Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“

Pfarrer Christian Justen (ev)

01.08.2010 in der Evangelischen Kirche Birkenfeld

Literaturgottesdienst

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen ...“

Begrüßung und Einführung

Orgelvorspiel

„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ (Psalm 91,11)

Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am ersten Sonntag im August, den wir heute in einer etwas ungewöhnlichen Form feiern werden, nämlich als einen „Literaturgottesdienst“. Nicht ein biblischer Text steht heute im Mittelpunkt des Gottesdienstes, sondern ein Stück Weltliteratur, nämlich Joseph von Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“[1]. Darf man das? Darf man einfach die Bibel durch andere Literatur ersetzen? Eine solche Frage ist berechtigt. Aber das ist gerade nicht das Ziel dieses Gottesdienstes: die Bibel durch ein anderes zu ersetzen. Einer der großen Theologen des 20. Jahrhunderts hat einmal formuliert, man könne von Gott nur so reden, dass man vom Menschen rede, man könne von Gott nur sagen, wie er an uns handele. Was es mit unserem Menschsein auf sich hat, davon können wir in der Tat aber in Eichendorffs „Taugenichts“ viel erfahren, viel entdecken. Und zugleich dürfen wir aus biblischem Glauben heraus davon sprechen, wie Gottes Wort uns in diesem Menschsein trifft, wie Gottes Wort uns in unserem Menschsein anspricht.

Eichendorff hat in seine Novelle etliche Gedichte eingearbeitet, die vielleicht sogar das Grundgerüst des ganzen sind. Eines der bekanntesten handelt vom Morgen (S. 38f):

Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun so will ich fröhlich singen!

Lassen Sie uns auch heute morgen fröhlich singen und einstimmen in das Sommerlied Paul Gerhardts: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“.

Lied: EG 503,1-3+8 (Geh aus, mein Herz, und suche Freud)

Lit.: Der Herr sei mit euch.

Gde.: Und mit deinem Geiste.

Lit.: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gde.: Amen.

Lit.: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,

Gde.: der Himmel und Erde gemacht hat.

Psalm und Eingangsgebet

Wir kommen vor Gott mit Worten aus Psalm 121, einem alten Wallfahrtslied, das man im Jerusalemer Tempel sang, bevor man sich wieder auf die lange Reise nach Hause begab.

Psalm 121 (EG 753)

Eingangsgebet: Gott, unser Schöpfer, im Licht dieses Tages preisen wir dich. Durch dein allmächtiges Wort hast du alles ins Leben gerufen. Dass wir atmen, ist ein Wunder deiner Güte. Dein ist die ganze Welt, die du geschaffen. Dein ist die Nacht und dein der Tag. Dein ist die Zeit und die Ewigkeit. Wir werden niemals alle deine Geheimnisse begreifen. Aber wir nehmen aus deiner Hand, was du uns gibst. Und das ist mehr, als wir verdienen, mehr, als wir gewünscht haben, mehr, als wir fassen können. Gott, wie bist du so groß! Wenn wir dich anbeten, wird unser Herz weit! Amen.[2]

 

Lesung aus dem "Taugenichts"

Joseph Freiherr von Eichendorff wurde 1788 geboren. Er entstammte einer alten katholischen Adelsfamilie Oberschlesiens. Nachdem er an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte, versah er ab 1816 Ämter im preußischen Staatsdienst, unter anderem als Kirchen- und Schulrat der Stadt Danzig und als Oberpräsidialrat in Königsberg. Zugleich war er aber auch in hohem Maße literarisch tätig. Im Jahr 1826 veröffentlichte er sein bekanntestes Werk: Die Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Darin erzählt er von einem jungen, namenlos bleibenden Mann, der sich auf den Weg macht, um in der weiten Welt sein Glück zu suchen.

