Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Ostern 2012

Dompfarrer und Regens Ulrich Beckwermert (rk)

08.04.2012 in der Domkirche St. Petrus in Osnabrück

Mit dem Besten rechnen

Es ist Ostern, liebe Schwestern und Brüder, und alles rennt weg.

 

Mir ist das aufgefallen, als ich das Schlusskapitel des Markusevangeliums las. Und da heißt es: „Da verließen (die Frauen) das Grab und flohen, denn Schrecken und Entsetzen hatten sie gepackt.“ Wörtlich heißt es dort sogar: „Sie zitterten, waren außer sich.“

 

Es ist Ostern, und anstatt sich zu freuen rennt alles weg, bricht Panik aus. Und die, die da wegrennen, sind genau die Frauen, die am Karfreitag unter dem Kreuz Jesu aushalten. Da halten sie aus, obwohl Jesus am Kreuz langsam verblutet und erstickt.  Es wird wohl am Karfreitag, dem Todestag,  von den weinenden Frauen berichtet: aber von Zittern und Furcht und Entsetzen und Flucht ist da überhaupt nicht die Rede. Und das finde ich seltsam. Das ganze Leiden Christi, mit der ganzen Trauer und Enttäuschung: Hätten da nicht die Frauen wegrennen müssen?

 

Aber nichts davon. Sie verharren unter dem Kreuz, nehmen sogar noch den Leichnam Jesu ab und bestatten ihn. Und gehen dann nach Hause. Da ist die Hoffnung eines ganzen Volks gestorben, da haben Menschen ihre ganze Existenz auf jemanden gesetzt, der dann wie ein Verbrecher hingerichtet wird, und was machen die Frauen und nicht die, auch die Männer wie Petrus genauso: sie gehen nach Hause. Kehren ganz schnell in ihren Alltag zurück. „Ich gehe fischen“, sagt Petrus nach dem Tod Jesu und die anderen sagen: „Wir gehen auch mit.“ Nichts von Flucht und Schrecken zu hören. Im Gegenteil:  Der Alltag holt einen ganz schnell wieder ein. Und das finde ich seltsam: Der Tod, das Unheil, das wird ertragen, wird erwartet; die Auferstehung, das Heil, da rennen alle weg.

 

Was steckt dahinter: Sicher haben die Frauen und die Jünger Jesu schon länger das Ende ihres Herrn erwartet. Wie oft werden sie, wenn er nicht dabei war, unter sich gesprochen haben: „Das mit Jesus wird kein gutes Ende nehmen“. Warum ist das so: Das Unheil wird irgendwie immer erwartet, aber nicht das Heil.  Ich habe das schon oft gehört in Gesprächen mit Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, die mir gesagt haben:  „Wir mussten doch damit rechnen.“ Es scheint einfacher, an das Unheil zu glauben, als an das Heil. Die Frauen sind eben nicht vor dem Kreuz  geflohen, konnten das Unheil aushalten, aber vor dem leeren Grab, vor dem Geheimnis der Auferstehung, dem Heil der Welt, sind sie geflohen.

 

Mich erinnert das an einen Krankenbesuch vor Jahren in einer Hamburger Klinik. Ein altes Ehepaar dort.  Er liegt krank im Bett und wird nicht mehr lange leben. Sie sitzt daneben. Völlig erstarrt. „Wir haben unser ganzes Leben immer mit dem Schlimmsten gerechnet, mein Mann und ich. So sind wir nie enttäuscht worden. Auch jetzt nicht, wo die Ärzte mir gesagt haben, dass mein Mann stirbt.“

 

Und das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen: „Wir haben immer mit dem Schlimmsten gerechnet unser ganzes Leben.“  Ich wusste damals für mich: Das will ich nicht. „Immer mit dem Schlimmsten rechnen“. Natürlich kann alles passieren. Das weiß ich auch. Aber immer mit dem Schlimmsten rechnen, um bloß nicht enttäuscht zu werden, ein Leben lang?  Vielleicht ist es wirklich einfacher, an das Unheil zu glauben, als an das Heil. Und eine Statistik zeigt, dass je älter der Mensch wird, desto größer sein Zweifel, dass etwas heil wird. Je älter der Mensch, desto größer seine Zweifel an das ewige Leben.  Der Tod, das Unheil wird erwartet, das Heil nicht.

 

Ich denke auf ganz alltäglicher Ebene auch an die Menschen, die im Grunde eine gute Arbeit machen, die eigentlich ein gutes Auftreten haben, auch Erfolg haben, aber dabei immer unzufrieden sind. Oder Schüler und Studenten, die nach jeder Klausur erst mal sagen, dass alles schief gegangen ist.  An das Unheil zu glauben, ist offensichtlich viel einfacher,  als an das Heil zu glauben. Es ist wohl am sichersten, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Und vielleicht wird mancher von ihnen jetzt auch sagen: aus gutem Grund. „Sehen Sie sich doch mein Leben an, was bei mir, was bei unserer Familie passiert ist...“ Und hier können sicher viele von uns ihre Geschichte einer langen Krankheit erzählen oder von der Last und dem Frust der Arbeit oder von einem Streit, der bis heute geht oder einer Beziehung, die zu Ende gegangen ist, und können es bis heute nicht fassen.  Wenn ich mir das jetzt so überlege - eigentlich ist das richtig: immer mit dem Schlimmsten zu rechen.

