Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls

Hans Staiger (ev.)

08.11.2009 in der Tübinger Jakobuskirche

Liebe Gemeinde !
Auch wenn wir heute in diesem Gottesdienst auf ein historisches und politisches Ereignis blicken, so ist der Ausgangspunkt dieser Predigt ein Wort aus der Heiligen Schrift.
Es ist ein Wort aus dem ältesten uns erhaltenen Paulusbrief, dem 1.Brief an die Thessaloniker. Dort schreibt er (5, 18 ):

Seid allezeit fröhlich. Lasst im Beten nicht nach. Und seid dankbar in allen Dingen; so will es Gott in Christus Jesus von euch.

Seid dankbar in allen Dingen, sagt der Apostel. Und er wiederholt es in allen seinen Briefen. Für Paulus hat der Christusglaube etwas mit Wahrnehmen und Bewusstmachen zu tun. Und das führt zur Dankbarkeit. Und da fällt uns Deutschen am 9. Nov. 1989 ein riesiges Geschenk in den Schoß, dass alle Welt aufhorcht. Und manche scheinen dieses Wunder nach einigen Jahren schon zu vergessen oder gering zu achten. Dafür gibt es auch in Tübingen Beweise.
Das was da vor 20 Jahren geschah, hat ja niemand voraus gesehen. Ich erinnere mich an supergescheite Journalisten, an berühmte Schriftsteller, an kluge Theologen , Politiker und Kirchenleute, die teilweise abfällig reagierten, wenn einer kurz vor dem Mauerfall davon sprach, die deutsche Frage sei nun wieder offen. Denen das nicht in ihr Weltbild passte.

Und dann geschah das Unglaubliche, das Wunder, das auch viele europäische Nachbarn, ich weiß von Franzosen und Italienern, in jener Nacht am Fernseher zu Tränen rührte.             Wie geht es Ihnen mit der Dankbarkeit ?

Mir fällt dazu eine kleine Geschichte ein: In den vergangenen Jahren habe ich einige Male vor jungen Menschen berichtet, wie es mir als kleinem Pimpf in des „Führers“ Hitlerjugend erging und wie ich die letzten Jahre des grausamen Krieges erlebte. Ich habe schlimme Dinge gesehn. Und bei jedem Vortrag gibt es eine Stelle, an der ich ins Publikum hinein frage:

Kennen Sie das Gefühl von Dankbarkeit?


Dankbarkeit dafür, dass wir im Frieden leben,
dass wir in Freiheit leben,
dass wir in einer Demokratie leben,
dass wir in einem Rechtsstaat leben,
dass wir im Wohlstand leben.

Kennen Sie das Gefühl von Dankbarkeit ?

Und jedes Mal folgt da eine große Stille. So wie jetzt hier.
Und da geschah es neulich, dass ein Gymnasiast aus der Stille rief: Wem sollen wir dankbar sein?
Tolle Frage: Wem sollen wir dankbar sein ? Und ich gebe diese Frage heute und hier weiter an Sie: Wem sollen wir dankbar sein ?

An dieser Stelle sage ich: Leute, wir Christen haben ein Privileg. Während Andere mit ihrem Paket voll Dank vielleicht in der Stadt herumirren weil sie keine genaue Adresse haben, dürfen wir dankbar sein für die beste Adresse , die es gibt.

Es gibt außer der Ermahnung des Apostels zur Dankbarkeit noch ein anderes Bibelwort, das heute in unseren besonderen Gottesdienst passt und das eine heilsgeschichtliche und politische Botschaft enthält. Es soll von keinem der großen Männer der Heilsgeschichte sondern von einer bescheidenen, damals sehr jungen Frau stammen. Man hat es der damals wahrscheinlich nicht mal 18-jährigen Maria in den Mund gelegt.

Als sie von Ihrer Schwangerschaft und der großen Auserwählung erfährt, spricht sie in diesem Text den bekannten Hymnus, der uns im Lukas-Evangelium als Magnifikat überliefert ist. Darin heißt es u. a.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan. Heilig ist sein Name.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über die ihn ehren.


Machtvolle Taten wirkt er mit seinem Arm. Er zerstreut die Stolzen samt ihren Plänen.      Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Unterdrückten.

Ganz schön mutig, liebe junge Maria, könnte man sagen: Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Unterdrückten!
Es war mein ganz persönliches Aha-Erlebnis, das ich damals am 9.Nov. 1989 hatte. Als ich die namenlosen kleinen Leute auf der Mauerkrone am Brandenburger Tor herumtanzen sah, da kam mir plötzlich dieses Wort in den Sinn. Und zwar nicht nur, weil ich die fröhlichen Leute auf dem einst bestgeschützten Bauwerk Europas herum klettern sah, sondern weil ich gleichzeitig wusste, jetzt wird dem Honecker und seinem Politbüro ganz übel.

Bald musste er seine Staatsvilla in Pankow räumen und war dankbar, dass er für ein paar Monate Unterschlupf in einem evangel. Pfarrhaus am Rande Berlins fand. Der einst mächtige Staatsratsvorsitzende und seine Frau Margot, die für so viele Schandtaten verantwortlich waren und die gerade den jungen Christen ihre Lebensentwürfe zerstört hatten, bekamen quasi Asyl im Pfarrhaus und saßen am Tisch der Pfarrfamilie, die das Tischgebet sprach.
So ungerecht, besser so gerecht können Gottes Wege sein!

