Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum 50jährigen Jubiläum der Epiphanias-Gemeinde, zugleich „50 Jahre Wunder von Bern"

Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

04.07.2004

Liebe Schwestern und Brüder,

heute feiert diese Gemeinde, der wir als Familie acht Jahre angehörten, ihren 50. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Was sich heute in dieser Gemeinde an Leben entfaltet, das begann im Jahr 1954.
1954 - welch ein Jahr! Am 4. Januar 1954 wurden in Duisburg die ersten Parkuhren aufgestellt. Am 17. Juni wurde zum ersten Mal der „Tag der deutschen Einheit" als gesetzlicher Feiertag begangen.
Im Sommer wurde Theodor Heuss für weitere fünf Jahre zum Bundespräsidenten gewählt. Am 17. Juli wurde Angela Merkel geboren.
Am 1. Juli wurde die Epiphaniasgemeinde gegründet, drei Tage später, heute genau vor 50 Jahren, wurde Deutschland mit einem 3:2 Sieg über Ungarn Fußball-Weltmeister: Das „Wunder von Bern".

Heute am 50. Geburtstag Ihrer Gemeinde steht wieder der Fußball im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, denn heute Abend spielen die Mannschaften von Portugal und Griechenland in Lissabon um den Titel des Fußballeuropameisters. Die Gründung Ihrer Gemeinde drei Tage vor dem „Wunder von Bern" und Ihr Gemeindefest zum 50. Gemeindegeburtstag am Tag des Endspiels um die Fußballeuropameisterschaft – welch ein Zufall! Ein Zufall – gewiss, und doch verbindet vieles diese Ereignisse: Entstammt doch schon die Redeweise vom „Wunder" einer religiösen Sprache, die eher in der Kirche beheimatet ist als auf dem Fußballplatz. Nun war man in den 50er und 60er Jahren mit der Rede vom „Wunder" schon etwas großzügig. Als Petra Schürmann im Jahr 1956 zur Miss World gekürt wurde, sprach man vom „Fräuleinwunder". Wirtschaftsminister Erhard galt als Vater des „Wirtschaftswunders", und als etliche verschüttete Kumpel in einer dramatischen Aktion gerettet wurden, wurde das „Wunder von Lengede" bejubelt. Die Rede vom „Wunder" war also sicherlich auch eine Modeerscheinung jener Zeit. Ein religiöser Begriff war salonfähig geworden im Alltag des Lebens. Und eigentlich passt auch der Begriff des Wunders nicht ganz zu dem, was am 4. Juli 1954 geschah. Ist doch ein Wunder ein Ereignis in Raum und Zeit, das den Gesetzlichkeiten von Natur und Geschichte widerspricht. Für den Fußballsieg von Bern aber gab es natürliche Erklärungen: Der Kampfgeist und die mannschaftliche Geschlossenheit der deutschen Elf, das „Fritz-Walter-Wetter" im Berner Wankdorfstadion und das überragende taktische Geschick von Sepp Herberger, dem deutschen Trainer aus Mannheim.

