Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum 70-jährigen Gedenken an die Novemberpogrome 1938

Dr. Irmgard Schmidt-Sommer (kath.)

09.11.2008 in den katholischen Kirchen St. Antonius Stuttgart-Hohenheim und St. Vinzenz Palotti Stuttgart-Birkach

Heute vor 70 Jahren brannten in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in den meisten Städten Deutschlands die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte zerstört – Fensterscheiben bzw. „Kristall“ zerschlagen – und geplündert. Damit begann die offene Judenverfolgung im Dritten Reich. Gezielt war darauf hingearbeitet worden, denn im Jahr 1938 wurden mehr als 50 Gesetze und Verordnungen erlassen, die das Leben der Juden in Deutschland immer mehr eingeschränkten. Dazu einige Beispiele:

  • Berufsverbot für jüdische Ärzte und Rechtsanwälte: Sie durften nur noch für Juden arbeiten. Wer sich als so genannter „Arier“ noch behandeln oder vertreten ließ, galt als „Volksverräter“. Auch der persönliche Umgang mit Juden wurde geächtet.
  • Jüdisches Eigentum, besonders Immobilien, wurde enteignet. Man nannte das „Arisierung“, d.h. es ging in arische Hände über.
  • Juden durften keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, keine Kinos, Theater, Museen und Bibliotheken besuchen, auch nicht in öffentliche Bäder gehen.
  • Jüdische Kinder wurden von den Schulen verwiesen oder von Lehrern so schlecht behandelt, dass sie freiwillig die Schule verließen. Manche konnten in jüdische Schulen gehen, andere hatten keinen Unterricht mehr. Manche wurden gewaltsam von ihren Eltern getrennt und ins Ausland abgeschoben in eine ungewisse Zukunft. Oft überlebten diese Kinder, während ihre Eltern und Verwandten in den KZ’s ermordet wurden.

Die Ereignisse von damals haben sich tief in mir eingegraben. Am Tag des Judenprogroms war ich 11 Jahre alt – gestern war ich 81. Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Meine Eltern waren keine Antisemiten, sie hatten keine Scheu, mit Juden zu verkehren. Sie erzogen meinen älteren Bruder und mich zu Toleranz und christlicher Nächstenliebe und bemühten sich darum, dass wir von der nationalsozialistischen Ideologie nicht erfasst würden. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar – mein ganzes Leben lang.
Wir wohnten in Ulm an der Donau in einem Haus, das Juden gehörte, mit denen wir befreundet waren. In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 bekamen wir nicht mit, dass die jüdischen Männer nachts aus den Betten geholt wurden, denn die Schergen bedrohten sie mit Schusswaffen. Sie durften keinen Laut von sich geben, damit wir nicht wach werden sollten. Es war eine eiskalte Nacht. Notdürftig bekleidet wurden sie in die Innenstadt getrieben. Dort brannte schon die Synagoge. Man hetzte sie um einen Brunnen, manche von ihnen wurden gezwungen, in das kalte Wasser zu steigen. Dabei misshandelte man sie mit Schlägen und Fußtritten. Der Rechtsanwalt aus unserem Haus, Ehrenbürger der Stadt Ulm, langjähriger Stadtrat, ein Anwalt der Armen, wurde krankenhausreif geschlagen. Den Sohn der Hausbesitzerin nahm man wie alle noch gehfähigen Männer in dieser Nacht in Polizeigewahrsam. Am nächsten Tag kamen sie in das KZ Dachau. Nach einigen Wochen wurde der Sohn mit anderen entlassen und kehrte völlig verstört und gebrochen nach Ulm zurück.

Die Juden begriffen kaum, was ihnen geschah, denn sie fühlten sich als deutsche Bürger und wurden plötzlich als Ausgestoßene, als „Abfall“ behandelt. Das entsprach dem nationalsozialistischem Unwort „Entjudung“ für Judenvernichtung. Mir fällt dabei das Wort „Entsorgung“ ein.

Mein Bruder, zunächst begeistert für Hitler, sagte zu meiner Mutter: „Die das gemacht haben, wird Hitler alle bestrafen.“ Als meine Mutter ihn einige Zeit später fragte, ob er sie bestraft habe, verließ er schweigend das Zimmer. Eine Welt war in ihm zusammengebrochen. Bei seinem Abschied in den Krieg sagte er zu meiner Mutter: „Wundere dich nicht, wenn ich in eine Widerstandsgruppe gehe, der Kerl muss weg.“ Er meinte Adolf Hitler. Wenige Wochen später fiel er mit 18 Jahren in Russland.

Die jüdischen Hausbesitzer wurden ausgesiedelt, in die Umgebung von Ulm und mussten ihr Haus unter Preis an den Staat verkaufen, um in den Heimen, in denen sie untergebracht waren, den teuren Aufenthalt bezahlen zu können. Auch das war eine Form der Enteignung. Einmal bin ich der Hausbesitzerin im Garten noch begegnet. Sie sagte kein Wort, schaute mich nur unendlich traurig an. Ich vergesse ihre Augen nie. Der Rechtsanwalt war inzwischen ausgewandert. Nach dem Krieg dankte er denen, die in dieser schweren Zeit zu ihm und anderen Juden gehalten hatten.

