Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt unter dem Eindruck der Ereignisse von Winnenden und Wendlingen

Joachim Pierro, Pastoralreferent und Hochschulseelsorger

21.03.2009 in St. Maria Benningen a.N. / Teilgemeinde der KG Zur Heiligen Familie in Marbach a.N.

Wortgottesdienst

Einführung

In diesen Tagen stehen unsere Gottesdienste noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse von Winnenden und Wendlingen. Weil es nicht begreifbar ist, was der Jugendliche 15 Kindern, Frauen und Männern und darüber hinaus vielen anderen an Leib und Seele angetan hat, sind wir als Kirche eine Gemeinschaft und ein Raum, in der die unbeantwortbaren Fragen ausgesprochen werden dürfen und sollen.
Das II. Vatikanische Konzil eröffnet seine Konstitution Gaudium et spes (Freude und Hoffnung) eben mit dem Wort: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Jesu Christi.

 

So lasst uns in dieser Solidarität unseren Gottesdienst beginnen:

Im Namen des Vaters …

 

16 Kerzen hat man bei den Trauergottesdiensten aufgestellt – hier in Marbach in einem Schulgottesdienst und in vielen anderen Kirchen im  Land.15 Kerzen für die neun Kinder, acht Mädchen und ein Junge, für die drei noch jungen Lehrerinnen und für die drei Männer. Und eine Kerze für den Täter, der den 15 das Leben geraubt hat.

Es war sicher wichtig und richtig 16 Kerzen aufzustellen; es war wichtig und richtig, dass gerade wir in der Kirche gezeigt haben: unsere Hoffnung auf Vollendung in Gottes Liebe umfängt die Opfer, die 15, und schließt den Täter trotz seines Verbrechens nicht aus.

Doch damit ist es nicht getan. Diese erste Reaktion bedarf eines nachfolgenden Nachdenkens – bedarf eines Bedenkens im Glauben, um all denen gerecht zu werden, denen der Junge soviel Leid zugefügt hat und um Rechenschaft zu geben von der Vernunft unserer Hoffnung, wozu uns der 1. Petrus-Brief auffordert.

 

 

Ansprache

 

Was hast du getan?

So – liebe Gemeinde – stellt Gott den Kain zur Rede, nachdem dieser seinen Bruder Abel erschlug. Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir!

Das Blut von 15 Ermordeten schreit zu Gott.

Und wir?

Wir können ihrer gedenken in Schweigeminuten, wir können Kerzen aufstellen am Ort des Grauens, an den Klagemauern, die in allen Schulen ringsherum voll sind mit Gedanken, Gebeten, Fragen; wir können für sie beten und geloben, sie nicht zu vergessen. Und dennoch: es bleibt die Frage: Was hast du getan? Das Blut der 15 Ermordeten schreit zu Gott!

In den Kirchen wurden meist 16 Kerzen aufgestellt, also auch eine für den, der gemordet hat.
Das war – wie eingangs gesagt – richtig und wichtig; es zeigt, dass die christliche Hoffnung auf Auferstehung größer ist als das, was wir Menschen von uns aus hierzu je sagen könnten. Doch an der Pinnwand in der Schule stellt ein Schüler die Frage: wieso eine Kerze für den Mörder? Das hat der nicht verdient. Und so legt er den Finger in die Wunde. Denn diese 16. Kerze ist nicht wie die anderen 15.
Selbst wenn man sich in den ersten Momenten und Tagen die Frage nach der Schuld verkneift, wenn man zuerst schockiert zu verstehen sucht, wie ein 17jähriger zu solch einer Tat fähig ist, und überlegt, was ihn wohl dazu getrieben hat – die Frage nach der Schuld nicht zu stellen, das hieße letztlich das unsägliche Leid der Ermordeten und all ihrer Angehörigen (wieder einmal) nicht ernst zu nehmen.

Was hast du getan?


Diese Frage lässt sich nicht unterdrücken; das ist ein Aufschrei nach Gerechtigkeit. Und die Frage nach der Schuld ist der Blick in die Abgründe des Menschen, der Blick in den Abgrund des Bösen. Wer die Schuldfrage nicht stellt, der weigert sich in diese Abgründe zu schauen.

Ja, es ist wahr: die christliche Hoffnung umfängt auch den Täter – jedoch nicht mit billigen psychologischen Erklärungsversuchen, die ihn am Ende selber als Opfer darstellen. Die christliche Hoffnung umfängt auch den Täter, weil sie auf einen Gott setzt, der Gerechtigkeit ist, und weil es Frieden – auch ewigen Frieden nur zusammen mit Gerechtigkeit und niemals ohne sie geben kann.

