Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Heiligabend

Pfarrer Dr. André Demut (ev.-luth.)

24.12.2011 in Kauern, Paitzdorf und Ronneburg (Kirchenkreis Altenburger Land, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland)

Heiligabend 2011

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

es geschah etwa drei Tage vor Weihnachten, spätabends.

Über den Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer zur Kirche herüber gezogen,

sie blieben stehen, zogen Spraydosen aus ihren Taschen und sprühten mit großen Buchstaben „Ausländer raus“ sowie „Deutschland den Deutschen“ auf die frisch sanierte Fassade.

Auf dem Rückweg zu ihren Autos gingen sie noch am Dönerladen und am Asia-Restaurant vorbei, Steine flogen, es schepperte und klirrte in der kleinen Stadt.

Einige Gardinen an den Häusern gegenüber wackelten kurz, so als würde jemand schauen, was da draußen los sei – aber das musste wohl eine Täuschung gewesen sein, im nächsten Moment war die Gardine wieder vollkommen still, Ruhe ist ja in Deutschland bekanntlich die erste Bürgerpflicht, niemand hatte etwas gesehen oder gehört.

Plötzlich eine leise, aber sehr deutliche Stimme: „Los komm, es reicht, wir gehen!“

Und eine andere Stimme antwortete: „Aber wo willst du denn hin – etwa zurück in den Süden?!“

„Ja, genau dorthin gehe ich jetzt, dorthin, woher ich einmal gekommen war, ich mache einfach das, was jetzt sogar schon an der Kirchenmauer steht: Ausländer, geht wieder nach Hause!“

Und tatsächlich, mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt:

die Türen der Geschäfte sprangen auf, zuerst kamen die Kakaopäckchen heraus mit den Schokoladen und Pralinen in ihren Weihnachtsverkleidungen – sie wollten zurück nach Ghana und Westafrika, denn dort waren sie zu Hause.

Dann erschien der Kaffee, palettenweise, der Deutschen Lieblingsgetränk und machte sich auf den Weg zurück nach Uganda, Kenia, Lateinamerika.

Ananas und Bananen räumten bereitwillig ihre Plätze und die Trauben und Erdbeeren kehrten nach Südafrika zurück.

Die Pfeffernüsse, die Spekulatius und die Zimtsterne lösten sich in ihre Bestandteile auf, denn die Gewürze in ihrem Inneren wollten heim ins indische Reich.

Der Christstollen aus Dresden hatte Tränen in seinen Rosinenaugen, als ihm bewusst wurde, dass es Mischlingen wie ihm in solch einer ausländerfeindlichen Umgebung wie hier besonders an den Kragen gehen konnte.

Auch die Schnittblumen aus Kolumbien sagten „tschüss“ – und weg waren sie.

Am folgenden Morgen, als die braven deutschen Bürger aus ihren Häusern traten und mit ihren Autos losfahren wollten, brach das Chaos aus:

alle japanischen, französischen, italienischen und schwedischen Autos waren über Nacht verschwunden und am Himmel sah man die Weihnachtsgänse heimwärts Richtung Polen oder Ungarn fliegen, gefolgt von den Seidenhemden und den Teppichen aus Fernost.

Mit Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus dem Fensterrahmen und schwirrten zurück ins Amazonasbecken, man musste aufpassen, nicht am Kopf getroffen zu werden.

Auch auf dem Erdboden lauerte Gefahr: überall sah man Rinnsale von Öl und Benzin, die sich zu kleinen Bächen vereinigten und zielstrebig Richtung Naher Osten davonflossen.

Doch der Deutsche wäre kein Deutscher, wenn er nicht für allerlei Krisenfälle Vorsorge getroffen hätte: stolz holten große deutsche Autofirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen:

der gute alte Holzvergaser sollte ganz neu aufgelegt werden und außerdem konnte man ja auch noch billige einheimische Braunkohle verschwelen und in Espenhain mal wieder so richtig schön Gas geben! „Wir brauchen kein ausländisches Öl“, behaupteten die Manager trotzig.