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen, mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: „Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde, und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Türe, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb Dir selber Dein Brot.“ – „Nun,“ sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.“ Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen [...]. – Ich ging also in das Haus hinein und holte meine Geige, die ich recht artig spielte, von der Wand, mein Vater gab mir noch einige Groschen Geld mit auf den Weg, und so schlenderte ich durch das lange Dorf hinaus. Ich hatte recht meine heimliche Freud’, als ich da alle meine alten Bekannten und Kameraden rechts und links, wie gestern und vorgestern und immerdar, zur Arbeit hinausziehen, graben und pflügen sah, während ich so in die freie Welt hinausstrich. Ich rief den armen Leuten nach allen Seiten recht stolz und zufrieden Adjes zu, aber es kümmerte sich eben keiner sehr darum. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinaus kam, da nahm ich meine liebe Geige vor, und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Fels und Wald und Strom und Feld.
(S. 5f)

 

Biblische Lesung und Glaubensbekenntnis

Der Taugenichts begibt sich fröhlich auf eine Reise, stolz und zufrieden sagt er seinem ruhigen Leben daheim „Adieu“ und streicht hinaus in die freie Welt. „Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte“, sagt er. Auch in der Bibel ist von vielen Reisen die Rede. Aber wenn die Bibel vom Reisen spricht, so stellt sie doch eine Erfahrung in den Vordergrund, die der Taugenichts erst später macht: Reisen birgt immer auch eine große Gefahr. Wer auf einer Reise unterwegs ist, ist den Gewalten der Natur, aber auch den Gefahren, die durch andere Menschen drohen, ausgeliefert. Zugleich lebte Israel immer in dem Bewusstsein, dass es als ganzes Volk stets unterwegs war. Das Bild vom wandernden Gottesvolk gehört zum Grundbestand des biblischen Glaubens. Darum hat sich Israel auch nie nach dem Reisen gesehnt, sondern vielmehr darum, einen Ort zu finden, an dem seine Reise ein Ende hat, einen Ort, an dem es bleiben kann, das Land, das Gott ihm verheißen hat.

Im 5. Buch Mose heißt es in Kapitel 26:

 3 Ich bekenne heute dem Herrn, dass ich gekommen bin in das Land, das der Herr, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte. 5 Mein Vater war ein umherirrender Aramäer und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk. 6 Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns einen harten Dienst auf. 7 Da schrien wir zu dem Herrn, dem Gott unserer Väter. Und der Herr erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not 8 und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, 9 und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt.

Wir antworten auf Gottes Wort mit dem Bekenntnis unseres Glaubens:

Glaubensbekenntnis

Lied: Wem Gott will rechte Gunst erweisen

 

Verkündigungsteils

Der Taugenichts, so erzählt Eichendorff, macht sich also auf den Weg in die weite Welt hinein. Schon bald begegnet er zwei vornehmen Damen, die in einem Reisewagen unterwegs sind und ihn einladen, sie auf ihrer Fahrt zu einem gräflichen Schloss in der Nähe von Wien zu begleiten. Dort erhält er eine Anstellung, zunächst als Gärtner, später dann als Zolleinnehmer. Als solcher hat er im Grunde – nichts zu tun, außer es sich gut gehen zu lassen. Ein gemütliches, behagliches Leben mit viel Bequemlichkeit und wenig Arbeit führt er.

Dass er es sich so einrichtet, das verwundert. Denn eigentlich war er – so berichtet er es – ausgezogen, weil er der Enge des gutbürgerlichen Lebens entfliehen wollte, weil er auf der Suche nach einem Leben war, das sich von dem der gewöhnlichen Menschen unterschied, deren Leben sich nur um ihre Arbeit und ihr Zuhause drehte, die es sich im Leben gut und bequem eingerichtet hatten. Und nun wird er selbst zu einem Spießbürger, zu einem „Philister“, wie man damals etwas spöttisch sagte?