Und dennoch: An jenem 4. Juli 1954 geschah in Bern mehr als etwas rational Erklärbares. Etwas, für das die religiöse Rede vom „Wunder" vielen Menschen als angemessen erschien. So ertappte sich ein hessischer Pfarrerssohn dabei, wie er beim sonntäglichen Vaterunser bei den Worten „denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit" an Fritz Walter und die deutschen Fußballer dachte und eine schnelle Bitte um den Sieg zum Himmel schickte. Und nach dem Sieg der deutschen Mannschaft waren es religiöse Gefühle, die ihn überwältigten: „Ich war ergriffen, ein Schauer im Rücken ließ den Körper aufzittern, ich wischte die Tränen weg, wollte meine Freude zeigen und wusste nur nicht wem, ... ich wollte den paradiesischen Zustand möglichst erhalten, also schnell hinaus zu meinen Freunden und Fußballfreunden laufen, deren Herzen ebenso ergriffen sein mussten wie meins“ (aus: F.C. Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, S. 114). Und wer unter den Älteren erinnert sich nicht an die legendäre Radioreportage von Herbert Zimmermann vom 4. Juli 1954. Welch eine religiöse Grundhaltung spricht aus seinen Worten! Immer wieder sein „Gott sei Dank", so etwa nach dem Anschlusstor von Max Morlock in der 10. Minute: „Gott sei Dank, es steht nicht mehr zwei zu null.“ Und am Ende stammelt er gar: „So haben wir alle gehofft, gebetet!" Oder seine unvergessen Hymne auf den deutschen Torwart Toni Turek: „Toni, du bist ein Teufelskerl! Toni, du bist ein Fußballgott!" - klingt das nicht fast nach einem Gottesdienst, einem lästerlichen, unerhörten Gottesdienst freilich, in dem gleichzeitig Teufel und Gott angerufen werden? Und wenn Herbert Zimmermann sein Loblied auf den deutschen Mittelläufer Werner Liebrich anstimmt – „Liebrich rettet, rettet, rettet uns!" – dann klingt das fast so, als würde eine Rettungstat im Abwehrkampf die Rettung des Lebens bedeuten. Und wenn er fast am Ende seiner Reportage ausruft „der Abpfiff erlöst uns", dann ist damit mehr gemeint als die Erlösung von der Spannung eines 90minütigen Fußballspiels. Dann ist angespielt auf ein wunderhaftes Ereignis, durch das eine ganze Nation aus seiner Nachkriegsstarre erlöst wird.

Ja, am 4. Juli 1954, in diesen Tagen nach der Gründung Ihrer Gemeinde, ist mehr geschehen als ein großes Fußballereignis. Mit dem Sieg von Bern fand das im Krieg besiegte und zerstörte, das zerbombte und ungeliebte Deutschland wieder zu neuem Selbstbewusstsein. Was damals viele Menschen dachten und empfanden, drückt 50 Jahre später Uwe Seeler so aus: „Deutschland war Weltmeister. Nein, wir waren Weltmeister! Wir als Deutsche fühlten uns damals so. Wir waren wieder wer!" Dieser Titel war das Signal für die Aufbruchstimmung, die sich in Deutschland ausbreitete. Eine ganze Nation wurde in diesem Moment größer und selbstbewusster. Mit dem 4. Juli 1954 fanden viele Menschen in unserem Land nach Jahren der Depression die Selbstachtung zurück. Durch den Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft wurde der Weg Deutschlands in die Völkergemeinschaft wieder geöffnet, ein Weg, der durch die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur versperrt worden war. Zugleich fällt das „Wunder von Bern" hinein in die Zeit des Aufbaus. Die „Helden von Bern", die aus dem Nichts heraus einen Weltmeistertitel errangen, wurden zu Symbolen eines Volkes, das aus dem Nichts das Wirtschaftswunder schaffte und damit Achtung in der Welt errang.

Sich 50 Jahre später beim 50. Geburtstag Ihrer Gemeinde des „Wunders von Bern" zu erinnern, heißt also, sich diese Nachkriegsgeschichte Deutschlands vor Augen zu halten. Heißt zugleich sich kritisch zu fragen: Was ist geblieben in dieser Gemeinde von der Aufbruchstimmung jener Zeit, die fast religiöse Züge trug? Heißt schließlich auch, den Stachel zu spüren, den eine solche Erinnerung für uns als christliche Gemeinde hinterlässt: Was bedeutet es, wenn wir von „Helden" reden, deren Leistung wir bewundern? Ist es wirklich richtig, alles im Leben in einen Zusammenhang mit der eigenen Leistung zu bringen? Unsere Achtung und Selbstachtung als Menschen müssen wir doch nicht erwerben - weder durch Fußballsiege noch durch Leistung. Sondern für uns Christenmenschen ist wichtig, dass Gott uns wertschätzt, unabhängig von allem, was wir leisten oder was uns misslingt. Unser Glaube ist kein Weg zum Erfolg, keine Anleitung zur Meisterschaft. Es ist nicht wichtig, was wir im Leben vollbringen. Es ist nicht entscheidend, ob das gelingt, was wir uns vornehmen. Nur ein Sieg ist für unser Leben wirklich wichtig und von Dauer – die Zusage Gottes an uns, bei ihm immer auf dem ersten Platz zu stehen.

