Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Jesaja 42,1-4

Pfarrer Uwe Sundermann

13.01.2002 in Schieder-Schwalenberg

Zur Situation des Gottesdienstes:
Hintergrund der nachfolgenden Predigt ist eine klar zu umreißende seelsorgerliche Situation. Vorangegangen ist das Gespräch mit einer Frau, die in einer Angelegenheit Rat gesucht hat. Bei der Gelegenheit erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte:

Aufgrund von Schwierigkeiten in ihrer Partnerschaft hat sie im vergangenen Jahr ein Beratungsgespräch gesucht. Dabei ist zum Vorschein gekommen, dass sie als etwa 10jähriges Mädchen missbraucht worden ist. Im Laufe vieler Gespräche hat sie den Mut gefunden, diese Situation offen zu benennen und sich damit auseinanderzusetzen. Die Familie ihrer Eltern und Geschwister lässt sie seitdem gewissermaßen links liegen, weil man dort der Meinung ist, dass es nicht gibt, was es nicht geben darf. Und die eigene Parnerschaft ist gefährdet, weil ihr Mann sich von ihr trennen will.

Nun wusste ich von einer Mitarbeiterin der Kirchengemeinde, dass die Frau mit ihrem Mann und ihrer Tochter an diesem Sonntag in den Gottesdienst kommen würde. Mit dem Gottesdienst musste ich also

  • auf die Situation der Frau eingehen, ohne ihr jedoch das Gefühl von Bloßstellung zu geben (darum ist das Thema „sexueller Missbrauch“ an sich nicht thematisiert),
  • der Frau Wege aufzeigen zu Mut und neuem Lebenswillen,
  • bei dem Ehemann Verständnis für die Situation seiner Frau zu werben (wenn schon ihre eigene Familie nichts davon wissen will),
  • und ihm deutlich machen, dass Rückenstärkung von ihm ihr viel helfen kann beim Aufarbeiten der Vergangenheit.

Die Rückmeldung nach dem Gottesdienst hat mir gezeigt, dass die Predigt gerade bei dieser Familie viel innerlich in Bewegung gesetzt hat.



Gottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias

Lieder:
„Licht, das in die Welt gekommen“ (EG 552, 1-3+6);
„Du höchstes Licht, ewiger Schein“ (EG 441, 1-3);
„O König aller Ehren“ (EG 71, 1-3+6);
„Ins Wasser fällt ein Stein“ (EG 659);
„O du fröhliche“ (EG 44)

Lesung: Markus 2, 13-17
Predigt: Jesaja 42, 1-4

Liebe Gemeinde!

I.
Ein Rohr ist eine fantastische Erfindung der Natur, ein genialer Einfall des Schöpfers. Ich denke dabei an einen einzelnen Grashalm, an ein Schilfrohr und an ein Bambusrohr. In allen Fällen besteht der Stengel dieser Pflanzen aus einem Rohr.

Ein solches Rohr ist äußerst stabil und belastbar. So kann ein Grashalm, ein Schilf- oder Bambusrohr erstaunlich lang sein - und gleichzeitig äußerst dünn. Richtig deutlich wird dieses Wunder der Natur erst, wenn wir es mit einem Hochhaus vergleichen. Bei einem Grundriss von höchstens 10m im Quadrat müsste ein Haus weit über einen Kilometer hoch sein, damit Höhe und Breite im selben Verhältnis stehen wie bei einem Grashalm oder Bambusrohr. So kühn werden wir Menschen trotz aller Technik nie bauen können. Unsere Baustoffe sind einfach nicht flexibel und elastisch dafür. Ein solches Haus wäre eine äußerst wackelige Angelegenheit!

Ein Grashalm, ein Schilfrohr und ein Bambusrohr sind dagegen äußerst widerstandsfähig. Da mag selbst ein starker Wind kommen; ein Rohr knickt nicht ab. Vielmehr lässt es sich von dem Wind hin- und herwiegen. Es hat die Fähigkeit, sich elastisch zu biegen.