Doch was nützte es, selbst wenn man ein sogenanntes „deutsches“ Auto besaß:

auch diese begannen, sich in ihre Einzelbestandteile aufzulösen, das Aluminium wanderte nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien und der Naturkautschuk zog nach Zentralafrika.

Und die Straßendecke hatte mit dem ausländischen Asphalt im Verbund auch schon mal besser ausgesehen als heute.

Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, der Auszug alles Ausländischen war geschafft, gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest, nichts mit fremder Herkunft war mehr im Land, ganz Deutschland war jetzt „national befreite Zone“.

Es gab Tannenbäume, auch Äpfel und Nüsse und sogar das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde noch gesungen – aber nur mit Sondergenehmigung der Behörden, denn ursprünglich stammte es aus Österreich.

Nur eines wollte nicht so recht ins Bild passen: Maria, Josef und das Kind waren geblieben. Drei Juden. Ausgerechnet. Trotz der Schrift an der Kirchenmauer.

„Wir bleiben“, sagte Maria gerade, „wenn wir auch noch weggehen, wer will ihnen dann den Weg zeigen, zurück,

den Weg zurück zur Vernunft und zur Menschlichkeit?!“

Und das Kind in der Krippe schaut seine Mutter unverwandt an und alle konnten sehen, dass ihre Worte aus dem Herzen dieses Kindes gesprochen waren.1

Liebe Heilig-Abend-Gemeinde,

ein Menschenkind und zugleich ein Gotteskind wird geboren im Stall zu Bethlehem

und seine Eltern haben eine weite Reise hinter sich, wegen der Willkür der Herrschenden wurden auch damals schon ganze Völkerstämme durch die Länder hin und hergeschoben wie Figuren auf einem Schachbrett.

Ein Menschenkind, ein Gotteskind wird geboren im Stall zu Bethlehem

und unter den Hirten auf den Feldern von Bethlehem waren mit Sicherheit nicht lauter reinrassige Israeliten, sondern Leute, deren Eltern aus allen vier Himmelsrichtungen gekommen waren und im klassischen Transitland Palästina, dem einzigen begehbaren Landweg zwischen den Großreichen Ägypten und Zweistromland – links das Mittelmeer, rechts die Wüste, nur ein schmaler Landstreifen dazwischen – aufeinandergetroffen, einander näher gekommen waren mit dem jeweiligen Ergebnis neun Monate später …

Ein Menschenkind, ein Gotteskind wird geboren im Stall zu Bethlehem

und Ausländer, Weise aus dem Morgenland machen sich von weither auf die beschwerliche Reise, um diesem Menschen- und Gotteskind ihre Aufwartung zu machen,

und die fromme Deutung dieser Geschichte hat in den drei Männern die Repräsentanten der ganzen damals bekannten Welt erkannt:

ein Vertreter Europas,

ein Vertreter Asiens

und ein – dunkelhäutiger – Vertreter Afrikas.

Ein Menschenkind, ein Gotteskind wird geboren im Stall zu Bethlehem und Gott selber begegnet allen seinen Menschenkindern, egal, welche Herkunft sie haben, egal, welche Hautfarbe sie tragen, egal aus welcher Kultur sie stammen, in diesem Kind.

ER spricht zu uns in diesem Kind – zu allen Menschen: ob wir nun aus dem Iran stammen oder aus Afghanistan, aus Polen oder Ungarn, aus Deutschland oder Österreich, aus Vietnam oder Mexico –

Gott spricht uns in diesem Kind, jeder und jedem von uns die gleiche Würde zu, dass nämlich jede und jeder von uns ein Menschen- und Gotteskind ist:

mit gleichem Respekt, Fairness und Anstand zu behandeln, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten begabt und beauftragt – überall auf der Welt, im Namen Gottes, der selber ein Mensch geworden ist.

