Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ und warum „Fremdweinen“ so hilfreich ist

Pfarrerin Doris Joachim-Storch (ev)

18.04.2014 im 1. Programm des Hessischen Rundfunks

Feiertagsgedanken

Zu der Karfreitagspredigt gibt es einen Podcast auf der Website von hr1.

 

I

Ich war etwa zehn Jahre alt. Da hatte ich ein Lieblingslied im Religionsunterricht: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ein Lied, das vom Leiden Jesu erzählt. Das ist vielleicht etwas verwunderlich. Und natürlich hatte ich noch andere Lieblingslieder. Aber im Religionsunterricht war es das. Ich liebte meinen Religionslehrer, weil er so schön erzählen konnte. Und ich liebte Jesus. Er war hilflos. Er litt Gewalt. Das hat mich bewegt. Es machte mir nichts aus, die zehn Strophen des Liedes auswendig zu lernen. Besonders gefiel mir die Strophe, wo Jesu Gesicht geschildert wird. „Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut, das große Weltgewichte, wie bist du so bespeit. Wie bist du so erbleichet, wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht’?“

Ich hatte keine Ahnung, was das große Weltgewichte war. Das meiste habe ich sowieso nicht verstanden. Ich war erst zehn. Die Bilder waren es. Die inneren Bilder, von Worten gemalt. Ein trauriges bleiches Gesicht. Beschimpft, verspottet, geschlagen. Paul Gerhardt hat das Lied gedichtet. Das war im Jahr 1656, acht Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg. Nach so viel Gewalt und Tod in Europa. Viel Leiden auch in seinem eigenen Leben. Das ganze Lied ist eine einzige Ansprache an Jesus. Liebevoll, sanft und voller Hingabe. Ich war berührt. Auch von der Melodie! Die gab den Bildern Tiefe und Schwere. Eine tröstliche Schwere. Ich konnte so schön dabei weinen. Ich weinte über den Tod Jesu und auch über mich selbst. Das hat mich getröstet. Das tröstet mich heute noch. Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, warum.

Mit dem Kopf kann ich das nicht erklären. Denn vieles in diesem Lied stört mich. Zum Beispiel die Vorstellung, dass ich irgendetwas mit dem Leiden Jesu vor zweitausend Jahren zu tun haben könnte. Dass er meine Schuld trägt oder stellvertretend für mich gestorben sein soll. Ich will nicht, dass jemand für mich stirbt. Wozu sollte das gut sein? Oft wird gesagt: Gott hat seinen unschuldigen Sohn geopfert als Bezahlung für unsere Sünden. Was wir eigentlich verdient hätten, das habe Jesus abbekommen.

Das mit den Sünden hat mich als Zehnjährige nicht interessiert. Auch als Erwachsene mag ich mir das nicht so vorstellen. Was soll das für ein Gott sein, der sich selbst dadurch besänftigt, dass er seinen Sohn töten lässt. Aber trotz aller Einwände – da passiert etwas in mir, wenn ich dieses Lied singe. Ich sehe in Jesus den leidenden Gott. Ich fühle mich ihm nahe. Ich bin getröstet. Wie kommt das?

Musik (Dieter Falk: O Haupt voll Blut und Wunden, aus: A tribute to Paul Gerhardt)

II

Wie fühle ich mit, wenn ein anderer leidet oder stirbt? Und bin sogar getröstet!? Ein neuer Begriff bringt mich auf die Spur: Fremdweinen. Entstanden ist er im Zusammenhang mit dem Unfalltod von Prinzessin Diana 1997. Da wurden Millionen von Menschen von großer Verzweiflung erfasst. Man konnte sich das Ausmaß dieser Trauer kaum erklären. Diese Identifikation mit einem Menschen, der im Leben unglücklich war und nun auch noch so tragisch starb. Ähnliches geschah nach dem Selbstmord des Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke 2009. Das Leiden eines Prominenten, der einem doch eigentlich fremd ist, lässt Menschen mitweinen. Manche Psychologen sprechen vom „Princess-Diana-Effekt“ und meinen damit: Die Menschen haben nicht um die Prinzessin getrauert, sondern vor allem um sich selbst. Das sei kein wirkliches Mitleid, sondern Selbstmitleid. Das klingt ein bisschen abfällig, finde ich.