Im Vergleich zu einem massiven Körper ist ein solches Rohr weitaus belastbarer und weitaus elastischer. Aus dem Grund versuchen wir Menschen das Prinzip des Rohres auch in unsere Lebensbereiche zu übertragen. Ich denke z.B. an Fahnenmasten aus Aluminium und an die Betonrohre von Windrädern und Fernsehtürmen. Außerdem ist ein Rohrauch wesentlich leichter als ein massiver Körper.

Nun geht es im heutigen Predigttext nicht um das Rohr an sich. Vielmehr wird es zu einem Bild und Vergleich für uns Menschen. Nicht nur in ein Schilf- oder Bambusrohr hat Gott starke Kraft und Widerstandsfähigkeit hineingelegt; solche Kraft und Widerstandsfähigkeit hat er auch in unsere Seele hineingelegt. Auch wir tragen in uns ein großes Maß an innerlicher Kraft - die Fähigkeit, uns anzupassen - die Bereitschaft, uns gegen den Wind zu stellen - und Elastizität, um auch manchen Sturm in unserem Leben einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Der Vergleich mit dem Rohr macht deutlich, wieviel innere Kraft Gott unserer Seele gegeben hat. Unter normalen Bedingungen sind wir also dafür ausgerüstet, dem Wind und der Bewegung des Lebens standzuhalten. Solche inneren Kräfte hat Gott uns allen mitgegeben.

II.
Ein Docht macht eine Kerze erst zu einer Kerze. Ohne Docht ist eine Kerze lediglich ein Klumpen Wachs. Ohne Docht kann eine Kerze auch nicht brennen. Man müsste den Klumpen Wachs schon in einen Topf legen, das Wachs extrem erhitzen, bis es verdampft. Und dann könnte man den aufsteigenden Wachsdampf entzünden. Aber auch das würde keine richtige Kerzenflamme ergeben, sondern ein diffuses Licht - ähnlich wie bei einer flambierten Speise.

Das Wichtigste an einer Kerze ist also der Docht. Der zieht das flüssig gewordene, heiße Wachs aus der Mitte der Kerze nach oben. Dort verdampft das flüssige Wachs aufgrund der Hitze der Kerzenflamme. In der Flamme wird der aufsteigende Wachsdampf verbrannt. Der Docht trägt somit die Kerzenflamme.

Nun geht es aber auch nicht um den Docht an sich, nicht um ein Fachsimpeln über die Funktion einer Kerze. Vielmehr wird auch hier der Docht als Bild für uns Menschen gebraucht.

Gott der Schöpfer hat uns nicht nur innere Kraft mitgegeben, sondern er hat unserem Leben einen Sinn, eine Bestimmung gegeben. Der Sinn unseres Leben besteht darin, dass wir - wie der Docht einer Kerze - Licht tragen. Entsprechend sagt Jesus in der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Matthäus 5, 14) Das ist ein schönes Bild für uns Menschen. Wir sind Lichtträger - genau wie der Docht einer Kerze. Wir können und sollen das Licht, das Gott uns Menschen gibt, zu anderen Menschen weitertragen, damit es auch in deren Leben hell wird.

Hell geworden ist es in der Welt durch Jesu Geburt und dann noch einmal durch Jesu Auferstehung. An Weihnachten stellt sich Gott an unsere Seite. In Jesus stellt er sich mit unter die Bedingungen, unter die Freude und die Sorge unseres Lebens. Mit Jesu Geburt gibt er uns ein sichtbares Zeichen, wie sehr er uns liebt. Und an Ostern beweist er, dass nichts und niemand uns von dieser Liebe trennen kann. In Jesu Auferstehung hat er selbst die Macht des Todes besiegt.

Gott schenkt uns seine Liebe, so gewiss Jesus für uns geboren, gestorben und auferstanden ist. Gottes Liebe macht unser Leben hell. Gottes Liebe ist das Licht, das wir zu anderen Menschen weitertragen dürfen.

III.
Nun spricht unser Predigttext von einem „geknickten Rohr“ und von einem nur noch „glimmenden Docht“ (42, 3).

Wenn ein Grashalm, ein Schilfrohr oder ein Bambusrohr geknickt wird, dann ist die wundervolle Konstruktion kaputt. Dann kann es sich nicht mehr elastisch nach dem Wind wiegen. Dann hat es auch keine Stabilität mehr. Ich könnte dieses Bambusrohr auch nicht mehr in der vollen Länge verwenden, sondern allerhöchstens ein Stück davon - eben von dem einen Ende bis zu der abgebrochenen Stelle. Ein „geknicktes Rohr“ hat einen bleibenden Schaden.

