Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Eröffnungsgottesdienst des traditionellen Adventsbasares

Pastor Martin Hofmann (ev.-luth.)

01.12.2013 in der Christuskirche in Hamburg-Othmarschen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde, mal unter uns: 1. Advent ist schon schwierig, so kanzelmäßig.

Gerade hier bei uns in Othmarschen ein volkskirchlicher Spagat par excellence. Denn gleich, in wenigen Minuten öffnet hier der Basar: Lasagne und Armagnac-Walnuss-Pflaumenmarmelade , Waffeln und Krakauer, Sekt und Latte, Schnick und Schnack, Tratsch und Trödel, Krimis und Krams und ich stehe hier mal wieder auf der Kanzel, hüstel ein wenig verlegen, hebe den Finger und sage, das, was alle am 1. Advent auf der Kanzel sagen:

Eigentlich, liebe Gemeinde, eigentlich beginnt jetzt die Buß- und Fastenzeit.

Und wenn man auf der Kanzel „eigentlich“ sagt, dann heißt das eigentlich ganz oft: Ich sag das nur mal, um das gesagt zu haben, der Form halber, dann haben wir’s weg. Eigentlich ist jetzt hier 4 Wochen ohne. Besinnlichen Advent allerseits. Amen.

Und die Gemeinde sitzt dann unter der Kanzel und sagt: Ach guck mal, interessant. Was Christen auch noch für Bräuche haben. Und dann singen wir eins, Vater unser, Segen und dann wird der Basar eröffnet und der Pastor hat den Talar aus und die rote Schürze um und serviert Sekt für alle, naja zumindest für all die Ehrenamtlichen an den Basarständen.

Doch eigentlich ist ja Fastenzeit. Die Kanzel hat wie in der Passionszeit ein violettes Antependium. Wir bereiten uns auf Gott vor. Nicht nur auf ein Kind in der Krippe, sondern zugleich auf den Menschensohn, der von Gott kommt zu richten die Lebenden und die Toten. Er kommt zum Weltgerichte, haben wir eben gesungen, zum Fluch dem, der ihn flucht, mit Gnad und süßem Lichte, dem, der ihn liebt und sucht.

Eigentlich bereiten wir uns ab heute aufs Jüngste Gericht vor, liebe Gemeinde, und nicht aufs Kalte Buffet. Also hat sich was mit Stollen und Zimtsternen, stattdessen bitte: Heuschrecken und wilder Honig!

Ich hab da mal was vorbereitet. (nämlich ein riesiges Schild mit dem Aufdruck:)

Das Ende ist nah!

Was löst dieser Satz bei Ihnen aus?

Vielleicht: So ein Schild hab ich zuletzt vor Jahren auf der Spitaler Straße gesehen, irgendein höchstmotivierter Wanderprediger predigt auf eine Menge ein, die ihm gar nicht zuhört oder noch schlimmer irgendwie ganz lustig findet: Das Ende ist nah! Kehrt um! Büßt und betet! Und irgendwie hatte man das Gefühl: Da zieht jemand aus mit seinem Schild, uns das fürchten zu lehren, und schafft das nicht so richtig.

Das Ende ist nah!

Vielleicht denken Sie jetzt auch, ach nö, Hofmann, jetzt bitte nicht. Jetzt ist Advent, jetzt möchte ich ein wenig weihnachtlich eingegroovt werden und dann auf’n Basar Glühwein trinken. Sooo schlecht ist unsere Welt unter der Woche doch gar nicht, als dass wir sonn- und feiertags ihr Ende herbeisehnen müssten.

Das Ende ist nah!

Vielleicht denken Sie auch an die Tagespolitik, an Koalitionen und Klimakatastrophen, an Lampedusa und Iranuran. Hinter all dem gleich den kompletten Weltuntergang zu vermuten, wäre vielleicht doch ein wenig übertrieben. Der Mayakalender hat sich letztes Jahr schließlich auch geirrt. So schnell geht die Welt schon nicht unter.

Das Ende ist nah!

Vielleicht denken Sie aber auch: endlich, endlich leben. Das Ende ist nah. Wurde auch Zeit. Wer endlich lebt, der lebt bewusster, der macht nicht immer so weiter wie bisher, dem werden andere Dinge wichtig.

