stimmen und die Seelen aller und erhoben sich in hellem Jubel zu Gott. – In diesem historischen Augenblick verwandelte sich die Gemeinde in eine eingeschworene Gemeinschaft, die von Shabbat zu Shabbat wuchs und dennoch zugleich inniger und wesenhafter wurde. Ihr pflanzte Yoram mit jeder Predigt unauslöschlich ins Herz: „Mit Gott im Mittelpunkt unseres Lebens beenden wir die Schrecknisse dieser Welt. Denn Gott heißt: Liebe zum Menschen. Freude in jedem Augenblick heißt nichts weniger als sterben und neu geboren zu werden. Denn wir müssen dafür Ärger, Neid und Hass und unser kleines Ich wieder und wieder aufgeben. Freude ist das ewige Leben bereits hier und jetzt!“

Damit hatte Yoram begonnen, seinen einst von Elia erhaltenen Auftrag zu erfüllen. Ashera aber stand Tag um Tag an seiner Seite – und immer öfter sagten die Gläubigen untereinander, sie leuchte wie die Königin Shabbat.

 


 


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