Ein „glimmender Docht“ ist kurz davor, vollständig zu verlöschen. Er trägt keine Flamme mehr. Wohl gibt es an diesem Docht noch heißen Wachsdampf, der verbrennen könnte, aber es ist ja keine Flamme mehr da, die diesen Dampf entzünden kann. Wenn bei einem „glimmenden Docht“ nicht umgehend gehandelt wird, dann ist die Kerze vollständig aus. Dann gibt es keinen Wachsdampf mehr, das flüssige Wachs kühlt sich ab und wird fest. Und dann bedarf es einer erneuten Anstrengung, diesen Docht zum Brennen zu bringen.

„Das geknickte Rohr“ und „der glimmende Docht“ sind Bilder dafür, wie die Lebenskraft und die Bestimmung, die Gott in uns hineingelegt hat, auch zerbrechen kann. Das kommt nicht einfach so, nicht einfach von selbst, sondern es braucht schon eine Macht- und Gewalteinwirkung von außen. Ein solches Bambusrohr muss von jemand anders bewusst gebrochen werden, sonst knickt es nicht. Und bei eine brennende Kerze muss schon jemand bewusst auspusten, muss die Flamme vom Docht wegpusten, damit der Docht nur noch glimmt.

In diesen Bildern ahnt man, wieviel Gewalt auf einen Menschen äußerlich oder innerlich ausgeübt werden muss, damit es soweit kommt. Dazu kommt es nicht schon durch eine „fünf“ in Mathe oder durch eine betriebsbedingte Kündigung, wenn sich die Auftragslage verschlechtert.

Dazu kommt es, wenn einem jungen Menschen immer wieder eingeredet wird: „Du kannst nichts. Du wirst es sowieso zu nichts bringen. Sieh doch deinen Bruder und deine Freunde; die bringen gute Arbeiten nach Hause! Aber bei dir frage ich mich, was aus dir überhaupt mal werden soll!“ Und dazu kommt es, wenn die Atmosphäre am Arbeitsplatz so vergiftet ist, dass man sich gegenseitig anschwärzt und fertig macht. Oder wenn einer von seinen Arbeitskollegen aus dem Betrieb herausgemobbt wird. Solche Erfahrungen können einen Menschen knicken und seine Lebensflamme unterdrücken.

IV.
Die Gewalteinwirkung gegen einen Menschen kann so stark und so nachhaltig sein, dass bleibende Schäden entstehen. Und die können nicht mal eben wieder gutgemacht werden. Offenbar hat der Predigttext solche Situationen vor Augen. „Das geknickte Rohr wird... nicht gänzlich zerbrochen“, es wird in irgendeiner Form also wieder aufgerichtet werden, aber es bleibt geknickt. Die verletzte Stelle bleibt spürbar und sichtbar. Und ob „der glimmende Docht“ wieder eine helle Flamme tragen wird, bleibt offen. Es wird ja nur vorsichtig versprochen, dass „der glimmende Docht nicht ausgelöscht wird“.

Der Schaden eines geknickten Bambusrohres bleibt. Auch der Docht einer Kerze nimmt Schaden, wenn er lange Zeit vor sich hin glimmt. Genauso gibt es auch bei uns Menschen Schäden, die nicht einfach wiedergutgemacht werden können. Schäden, die da sind und da bleiben und die man nicht ungeschehen machen kann.

Hier wird uns also keine heile Welt vor Augen gemalt. Hier wird auch nicht leichtfertig gesagt: „Glaube an Gott, dann wird in deinem Leben alles gut.“ Das stimmt so nicht. Vieles in unserer Welt kann nicht einfach rückgängig gemacht werden. Der Predigttext malt die Wirklichkeit nicht rosarot, sondern sieht, wie sie ist: gebrochen und der Hilfe bedürftig.

