Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Lied: "Wind kannst du nicht sehen, ihn spürt nur das Ohr..." Text: Anders Frostenson (Schweden) Melodie: Erhard Wikfeldt (Schweden)

Karl-Heinz Baum (EmK)

14.05.2014 in Bebra

Musikalischer Gottesdienst mit Schwerpunkt "Neue Lieder"

Liebe Gemeinde,

sie sind federleicht, wirken fein, zerbrechlich und schwach.

Dennoch verändern sie ganze Landschaften: die Flugsamen der Pusteblume.

Gerne halte ich die Blume in der Hand und puste kraftvoll die Schirmchen des Löwenzahns aus ihrem Halt.

Ihnen fehlt sogar die Kraft, sich selbst fortzubewegen.

Aber sie haben einen starken Verbündeten: den Wind.

Er bewegt sie und löst sie zum richtigen Zeitpunkt aus ihrer Verankerung.

Der Wind lässt sie schweben und treibt sie voran. Mit ihm fliegen die kleinen Samen kilometerweit.

Sie überwinden Grenzen, höchste Mauern und tiefste Gräben. Kein Zaun kann sie aufhalten.

In unserem Lied wird der Wind als Bild für den Heiligen Geist benutzt.

Wind und Geist sind die beiden Worte, welche durch die fünf Liedstrophen wehen.

Das Wechselspiel von Wind-Geist-Wind-Geist in den ersten vier Strophen verdeutlicht:

Wo Gott uns seit der Schöpfung Leben schenkt, geschieht das als Atem, als Wind, mit dem er uns ins Leben ruft.

Auch Jesus selbst vergleicht Geist mit Wind.

Beide, Geist wie Wind, kann niemand sehen, aber spüren.

Beide dringen an unser Ohr "im Flüstern oder Brausen wie ein mächtger Chor."

Dieses Geschwisterpaar Geist-Wind entfaltet ein Wirken, das über das normale Hören hinaus geht.

Wind und Geist haben das hebräische Ursprungswort "RUACH". Schon im Alten Testament bedeutet dieses Wort:

Wind, Atem und Geist.

Wenn wir es langsam aussprechen, malen wir Windgeräusche nach.

„Ruach“ wird im AT auch in Verbindung mit dem Handeln Gottes gebracht.

An einigen Stellen im AT wird „Ruach“ im Sinne des „Atem Gottes“ verwendet.

Aus diesem Grund ist die Vorstellung von Lebendigkeit direkt in den Zusammenhang mit „Ruach“ gebracht worden.

Besonders anschaulich wird dies uns im zweiten Schöpfungsbericht erzählt.

Gott hat jeden von uns erschaffen, indem er seinen Odem in einen Lehmklumpen einhauchte.

Es ist Ruach, die heilige Geistkraft, in jedem Atemzug Gottes und in jedem Atemzug von dir und mir.

Jeder von uns atmet mit jedem Atemzug den puren Gotteshauch. Wir sind Aspiranten der Gottesfülle.

(lateinisch aspirare ‚anhauchen, hinstreben).

Eine Ahnung bekommen wir von dieser Gotteskraft, wenn uns der Atem stockt, wenn wir in Atemnot geraten.

Beim nächsten Atemzug fühlen wir uns befreit, wie neu geboren.

So wirkt auch der Heilige Geist, er erneuert die Schöpfung und belebt uns neu.

Wenn wir dieses Pfingstlied singen, ahnen wir etwas von einer großen Dynamik.

Sie drückt sich für mich sehr schön in der Melodieführung aus:

Wie aus luftiger Höhe kommt die Melodie zu uns heran geweht.

Leicht wie ein Fallwind bläst sie von oben herab, springt in Stufen abwärts und umspielt den Grundton "f".

Am Ende der ersten Zeile kommt sie einen Moment zur Ruhe, bevor sie in der zweiten Zeile von unten aufsteigt und zum Grundton zurückkehrt.

Leichtfüßig, in schnellen Achtelnoten, eher sprudelnd springend, herabtropfend erklingt diese vitale, schwedische Weise.

Von unten umspielend, umschmeichelnd bietet der Grundton einen festen Halt.

Der Halt ist wichtig:

Be-geist-ert leben heißt nicht, ohne Halt zu sein!

Selbst in Stunden voller Freude kann ich nicht halt- und zügellos leben, so wie auch die Samen des Löwenzahns sich irgendwo fest machen müssen und Halt brauchen.

Die Melodie ist ein Abbild des Geistes, der anklopft und weckt,

der Menschen erreicht und in Bewegung bringt.

Aber dann auch menschlich mit ihnen verfährt:

Bei raschem, lockerem Singen unseres Liedes braucht keine Sängerin und kein Sänger außer Atem geraten.

