Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Johannes 12,34-36

Dr. Pfarrerin Regina Fritz (ev)

20.01.2013 in Nürnberg

am letzten Sonntag nach Epiphanias

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Johannesevangelium im 12. Kapitel:

Die Heiden sagten: „Wir haben die Schrift gelesen und wissen, was im Gesetz steht: Der Messias wird bleiben und in Ewigkeit leben. Du aber sagst, der Menschensohn würde sterben, hoch oben am Kreuz. Er, den wir kennen. Wer ist es?“

„Noch ist das Licht hell unter euch“, sagte Jesus, „doch nicht mehr lange. Hier! Schaut es an und richtet euch nach ihm, damit euch die Finsternis nicht überfällt. Denn wer in der Dunkelheit geht, weiß nicht, wohin es ihn treibt. Noch seht ihr das Licht: habt Vertrauen! Folgt ihm! Seid Kinder des Lichts!“ Dies sind seine Worte gewesen; dann ging er fort und verbarg sich vor ihnen.

Liebe Gemeinde,

Journalisten, die in diesen Tagen ein Portrait einer Partei und ihres Parteivorsitzenden machen wollen, haben es leicht. Anfang des Jahres gibt es viel Material für solche Reportagen: Im Januar halten die Parteien ihre Klausuren ab. In Kreuth und Benediktbeuern versuchen sie ihr Profil zu schärfen und publikumswirksam zu machen. Dabei stehen die führenden Parteipolitiker immer besonders im Rampenlicht, gerade jetzt im Wahljahr. Merkel, Seehofer, Gabriel, Rösler, Roth. Egal, ob rot oder grün, schwarz oder gelb, sie alle haben in den letzten Tagen in die Kameras gelächelt und gesagt, dass sie die besten Ideen für die Zukunft Deutschlands haben. Und bei allen geht es eben immer auch darum, wie der erste Mann, die erste Frau diese Ideen öffentlich vertritt.

In der Zeit, von der das Johannesevangelium erzählt, gab es auch verschiedene Parteien. Nicht politische Parteien – von Demokratie konnte damals keine Rede sein. Aber Religionsparteien gab es. Da waren zum Beispiel die Pharisäer. Die waren relativ modern und bemühten sich, die religiösen Vorschriften für ihre Gegenwart auszulegen, um sie dann auch in ihrem Alltag genau umsetzen zu können. Eine andere Partei waren die Sadduzäer. Für sie galt die Auslegung religiöser Vorschriften wenig, ihnen war der Buchstabe der religiösen Gesetze die einzige Richtschnur. Neben weiteren Parteien hatte sich dann noch eine Gruppe von Menschen um einen Wanderprediger geschart. Der gelernte Zimmermann Jesus zog durch Galiläa und erzählte vom Reich Gottes.

Auch wenn diese Gruppierungen alle etwas andere Akzente setzten, sie hatten doch so etwas wie ein gemeinsames Parteiprogramm: die jüdische Bibel. Die Heiligen Schriften verhießen den Messias. Der Gesalbte sollte kommen und mit ihm ein neues Leben für alle Menschen. Dieses neue Leben sollte dann für immer währen. Was für ein Wahlversprechen!

Dass die jüdischen Religionsparteien auf den Messias warten, hatte sich sogar bis zu denen herumgesprochen, die selber weder Pharisäer, noch Sadduzäer oder etwas anderes waren. Auch die Heiden wussten Bescheid, dass ihre jüdischen Mitbürger auf den Messias und dessen ewiges Reich hofften.

Im Johannesevangelium wird nun erzählt, dass die Anhänger der Jesusbewegung Jesus für diesen Messias hielten. Das musste für viele sehr seltsam klingen: Jesus, ein normal sterblicher Mann, ja einer, der immer wieder davon spricht, dass er sterben wird und sterben muss. Wie soll der der Messias sein? Das leuchtet auch interessierten Laien nicht ein. Ein paar Heiden, die mit der Sache an sich gar nichts zu tun haben, wollen es genauer wissen. Da Jesus gerade in der Stadt ist, gehen sie hin zu ihm, um die Sache von ihm selber erklärt zu kriegen.

