Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum „Morizer Stadtgespräch“

Markus Merz

17.02.2008 in Coburg

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Lasst uns in der Stille darum beten, dass Gott uns offene Ohren und Herzen schenke. – „Segne Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.“

Liebe Morizgemeinde, liebe Menschen Coburgs,
was uns hier zusammenbringt ist das gemeinsame Interesse an der Stadt, in der wir leben und der Wunsch, dass dieses Zusammenleben in dieser Stadt gelingt. So viele sind heute gekommen – ein Zeichen dafür, wie sehr uns dieses Anliegen unter den Nägeln brennt.
Coburg hat doch etwas Liebeswürdiges; ein Ort, an dem sich die Menschen kennen, schon lange kennen, wo Freundschaften über Parteien hinweg gepflegt werden, wo beim Feiern alle gerne zusammen kommen - wo aber auch leidenschaftlich gestritten wird, Leserbriefe in den Zeitungen zu Abrechnungen werden können und der Umgang miteinander in eine Schieflage zu kommen droht.
„Doch jetzt bloß kein Stadtgespräch in der Morizkirche!“ – haben sich da manche gedacht. Die Rückmeldungen, die ich in der vergangenen Woche in Bezug auf unseren Gemeindegottesdienst und das sich anschließende Stadtgespräch bekommen habe, hätten unterschiedlicher nicht sein können. „Klartext müssen Sie reden – das erwarte ich von der Kirche“ – sagt der eine. Der andere meint: „Sagen Sie das Ganze ab: Zu solchen Gesprächen ist es längst zu spät.“ Eine andere sagt zu mir: „Jetzt haben wir dieses ganze Wahlgehabe auch noch in der Kirche.“
Hier melde ich meinen aufrichtigen Protest an: Als ob Politik ein schmutziges Geschäft wäre? Zugegebermaßen kann es das werden – aber es liegt dann nicht am Wesen der Politik, sondern am Verhalten der Menschen untereinander. Als ob die Situation so verfahren sein könnte, dass wir nicht Gott um seinen Segen bitten sollten. Das gehört natürlich in die Kirche und sollte hier Thema werden – gerade auch im Rahmen eines Stadt¬gespräches!
Die Frage, wie das Zusammenleben in der Polis, in dem uns anvertrauten Gemeinwesen, in unserer Stadt gelingen kann, ist etwas höchst Vitales. Es ist Politik im besten Sinne! Es ist ja gerade Zeichen von kommunalpolitischem Engagement, dass sich hier Menschen um das Ganze streiten und dass es Ihnen nicht gleichgültig ist, wie wir Coburg gestalten. Das „Wahlgehabe“ lassen wir gerne heraus – aber die Frage, wie ein gemeinsames Suchen in der Stadt gelingen kann, gehört hier mitten hinein. Tatsächlich: da mischt jetzt auch noch die Kirche mit – weil sie längst mitten drin ist.