Liebe Heilig-Abend-Gemeinde,

der reinrassige europäische Nationalstaat ist ein Phantasiegebilde aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert – und erst recht der angeblich reinrassige deutsche Nationalstaat:

wie Israel ist auch Deutschland ein Transitland, ein Land in der Mitte eines Kontinentes und viele Jahrhunderte hindurch zogen Händler und Kriegsheere, Abenteurer und Eroberer, Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge kreuz und quer durch Europa und gerade auch mitten durch Deutschland hindurch und

die fremden Frauen mit den einheimischen Männern und die einheimischen Frauen mit den fremden Männern haben dann sicher nicht nur Tee getrunken und Bilderbücher angeguckt …

Bitte wenden Sie jetzt einmal ihren Kopf kurz nach links und dann noch einmal nach rechts und betrachten Sie für einen Moment ihre linke Nachbarin oder ihren rechten Nachbarn:

und Sie können sicher sein, dass mindestens zu einem Achtel, einem Sechzehntel oder einem Zweiundreißigstel ein Franzose, ein Pole, ein Böhme, eine Italienerin, eine Marokkanerin oder eine Jüdin neben Ihnen sitzt:

mein Urgroßvater kam um 1900 aus Böhmen hierher in unsere Gegend, nach Gößnitz – wegen der Arbeit kamen vor hundert Jahren die Menschen zu uns hierher! – und ich denke oft darüber nach, welche Gene mir dieser Urgroßvater wohl aus Mittelosteuropa mitgebracht hat …

Und Gott sei Dank hat es immer wieder in der Geschichte diese Wanderungsbewegungen gegeben,

auch wenn das für die Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, in der Regel niemals eine schöne Sache ist,

sie verlassen sehr selten freiwillig, sondern fast immer unter dem Druck eines Krieges, einer Hungersnot, einer Verfolgung, einer Arbeitslosigkeit ihre Heimat und kommen in ein fernes Land,

sie wandern aus und woanders ein: von Asien nach Europa, von Afrika nach Nordamerika oder von Thüringen nach Nordrhein-Westfalen oder nach Bayern …

Gegenden, in die jahrhundertelang kein Fremder Zugang findet, in denen die Leute nur untereinander heiraten, soll es wohl nicht so besonders gut gehen …

und was es für eine menschliche, wirtschaftliche und ökologische Katastrophe für ein Land darstellt, wenn es sich einmauert und gegen allen Austausch mit Fremden, mit Außenstehenden, mit Ausländern abschottet, haben die über Dreißigjährigen unter uns in der Deutschen Demokratischen Republik noch selber miterlebt und hoffentlich nicht vergessen.

Ich möchte nicht Weihnachten feiern, ohne gerührt und mit Inbrunst das aus Österreich stammende Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen

und ich bin froh, dass die aus Nordafrika stammenden Rosinen in meinem Seelingstädter Stollen nicht verschwunden sind

und ich freue mich, dass ich morgen zusammen mit meiner Familie in unserem japanischen Auto, das in der Türkei gebaut wurde, zu den Schwiegereltern, Schwägerinnen, Nichten und Neffen fahren kann …

Wir alle,

mit unserer faktisch gelebten Internationalität – ob uns die nun bewusst ist oder nicht –

wir alle sind

- mit unseren Herkunftsgenen und in unserem Lebensalltag, in unserer Kühltruhe und in unserem Backofen, an unseren Gabentischen und mit unseren Geschenken für die nachher beginnende Bescherung –

wir alle sind mit unserer Abstammung und Prägung genau richtig hier in dieser Christvesper, vor dieser Krippe mit diesem Kind.

Jesus aus Nazareth ist der irdischen Abstammung nach ein Jude, ein Israelit, der göttlichen Bestimmung nach für uns alle, uns zugute

ein Gotteskind,

und ER lehrt und vermittelt und schenkt uns, dass wir alle, alle Menschenkinder und Gotteskinder sind:

auch der 16tel Franzose oder die ganze Inderin neben dir – sie sind ein Menschenkind und ein Gotteskind – genauso, wie du selber eines bist.

Der Friede dieses Gottes- und Menschensohnes Jesus Christus, der höher ist als wir alle zu begreifen vermögen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen

1 Vgl. Helmut Wöllenstein, Märchen vom Auszug aller „Ausländer“, in: Volker Bauch (Hg.), Eine schöne Bescherung. Heitere Weihnachtsgeschichten, Leipzig 2003, 20-23.