Von klein auf machen wir die Erfahrung, dass manches nicht repariert werden kann. Das fängt schon in dem Alter meiner Kinder an. Mein Sohn kommt immer wieder an und bittet mich, dass ich eines seiner Spielzeuge „heile machen“ soll. In der Regel kann ich seinem Wunsch auch entsprechen.

Aber in der vergangenen Woche ging das wieder einmal nicht. Von seiner Spielzeugbohrmaschine war die Halterung für die Batterien abgebrochen. Da kann man nichts mehr reparieren. Ich kann jetzt nur noch Heißkleber nehmen und die Bohrmaschine zukleben - aber eben, ohne dass sie sich durch die Kraft von Batterien drehen kann. Das zu erfahren, war für meinen Sohn ein trauriger Moment.

Die heile Welt, die wir so gern hätten, gibt es nicht. Manche Erfahrungen sind so schwer, manche Gewalteinwirkung so gravierend, dass sie einem Menschen bleibenden Schaden zufügen. Man denke nur an die entsetzlichen Bilder, die sich während des Krieges in viele Menschenseelen eingebrannt haben. Bilder, die die Betroffenen zeitlebens nie wieder loswerden.

V.
Das geknickte Rohr und der glimmende Docht zeigen nicht nur die Einwirkung einer von außen kommenden Gewalt; sie sind auch Bilder für die inneren Kräfte, die uns Menschen gegeben sind.

Wenn beispielsweise ein Grashalm abgeknickt hat, dann vermag sich dieser Halm wieder aufzurichten. Denn ein Grashalm - und genau so ein Schilfrohr und ein Bambusrohr - besteht nicht nur aus einem langen Rohr, sondern über das Rohr verteilt sind einige Gelenke. Wenn der Grashalm nun an einer Stelle abgeknickt ist, setzen am nächst folgenden Gelenk Wachstumsbewegungen ein. Dadurch richtet sich der Halm nach und nach wieder auf.

Ähnlich trägt auch ein glimmender Docht noch eine gewisse Kraft in sich. An einem glimmenden Docht ist es nämlich noch einen Moment lang so heiß, dass noch etwas flüssiges Wachs verdampft. Wenn man in diesem Moment ein brennendes Streichholz in die Nähe des Dochtes hält, entzündet sich der noch aufsteigende Wachsdampf wieder und die Flamme springt von dem Streichholz auf den Docht über, ohne dass man den Docht selber entzünden muss.

Gott hat uns jedem von uns ein gewisses Maß an inneren Kräften gegeben. Zu diesen Kräften zähle ich auch die Zuversicht, die wir durch das Gebet und durch unseren Glauben schöpfen. Dank dieser inneren Kräfte können wir uns in vielen Situationen wieder aufrichten, wieder regenerieren. Das hat Gott auch bei uns Menschen wunderbar angelegt.

Allerdings reichen diese Kräfte nur bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann kommt jeder Mensch an eine Grenze. Die Erfahrung von Gewalt kann so erdrückend sein, dass man sich nicht mehr selber helfen kann. Und die Last auf unserer Seele kann so schwer sein, dass die Kräfte unserer Seele damit nicht allein fertig werden können.

In solch einer Situation brauchen wir in besonderer Weise die Unterstützung von Menschen an unserer Seite. Dann brauchen wir die Hilfe von Fachleuten, seien es Seelsorger oder Psychologen. Für solche Lebenssituationen gibt es bei uns in Schieder kompetente Begleitung durch die SOS-Beratungsstelle in der Schillerstraße. Weitere Beratungsstellen gibt es in Detmold und in anderen lippischen Städten. Aber am wichtigsten ist das Verständnis und die Unterstüzung durch die Menschen im unmittelbaren Umfeld.

VI.
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (42, 3) - Dieses Bibelwort wirft ein kritisches Licht auf die Verhältnisse in unserer Gesellschaft. Es fragt nach der Art und Weise, wie wir denn mit den Menschen umgehen, die dem geknickten Rohr oder dem glimmenden Docht gleichen.