"Geist...wo er will sein..." eine wie der Wind hier und da wechselnd auftretende Macht, doch nie konfus, nie ohne Plan, auch im Durcheinanderwirbeln unserer Wünsche und Hoffnungen.

Nein, auf die innere Wahrnehmungsfähigkeit kommt es an:

"...tief im Herzen Worte voller Trost und Licht..."

unhörbar, aber spürbar und erfahrbar.

Auf das Herz zu hören, bin ich verwiesen, wenn ich das Wirken von Gottes Geist wahrnehmen will.

Mit "Trost und Licht" werden in der zweiten Strophe zwei Aspekte des Geistes genannt, die schon in der biblischen Tradition zu finden sind.

Der Heilige Geist führt uns in eine Zukunft, heraus aus der Trauer und Verzagtheit.

Wir dürfen neu lernen, dass Gottes Geist weiterhin Menschen zum Glauben erwecken wird, oft ganz anders, als wir erwarten.

In der dritten Strophe werden dann die Wirkungen des Windes in den Blick genommen.

Er ist nicht zu sehen, doch was er in Bewegung setzt, ist an seiner Wirkung zu erfahren. Eine große, wellenförmige Bewegung durchweht diese Strophe: Felder wogen, Wellen wandern.

Von Wellen, Wogen und Flut ist es nicht weit bis zur Angst-und zur Freude; auch sie breiten sich wellenförmig aus.

Das Wirken des Geistwindes in unsere gegenwärtige Erfahrung hinein besingen wir in der vierten Strophe.

Wo Gottes Geist wirkt, da weicht die Angst und an deren Stelle breitet sich die Freude aus.

Diese mehrfach biblisch bezeugte Frucht des Geistes dürfen wir heute noch erfahren.

Die Gotteskraft macht keine einfachen Wiederbelebungsversuche, sie belebt neu.

An einem Beispiel möchte ich dies verdeutlichen.

Seit einigen Wochen arbeite ich in der Hausaufgaben Hilfe für Grundschüler mit.

Mit diesem Programm werden Grundschüler nachmittags bei den Hausaufgaben betreut und unterstützt.

Ich wurde gebeten, einen zehnjährigen schwarzen Jungen mit Migrationshintergrund zu betreuen und vor allem, die Deutschkenntnisse beim Lesen und Schreiben zu unterstützen.

Nach der ersten Stunde wurde ich spontan von den Eltern zum Essen eingeladen. Es war eine Gelegenheit mit der ganzen Familie ins Gespräch zu kommen und zu verdeutlichen, wie wichtig die Bildung für die Zukunft des Jungen ist.

Inzwischen ist ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zwischen uns entstanden.

Sehr stark spürte ich eine Kraft, wie Gottes Geist

Brücken zu Menschen baut, wie ich dies selten erlebt habe.

Gottes Kraft schüchtert nicht ein, sondern ist unbändig, bläst die Ewigkeit in die Zeit.

Aus deinem und meinem Tohuwabohu führt sie heraus zu neuem Leben.

Folgerichtig bindet die fünfte Strophe das ganze Lied zusammen.

Kommt der Geist zu uns, wird das Wirken des Geistes unter uns Menschen spürbar.

Der gewohnte Strophenbeginn, dass man Wind oder Geist nicht sehen kann, fehlt.

Hingegen wird das sich durch alle Strophen hindurch ziehende Stichwort "sehen" noch einmal aufgenommen.

Der Geist kommt aus einer Welt, die noch niemand gesehen hat. Doch mit ihm ist Gott selbst da.

Der Geist schlägt eine Brücke zwischen Gottes neuer Welt und unserer Welt. Er lässt Gottes ganz andere Welt in unserer Welt zur Wirkung kommen.

Setzt man bei den Strophenanfängen für Wind beziehungsweise Geist "Gott" ein, dann wird das Ziel des ganzen Liedes deutlich "...kommt der Geist zu uns, ist Gott selber da.

Sein Geist führt ins Weite und ermöglicht Zukunft.

Wohin der Wind dich im Leben trägt, wo du immer landest,

auf kleinstem Raum, auf hartem Boden, zwischen Steinen oder Dornen, hier findest du Halt.

Gott ist der Wind, der sogar das Schwache fliegen lässt und dem Himmel entgegen treibt.

Er ist der Aufwind deines Lebens zu ungeahnten Höhen.

Das Wind-Lied ist eine Bitte um den Geist Gottes, ein Einspielen und Einsingen auf sein Kommen und Wirken in unseren Tagen.

Summend bewegt mich die Melodie mit ihren hurtigen Achtelnoten und ich möchte zwei persönliche Strophen hinzufügen:

Wind der alles ändert, der mich fliegen lässt.

Aufwind meiner Erdentage, halt mich fest.

Geist kannst du nicht sehen,/ er bewegt mich neu,/

meinen Lebensweg zu gehen, bleib mir treu.

Amen