Das Haus wurde zu einem der so genannten Ulmer „Ghettohäuser“. Juden, die enteignet worden waren, wurden hier zusammengepfercht: 18 Personen in 13 Zimmern. In einem Zimmer waren gerettete Heiligtümer aus der Synagoge, die kurz nach dem Brand abgerissen worden war. Dieses Zimmer diente als Andachtsraum. Die jüdischen Bewohner hatten einen Ältesten gewählt, Herrn Levi, auch ein angesehener Ulmer Bürger. Auf mich wirkte er wie eine Prophetengestalt aus dem Alten Testament. Meine Mutter und auch andere Bewohner der Straße halfen den Juden heimlich, lieferten Waren, kauften für sie ein, denn an den meisten Geschäften war ein knallgelbes Schild angebracht: „Juden unerwünscht“. Doch auch diese Geschäfte besorgten den jüdischen Mitbürgern, ihren einstigen Kunden, oft heimlich das Notwendige. Wer das Schild nicht anbrachte, dem wurde mit Repressalien gedroht. Manche Geschäfte wurden geschlossen, deren Inhaber das Schild nicht angebracht hatten.

Als die Deportation bevorstand – man sprach offiziell von Aussiedlung - ging meine Mutter zu Herrn Levi und fragte, wie sie helfen könne. Sie würde überall hingehen. „Tun Sie das bitte nicht,“ bekam sie zur Antwort. „Denn dann geht es uns noch schlechter, weil wir eine arische Frau verführt haben.“ Kurz vor der Deportation ist er gestorben. Mein Vater war zu dieser Zeit im Krieg, meine Mutter blieb allein mit ihrer Hilflosigkeit - und ich auch.

Das Haus wurde ein Sammelpunkt der Deportationen Ulms. Im November 1942 und im Frühjahr 1943 wurden sie verschleppt, erst die Jüngeren, dann die Älteren. Niemand wusste wohin. Es hieß, im Osten würden sie Land bekommen, um einen Judenstaat zu gründen. Auf den Treppen kauerten die Menschen in Decken gehüllt, zitternd vor Angst. Die schlimmste Erinnerung an diese Tage lastet noch heute auf mir. Für den ersten Transport war eine Jüdin  vorgesehen, die ich sehr mochte, denn sie war immer freundlich und hatte ein gutes Wort bereit. Sie litt an Epilepsie. Ihre Mutter kniete vor dem SS-Mann. „Lassen Sie mich mitgehen, meine Tochter braucht mich.“ Kalte Antwort: „Sie sind alt und kommen später dran.“ Ihre Tochter richtete sie auf, zog sie an sich, umarmte sie, sagte etwas zu ihr und verließ aufrecht das Haus, um den Lastwagen zu besteigen, der sie wegbrachte. Von allen Juden, die in dem Haus gewohnt haben, ist keiner zurückgekommen.

Meine Eltern - und auch ich - und manche andere, die die Judenverfolgung nicht gut geheißen haben, litten darunter, helfen zu wollen und nicht helfen zu können, weil die Verfolgten dafür bestraft wurden. Es bedrängte uns Verzweiflung und die Wut der Ohnmacht, verbunden mit einer Erfahrung von Schuldverstrickung, die mich bis heute nicht verlassen hat. Das erlebten auch die katholischen Bischöfe der Niederlande, die 1942 in einem Hirtenbrief, der von allen Kanzeln verlesen wurde, gegen die Judendeportationen protestierten. Die Folge war, dass alle katholisch getauften Juden an einem Tag verhaftet, wenig später nach Auschwitz transportiert und dort ermordet wurden, unter ihnen Edith Stein.

Warum erinnern wir uns? Die meisten sind später geboren und haben deshalb nichts mehr damit zu tun, auch in unserer Gemeinde nicht. Aber wir dürfen nicht vergessen, damit wir wach bleiben, Verletzungen der Menschenwürde erkennen, unsere Herzen bereiten gegen Vorurteile und Menschenhass und uns öffnen für die Nächstenliebe.  Jesus Christus hat sie uns vorgelebt und aufgetragen. Und damit verbunden gedenken wir derer, die unter Lebensgefahr geholfen haben und von denen niemand weiß als Gott allein.

Die Ereignisse von damals motivieren uns, Frieden zu riskieren in einer friedlosen Welt. Dazu gehört das Gebet. Die Gebete Vieler haben dazu beigetragen, dass die Mauer in Deutschland fiel, - auch an dieses - frohe - Ereignis denken wir heute - und diese Friedensgebete leben weiter in der ökumenischen Friedensdekade, die auch jenem Geschehen im Dritten Reich gilt. Sie begann mit der biblischen Parole in der ehemaligen DDR: „Schwerter zu Pflugscharen.“ Für dieses Jahr beginnen sie heute. Sie sind in diesem Faltblatt für jeden Tag aufgezeichnet. Ich durfte mitwirken. Ein Gemeindemitglied ermunterte mich mitzumachen. Und nun ermuntere ich Sie, sich nach dem Gottesdienst das Faltblatt vom Schriftenstand mitzunehmen und jeden Tag dem Frieden einige Minuten zu widmen, dem Frieden, den uns Jesus Christus schenkt, damit wir ihn weiter tragen.

Wir können jene unfassbaren Ereignisse von damals nicht verstehen - ich werde sie nie verstehen, und sie werden mich immer belasten. Auch heute werden Menschen gequält, wird ihre Würde verletzt, wird ihr Menschsein mit Füßen getreten. Wir können unsere Hilflosigkeit, unsere Ratlosigkeit nur in seine Hände, in die Hände des – barmherzigen Gottes legen. Sein Sohn hat am Kreuz die tiefste Erniedrigung erfahren für uns. Er weiß um das Leid der Millionen Opfer des Dritten Reiches und anderer Diktaturen und umfängt sie mit seiner verstehenden Barmherzigkeit. Daran glaube ich - als Zeugin einer unsäglichen Zeit.