Es ist leider die traurige Realität, dass das geknickte Rohr oftmals vollständig abgebrochen wird. Und bei dem glimmenden Docht wird oftmals noch nachgeholfen, damit er schneller verlorschen ist. In unserer Ellenbogengesellschaft werden solche Menschen allzu oft an den Rand gedrückt. Sie bleiben außen vor. Und letztlich werden sie zu Verlierern abgestempelt.

Schon an den Schulen teilt sich das Feld mehr und mehr auf. Auf der einen Seite sind die, die es packen, die ihren Schulabschluss schaffen. Auf der anderen Seite sind die, die aus den unterschiedlichsten Gründen Schiffbruch erleiden, die aussteigen oder die an einer festen Zukunft überhaupt kein Interesse haben.

Diese Kluft zieht sich weiter durch das Berufsleben. Die einen bekommen festen Boden unter den Füßen. Wer aber mehrmals seine Stelle verloren hat oder längere Zeit arbeitslos ist, droht den Anschluss zu verpassen. Man fragt sich: Wie kann es in unserer Gesellschaft weitergehen? Und wenn einem Menschen Unrecht widerfährt, dann werden die oft einfach allein gelassen. Man schaut nicht hin und tut so, als hätte man nichts gesehen.

Vor einigen Jahren habe ich mich einmal an unser Landeskirchenamt gewendet und darauf aufmerksam gemacht, dass einem Menschen Unrecht geschah. Noch heute weiß ich, was mir damals selbst von dieser Seite geantwortet wurde: „Herr Sundermann, das mag so sein, wie Sie mir das schildern. Aber ich kann mich da nicht einmischen und nicht für eine Seite Partei ergreifen.“

Im Alten Testament finden wir eine erschütternde Geschichte, was einer jungen Frau Furchtbares angetan wurde (2. Sam. 13). Anstatt ihr beizustehen, ihr zu helfen und ihr Recht zu verschaffen, bekommt sie gesagt: „Schweig still!... Nimm dir die Sache nicht so zu Herzen... So blieb Tamar einsam im Hause ihres Bruders Absalom.“ (2. Sam. 13, 20)

Das ist eine feine Gesellschaft, in der wir leben! Wir sind drauf und dran, wie der Priester und der Levit in der Geschichte von dem barmherzigen Samariter an dem Verletzten vorüberzugehen (Lukas 10, 25-37)!

VII.
Gut, dass einer anders ist! Gut, dass einer bei dieser Ellenbogenmentalität nicht mitmacht! Gut, dass sich einer weigert, wie der Großteil unserer Gesellschaft zu denken und zu handeln! Gut, dass es wenigstens ein Sandkorn im Getriebe unserer Welt gibt! Dieser eine ist Jesus. Von ihm wird in unserem Predigttext gesagt: „Er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen, und er wird den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ (42, 3)

Jesus wird das geknickte Rohr zumindest wieder aufrichten. Und den nur noch glimmenden Docht wird er wieder so entzünden, dass er eine Flamme trägt. In seiner Gemeinschaft können wir aufatmen. Seine Gegenwart gibt uns Hoffnung. Denn er behandelt die Geknickten nicht so, wie die Welt sie behandelt. Sondern er ist barmherzig mit ihnen. Er erkennt ihre Schwachstelle und richtet sie behutsam wieder auf.

Jesus sieht nicht nur unser Äußeres, die Fassade, mit der wir uns umgeben, sondern er sieht auch unser Herz. Er kennt unsere innere Dimension. Jesus sieht nicht nur unsere offenkundigen Stärken und Schwächen, sondern weiß auch um den Zustand unserer Seele. So wird beispielsweise einmal ein Gelähmter zu ihm gebracht in der Erwartung, er möge ihn heilen. Jesus aber erkennt, dass dieser Mann zu allererst Vergebung braucht, um mit Gott wieder ins Reine zu kommen (Markus 2, 1-12).

Jesus verurteilt auch keinen Menschen von vornherein. Über keinen bricht er den Stab. Im Gegenteil! Er gibt denen, die zu ihm kommen, grundsätzlich die Chance, neu anzufangen. Während eines offiziellen Essens tritt einmal eine Prostituierte an ihn heran, um seine Füße zu salben. Während sich die Anwesenden darüber aufregen, lässt Jesus diese Frau gewähren, weil er sieht, dass positive Kräfte in ihr in Bewegung gekommen sind (Lukas 7, 36-50). Auch einer Frau, die beim Ehebruch ergriffen wird, schenkt er Vergebung und einen neuen Anfang (Johannes 8, 2-11).

