Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Jesaja 55,10-11 + Römer 8,18-23 + Matthäus 13,1-23

Pater Stefan Jagoschütz OSB (rk)

13.07.2014 in der Filialkirche „Schafbergkirche“ und bei den Missionsschwestern „Königin der Apostel“ in Wien

Gemeindegottesdienst; Gottesdienst mit den Schwestern der Kongregation „Königin der Apostel“

Mitten im Leben – Frucht bringen hundertfach

Liebe ehrwürdige Schwestern, liebe Schwestern und liebe Brüder,

Unser Leben ist ständig auf Empfang. Den Eindruck hat man, wenn man sich umsieht: Nichts als mit sich selbst und ihrem Handy beschäftigte Menschen.

Gestöpselte Ohren. Denn die bunten kleinen Telefone mit ihren schmeichlerischen Formen sehen oft aus wie Spielsachen und sind doch hochgerüstete Alleskönner, die Musik abspielen und wahrscheinlich bald einmal sogar TV empfangen sollen. Die aber auch ihren genauen Aufenthaltsort verraten werden. Unsichtbarkeit wird dann zu einem teuren Privileg.

SMS-tippende Finger. Schließlich schwirren jeden Tag schätzungsweise mehr als eine Milliarde Textbotschaften durch die Netze der Welt. Nichts scheint praktischer, um Verbindungen herzustellen und Botschaften auszutauschen. Was nicht ohne Folgen bleibt. Zwölfjährige sind oft schon ziemlich gerätefixiert. In diesem Alter fangen die Kinder an, ihre Telefone schier grenzenlos zu hätscheln mit neuen Logos und Klingeltönen. Und dafür ist ihnen so schnell nichts zu teuer!1

Ein Leben auf Empfang. Aber nicht nur mit dem Mobiltelefon oder Smartphone in der Hand. Gut und schön. Und auch wichtig. Weil es darum geht, zu hören, etwas zu empfangen und aufzunehmen. Worte und Botschaften.

Daran mangelt es ja heute nicht. Es wird viel geredet. Viel zu viel. Und viel zu wenig zugehört. Nicht nur an der Theke um Mitternacht und in Konferenzen. Bloße Information, die alles ist. Wörter am laufenden Band, wie aus Wortfabriken. Wortreich aber inhaltsarm. Kann man davon leben?2

Von kärglichen Informationen nicht.

Von der Botschaft Jesu schon! Wenn man auf Empfang ist und sie wirklich hört. Wenn man ein guter „Ackerboden“ ist. Deshalb spricht Jesus auch in Gleichnissen zu seinen Jüngern und zu uns. Selbst wenn sie keine hohe Theologie schreiben. Sie haben es in sich. Sie sind nicht abstrakt, sondern konkret. Aussagekräftig. Inhaltsreich. Denn allen, die sie hören und lesen, muten sie zu, einen Zusammenhang zwischen dem Leben der Menschen und GOTT zu erkennen, einen Zusammenhang, der heutzutage alles andere als selbstverständlich ist.3

Und auch das wird, so wie die „Mobil-Telefonitis“, nicht ohne Folgen sein. Wie wir wissen. Denn einerseits werden Vorbehalte aufgedeckt, die Menschen der Begegnung mit GOTT entgegenbringen, weil sie der Wahrheit ihres Lebens nicht ins Auge blicken wollen, und andererseits zeigt sich, wie ernst es uns ist mit dem Hören, mit dem Auf-Empfang-Sein, und wie es um unsere Bodenbeschaffenheit bestellt ist.

Wie verschieden die Menschen sind, wie aufnahmewillig oder resistent, so verschiedenartig ist es auch um den Boden bestellt und damit um das Frucht-Bringen. Die einen werden mehr, die anderen weniger ertragreich sein. Das ist nun einmal so. Denn JESUS predigt kein Evangelium für eine heile Märchenwelt, nach der Devise: „Ende gut, alles gut“, in der dann alle Menschen gleich glücklich und zufrieden sein werden, sondern er spricht die Dinge an, so wie sie sind. Manchmal eben auch sperrig, aber der Lebensrealität entsprechend. Gerade so gibt es dann irgendwann eine Antwort auf unsere alltäglichen Erfahrungen.4

Jesu Botschaft aber ist kein beruhigendes „Wort zum Sonntag“, sondern ein wachrüttelndes, ein zur Tat, zum Tun drängendes Wort, um fruchtbar zu werden.

Es liegt an uns, ob wir auf Empfang sind, ob wir das, was die Botschaft Jesu für uns bereithält, aufnehmen, wachsen und tiefe Wurzeln schlagen lassen, oder ob diese Botschaft durch unseren oftmals lautstark „zwitschernden Vogel“ in uns aufgepickt und in den Dornen unseres zerstreuten und unehrlichen Lebens erstickt wird.

An der Qualität des Samens, der Botschaft, liegt es nicht, wohl aber an uns. Denn es gibt die Verständnislosen. Es gibt die Augenblicksmenschen, die im Moment Feuer und Flamme sind, aber schnell die Lust verlieren. Es gibt die Sorgenvollen, die Ängstlichen, die zwar guten Willens sein mögen, aber in der Mühseligkeit des Alltags und in dem Bekümmert-Sein ums Dasein auf Jesu Wort „vergessen“.5

Auf dem Weg JESU zu gehen, IHM nachzufolgen aufgrund unserer Taufe, CHRIST zu sein, ist ein Weg vom Anfangsglauben zu immer mehr Glauben. Denn Nachfolge, Christsein ist nicht Perfektionismus, sondern ein ständiger Blick auf den Meister, um dessentwillen man ein Hörender ist und bleibt.6

Und um dessentwillen man seine Augen nicht verschließt, seine Ohren nicht zustöpselt und mit seinen Fingern nicht schnelle SMS verschickt, sondern in der Wachsamkeit lebt. Hier und jetzt. Empfänglich ist für ein gutes Wort. Es aufnimmt und wachsen lässt und irgendwann Frucht bringt. Dreißigfach. Sechzigfach oder Hundertfach. Mitten im Leben.

1 Vgl. Manfred Dworschak, „Interessantes zur Mobiltelefonie Gesellschaft“, in: Der Spiegel, 15. März 2004.

2 Vgl. Franz Kamphaus, Limburg, 25.12.2006.

3 Vgl. Thomas Söding, Das Matthäusevangelium in der Bibel, 90.

4 Vgl. Laacher Messbuch 2014, 699.

5 Vgl. Thomas Söding, Das Matthäusevangelium in der Bibel, 94.

6 Vgl. Klaus Berger, Meditationen zu den Sonntagsevangelien, Lesejahr A, 194.