Der Heidelberger Psychologe Arnold Retzer sagt: Menschen gießen „ihren eigenen Kummer in die Nöte einer öffentlichen Figur“1. Das konnte man besonders nach dem Selbstmord von Robert Enke sehen. In den Chatrooms des Internets haben viele geschrieben: Das kennen wir. Die Angst vor dem Versagen, Depressionen und dass man die auf jeden Fall verbergen muss. Jetzt aber haben sie darüber gesprochen. Das Leiden von besonderen Personen rührt an eigenes Leiden und öffnet die Seelen. Über diesen Umweg kommen Menschen zu ihren eigenen Tränen. Die Prominenten werden zur Projektionsfläche einer Trauer, die sonst tief verborgen bleibt. Fremdweinen kann darum etwas Heilendes haben. Denn Tränen helfen, inneren Druck zu lösen. Sie erleichtern und tun gut. Weinen ist Trost an sich. Auch dann, wenn die Tränen durch den Umweg über das Leiden eines anderen zum Fließen kommen. Und: Mitgefühl mit sich selbst hilft, sanfter und liebevoller zu werden – mit sich und mit anderen.

So ging es mir wohl auch als Kind Ende der sechziger Jahre, als mich das Lied über den leidenden Jesus so angesprochen hat. Ich habe damals nicht nur mit Jesus gefühlt, sondern auch mit meinem Religionslehrer. Der war während des 1. Weltkrieges geboren. Ein Kriegskind. Sein Vater war schwer verwundet worden. Das prägte seine ganze Kindheit. Im 2. Weltkrieg dann war er selbst Soldat. Er hat davon mit großer Trauer erzählt. Ohne Hass, ohne Selbstrechtfertigung, auch ohne den Krieg zu verherrlichen, wie ich es damals sonst so oft von ehemaligen Soldaten gehört habe. Ich weiß nicht mehr, wie er das gemacht hat. Aber er hat das tief in unsere Herzen gepflanzt: Mit den Leidenden zu fühlen ist wichtig für den Frieden. Das macht uns weich und sensibel und öffnet uns für die Liebe zu den Menschen.

Bei Jesus nun kommt zum Mitgefühl mit einem leidenden Menschen noch etwas hinzu: In Jesus zeigt sich Gott selbst als einer, der leidet. Das macht das Mitgefühl besonders.

Musik (Dieter Falk: O Haupt voll Blut und Wunden, aus: A tribute to Paul Gerhardt)

III

Wenn ich als Zehnjährige das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ sang und mit Jesus mitfühlte, dann wusste ich genau: Das geht gut aus. Das Leiden Jesu hatte ein Ende. Und: Er blieb nicht tot. Er ist auferstanden. Das war ganz wichtig für mich. Und ist es noch heute. Jesus war nicht nur das Opfer. Er war auch einer, der letztlich gesiegt hat. Über das Leiden, über den Tod, über alles, was das Leben schwer macht.

Jesus war nicht nur ein Mensch. Ich sehe in ihm auch den leidenden Gott, der unter den Bedingungen der Menschen gelebt hat. Kein Star, der jederzeit aus dem Spiel aussteigen konnte. Als Jesus am Kreuz hing, wurde er von den Zuschauern verhöhnt: „Wenn du Gottes Sohn bist, wenn du der Messias bist, dann hilf dir doch selbst und steige herunter vom Kreuz.“ Das konnte er aber nicht. Er konnte nicht vom Kreuz heruntersteigen, weil er hinabsteigen musste in den Tod. So wie jeder Mensch. Er hat die Bosheit der Menschen erlitten, die Gewalt, den Schmerz. So wie viele andere Menschen. Und er hat sich nicht gewehrt. Kein Kampf, keine Gewalt, sondern Liebe. Wie anders sollte Gott uns zu Liebe und Mitgefühl bewegen? Wie sollten wir sonst unseren Kummer in ihn gießen können? Das ist Gottes Art, uns ganz nahe zu sein.

Jetzt könnte man einwenden: Was hat es denn gebracht? Seit seiner Kreuzigung ist die Welt nicht friedlicher geworden. Und auch Christen haben seine Sanftheit nicht ausgehalten. Stattdessen haben sie das Kreuz umgedreht und es als Schwert gegen andere benutzt – im Namen Gottes.

Das stimmt alles. Und doch: Liebe entsteht nur durch Liebe. Das habe ich als Zehnjährige gespürt. In diesem Lied „O Haupt voll Blut Wunden“. Das Leiden wird aufhören. Aber die Liebe hört nicht auf. Sie ist nicht tot zu kriegen. Für mich war und ist das die Kraft, die aus dem Mitgefühl mit Jesus wächst. Sie macht das Leben heller. Paul Gerhardt hat das so formuliert: „Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an. Von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan; dein Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost, dein Geist hat mich begabet mit mancher Himmelslust.“ (EG 85,5)


Himmelslust am Karfreitag. Weinen und Trost – beides zugleich. Das Lied gehört auch heute zu meinen Lieblingsliedern.

Musik (Dieter Falk: O Haupt voll Blut und Wunden, aus: A tribute to Paul Gerhardt)

1 Arnold Retzer: Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken, Frankfurt/M., 2. Auflage 2012, S. 25.