Viktor Frankl, Psychiater und der Begründer der Logotherapie, kam in ein Gefängnis nach Kalifornien zu einem Vortrag vor den Gefangenen. Diese empfingen ihn mit Vorwürfen und sagten ihm ins Gesicht, sie hätten es endlich satt, sich monatlich das Gequatsche irgendeines Psychologen anhören zu müssen: dass sie Opfer seien, dass sie ein Produkt von Kindheitskonflikten seien und von gestörten Familienverhältnissen usw. … Sie wollten das nicht mehr hören. Doch Viktor Frankl sagte ihnen etwas ganz anderes: Ihr seid Menschen wie ich. Ihr habt die Freiheit gehabt, diese oder jene Gemeinheit zu tun oder zu lassen. Aber jetzt habt ihr auch die Verantwortung, über eure Schuld hinauszuwachsen. Und zum ersten Mal, so sagten die Gefangenen nachher, zum ersten Mal habe sie einer als Mensch ernst genommen.

Als Mensch ernst genommen! Tun wir das auch mit dem 17jährigen Täter! Nehmen wir ihn ernst – denn das wollte er ja wohl. Und reden also von seiner Schuld, weil nämlich auch wir Menschen sind, die schuldig (werden können), womöglich sogar schwer schuldig werden können.

Wenn wir daher von der Schuld und Sünde des Täters reden, dann nicht, weil wir mit dem Finger auf ihn oder sonst wen zeigen, sondern weil wir bereit sind, selber in unsere Abgründe zu schauen und unsere Schuld oder unser Schuldmöglichkeit nicht zu verleugnen. Auch wir sind Menschen mit Freiheit zum Guten oder zum Bösen.

Freiheit, die Schuld und das Böse, Gerechtigkeit und Frieden sind miteinander verwoben und wir in der Kirche dürfen nicht so tun, als gehe es immer nur um Liebe und Frieden und das Gute. Es geht auch darum, Schuld und Sünde ernst zu nehmen, und ernst damit zu machen, dass es Gerechtigkeit und Frieden nur durch das Gericht gibt.

Was das heißt – ‚nur durch das Gericht’, möchte ich an einem Beispiel aufzeigen.
Ein Naziverbrecher, der mit verantwortlich war für ein Massaker an Frauen und Kindern in einem Dorf in Frankreich, konnte nach dem Krieg untertauchen und in der ehemaligen DDR ein normales Leben führen als liebevoller Vater und Opa mit seiner Familie und seinen Enkeln. Doch dann flog er auf, kam vor Gericht und wurde verurteilt.
Eine Journalistin besuchte und interviewte ihn. Er musste dabei immer wieder weinen und auf die Nachfrage, wieso er jetzt weine, sagt er: Es war doch alles so schön gewesen, das Leben zu Haus mit den Kindern und jetzt sei alles vorbei, das tut ihm so leid. Frage der Journalistin: Ob ihm auch die Kinder und Frauen leid getan hätten, als er sie umgebracht habe. Antwort „Nein“. Ob er seither an sie gedacht hätte? Antwort: „Nein, seither nicht“.

Seither nicht! Ohne Gericht hatte dieser Naziverbrecher kein schlechtes Gewissen, hatte er kein Mitleid und hatte noch nicht einmal einen Gedanken an die Opfer seiner Gewalt verschwendet.
Zuallererst ein menschliches Gericht nötigte ihn, sich damit auseinanderzusetzen; nur ein Gericht konnte ihm abverlangen, an die Frauen und Kinder, an die Ermordeten, zu denken und so etwas wie einen Anflug von Reue zu empfinden. Solches geschah allein durch das Gericht.

Den Täter von Winnenden und Wendlingen wird kein menschliches Gericht mehr stellen. Allenfalls kann ein Verfahren gegen den Vater eröffnet werden. Dabei bestätigt der Anwalt der Familie genau diese so wichtige Funktion eines Gerichtsverfahrens: Er sagte: Es sei für die Familie die einzige Gelegenheit sich zu Aspekten von strafrechtlicher Mitverantwortung zu äußern. Ein Verfahren könne für alle Beteiligten so etwas wie „Rechtsfrieden“ schaffen.

Da ist er wieder, dieser unlösbare Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden. Und wenn nun Gott, der Urgrund und das Ziel allen Lebens, Gerechtigkeit und Frieden ist, dann ist er auch Gericht.
Was hast Du getan? Das Blut der 15 Ermordeten schreit zu mir.

Ja, was hast Du getan? Du hast gestohlen!

