Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Weihnachten

Pfarrer Matthias Dreier

24.12.2004 in der Johanneskirche Quelle

Quiz- und Rateshows erfreuen sich schon seit Jahren großer Beliebtheit beim Fernsehpublikum. Also lasst uns an diesem Abend raten, denn raten in der Kirche war immer schon viel schöner.
Welches Wort wurde 2004 zum „Wort des Jahres“? - Antwort: „Hartz IV“.
Das, liebe Gemeinde, war die Pflicht und nun zur Kür! Alle (bis auf meine Frau Elken) dürfen mit raten und sind zugleich Jury. Der Gewinner bzw. die Gewinnerin bekommt ein Präsent.
Welches Wort wurde 2004 zum „schönsten deutschen Wort“ gekürt? - Antwort: „Habseligkeiten“. (Die Gewinnerin bekommt als Präsent ein CD-Hörbuch).

Für welches Wort hätte ich mich entschieden, wenn ich in der Jury gesessen hätte? Für welches Wort hätten Sie sich entschieden, wenn Sie mit entschieden hätten?
Ob das Wort „Habseligkeiten“ für Sie und für mich das schönste deutsche Wort ist, das muss zumindest an diesem Abend offen bleiben. Nicht offen bleiben soll die Begründung der Jury. Ich zitiere aus der Zeitung: „Ein Widerspruch in sich gewinnt. „Habseligkeiten“ zum schönsten deutschen Wort gekürt. Das „schönste deutsche Wort“ ist „Habseligkeiten“. Der Begriff und seine Begründung wurden von der Jury des Deutschen Sprachrates zum Gewinner des internationalen Wettbewerbs gewählt. Die Einsenderin hatte sich für „Habseligkeiten“ entschieden, weil es den Gegensatz des menschlichen Strebens nach Besitz mit dem „unerreichbaren Ziel“ der Seligkeit vereine. Auf den zweiten Platz kam das Wort „Geborgenheit“, „lieben“ eroberte den dritten Platz, teilte der Deutsche Sprachrat mit.“ (Neue Westfälische 25.09.04)

Als ich beim Frühstücken am 25.09. in diesem Jahr diesen Zeitungsartikel las, musste ich vor mir selber zugeben: Auf dieses Wort wäre ich nicht gekommen; aber es wurde für mich sofort zu einem weihnachtlichen Wort. Ich bewahrte den Artikel auf, denn mit der Wahl dieses Wortes hatte ich auf jeden Fall das Thema meiner Weihnachtspredigt 2004.
Jetzt werden einige, vielleicht sogar viele sogar sagen: „Wieso ist für Sie dieses Wort „Habseligkeiten“ ein weihnachtliches Wort? Da fallen uns doch alle andere typischere weihnachtliche Worte ein: Tannenbaum, Krippe, Geschenke, etc. etc. etc. “

Weihnachtszeit - Zeit der Erinnerungen... Ich möchte deshalb von einem kleinen Jungen erzählen. Er war gerade in die Schule gekommen. Kurz vor Weihnachten sieht der kleine Junge mit seinen Spielkameraden bei den Nachbarn einen Kinderkrimi. In diesem Kinderkrimi ging es um eine wertvolle Briefmarke und die war dreieckig. Inspiriert durch diesen Film wünschte sich der kleine Junge zum Weihnachtsfest nichts sehnlicher als ein Briefmarkenalbum mit einer richtigen Dreiecksmarke.
Ich wurde nicht enttäuscht. Ich sehe das kleine graue Briefmarkenalbum noch heute vor mir und die vier dreieckigen Briefmarken mit den Blumenmotiven. Doch alsbald spürte ich in mir die bange Frage, die ich dann auch meinen Eltern stellte: „Kann ich mein Briefmarkenalbum mit in den Himmel nehmen, wenn ich einmal sterbe?“ Die zuversichtliche Antwort der Eltern beruhigte das kindliche Gemüt.

Auch wenn Briefmarken schon seit Jahrzehnten keine Rolle mehr in meinem Leben spielen, die Erinnerungen an dieses Weihnachtsgeschenk wurden wieder wach, als ich beim Frühstücken am 25.09.2004 las, welches Wort zum „schönsten deutschen Wort“ gekürt worden war. Die Erinnerung bleibt und mit ihr die Frage: „Was brauchen wir Menschen eigentlich vom ersten Atemzug an, um hab-selig zu werden und was nehmen wir mit, wenn der letzte Atemzug getan ist?“
„Du kommst mit nichts und gehst mit nichts“, sagt die Volksweisheit und scheint mit diesen Worten die Reichen zu mahnen.
„Hast du was, bist du was“, halten die dagegen, die die Werte dieser Konsumgesellschaft längst verinnerlicht haben.
„Geben ist seliger, denn nehmen“(Apg. 20, 35), kontern die, die sich mit diesen Worten bewusst oder unbewusst auf ein biblisches Zitat berufen.
„Geld allein macht nicht glücklich“, korrigieren wieder andere die Hierarchie der Werte in unserer Gesellschaft, „... aber es beruhigt“, ergänzen die vermeintlichen Realisten und Zukunftsbesorgten.
„Bittet, so wird euch gegeben“(Mt. 7, 7), sagte vor ca. 2000 Jahren der Menschen- und Gottessohn aus Nazareth, dessen Geburt wir heute feiern. Und dieser sah die Welt weder „blind“ noch „geizgeil“, sondern eben mit den Augen Gottes: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt. 6, 20 f.).

Wir können letztlich nichts mitnehmen, wenn der letzte Atemzug getan ist, kein Haus, keine Aktie, kein Handy, keine Digitalkamera, kein MP3-Player, und auch kein Briefmarkenalbum. Alles was wir haben und geschenkt bekommen ist vergänglich, wie wir selber. Alles was wir haben, erfüllt uns niemals hier und niemals ganz und weist so über sich hinaus. Wir Christen haben es seit gut 2000 Jahren einfacher und schwerer zugleich: Wir haben einen „Vermögensberater der besonderen Art“, einer, der kein Honorar nimmt, der sieben Tage in der Woche rund um die Uhr für uns Zeit hat und der uns hilft, „das schönste deutsche Wort“ in unserem Leben je neu durchzubuchstabieren.
Wir sollten ihm nur ein wenig mehr Zeit und Gehör schenken beim Schreiben, Lesen und Hören dieses Wortes „Habseligkeiten“, heute, am Festtag seiner Geburt, und an allen weiteren dreihundertvierundsechzig Tagen im Jahr, damit jede und jeder von uns hab-selig wird im Sinne des Kindes von Bethlehem.

Amen.