Das was die junge Maria als werdende Mutter Jesu gesagt haben soll, übersetze ich heute in modernes Demokraten-Deutsch so:
Ein Staat, ein Regime oder ein Herrscher, der die Würde des einzelnen Menschen missachtet und auf die Gebote Gottes pfeift, hat keine Zukunft!
Bei Walter Ulbricht und Honecker waren es 40 Jahre, bis ihr Lügengebäude einbrach, bei Adolf Hitler waren es 12 Jahre, und bei Stalin allerdings ein paar Jahrzehnte mehr.

Und die Gemeinde Jesu hat alle überlebt, die ihr das baldige Ende vorausgesagt hatten.


Ich glaube nicht, dass die junge Maria quasi in einer Art jugendlichem Leichtsinn geglaubt hat, nun werde durch die Geburt ihres Sohnes mit einem Schlag alle Ungerechtigkeit, alles Leid und alles Böse aus dieser Welt verschwinden. Ich sehe sie vielmehr in der Nachfolge der Propheten und Psalmsänger, wenn sie starke Worte findet. Etwa so,hab ich gedacht:

Jetzt brechen schwere Zeiten an für die Großkopfeten, für die Kriminellen in Politik und Gesellschaft. Jetzt bahnt sich immer öfter der Hunger nach Gerechtigkeit seinen Weg, jetzt geschieht tatsächlich hie und da ein offensichtliches Wunder. Ein Wunder , zu dessen Vollendung Gott auch uns alle braucht, alle die sich nach dem Reich Gottes sehnen und daran bauen!

In unsere Dankbarkeitsliste sollten wir deshalb neben den ganz persönlichen Anliegen auch andere Dinge aufnehmen, die in der Kirche meist nicht hoch gehandelt werden: Zum Beispiel, dass auf den Ruinen des Dritten Reiches mit seinen riesigen Verbrechen (morgen gedenken wir auch der Progromnacht 1938) ein neuer demokratischer Staat entstand mit einem Grundgesetz, um das uns viele Länder beneiden. Und dass nicht nur unsere Verfassung auf dem Papier sondern auch unsere Verfassungswirklichkeit, die rechtsstaatliche Ordnung, die Stabilität unserer Demokratie und der Frieden in Europa etwas ganz kostbares sind.
Daran ändern auch die Mängel und Probleme in unserem Lande und ein zuletzt so lächerlich gemachter, langweiliger Wahlkampf nichts. Nahe der Dankbarkeit wohnt die Undankbarkeit, diese hässliche Schwester des Unglaubens. Viele haben die Maßstäbe verloren. Denen würde ich gern Geschichten aus der Dritten Welt und vom Rande Europas erzählen. Stellen Sie sich vor, Sie gehen am Wahlsonntagmorgen pünktlich als Erster ins Wahllokal und müssen fürchten, dass die Wahlurne bereits halbvoll ist mit gefälschten Stimmzetteln….  

Nun ist die Predigt sehr politisch geworden. Und ich habe dabei nicht mal ein schlechtes Gewissen. Erstens, weil es ja nicht um Parteipolitik geht, und zweitens weil ich auf meiner Lebensreise durch viele christl. Gemeinden eine etwas traurige Erfahrung gemacht habe: Je frommer eine Gemeinschaft ist, desto verkümmerter scheint ihr politisches Bewusstsein.


Unsere Freude über den Fall der Mauer ist untrennbar mit der anderen Freude verbunden, nämlich der, dass dieses gewaltige Ereignis gleichzeitig ein gewaltfreies Ereignis war. Und gerade hier kann man wieder auf die politische Dimension des Evangeliums verweisen.
Dass kein Schuss fiel und dass kein Blut floss, das hat viel mit den Friedensgebeten in den evang. Kirchen und vor allem in der Nikolaikirche zu Leipzig zu tun. Hier in den Kirchen wuchsen Menschen und Ideen heran, die etwas verändern wollten, ohne Gewalt!

Menschen, die das Menschenrecht der Unterdrückten nicht gegen das Lebensrecht der Unterdrücker ausspielten. Und damit ganz im Geiste unseres Herrn Jesus handelten. Das heißt, im Reich Gottes dürfen auch die Unterdrücker noch leben.

Und Christian Führer, der evang. Pfarrer an der Nikolaikirche von Leipzig, sagte „Wenn man heute etwas als Wunder bezeichnen will, dann ist es jenes Wunder das sich am 9. Oktober in Leipzig und am 9. Nov. in Berlin ereignete.“ Und weiter:“Die friedliche Revolution war Gnade Gottes an der Nikolaikirche und anderen Kirchen im Land… „

Gottes Wirken in der Geschichte kann ich mir als aufgeklärter Christenmensch nicht wie das Marionettenspiel eines großen Regisseurs vorstellen. Der halt mal da in Berlin ein schönes Märchen mit ein paar politischen Marionetten aufgeführt hat. Nein, Gottes Wirken in der Geschichte kann ich mir nur so vorstellen, dass er, der hinter allen Zeichen von Freundschaft, Gewaltlosigkeit, Liebe und Versöhnung steht, der auch der Urgrund allen Lebens ist, seiner Liebe und Wahrheit irgendwann direkt oder indirekt Bahn bricht.

So steht auch am Ende dieser zugegeben sehr politischen Predigt ohne Zweifel der Dank an Gott und das Lob seiner Herrlichkeit. Mit Maria fühlen wir uns verbunden, wenn sie im Magnifikat spricht: Er zerstreut die Stolzen samt ihren Plänen. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Unterdrückten.

Ihm, der uns mit Mariens Sohn den Erlöser geschenkt hat, ihm sei Lob und Dank, auch und gerade an so einem Tag .   Amen.