Endlich leben. Nein, ich glaube nicht, dass mich hier gleich ein Blitz aus heiterem Himmel von der Kanzel holt oder eine Flutwelle hinfort schwemmt. Doch da wir gerade dabei sind. Die Sintflut kommt ja erst nächstes Jahr im April, und zwar in die Kinos: Noah, der Film mit Anthony Hopkins, Emma Watson und Russell Crowe als Archetypen und natürlich mit ganz vielen Special effects. Die Sintflut kommt nächstes Jahr in die Kinos, doch wir, die wir hier sitzen, sind nicht vorsintflutlich, sondern nachsintflutlicht. Gott hat mit seinem Regenbogen versprochen, die Menschheit nicht noch einmal zu zerstören. Er hat versprochen, die Welt neu zu machen.

Also: Keine Welle wird mich hier gleich fortspülen. Die Welt geht nicht unter. Und trotzdem rechnen wir im Advent mit dem Ende. Wir hoffen: Gott sei Dank wird es nicht weitergehen wie bisher. Die Welt ist veränderbar, ein neuer Himmel, eine neue Erde sind uns am Ende verheißen.

Advent, das ist die Zeit anzufangen, endlich zu leben.

Was ist wichtig für uns?

Schnell landen wir bei Dingen wie Familie, Gesundheit, Partnerschaft, alles andere sei unwichtig. Das ist eine so absolut wahre Antwort, dass sie fast schon wieder falsch ist. Es ist die Antwort der protestantischen Kargheit: Danke, wir brauchen nichts: allein Christus, allein der Glaube, allein die Schrift, und ein paar Heuschrecken und ein wenig wilder Honig, wenn’s nichts ausmacht, bloß keinen Luxus, keine Armagnac-Walnuss-Pflaumenmarmelade, denn eigentlich, eigentlich ist ja Fastenzeit.

Was ist uns schlussendlich wichtig, liebe Gemeinde?

Ich behaupte mal, die Antworten in dieser Kirche fallen ganz unterschiedlich aus. Was mich dabei interessieren würde:

Warum sind uns Dinge wichtig?

Liebe Gemeinde, das ist jetzt keine Verkaufsstrategie, damit Sie beim Basar gleich ohne schlechtes Gewissen kraftvoll zubeißen können, aber: Ich möchte über Luxus reden.

Luxus, lateinisch eigentlich ‚üppige Fruchtbarkeit‘ bezeichnet laut Lexikon Verhaltensweisen, Aufwendungen oder Ausstattungen, welche über das übliche Maß hinausgehen bzw. über das in einer Gesellschaft als notwendig oder sinnvoll erachtete Maß.

Es gibt nichts Besseres.

Denn: Was wäre das für ein Leben, dass sich nur danach richtet, was eine Gesellschaft für notwendig oder sinnvoll erachtet? Und wer wäre das dann eigentlich: „die Gesellschaft“? Alles, was wir täten und hätten, hätte einen Zweck, nichts geschähe einfach so, sondern alles hätte einen Grund.

Warum ist uns etwas wichtig?

Vielleicht gibt es ja jetzt die eine oder andere unter uns, die denkt: „Toll, Fastenzeit! Da mach ich doch gleich mit – 4 Wochen ohne Kohlenhydrate beim Abendessen! Das wären dann 7 Kilo runter bis Heilig Abend!“ Liebe Gemeinde, Fasten ist nicht allein eine Frage des Verzichts. Es kommt schon auf die Begründung an.

Warum ist uns etwas wichtig?

Um noch einmal auf den volkskirchlichen Spagat zurückzukommen: Es gibt wohl keine Zeit mit mehr Glanz und Glitter, Kalorien und Kohlenhydraten als die bundesdeutsche adventliche Fastenzeit.

Ich bitte Sie: Feiern Sie in den nächsten Wochen einmal den wahren Luxus.

Wahrer Luxus hat ganz wenig mit Preisschildern und Kontoständen zu tun. Der wahre Luxus ist keine Frage des Geldes, sondern der Unverzwecktheit. Ein sperriges Wort, das wahrscheinlich nur in den Mund protestantischer Pastoren passt: Unverzwecktheit…

Die nächsten Wochen sind die Kaufhäuser noch voller als die Kirchen. Wenn Sie dann an einer Kasse stehen, um Apfel, Nuss und Mandelkern zu kaufen oder Apple, Nuts und Otto Kern, dann fragen Sie sich doch bitte einmal nicht allein: Was und wieviel? Sondern warum?