In einem der Leitsätze unserer badischen Landeskirche sagen wir: „Unser Leben ist wertvoll – nicht durch unsere Leistung, sondern weil Jesus Christus für uns gestorben ist und lebt." Von dieser urevangelischen Grunderkenntnis und Grunderfahrung her leben wir als Christenmenschen. Sie ist es, die uns entlastet, wenn wir an die Grenzen unserer Kraft kommen. Sie macht uns frei zur Einsatzbereitschaft für andere Menschen. So führt uns die Erinnerung an das „Wunder von Bern“ nicht nur zur Erkenntnis, welche Wunder Menschen vollbringen können, wenn sie sich hingebungsvoll gemeinsam einer Sache widmen, sondern mehr noch zu dem Wunder, dass Gott unser Leben als wertvoll ansieht, auch wenn wir ihm gegenüber nichts vorweisen können. Hinter den Wunden, die wir durch menschliche Leistung vollbringen, leuchtet jenes noch viel größere „Wunder von Golgatha" auf, dass Gott uns zu wertvollen Menschen erklärt. Das Gedenken an die „Helden von Bern" bewahrt uns so vor falscher Heldenverehrung. Es erinnert uns daran, dass wir Menschen alle von Gott begnadete Helden und Heldinnen sind.

Wenn wir am 50. Jahrestages des „Wunders von Bern" den 50. Geburtstag Ihrer Gemeinde feiern, dann heißt dies für mich ein Doppeltes: Einerseits ist es gut, sich der so genannten „Helden von Bern" zu erinnern und von ihnen zu lernen. Auch Gemeinde lässt sich nicht bauen ohne jene Tugenden, die jene Elf mit ihrem Sieg über die ungarische Mannschaft bewiesen hat. Auch die Epiphaniasgemeinde ist angewiesen auf Leistungs- und Einsatzbereitschaft jedes Einzelnen und jeder Einzelnen, auf Teamgeist und Fairness im Umgang miteinander. „Elf Freunde müsst ihr sein" – diese Devise gilt nicht nur für Fußballmannschaften; auch eine Gemeinde lebt davon, dass Menschen sich freundschaftlich begegnen und begleiten. Zugleich aber mahnt die Erinnerung an das „Wunder von Bern", wahre Wunder nicht von uns selbst zu erwarten. Letztlich hängt es nicht an unserer Leistung, wer wir wirklich sind. Nicht wir erringen Pokale des Lebens aufgrund unserer Leistung, sondern Gott hat in Jesus Christus den Sieg für uns errungen. Und er lässt uns an seinem Tisch trinken aus dem Pokal des Lebens – umsonst. Unser Leben geht auf ein Endspiel zu, das nicht in Bern oder in Lissabon stattfindet. Wo Gottes Endspiel stattfindet, wissen wir nicht. Aber wir dürfen darauf vertrauen: Am Ende, im Endgericht gibt es ein Zielfoto der Gnade Gottes. Dann wird der allmächtige und gnädige Gott sein Urteil über uns sprechen – ein Urteil mit den Augen seiner Liebe. Auf dieses Zielfoto gehen wir Christenmenschen zu. Wo wir dann in der Mannschaft Gottes aufgestellt werden, das dürfen wir getrost ihm überlassen, der uns nicht nach unserer Abwehrleistung und unserer Kombinationskunst beurteilt, nicht nach unseren Heldentaten und oder unseren Fouls, sondern allein nach seinem gnädigen Blick, den er in Jesus Christus auf uns gerichtet hat.

Vor 50 Jahren beendete Herbert Zimmermann seine erregte Reportage aus Bern nach 90 Minuten mit dem Schrei „Aus! Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!" Heute mache ich es nach 15 Minuten einer weniger erregten Predigt schlichter und sage einfach

„Amen".