Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Palmsonntag

Pfarrer Thomas Scheiner (ev)

01.04.2012 in der Ev. St. Margaretenkirche in Plüderhausen

Posaunenfeierstunde zum Thema "Vertraut den neuen Wegen" zu Beginn der Passionswoche

„Vertraut den neuen Wegen.“

Heute am Palmsonntag beginnt die Karwoche, der Weg des Gottessohnes in Leiden und Sterben, in Folter, Verspottung und Tod?

Das sollen die neuen Wege Gottes sein, die er geht und auf die er uns weist – wie wir es eingangs gesungen haben?

Das ist abstoßend und ärgerlich haben die einen gesagt – damals schon vor 2000 Jahren.

Das ist absolut unlogisch und dumm –sagten die anderen damals. Paulus hat es so formuliert: das Wort vom Kreuz ist für die Juden ein Ärgernis und für die Griechen eine Torheit (und mit „Griechen“ meinte er nicht nur die Einwohner des Peleponnes, sondern alle logisch denken-den Menschen).

Was Gott da tut, dass er Mensch wird, dass er leidet und stirbt – das ist doch hirnrissig. Das geht einfach nicht.

Bis heute tun sich Menschen schwer mit diesem Gedanken. Und schon vor 2000 Jahren wurden Christen als Esel verspottet, weil sie einen so dummen Gott am Kreuz verehrten.

Vertraut den neuen Wegen …

Das sind doch die alten Wege. Macht und Geld setzen sich durch, die Mächtigen triumphieren und die Verlierer sind am Ende die Dummen – wieder mal.

Von wegen neue Wege – das ist doch die absolute Einbahnstraße - oft befahren und ausgetreten. JA, wenn Gott diese ganzen schlimmen Verhält-nisse hinweggefegt und alle Ungerechtigkeit beseitigt hatte, das wären neue Wege gewesen. Dann könnte man vielleicht glauben.

Judas ist einer, der damit ein Riesenproblem hatte. Der hatte sich wohl gewünscht, dass Jesus als der von Gott gesandte Messias die römischen Besatzer aus dem Land fegen würde. Aber dann dieser armselige Einzug in Jerusalem, der Bruch mit dem jüdischen Establishment, als Jesus die Händler aus dem Tempel vertreibt. Und nicht das Geringste gegen die römischen Besatzer und ihre drückende Steuerlast unternimmt.

Der Verrat des Judas war vielleicht als Initialzündung gedacht, die Jesus zur Führung eines Aufstandes heraus-fordern sollte. Judas wollte Jesus die neuen Wege zeigen, auf die er gehen soll. Als Jesus sich dann ohne Gegen-wehr verhaften lässt und das Todesurteil hinnimmt, da bricht für Judas eine Welt zusammen.

Dieser Weg des Unschuldigen ans Kreuz hat viele verstört und empört – bis heute. Der Ausgang dieser Sache ist doch dem allgemeinen Lauf der Welt, so wie wir ihn beobachten, viel zu ähnlich: die Mächtigen gewinnen mit allen Mitteln, der Kleine kommt unter die Räder.

Aber: wäre es denn wirklich ein Beweis gewesen, wenn Jesus durch ein Wunder alle bösen und korrupten Mächtigen abgesetzt hätte?

Jesus selbst lehnt es in seiner Wirkungszeit immer ab, sich durch Wunder zu beweisen. Er tut sie, keine Frage, aber nicht deshalb sollen die Leute an ihn glauben. Jesus weiß von der geringen Halbwertszeit solchen Wunderglaubens. Klar, so ein Wunder ist was tolles –aber wenn dann die Niederungen des Alltags kommen, ist es doch schnell wieder vergessen. Wer nur auf Grund von Wundern glauben kann, der braucht immer wieder und immer mehr Wunder, um den Glauben (wenn es denn Glaube ist) am Leben zu erhalten. Bleiben die Wunder aus, ist dieses Strohfeuer ganz schnell erloschen und der Katzenjammer ist groß. Wie viele Menschen sind Jesus aufgrund der Wunder, die sie erlebt haben, nachgefolgt. Und haben dann am Ende beim „Kreuzige ihn“ mitgeschrien.

1. Vertraut den neuen Wegen

Man kann Gott und die Wahrheit des Glaubens niemand andemonstrieren.

Vertrauen heißt eben nicht auf Beweise und Wunder setzen sondern daran zu glauben, darauf zu vertrauen, dass Gott in diesem Jesus von Nazareth die Rettung bringt. Die neuen Wege, die Gott in Jesus geht und auf die er uns mitnehmen will, sind nicht so ohne weiteres zu

erkennen. Glaube ist hier gefragt, Vertrauen. Und das hat zunächst einmal nichts mit Beweisen zu tun.

Das ist vielmehr wie in der Liebe.

Dass meine Frau mich liebt, dass kann sie mir nicht dadurch beweisen, dass sie mir jeden Tag mein Lieblingsessen kocht. Oder ich ihr, indem ich jeden Tag mit einem Blumenstrauß vorbei komme. Das vertieft wohl nicht das Vertrauen in die Liebe des anderen. Das löst im dümmsten Fall sogar Misstrauen aus.

Ich muss mich auf einen Weg mit dem Partner einlassen, sonst erfahre ich Liebe nie. Aber wenn ich mich darauf einlasse, dann kann ich sehr wohl Spuren entdecken, die mir sagen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Genauso ist es mit dem Glauben: Vertraut den neuen Wegen heißt: lass dich in auf den Weg mit Gott. Du musst nicht den Megaglauben mitbringen, sondern einfach mal losgehen. Und sei es anfangs nur mit vorsichtig tastenden Schritten, wie auf einem unbekannten Steg. Dann wirst Du schon erkennen, dass Du auf einem richtig guten Weg bist.