In der Tat: Sein Dasein wird dem des normalen Spießbürgers zum Verwechseln ähnlich. Mit einem Unterschied: Sein Leben ist ganz frei von Arbeit und Mühe. Er darf es sich gut gehen lassen, ohne wirklich einen Finger dafür rühren zu müssen. Nicht nur, dass er den ganzen Tag im Schlafrock zubringen kann, gemütlich seine Pfeife rauchend. Er kann es sich sogar leisten, die Kartoffeln im Garten durch Blumen zu ersetzen, er braucht sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen zu machen, sondern darf einfach die Schönheit von Gottes Schöpfung genießen. Der Taugenichts scheint seinem Ziel nahe zu sein, ein Leben zu führen, das einem „ewigen Sonntag“ gleicht, das einem Leben gleicht, wie es Adam und Eva einst im Paradies vergönnt war, als das menschliche Tun noch nicht unter dem Fluch von Beschwernis stand, als der Mensch noch nicht die Arbeit im Schweiße seines Angesichts zu verrichten hatte.

Doch es ist auch ein anderes, was ihm das Leben beim gräflichen Schloss so angenehm, so paradiesisch werden lässt: die Liebe. In eine der beiden Damen, die ihn in der Kutsche mitgenommen haben, verliebt er sich Hals über Kopf. Er weiß zugleich, dass die Verwirklichung dieser Liebe unerreichbar ist. Denn seine Angebetete, von der er stets als der „schönen gnädigen Frau“ spricht, hält er für die Tochter des Grafen.

Orgelmusik

Eines Tages jedoch gerät für den Taugenichts alles ins Wanken, stürzen all seine Träume in sich zusammen. Seine schöne gnädige Frau, so meint er es erfahren zu haben, ist einem anderen Mann versprochen. Seine paradiesgleiche Welt, in der er es sich gerade so schön eingerichtet hat, zerbricht. Und er klagt:

Alles ist so fröhlich, um dich kümmert sich kein Mensch. – Und so geht es mir überall und immer. Jeder hat sein Plätzchen auf der Erde ausgesteckt, hat seinen warmen Ofen, seine Tasse Kaffee, seine Frau, sein Glas Wein zu Abend, und ist so recht zufrieden; selbst dem Portier ist ganz wohl in seiner langen Haut. – Mir ist’s nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet. (S. 20)

Für den Taugenichts ist diese bittere Erkenntnis das Signal zum Aufbruch. Er muss weiterziehen, er muss einen Ort suchen, an dem er sein „Plätzchen auf der Erde“ findet. Der Portier des Schlosses hatte ihm oft von Italien, besonders von Rom vorgeschwärmt. Und so macht er sich zu Fuß auf den Weg nach Rom.

[Ich ging] rasch fort und kam immer mehr von der Landstraße ab, mitten in das Gebirge hinein. Der Holzweg, auf dem ich fortgelaufen war, hörte auf und ich hatte nur noch einen kleinen wenig betretenen Fußsteig vor mir. Ringsum war niemand zu sehen und kein Laut zu vernehmen. Sonst aber war es recht anmutig zu gehn, die Wipfel der Bäume rauschten und die Vögel sangen sehr schön. Ich befahl mich daher Gottes Führung, zog meine Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stücke durch, dass es recht fröhlich in dem einsamen Walde erklang.

Mit dem Spielen ging es aber auch nicht lange, denn ich stolperte dabei jeden Augenblick über die fatalen Baumwurzeln, auch fing mich zuletzt an zu hungern, und der Wald wollte noch immer gar kein Ende nehmen. So irrte ich den ganzen Tag herum, und die Sonne schien schon schief zwischen den Baumstämmen hindurch, als ich endlich in ein kleines Wiesenthal hinaus kam, das rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im Abendgolde herum flatterten. Hier war es so einsam, als läge die Welt wohl hundert Meilen weit weg. Nur die Heimchen zirpten, und ein Hirt lag drüben im hohen Grase und blies so melancholisch auf seiner Schalmei, dass einem das Herz vor Wehmut hätte zerspringen mögen. Ja, dachte ich bei mir, wer es so gut hätte, wie so ein Faulenzer! unser einer muss sich in der Fremde herumschlagen und immer attent sein. (S. 30)