Das kann man sich vielleicht ungefähr so vorstellen, wie Journalisten, die gerne mit Philipp Rösler sprechen möchten und ihn fragen, warum er sich für den geeigneten Parteivorsitzenden der FDP hält. Die Journalisten werden natürlich mit ihrer Frage erstmal nicht bis zu Rösler vorkommen. Da sind die Parteischergen davor, die solche unbequemen Frager abwimmeln. „Bitte treten Sie zurück. Herr Rösler ist momentan nicht zu sprechen.“

So ist es auch im Johannesevangelium, ein wenig vor unserem Predigtwort: Die Handvoll Heiden, die sich dafür interessiert, wer dieser Jesus jetzt eigentlich wirklich ist, die wird erstmal von zwei Jüngern abgefangen. Andreas und Philippus wollen nicht, dass ihr Herr von solchen Leuten und von solchen Fragen belästigt wird. Ob sie insgeheim selber diese Fragen stellen? „Jesus – wer bist Du für uns?“ Das Johannesevangelium berichtet davon nichts. Es wird nur erzählt, dass Andreas und Philippus zu Jesus gehen. Sie richten ihm also aus, dass da ein paar Heiden sind, die mit ihm reden wollen.

Auf der Jagd nach einem Interview lässt sich ein echter Journalist natürlich nicht von so ein paar Türstehern bei einem Parteitag einschüchtern. Der versucht dann eben backstage an den Parteivorsitzenden ran zu kommen. Ein kurzes Statement, bevor sie dann vielleicht rausgeschmissen werden, soviel wollen sie zumindest in den Kasten kriegen.

Und so machen es auch die Heiden in unserem Predigtwort. Während Andreas und Jesus noch mit Jesus reden, haben sie sich irgendwie durchgemogelt und stehen ganz in der Nähe. Sie nutzen eine Gesprächspause, um Jesus ihre Frage zu stellen: ‚Wie kann es sein, dass einige dich für den Messias halten, den ewigen, und dass du doch davon redest, dass Du am Kreuz sterben musst?‘ „Wir haben die Schrift gelesen und wissen, was im Gesetz steht: Der Messias wird bleiben und in Ewigkeit leben. Du aber sagst, der Menschensohn würde sterben, hoch oben am Kreuz. Er, den wir kennen. Wer ist es?“

Wenn Journalisten es irgendwie bis ins Hinterzimmer zu einem Parteichef geschafft haben, verlieren sie keine Zeit und platzen raus mit ihrer Frage: „Wie soll es weitergehen mit unserem Land?“ Und dann halten sie ihm gleich das Mikro hin. Die Reaktion des Parteivorsitzenden? Naja, wenn es Horst Seehofer ist, wird man was vom Erfolgsland Bayern hören und dazwischen viel „ähähäh“. Wenn es Claudia Roth ist, wird ein Statement aufgenommen werden, das plakativ und provokativ zugleich sein will. Ganz egal, wer da vor der Kamera steht: Mit so einem Statement wird nicht so wahnsinnig viel anzufangen sein. Es wird nicht wirklich Auskunft darüber geben, welche Lösungen Seehofer und die CSU für die Probleme Deutschlands bereit halten oder warum Roth und Bündnis 90/Die Grünen bei der Bundestagswahl die beste Alternative seien wollen. Die Aussagen werden eher nebulös sein.

Im Johannesevangelium sind die Heiden bis zu Jesus vorgedrungen, sie haben ihn gefragt, wofür er eigentlich steht. Und Jesus antwortet ihnen: „Noch ist das Licht hell unter euch, doch nicht mehr lange. Hier! Schaut es an und richtet euch nach ihm, damit euch die Finsternis nicht überfällt. Denn wer in der Dunkelheit geht, weiß nicht, wohin es ihn treibt. Noch seht ihr das Licht: habt Vertrauen! Folgt ihm! Seid Kinder des Lichts!“ Das ist doch auch eher nebulös formuliert! Licht, Finsternis. Vertrauen haben. Kinder des Lichts. Dabei war doch die Frage ganz schlicht. Ein einfaches: „Wer bist Du? Wofür stehst Du?“. Und dann sowas.