Worte des Propheten Jeremia haben wir eben schon gehört und aus denen können Sie auf ihrem Sonntagszettel einige Sätze nachlesen. Sie erinnern uns an eine Zeit in der Geschichte des Volkes Israel im 6. Jahrhundert vor Christus. Diese Zeit und ihre Fragen haben die nachfolgenden Generationen tief geprägt: die Zeit des Exils.
Ein großer Teil der Schwestern und Brüder des Volkes Israel – es müssen mehrere Hunderte Menschen gewesen sein – wurde deportiert. Sie lebten fern der Heimat in der fremden Stadt Babylon unter fremden Herrschern. Sie warteten darauf, endlich zurückkehren zu dürfen. Aber es ging nicht. Gefangen im Exil, in der Ferne.
Im Exil mussten sie sich dem beugen, dass andere die Bestimmer waren, dass andere Sitten galten, dass andere Glaubensformen gelebt wurden – und sie eben Fremdlinge waren. Das passt so gar nicht zu der Hoffnung auf den machtvoll eingreifenden Gott, der Geschichte schreibt und Glaubende bewegt. Das hat nicht wenige zweifeln und hart werden lassen.
Vergangene Woche kam so eine ganz ähnliche Diskussion auf, als der türkische Ministerpräsident Erdogan in Köln den hier lebenden Türken einschärfte: „Haltet euch an eure Wurzeln!“ Er verstieg sich gar zur der Aussage, Assimilation sei ein Vergehen gegen die Menschheit. Er meinte damit wohl die berechtigte Frage nach der eigenen Identität: Wie den eigenen Lebensort als Heimat annehmen ohne das Eigene aufzugeben?
In einer genau solchen Situation also hat die Israeliten im Exil ein bemerkens¬werter Brief des Propheten Jeremia erreicht – und was da drin steht, trifft auch uns, die wir hier am Sonntagmorgen in der Morizkirche zusammenkommen. Keine Aufforderung zum stolzen Aufrechterhalten des eigenen Dünkels – sondern das Gegenteil:
„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's der Stadt wohl geht, so geht's auch euch wohl.“ Jeremia meint: „Tretet ein in die Mitte! Teilt die Sprache, die gesprochen wird! Kümmert euch um das Gemeinwohl!“ Wörtlich steht da: „Kümmert euch um den Frieden der Stadt. Denn in ihrem Frieden wird euer Frieden sein.“ In der Sprache des Alten Testaments bedeutet dieser Frieden „Shalom“ – er ist etwas anderes als freundliches Lächeln in harter Sache, etwas anderes als Weichspülen ohne die Wahrheit zu sagen. Der „Shalom“ einer Stadt ist etwas ganz Umfassendes: Wenn dort Gerechtigkeit und Frieden sich küssen – so die Sprache der Bibel - wenn Interessen nicht gegeneinander, sondern miteinander abgewogen werden, wenn Gott in der Mitte lebt. Einen solchen „Shalom“ gibt es nur in der Rückbindung zu Gott und zur Gemeinschaft mit den Menschen zugleich.

Voraussetzung dafür ist, dass – so der Prophet - das Volk aus der Vergangenheit lernt und sich von Herzen wieder seinen religiösen Wurzeln, seinem Ursprung zuwendet. 70 Jahre mussten sie dies im Exil erleiden und durchleben – ehe wieder Neues erwachsen konnte. Oft merken auch wir erst, wenn Jahre vergangen sind und wir die Hoffnung schon verloren haben, wie es doch weitergegangen ist. Und wie wir uns verändert haben. Aus der Vergangenheit lernen, meint die Bereitschaft, sich zu wandeln und auf der anderen Seite natürlich auch, dem anderen zuzugestehen, dass er sich entwickelt. Und ihn nicht festnageln auf vergangene Begebenheiten! Das sage ich gerade auch in unserem kommunalen Umfeld: Warum sollten Meinungen und Überzeugungen sich nicht auch ändern können – bei mir und beim anderen?
Der Prophet Jeremia gibt eine Zusage, die lautet: Gottes Wege mit seinem Volk enden nicht in der Sackgasse, sondern in einem Neuanfang: „Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung!“ Jeremia rechnete wohl eher damit, dass die Brüder und Schwestern in der Ferne in aller eigenen Volkstümelei sich gerade nicht auf den Ort einlassen würden, an dem sie leben. Er rechnete wohl eher damit, dass sie sich trotzig auf eine vermeintlich gute Vergangenheit berufen und zu einer Veränderung ihrer Haltung nicht bereit sind. Gegen die eigenen Berater, gegen alle Durchhalteparolen spricht er ihnen Mut zu und sagt: Ihr verleugnet eure Wurzeln nicht, wenn ihr euch auf diese Situation einlasst. Grenzt euch nicht ab – im Gegenteil: Mischt euch ein! Wenn ihr euch um das Wohl dieser Stadt kümmert, dann geht es euch ja auch gut.