Nicht nur bei Jugendlichen staune ich darüber, was Mensch meint haben zu müssen, zum Beispiel um dazuzugehören, um mithalten zu können, um selbstsicher daher zu kommen, um anzugeben, um Freundschaften abzusichern oder Familienbande zu stärken.

All das, liebe Gemeinde, ist kein Luxus.

Wahrer Luxus ist etwas zu haben, weil es schön ist, einfach so, ohne „um zu“, ohne Strategien und Absichten zu verfolgen. Einfach so, weil es schön ist. Genauso wie der Mensch schön ist, wenn er einfach so angenommen wird. Kant sagt: Der Mensch hat keinen Wert, sondern eine Würde. Und die Schönheit des Menschen, unsere eigene Schönheit liegt gerade darin, dass wir uns nicht berechnen lassen, dass wir uns nicht verzwecken lassen, sondern einfach so leben dürfen, sunder warumbe, wie die Mystiker sagen, ohne warum.

Luxus ist, etwas haben zu dürfen, nicht haben zu müssen. Wahrer Luxus ist nie maßlos, hat nichts mit Prunk und Protz zu tun. Denn wir wissen doch ziemlich genau, wie viel überflüssigen Kram wir mit uns herumschleppen.

Das Maß bestimmt aber nicht eine Gesellschaft, nicht die Mehrheit, sondern unser eigenes Gewissen vor Gott. Kurz bevor das Ende für Jesus von Nazareth nahte, salbte eine Frau ihn mit kostbarem Öl. Die Heuschrecken-Honig-Fraktion der Jünger war empört: Was für eine Verschwendung! Wie viel Gutes hätte man nicht mit diesem Geld tun können! Doch Jesus nimmt die Frau in Schutz: Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Das ist gut so. Ich bin nämlich nicht mehr lange bei euch.

Endlich leben, das heißt selbstverständlich auch, sich selbst etwas Gutes zu gönnen, jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen. Einfach so.

Wir beginnen endlich zu leben, wenn wir aufhören, uns darüber zu definieren, was wir haben, sondern darüber, was wir sind. Freie Christenmenschen sind wir, die viel weniger nötig haben, als man so denkt, die sich zugleich aber auch daran freuen dürfen, was sie haben.

Derselbe Jesus, der dankbar das kostbare Salböl empfing, ritt kurz zuvor auf einen Esel in Jerusalem ein. Siehe dein König kommt zu dir, ja er kommt, der Friedefürst ohne goldene Sänfte oder großartiger Equipage. Der von den Propheten geweissagte Weltenretter kommt auf einem Esel daher gehoppelt und die Welt, die wir kennen ist am Ende. Sie wird in Gott neu, wenn wir endlich anfangen, frei zu leben. Die Welt hat ohne Gott keine Zukunft, denn Gott ist ihre Zukunft.

Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelkuchen essen und ich würde ihn teilen mit denen, die ich liebe. Und manchmal schaffe ich es sogar zu teilen mit denen, die ich gar nicht liebe. Das leider eher selten, aber gerade dann merk ich: Endlich lebe ich, denn die Welt, die ich bisher kannte, verändert sich, wenn ich sie nicht nur um mich selbst kreisen lassen. Wie sagt Erich Fried so schön: "Wer will dass / die Welt so bleibt / wie sie ist / der will / nicht / dass sie / bleibt"

Welt ging verloren, singen wir in 4 Wochen. Und keiner scheint sie dann zu vermissen, wenn Gott kommt und uns zeigt, was wir sind und was wir brauchen. In Gott endet die Welt, wie wir sie kennen. Doch jetzt erst einmal Basar, gleich habe ich den Talar aus und die rote Schürze um und serviere Sekt für alle, zumindest für alle Ehrenamtliche an den Ständen, einfach so, weil es schön ist, dass die da sind, die Ehrenamtlichen.

Ich freu mich drauf und komm zum Ende.

Amen.