Die Armen! Sie stellen eine schlichte Frage und kriegen eine anscheinend klare Antwort, die beim drüber Nachdenken völlig unverständlich ist. Ein guter Journalist lässt so etwas natürlich nicht mit sich machen. Er ist vorbereitet auf solche Situationen, hat eine neue Frage parat, hakt nach. Aber da ist es schon zu spät. Der Parteichef hält die Hand vor die Kamera und sagt nur noch: „Kein weiterer Kommentar!“ und tritt ab.

Nach der Antwort Jesu, mögen die Heiden Luft geholt und zu einer Nachfrage angesetzt haben, vielleicht hat es ihnen aber auch die Sprache verschlagen. In jedem Fall: Jesus hat sich ihnen entzogen. Das Johannesevangelium berichtet: „Dies sind seine Worte gewesen; dann ging er fort und verbarg sich vor ihnen.“ Alle die um Jesus herumgestanden sind, die Jünger, die Heiden, alle bleiben zurück mit dieser Antwort. „Noch ist das Licht hell unter euch, doch nicht mehr lange. Hier! Schaut es an und richtet euch nach ihm, damit euch die Finsternis nicht überfällt. Denn wer in der Dunkelheit geht, weiß nicht, wohin es ihn treibt. Noch seht ihr das Licht: habt Vertrauen! Folgt ihm! Seid Kinder des Lichts!“ Das war‘s. Das Johannesevangelium erzählt nicht weiter, was die Umstehenden getan haben, was sie gedacht haben. Es scheint als wären sie verstummt.

Die Journalisten bei einer beliebigen Klausur, sagen wir von der SPD, die würden es wohl nicht dabei bewenden lassen, wenn sie von Sigmar Gabriel eine Antwort bekommen, die sie nicht zufrieden stellt. Sie würden weitere Statements einholen, würden sich bei den Parteimitgliedern umhören, hören, was die denken, was die beschäftigt. Hören, worüber die Genossen an der Basis reden und streiten. Die verschiedenen Aufnahmen würden sie dann zusammenschneiden. Es würde ein Collage entstehen aus den unterschiedlichen Stimmen aus der Partei, in die die Aussage des Parteichefs eingebettet wäre. Das ergäbe dann ein Bild, das nicht gestochen scharf ist, aber vielleicht doch eine Vorstellung davon vermitteln könnte, worum es Gabriel und der SPD momentan geht.

Wenn die Heiden im Johannesevangelium es wie die Journalisten machen würden und sich im Umfeld Jesu weiter umhören würden – dann würden sie Erstaunliches zu hören bekommen. Sie würden zum Beispiel die Geschichte von Lazarus hören. Von dem Mann, für den alles zu spät schien, der mit seinem Leben schon abgeschlossen hatte. Als er Jesus gesehen hat, hat er am Ende des Todestunnels Licht gesehen, hat morgens wieder einen Grund gehabt aufzustehen. Neben der Geschichte von Lazarus würden die Heiden im Johannesevangelium vielleicht auch die Geschichte von der Ehebrecherin hören. Vorwürfe und Anklagen waren auf sie herab geprasselt. Wegducken musste sie sich davor, klein machen. Schon sollten Steine geworfen werden. Da ist Jesus dazwischen und die Frau konnte sich wieder aufrichten, einen Neuanfang wagen.

Würden die Heiden aus dem Johannesevangelium diese Geschichten hören, bekämen sie womöglich ein weniger nebulöses Bild von Jesus. Sein Statement würde klarer. Denn die Geschichten zeigen, wofür Jesus steht: In seiner Nähe weitet sich die Nacht des Todes, die Nacht der Schuld, die Nacht der Angst. Die Menschen atmen auf, gehen aufrecht durch ihr Leben. Es wird hell. Es wächst die Ahnung: Wir sind Kinder des Lichts. – Dass diese Ahnung auch in uns wächst und zur Gewissheit wird, das verleihe Gott uns allen. Amen.