Wir spüren deutlich: Hier spricht ein innerlich zerrissener Mensch. Hier spricht ein Mensch, für den durch seine ganze Welt ein Riss geht. Alle Schönheit dieser Welt, alle Wunder, die Gottes Schöpfung bereithält, all das, was später in der Novelle als „das Bilderbuch Gottes“ bezeichnet wird, all das behält für den Taugenichts zwar stets seine Faszination. Aber er merkt doch, dass er in all dem ein Fremder bleibt, dass er darin keine Heimat hat. Das ist vielleicht sogar das Motiv, welches Eichendorffs Novelle vom Taugenichts am ehesten durchzieht: Die Sehnsucht, die Suche nach der Heimat, nach dem Ort, wo der Mensch wirklich ganz an seinem rechten Platz angekommen ist, nach dem Ort, wo es gut sein, wo es gut bleiben ist.

Gerade darin trifft sich aber die Erzählung vom Taugenichts auch mit dem, was die Bibel vom Menschen zu berichten weiß. Auch die Bibel erfährt die Welt als eine zerrissene Welt, als eine Welt, die auf der einen Seite gut und schön ist, als eine Welt voller Wunder Gottes; und auf der anderen Seite ist aus biblischer Sicht die Welt doch auch ein Ort, an dem der Mensch seinen wahren Frieden, seine wahre Ruhe doch niemals so recht finden kann. Die Sehnsucht nach dem gelobten Land, nach dem Land, in dem Milch und Honig fließen, ist eine unerfüllte Sehnsucht geblieben. Auch nach dem biblischen Zeugnis ist die Suche nach der Heimat das, was menschliches Leben bestimmt und antreibt. Menschliches Leben ist so stets ein Leben auf dem Weg, ein Leben im Wandern.

Orgelmusik

Auf seinem Weg nach Italien hat der Taugenichts Abenteuer und manche Gefahr zu bestehen. Auf recht merkwürdige Weise findet er dann aber Aufnahme in einem italienischen Bergschloss, wo man ihm alles zuteil werden lässt, was er sich nur wünschen kann. Wiederum scheint es ihm so, als habe er sein Ziel erreicht: ein Leben wie ein „ewiger Sonntag“, ein Leben wie im Paradies.

[Ich hatte] hier ein Leben, wie sich’s ein Mensch nur immer in der Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wusste wohl was er sprach, wenn er immer zu sagen pflegte, dass in Italien einem die Rosinen von selbst in den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wussten, dass ich keinen Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: „Tischchen deck’ dich!“ so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und Parmesankäse da. Ich ließ mir’s wohlschmecken, schlief in dem prächtigen Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch manchmal in der Gärtnerei nach. [...] So verging ein Tag nach dem andern, bis ich am Ende anfing, von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichtstun ordentlich aus allen Gelenken, und es war mir, als würde ich vor Faulheit noch ganz auseinander fallen. (S. 53f)

Ein Paradies auf Erden – der Taugenichts merkt recht bald, dass auch dies nur eine Scheinwelt bleiben muss. Ein Leben ohne Sorgen, ohne Not, ohne Mühe, ohne Arbeit – das scheint auf den ersten Blick zwar erstrebenswert. Aber auch ein solches Leben bleibt unerfüllt, auch ein solches Leben ist nicht an seinem rechten Ort, auch ein solches Leben bleibt heimatlos. Ein Leben in materieller Sorglosigkeit ist dennoch ein Leben, dem noch lange kein Lebenssinn gegeben ist. Und so ist es nur zu gut zu verstehen, dass es den Taugenichts weiter drängt, dass er wieder fort muss, dass er dem Leben auf dem Bergschloss entflieht und sich wieder auf den Weg begibt, der Stadt Rom entgegen.