2. Vertraut den neuen Wegen

Was sind das denn nun für neue Wege, die Gott hier geht.

Die neuen Wege, die Gott hier geht, führen ihn direkt an unsre Seite. Andere Götter wollen uns nur von unserer Schokoladenseite haben. Schönheit, Erfolg, Ansehen, Reichtum – all das ist bei denen gut und göttlich. Alles andere wird tunlichst ausgeklammert. Da soll jeder einzelne mal sehen, wie er damit klar kommt. Und nicht den großen Gott damit belämmern. Der hat schließlich wichtigeres zu tun.

Die Wege unseres Gottes dagegen führen ihn in all die menschlichen Niederungen hinein, die wir in unserem Leben erleben. Schuld, Krankheit, Leiden, Enttäuschungen, - all das nimmt er auf sich. All das nimmt er ernst. Mit diesem Gott an meiner Seite darf all das zu meinem Leben dazu gehören. Ich muss es nicht ausklammern oder mich gar dafür schämen.

Der Weg des Gottessohnes macht es deutlich: unser Gott ist sich nicht zu fein, zu heilig, zu groß, um Menschen unter den Bedingungen des Menschseins zu begegnen und zu begleiten. Ob in Freude und Erfolg oder im tiefsten Leid oder Trauer – in den Höhenflügen und an den Tiefpunkten– es gibt keinen Moment unseres Lebens, wo Gott uns nicht begleitet. Gerade in der Passionsgeschichte, als Jesus im Garten Getsemane zu seinem Vater fleht, merken wir es: Gott verspricht uns nicht, uns VOR allem, Leid zu bewahren. Aber er ist IM Leid an unserer Seite.

Vertraut den neuen Wegen – auch wenn sich in meinem Leben auf den ersten Blick vielleicht nichts Spektakulär ändert – mit Gott an meiner Seite, erhält es eine grundlegend neue Qualität.

Vor ihm darf ich meine Angst vor dem nächsten Zeugnis genauso zeigen wie die Trauer über meine gescheiterte Ehe. Ich kann ihm die Sorge vor der anstehenden ärztlichen Diagnose genauso hinlegen wie den Liebeskummer, der mich gerade umtreibt. Nichts ist zu unwichtig und nichts ist zu peinlich für ihn.

Ich muss es nicht ausklammern und verstecken. Im Gegenteil. Unser Gott will, dass ich es ihm zeige, will Anteil nehmen daran. Denn all das gehört zu mir und meiner Gottesbeziehung genauso dazu, wie Freude und Erfolg und all die schönen Seiten. Die neuen Wege, die Gott mit uns geht – sie umfassen unser ganzes Leben.

3. Vertraut den neuen Wegen

Wenn wir das in der Passionszeit hören, dann hat das freilich auch eine schmerzliche Komponente. Und das ist vielleicht die ärgerlichste, der wir am liebsten ausweichen, sie verdrängen würden. Denn wir müssen akzeptieren, dass Gott diesen Weg ins Leiden, in Folter,

Verurteilung und Tod, diesen Weg ans Kreuz FÜR UNS, um unseretwegen geht. Mehr als 40 mal steht in den neutestamentlichen Briefen dieses „für euch“ bzw. „für uns“ im Zusammenhang mit dem Weg, den Jesus geht.

Wir müssen akzeptieren, dass dieser Weg des Gottessohnes im wahrsten Sinne NOT-WENDIG war, damit wir wieder ein neues Gottesverhältnis gestellt werden. Damit das, was zwischen uns und Gott stand aus dem Weg geräumt, der Graben überbrückt werden konnte und wir neu Zugang zu Gott erhalten.

Das ist schwer zu akzeptieren. Bin ich nicht so schon ein rechter Kerle mit allem, was ich leiste: ich gehe sonntags in die Kirche, sprech mein Abend- und Tischgebet, zahl meine Kirchensteuer, tue niemand nix böses. Und bin insgesamt doch kein so schlechter Mensch, der sogar ein bisschen stolz auf sich sein kann.

Das mag ja alles sein. Aber „Vertraut den neuen Wegen“ bedeutet hier: das alles hilft dir nicht wirklich weiter. Du kannst dich nur diesem Mann am Kreuz da anvertrauen und anerkennen, dass er diesen Weg auch für dich gegangen ist, weil du so - und nur so - mit Gott in ein neues Verhältnis gesetzt wirst.

Für die Juden ein Ärgernis, für die Griechen eine Torheit.

Und für uns? Vertrauen wir den neuen Wegen, glauben wir dem Gott, der das alles „für uns“ auf sich genommen hat? Akzeptieren wir es, dass wir immer wieder auf Vergebung und Neuanfang angewiesen sind? Vertrauen wir uns diesen neuen göttlichen Wegen an?

4. Vertraut den neuen Wegen, die Zukunft ist sein Land.

Das ist das große Versprechen, das mit diesem Passionsweg unseres Gottes verbunden ist. Der Tod am Kreuz, der Leichnam im Grab – das ist eben nicht die Sackgasse, als die es sich auf den ersten Blick darstellt. Vielmehr steht am Ende das Leben, das Gott schenkt.

Gott lädt uns ein. Wir haben die Wahl: uns darauf einlassen oder nicht. Auf unwiderlegbare Beweise oder gar Absicherungen werden wir dabei wohl verzichten müssen.

Aber wer den Weg mitgeht, wer diesen Wegen Gottes vertraut wird es merken und spüren und erleben:

Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.

Amen