 

Nur wenn das eine nicht wäre: Ostern. Ostern stellt die Welt auf den Kopf. Nicht laut und vor großem Publikum, anfangs erst vor ein paar Frauen und Männern, aber Ostern sagt uns heute genau das Gegenteil: „Immer mit dem Besten rechnen.“

 

Die Frauen, die in aller Frühe am Grab waren, wollten ihre Dienste tun, Grabpflege, wie sich das gehört. Was sollen denn die Leute denken, wenn zu Ostern das Grab nicht in Ordnung ist?

Lieber ein gepflegtes und kultiviertes Unheil, als ein Heil zu erwarten, das sowieso nicht kommt.

 

Aber das Heil ist gekommen. Um mit ihm die größte Unordnung, die man sich Ostern vorstellen kann: ein leeres Grab. Was für ein Bild wird das damals gewesen sein:  Ein umgeworfener Grabstein, der nicht an seinem Platz ist, der Leichnam ist verschwunden, ein Leichenhemd liegt herum, Frauen rennen schreiend auseinander. Das hat man vom Heil: ein riesiges Durcheinander. Und warum: Ostern rechnet nicht mit dem Schlimmsten, Ostern rechnet mit dem Besten. Und das, liebe Schwestern und Brüder, das feiern wir heute. Ostern stellt unsere Unheilsordnung auf den Kopf.

 

Auch wenn alles vergeblich erscheint, wenn nichts mehr geht, ja: wenn der Mensch schon längst tot ist. Ostern heißt: Ich rechne mit dem Besten.  Ich rechne damit, dass dieser Gott, der in Jesus Christus selbst tot war, alles zum Guten führt. Wie er das macht, das weiß ich nicht. Aber selbst wenn eine Situation so voller Spott ist, voller Erniedrigung und Schmerz und Einsamkeit und Tod wie der Karfreitag, selbst wenn der Tote schon beerdigt ist, selbst wenn er schon drei Tage im Grab gelegen hat, mit anderen Worten wenn auch der letzte seine Hoffnung aufgegeben hat und zugeben muss: „Hätte ich doch auch mit dem Schlimmsten gerechnet!“ Selbst dann rechnet Ostern anders. Jesus lebt! Ostern rechnet immer mit dem Besten.

 

Und warum: Weil Gott Ostern macht. Ostern wird ja nicht, weil wir gute Menschen sind oder besser als andere sind. Wer will das schon von sich behaupten? Ostern haben wir uns auch nicht verdient, weil wir doch zum Heil der Welt erheblich beigeträgen hätten! Wer will das behaupten? Gott macht Ostern.  Oder schöner gesagt: Gott schenkt Ostern. Im Grunde sind das ja ohnehin die wichtigsten Momente unseres Lebens: wo wir beschenkt werden.  Niemand von uns macht Freundschaft. Ein Freund, eine Freundin  ist ein Geschenk. Dass Menschen uns mögen, dass sie uns lieben, das machen wir nicht, das ist alles geschenkt.  Ostern ist ein Geschenk.

 

Denn Ostern lässt uns mit dem Besten rechnen. Und das nicht, weil wir Optimisten sind oder so erfolgreich sind, sondern weil Jesus, der tot war, lebt. Und wenn jemand grundsätzlich skeptisch ist, ein echter Pessimist, dann kann er das ruhig bleiben, er hat ja Gründe dafür, nur: Ostern geht anders.

 

Ostern nimmt auf unsere Lebenseinstellung und unsere Lebenserfahrung und unseren Charakter überhaupt keine Rücksicht. Deshalb fängt Ostern ja auch mit dem Schrecken an, dem Entsetzen, mit der Flucht. Deshalb rennen die meisten erst mal weg. Ostern ist in der Tat ein riesengroßer Schreck. Denn das  ist ein völlig neues Lebensgefühl,  auf einmal nicht mehr mit dem Schlimmsten zu rechnen. Das kann für manche, die es ganz anders gewohnt sind, entsetzlich sein, auf mal mit dem Besten zu rechnen. Denn das verändert.  

 

Das kann einen Menschen verändern, der in einer tiefen Krise steckt, das kann einen Kranken verändern, ja sogar einen Sterbenden, wenn er auf einmal mit dem Besten rechnet. Ich werde leben, weil Du, Jesus, lebst.

 

Und wie geht das: daran glauben, an das Beste, an den Auferstandenen? Papst Benedikt hat dafür ein wunderbares Wort gefunden. Er schreibt: „Den Auferstandenen findet man nicht wie ein Stück Holz oder Stein. Er offenbart sich nicht der Neugier, sondern der Liebe.“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Mit dem Besten rechnen heißt mit der Liebe rechnen.  Und keiner hat uns seine Liebe so vollendet gezeigt wie Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene.  Und deshalb, liebe Schwestern und Brüder, rechnen Sie mit dem Besten, auch wenn es ihnen jetzt einen furchtbaren Schreck einjagt. Ostern ist Erschrecken ganz normal.