[Ich erfuhr], dass ich nur noch ein paar Meilen von Rom wäre. Da erschrak ich ordentlich vor Freude. Denn von dem prächtigen Rom hatte ich schon zu Hause als Kind viele wunderbare Geschichten gehört, und wenn ich dann an Sonntags-Nachmittagen vor der Mühle im Grase lag und alles ringsum so stille war, da dachte ich mir Rom wie die ziehenden Wolken über mir, mit wundersamen Bergen und Abgründen am blauen Meer, und goldnen Toren und hohen glänzenden Türmen, von denen Engel in goldenen Gewändern sangen. – Die Nacht war schon wieder lange hereingebrochen, und der Mond schien prächtig, als ich endlich auf einem Hügel aus dem Walde heraustrat, und auf einmal die Stadt in der Ferne vor mir sah. [... Die] Stadt stieg immer deutlicher und prächtiger vor mir herauf, und die hohen Burgen und Tore und goldenen Kuppeln glänzten so herrlich im hellen Mondschein, als ständen wirklich die Engel in goldenen Gewändern auf den Zinnen und sängen durch die stille Nacht herüber. (S. 60f)

Orgelmusik

Die Beschreibung, welche der Taugenichts von der Stadt Rom gibt, lässt ihn und uns ein Stück weit spüren, wo menschliches Leben seine wirkliche Heimat finden kann. Rom sieht und sah in Wirklichkeit ganz, ganz anders aus, als es hier geschildert wird. Was hier tatsächlich beschrieben wird, ist des Taugenichts Traum – vom himmlischen Jerusalem, von der heiligen Stadt, auf die christliche Hoffnung sich zubewegt.

Die Bibel weiß von zwei Schöpfungen: Von der ersten Schöpfung der Welt am Anfang aller Zeit. Und von ihrer Neuschöpfung am Ende aller Zeit. Gott, so sagt es die Bibel, wird am Ende die Welt wieder zu dem machen, als was sie am Anfang geschaffen war: zu einer guten, zu einer wunderschönen Welt, zu einer Welt, die nicht mehr zerrissen ist, die keine gebrochene Existenz mehr führt. Diese neue Welt, dieses ewige Reich Gottes, symbolhaft gefasst im Bild vom himmlischen Jerusalem, ist das Ziel des menschlichen Lebens; von dort erhält unser Leben seinen Sinn; von dort erhält unser Leben seine Heimat.

Aber der Taugenichts gerät nun einmal doch in das irdische Rom und nicht in das himmlische Jerusalem. Und so merkt er bei aller Verwunderung über die Schönheiten dieser Stadt doch auch hier, dass er nicht am Ziel angekommen ist, dass er auch hier nicht die Heimat seines Lebens finden kann. Und schließlich fasst der Taugenichts den Entschluss, dorthin zurückzukehren, woher er gekommen ist. Er macht sich zurück auf den Weg nach Wien. Am Ende findet er wieder zum gräflichen Schloss, wo er seine unerreichbare und unglückliche Liebe kennenlernte. Und muss dann erfahren, dass die von ihm verehrte „schöne gnädige Frau“ keineswegs einem anderen versprochen war, sondern dass sie in Wirklichkeit seine Liebe erwidert und nur auf seine Rückkehr wartet. Sie ist auch keineswegs die Tochter des Grafen, sondern vielmehr die Nichte des Pförtners, so dass es keinen Standesunterschied mehr gibt, der eine Hochzeit verhindern würde. Und so findet am Ende die eine große Sehnsucht des Taugenichts ihre Erfüllung: indem er nämlich die große Liebe seines Lebens findet.

Am Beginn seiner Wanderschaft konnte der Taugenichts singen:

Den lieben Gott lass ich nur walten;
Der Lerchen, Bächlein, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs Best bestellt!

Und nun darf er feststellen: Gott hat seine Sache wirklich aufs Beste bestellt. Gott hat ihn auf seinem Weg geführt, um ihn zu dem zu bringen, was seinem Leben Sinn geben kann: nämlich die Liebe.

„Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“, so formuliert es der Apostel Johannes. Wer Liebe gefunden hat, wer einen Menschen liebt, von einem Menschen geliebt wird, der hat damit auch den Ort gefunden, der am ehesten in unserem menschlichen Leben zu einer Heimat werden kann. Wer Liebe gefunden hat, für den ist der Weg durchs Leben kein hoffnungsloser Weg mehr, der trägt auf seinem Weg stets ein Stück seiner Heimat mit sich, der hat seine Heimat in Gott gefunden, seine Heimat, der er getrost und fröhlich entgegengehen kann.

So zieht es auch den Taugenichts gleich nach der Hochzeit wieder fort, fort auf den Weg, den er nun gemeinsam mit seiner geliebten Frau gehen darf.

„O“, rief ich voller Freuden, „[...] Gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, nach Rom [...]!“ – Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloss durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut! (S. 101)

Lied: Ich bin durch die Welt gegangen, 1–3

Abkündigungen

Lied: Ich bin durch die Welt gegangen, 4+5

 

Abendmahl

Menschen benötigen auf ihrem Weg durch die Welt immer wieder Zeiten, zu denen sie Rast einlegen können, damit sie neue Kraft finden, damit sie sich stärken können für all das, was noch vor ihnen liegt. Auch der Taugenichts erzählt so etliche Male von den Wegstationen, an denen er zur Rast kam. Zu einer Rast gehört aber nicht nur die Ruhe, sondern auch die Kräftigung, das Essen, das Trinken.

Gott lädt auch uns ein, auf unserem Lebensweg immer wieder zu einer Rast zu kommen. Gott lädt auch uns ein, in Essen und Trinken Stärkung zu erhalten. Aber es geht da nicht nur um die körperliche Stärkung, sondern auch um die Stärkung der Seele. Darum feiern wir Christen das Abendmahl. Im Brot und im Wein, die wir am Tisch des Herrn empfangen, sollen wir spüren, wie gut Gott es mit uns meint. Im Brot und Wein dürfen wir erfahren, dass Gott mit uns auf unserem Weg ist.

Einsetzungsworte

Vaterunser

Christe, du Lamm Gottes

Einladung und Austeilung

Fürbitten und Segen

Fürbitten: Guter Gott, wir sind auf dem Weg durch das Leben, das du uns gabst; immer wieder dabei, die Richtung zu wechseln, unser Ziel aus den Augen zu verlieren, immer wieder entmutigt, weil der Weg so lang und unübersichtlich scheint. Und dann hängen wir uns an jeden, der vorbeikommt und uns mitnehmen will, hängen wir unsere Fahnen in jeden Wind. Hilf uns, Gott, deinen Weg nicht zu verlieren.

Wenn wir die Richtung wechseln, dann hilf, dass es dazu dient, die Liebe Jesu mit einem Mitreisenden zu teilen. Wenn wir unsere Ziele aus den Augen verlieren, lass uns neugierig bleiben auf dich. Wenn wir matt werden und der Mut uns sinkt, weil wir vergessen, dass du mit uns unterwegs bist, dann schenke uns Zeichen, dass du da bist.

Wenn wir auf der Reise sind durch deine Welt und sie uns Wüste ist und schweres Gelände, dann bitten wir dich um deine Unterstützung. Ermutige uns und schenke uns Kraft, weiterzugehen mit dir in den Spuren Jesu, der vor uns war und bei uns bleibt. Dir, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, sei Ehre, Preis und Anbetung jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.[3]

Lied: EG 369,7 (Sing, bet und geh auf Gottes Wegen)

Segen

Orgelnachspiel

 


[1]Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe: Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts. Novelle. Herausgegeben von Hartwig Schultz, Stuttgart: Reclam 2010.

[2]Nach: Reformierte Liturgie. Gebete und Ordnungen für die unter dem Wort versammelte Gemeinde, Wuppertal: Foedus-Verlag 1999, S. 115.

[3]Aus: Das neue Gottesdienstbuch. Gebete, Lesungen und Lieder für die Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres. Herausgegeben von Ulrich Kock-Blunk, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2001, S. 117.