Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Pfingsten

Diakon Dr. theol. Emmerich Beneder (rk)

05.06.2006

Der Heilige Geist eröffnet uns eine neue Zukunft

Liebe pfingstliche Gemeinde!

Ich war vorige Woche bei zwei Begräbnissen. Da denke ich darüber nach, was eigentlich der Mensch sei. Alles schwindet, die Jahre fliegen dahin. Unsere Lebenszeit ist im Vergleich zum Alter des Universums sehr kurz. Äußerlich betrachtet gleiche ich einem Hauch, einem Nebel, der vom Boden aufsteigt und sogleich sich auflöst. Da kam mir der Gedanke, was würde ich zu euch in meiner allerletzten Predigt sagen. Ihr werdet überrascht sein: ich würde über Pfingsten sprechen.

Pfingsten ist schon das Lieblingsfest des unvergesslichen Papstes Johannes XXIII. gewesen. Und der Wahlspruch unseres Bischof heißt: Der Geist macht lebendig. Unser Bischof Manfred erklärte öffentlich, dass er jeden Tag um den Heiligen Geist betet. Und wenn wir uns bekreuzen, sagen wir: im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Warum ist Pfingsten mein Lieblingsfest? Weil Gottes Geist in mir Wohnung genommen hat. Der Geist, der bei der Schöpfung über den Wassern schwebte, der Geist, der den Erdkreis erfüllt (Weish 1, 7) ist in mir, ist in dir. Darüber kann ich nicht genug staunen. Wer sind wir eigentlich, dass Gott uns zu seinem Tempel gemacht hat? Gottes Geist, wer bist Du und was bin ich? Gott gießt seinen Geist aus über alles Fleisch (Joel 3,28) und macht uns zu seinen Kindern. Das eröffnet uns eine ganz neue Zukunft, die über das Grab hinausgeht. Gott haucht uns seinen Geist ein, schenkt uns den Himmel. Zu welch großer Hoffnung sind wir berufen (Eph 1,15). Pfingsten zeigt, dass Gott mit den Menschen mehr vorhat, als wir vermuten. Dieser Geist macht uns zu Söhnen und Töchtern Gottes (Röm 8,15). Ja er gibt der ganzen Schöpfung ein neues Gesicht, sodass die Theologen von einer Neuschaffung der Welt sprechen.

Pfingsten ist für mich das Fest des Aufbruchs. Es erfasst alle Menschen, nicht nur unsere Gemeinschaft. Es heißt in der Heiligen Schrift ausdrücklich: „So sehr hat Gott die Welt, nicht die Kirche geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe.“ (Joh3,15) Dieser Geist Gottes, der genauer gesagt, der Geist Jesu ist, eröffnet uns ganz neue Wege. Der Geist ist die größte Ostergabe des Auferstandenen. Der Geist gibt den Frieden, schenkt die Verzeihung, baut auf. Lässt uns aus der Enge aufbrechen, über alle Grenzen schauen.

Pfingsten besagt, dass es einen Ausgang gibt, aus unserem Irrenhaus. Pfingsten besagt, dass es einen Ausweg gibt aus dem Chaos und Terror unserer Zeit. Denn die Auflösung des Turmes von Babel hat mit der Geistsendung begonnen. Wir aber sollen die Politiker mit dem Gebet begleiten, damit der Geist immer Raum erhält. Gerade jetzt in den Verhandlungen um den Atompoker in Iran.

Pfingsten ist aber nicht einmaliges Ereignis. Pfingsten vollzieht sich immer wieder. Bei jeder Spendung der Sakramente wirkt Jesu Geist mit, sonst wären die Sakramente tot. Der Evangelist Johannes schildert das Pfingstereignis bereits am Ostersonntag. Christus hauchte die Apostel an und sagte zu ihnen: „Empfanget den Heiligen Geist“ (Joh 20,22) Pfingsten ist kein punktuelles Ereignis. Der Geist Gottes ist wie der Wind, nicht fassbar, nicht greifbar. Daher muss ich immer um ihn beten. Im Vaterunser beten wir jeden Tag: Dein Reich komme, damit wir immer aus Neue von Gottes Geist erfüllt werden. Am kommenden Samstag und Sonntag wird Bischof Manfred unseren Jugendlichen das Firmsakrament spenden. Viele meinen, Firmung ist ein Ereignis für einen Tag. Das stimmt nicht. Denn da geht es erst richtig los. Firmung ist der Start für ein neues Leben in der Kraft des Geistes. Der Firmling bringt

zum Ausdruck, dass er in der Kraft Gottes sein Leben weitergehen will. Firmung ist kein Endzustand, sonder ein Programm. Da ist eine Dynamik drinnen, die uns hineinwachsen lässt in die Fülle des Geistes Jesu.

Pfingsten ist für mich etwas Tröstliches. Ich brauche Pfingsten nicht machen. Gottes Geist verschenkt sich umsonst. Ich brauche nur offen sein für die Aufnahme des Geistes. Gott verlangt von mir nicht Leistung, sondern Liebe. Ich bleibe daher gerne klein. Denn was ich tue, ist nichts, gegenüber dem, was Gott Großes an mir und jedem von uns tut.

Unser Pfarrer Franz hat gestern vom Geist der Wahrheit gesprochen. Doch die Wahrheit ist oft schwer anzuerkennen. Die Wahrheit ist eine bittere Arznei, oft schwer verträglich. Daher muss ich auch rechnen, dass nicht alle Menschen den Heiligen Geist empfangen wollen. Ich muss rechnen mit dem Geist der Lüge. Ich spüre auch den Ungeist. Er zeigt sich in der Entsolidarisierung. In dieser Welt erleben wir daher auch Angst und Schrecken. Aber lassen wir uns nicht verwirren. Mit Gottes Geist sind wir immer eine absolute Mehrheit.

Zum Schluss darf ich noch etwas Persönliches sagen. Wenn ich in Wien bin, gehe ich auch in den Stephansdom. Und da ist beim Haupeingang rechts die Eligiuskapelle, in der den ganzen Tag das Allerheiligste ausgesetzt ist. Da steht in einem Glasfenster der schöne Satz: „Der Pfingsttag kennt keinen Abend, denn seine Sonne, die Liebe kennt keinen Untergang“. Da wird mir klar, dass Pfingsten eine Vision für die ganze Menschheit darstellt.
Und wenn ich das Rosettenfenster des Stephansdomes betrachte, das ein Künstler aus Sadrach entworfen hat, dann fängt mein Herz zu schwingen kann. Es ist ein Bild für die neue Schöpfung, die durch Pfingsten entsteht. Dieser Geist eröffnet uns eine neue Zukunft heute und in Ewigkeit.

Amen.