Das ist die Mutter aller Sünden, die Ursünde schlechthin. So erklärt es ein muslimischer Vater seinem Sohn, als er ihn darüber aufklärt, wie lächerlich manche Gebote und Verbote der Mullahs, der religiösen Führer, sind. „Es gibt nur eine Sünde, eine einzige“, raunt der Vater seinen Sohn an. „Und das ist Diebstahl. Jede andere Sünde ist nur eine Variante davon. Wenn du betrügst, dann stiehlst du einem anderen das Recht auf Gerechtigkeit. Wenn du lügst, dann stiehlst du ihm das Recht auf Wahrheit. Und wenn du einen Menschen umbringst, dann stiehlst du ein Leben …“

Ja, er hat das Leben von 15 Menschen gestohlen. Damit das nicht einfach eine Zahl bleibt, damit wir wahrnehmen, um was für einen Betrug es sich handelt, möchte ich Ihnen – stellvertretend für alle 15 – die drei jungen Lehrerinnen vorstellen. Alle drei haben an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd studiert – es ist eine Hochschule wie in Ludwigsburg, an der ich als Hochschulseelsorger tätig bin.
Auf der Homepage der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd sind ihre Namen genannt:

Frau Michaela Köhler, geb. Abele hat vom WS 2002/03 bis zum Wintersemester 2006/07 Mathematik, Physik und katholische Theologie studiert. Sie hat im Dezember 2006 an der PH ihre Prüfung abgeschlossen und war Lehrerin an der Albertville-Schule.

Frau Nina Mayer hat vom WS 2004/05 bis zum WS 2007/08 an der PH Deutsch, Evangelische Theologie und Kunst studiert.  Sie hat im Wintersemester 2007 ihre Prüfung gemacht und war Referendarin im Seminar Schwäbisch Gmünd.

Frau Sabrina Schüle hat vom WS 2004/05 bis zum SS 2008 Mathematik, Chemie und Physik studiert und das Examen hat sie im Sommer 2008 abgelegt; im Februar 2009 hatte sie ihr Referendariat im Seminar Schwäbisch Gmünd begonnen.

 

Diesen dreien und den zwölf anderen und all deren Angehörigen und Freunden hat er ein Leben gestohlen.
Doch die Hoffnung, die wir für alle hegen – auch für ihn, den Täter, diese Hoffnung auf Auferstehung in Gott, geht durch das Gericht in Gott.

Wenn wir um die Notwendigkeit von menschlichen Gerichten wissen und nun von Gottes Gericht sprechen, dann müssen wir aber gleichzeitig dazu sagen, dass Gottes Gericht anders ist. Göttliches Gericht wird anders sein – und doch können wir es uns nur menschlich vorstellen.

Und so stelle ich es mir in meinem Glauben und mit meinem bescheidenen theologischen Wissen vor: Ein Gericht wird es sein, wie wenn ich schuldig geworden bin an einem Menschen, den ich im Grunde liebe und gern habe; es wird sein, wie wenn ich ihm in die Augen blicke und in seinen liebevollen, verzeihenden Augen erst erkenne, wie erbärmlich ich an ihm gehandelt habe; und es wird mich ein Erschrecken durchfahren und die schmerzvolle Erkenntnis, wie wenig ich selber diese seine Liebe verdient habe.
So wird mir dieser Blick zum Gericht werden und so wird die Begegnung mit Gott im Tod zum Gericht werden. Und wir werden erst in dieser Begegnung mit Gott in ganzer Wahrheit erkennen, wer wir selber sind. Dazu braucht Gott über uns nicht zu Gericht sitzen. Es wird keinen Ankläger und keine Anklagebank geben und Gott wird uns nicht in einem Sündenregister auflisten und sagen müssen, was uns alles anzukreiden ist.

Nein, Gottes Gericht wird ganz anders sein. Es wird eine Begegnung sein mit der Liebe, und wir werden jener Liebe endgültig gewahr werden, die uns doch von Geburt an bis in den Tod hinein umfangen hat; im Angesicht dieser Liebe werden wir mit Schrecken, Schmerz und voll Scham erkennen, wer wir wirklich sind. Denn schämen können sich nur Menschen. Scham ist vielleicht das, was am besten, was am menschlichsten ausdrückt, wie göttliches Gericht wirkt. Über sich selbst zu erschrecken, sich des Bösen, sich seines bösen Tuns tief zu schämen, das ist weit mehr und reicht weiter als alle denkbare Strafe.
Nein, Gott straft nicht, auch nicht im Gericht und auch jenen Mörder nicht. Gott rettet! Denn Gott ist Liebe – jedoch keine harmlose Liebe; keine Schwamm-drüber-Liebe; keine, die die Schuld und Sünde übergeht oder übersieht.
In die Augen der Liebe Gottes zu schauen wird uns auch zum Gericht, so dass wir selbst es sind, die sich erschrocken und voll Scham fragen: Was hast du getan?

Nur weil Liebe richtet, kann sie auch aufrichten und neu ausrichten, kann sie retten von Schuld und Sünde. Und nur sie, diese göttliche Liebe, kann Gerechtigkeit und Frieden schaffen – ewigen Frieden und ewige Freude. Amen.