Gerade die Ausgegrenzten nimmt Jesus in seine Gemeinschaft mit hinein - und nicht selten auch in seine Tischgemeinschaft (Markus 2, 13-17). Jesus geht denen nach, die durch ihr Lebensschicksal Gott aus den Augen verloren haben (Lukas 15). Denn - so sagt er - er „ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lukas 19, 10) Gerade diesen schenkt er seine Liebe und das Vorrecht, Gottes Kinder zu sein. Gerade diese macht er zu Bundesgenossen in dem Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat (42, 1.3).

Für Jesus gibt es keine Abgestempelten, keine ewigen Verlierer und keine hoffnungslosen Fälle. Gerade die Zukurzgekommenen können sich freuen. Denn sie werden Anteil an Gottes Reich bekommen (Matthäus 5, 3-12 und Lukas 6, 20-23).

VIII.
Von dem, der so feinfühlig, so barmherzig und liebevoll mit den Geknickten umgeht, heißt es am Ende unseres Predigttextes: „Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichtet.“ (42, 4) Mit den Stichworten „nicht verlöschen“ und „nicht zerbrechen“ nimmt dieser Satz Gedanken aus dem Vorhergehenden auf. Möglicherweise wird damit folgendes angedeutet:

Wenn Jesus auch „nicht zerbrechen wird“, so wird er im Laufe seines Weges wohl auch geknickt wie das geknickte Rohr. Und wenn Jesus auch „nicht verlöschen wird“, so wird er wohl zeitweise nur noch als ein glimmender Docht erscheinen. Offenbar nimmt Jesus selbst Schaden, wenn er den Verlorenen nachgeht und die Geknickten wieder aufzurichten versucht.

Nicht alle sind von Jesus begeistert. Nein, mehr und mehr stößt Jesus auf Widerstand. Es sind vor allem die Gelehrten und die Theologen. Sie fürchten um ihren Einfluss und um ihre Stellung. Ihre Feindschaft gegen Jesus bricht offen auf, als Jesus die „Zöllner und Sünder“ in seine Gemeinschaft hineinnimmt. Denn damit werden die geltenden religiösen Gesetze auf den Kopf gestellt. Am Ende, als ihm, auch noch mit falschen Zeugen der Prozess gemacht wird, steht er vollends da wie ein „geknicktes Rohr“.

Das letzte Abendessen mit seinen Jüngern, das Ringen um seinen Weg im Garten Gethsemane, die Gefangennahme, die Verurteilung, die Verspottung und Misshandlung durch die Soldaten, schließlich die Hinrichtung und sein Tod - das alles sind Stationen auf dem Weg, wo Jesu Lebenslicht Stück für Stück an Glanz verliert. Am Ende, als er in das Grab gelegt wird, scheint sein Lebenslicht verloschen zu sein. Da gleicht er einem nur noch „glimmenden Docht“.

Aber - Gott lob! - ist dieser „glimmende Docht“ wieder zum hellen Feuer geworden, als Jesus am Ostermorgen zu neuem Leben auferstanden ist! Glücklicherweise hat Gott selbst Jesus wieder aufgerichtet und zu neuer Macht und Herrschaft eingesetzt!

Um die Schwachen aufzurichten und den Kaputten eine neue Chance zu geben, geht Jesus das Risiko ein, selbst schwach zu werden und kaputt zu gehen. So sehr stellt er sich an die Seite der geknickten Rohre und der glimmenden Dochte, dass er selber geknickt wird und schließlich verglimmt. Zwischen den Zeilen wird somit Jesu Leiden und Sterben angedeutet.

Von diesem Gedanken aus ergibt sich, wie wir Christen uns den Geknickten gegenüber verhalten sollen. „Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36) „Seid unter euch so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus entspricht!“ Also „tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst! Jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient!“ (Philipper 2, 3-5)

Amen.