„Aber Herr Pfarrer, Sie machen das am Sonntag doch bitte ganz neutral.“ – wurde ich mehrfach gebeten. Nein, liebe Gemeinde. Wie sollte ich neutral bleiben, wenn ich mich einmische. Einmischen ist das, was uns als Christen aufgegeben ist. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer schreibt der Kirche vor 60 Jahren ins Stammbuch: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. … Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt ,für andere da zu sein’“. Kirche nimmt teil am Geschehen in der Stadt, in dem sie bei den Menschen und ihren Fragen ist, in dem sie einlädt und Fürbitte hält.
Das Ganze hat ein Vorbild, einer der es uns vorgemacht hat: Christus selbst, der nicht in Gottes Herrlichkeit geblieben ist, sondern eingegangen ist in alles Weltliche. Wir haben die Neigung, Gott irgendwo da oben anzusiedeln und die Welt da unten, da wo wir sind. Oder wir sagen: Gott gehört in die spirituellen, heiligen und nicht in die alltäglichen Räume. In den Worten der ersten Christen wird die ganz andere Erfahrung, ja Überzeugung vermittelt: Gott ist in die Welt eingegangen - in Jesus Christus ist er gekommen. Christus ist die Fülle von allem, er ist in uns und um uns – in seinem Namen zu beten, heißt die Schöpfung als Ganzes ins Gebet zu nehmen. Auch unsere Stadt gehört dazu.
Nichts anderes erbittet Jeremia von den Menschen im Exil: Betet für die Stadt, in der ihr lebt. Betet dafür, dass Menschen ihr Verhalten auch ändern und zu eigenen Fehlern stehen können. Betet dafür, dass jedem am Besten der Stadt gelegen ist, weil er verstanden hat, dass es nur dann auch ihm wohl ergehen wird.

Liebe Gemeinde, wir verstehen diese Wochen bis zum Osterfest als Fastenzeit, als sieben Wochen unter einem anderen Vorzeichen: Da gab es große Reden zum Aschermittwoch, zum Auftakt der Fastenzeit. In ihnen kann ich einen Verzicht jedoch noch nicht erkennen: den Verzicht darauf, den anderen klein zu reden. Fastenzeit könnte doch bedeuten, diese sieben Wochen anders zu leben und auch dem politischen Mitbewerber anders zu begegnen, verblüffend anders.
Ich möchte Ihnen eine Anmaßung nicht vorenthalten: nicht weil es meine Idee wäre, sondern die Idee des Mensch gewordenen Gottes: Jesus trägt es unter die Leute und sagt „Geht miteinander so um, wie Ihr selbst behandelt werden wollt“. Und damit meine ich nicht nur die Kandidaten der ersten Garde, sondern jeden einzelnen Mitstreiter. Ich füge dem noch etwas hinzu: Unterstellt euch einander, dass Ihr von der Sehnsucht getragen seid, dem Frieden zu dienen. Ich freue mich, dass hier so viele sitzen, die an je ihrem Ort sich einbringen mit viel Kraft und dem Interesse, etwas Gutes zu schaffen. Geht doch davon aus, dass es auch Eurem Mitbewerber so geht, dass er verstehen und nicht verletzen will. Und unterstellt euch nicht das Gegenteil. Und nagelt euch nicht fest bei dem Versagen des anderen, sondern öffnet euch in Vergebung dem, wie es weitergeht. Übrigens auch dies ist dem Wort Jesu mitgesagt: Ein Missachten dieser Regeln fällt auf uns selbst zurück!
Wie sehr würde ich mir wünschen, dass diese Begegnung heute Morgen in der Morizkirche zu einem Innehalten und zu einem Qualitätssprung auf der Zielgerade bis zur Wahl werde.
Ich schlage vor, diese prophetische Verheißung mit Leben zu füllen und für unsere Stadt, für die Menschen, die sich in ihr engagieren, für alle, die hier wohnen und leben zu beten und gemeinsam den Frieden zu suchen. Der Gott allen Friedens wird uns die von ihm versprochene Zukunft schenken. Darauf lohnt es sich von ganzem Herzen zu hoffen.

Amen.