Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Bald nun ist heile Familie"

Pfarrer Andreas Horn

07.12.2008 in einem Theater in Dresden

golife-Gottesdienst

Ach du heilige Familie. Weihnachten. Haben Sie Ihre Planung schon fertig?
Nein? Na dann wird's aber höchste Eisenbahn. Machen Sie zeitig einen Schlachtplan, und zwar nicht nur für die Weihnachtsgans, sondern für das Aufeinandertreffen der Heerscharen aus ihrem Familienkreis. Wer passt zu wem? Wer darf  wen unter keinen Umständen treffen. Wen können die Kinder gar nicht leiden....   So ein Weihnachtsfest ist nicht so nebenbei zu machen.  Das bedarf einer generalstabsmäßigen Vorbereitung.

Bei uns ist es so in diesem Jahr: Einer unsrer Söhne wird im nächsten Jahr Vater. Helle Freude, endlich werde ich Opa, ist doch schön, nicht wahr? Schließlich hatten wir vor einem Jahr einen golife: "Macht Kinder ihr Deutschen", mein Sohn hat's wörtlich genommen. Mächtig gewaltig.

Allerdings hierß das auch:  Wir haben vor einigen Wochen die  zukünftigen Schwiegereltern besucht, mussten sie endlich mal kennenlernen. Ist ja logisch. Also sind wir hingefahren. Italiener. Wunderbare, herzliche Menschen. Globalisierung nennt man das.

Schön und anstrengend war es. Und bei der Verabschiedung, so bei der typisch italienischen Küsschen-hin und Küschen-her-Umarmung sagte der italienische Schwieger-Papa, na dann bis Weihnachten....
- Uns trifft der Schlag.
Meine Frau denkt, sie hört nicht recht: "... bis Weihachten?". Aber sie lächelt freundlich... wir sind ja höfliche Menschen. Was soll man tun?

"Also dann bis Weihachten". Ist doch wohl relativ logisch, dass so eine italienische Familie, die schon so viel vom Striezelmarkt und der Frauenkirche in Dresden gehört hat und der wir auch schon mal einen Stollen geschickt hatten, die Gelegenheit beim Schopfe packt, "na dann: Bis Weihnachten".

Meine Frau schluckte. Auch das noch. Ausgerechnet Weihnachten. Weihnachten ist sowieso schon der pure Stress. Ihre Eltern. Unsre wilden Söhne. Und der Ehemann, also ich, der Pfarrer,  praktisch gar nicht zuhause.
Selbst wenn der Pfarrergatte mal körperlich anwesend ist, in Gedanken ist er  immer in der Kirche.
Und mittendrin italienische Gäste...  Na dann...

Aber, was tut man nicht alles für seine Söhne?     - Alles. Jetzt sind wir gerade in der Dran-Gewöhnungs-Phase. Machen uns vertraut mit dem Gedanken, dass wir viele sehr sehr unterschiedliche Gäste in unsrer Wohnung haben werden und arbeiten an einem Plan. Sie wissen ja sicher noch: "Ich habe einen Plan..."
Meine Frau macht den.

So ist das. Weihnachten ist nicht einfach. Überhaupt nicht einfach.
Aber trotzdem schön. Am Ende ist es immer schön. Der Goldschimmer legt sich schon kurz nach den Feiertagen wie eine Patina auf die Erinnerung, so dass es im Rückblick immer so war: Weihnachten, so schön. Oder sagen wir das bloß so?

Eine Lüge? Die jährliche Standardlüge schlechthin.
Oder - bei Ihnen?
Mindestens gibt es unterschwellige Spannungen. Manche Familien müssen gewaltige Verrenkungen anstellen, damit es nicht kracht,  jemand rausrennt...  die Tür schlägt. Fragen Sie die Rechtsanwälte: Weihnachten ist eine Katastrophe!

Warum? Weil wir gigantische Erwartungen haben - und zugleich sind wir hochsensibilisiert. Empfindlich. Muss schiefgehen.

Oder: kann nur gut gehen, wenn eine richtig fette Gans auf dem Tisch steht und ein schwerer Wein.... dann tritt nämlich eine bleierne Trägheit ein, die  das Schlimmste verhindert. Aber ist das dann wirklich gut?
Übertreibe ich? Wie ist's denn bei Ihnen?

Das, was ich von meiner Familie erzählt habe - mit den Italienern, ist doch der harmloseste Fall. Lässt sich bewältigen. Wird trotz Stress ja vermutlich gelingen...

Also gehen wir jetzt mal die wirklich schlimmen Dinge an: Ehepartner: ein kleiner Reiz führt zum Streit und vom Streit zur Katastrophe. Im Grunde war es schon vorprogrammiert, Weihnachten ist dann der Auslöser. Familien öden sich an. Die Form wird manchmal noch halbwegs gewahrt, aber man ist froh, wenn alles vorbei ist...  
Oder: grenzenlose Einsamkeit, fliehen ...  Irgendwohin. Weit weg. Wut auf Weihnachten.
Wie soll dieses Fest gelingen? Wo so viel aufbricht, zwischen uns zerbricht?
Wie kann es halbwegs gelingen?

Ich versuch es mal: (an dieser Stelle wird eine Playmobil-Krippe aufgebaut)
Das Jesuskind. In der Krippe. Natürlich brauchen wir dieses schöne romantische Bild. Ich hab es auch zuhause stehn. Und ich hab es ihnen mitgebracht. Der Stall,  Maria und Josef. Das Christkind, Maria, Josef, Ochs und Esel - als Playmobilkrippe. Schön.
Es muss ja nicht alles holzgeschnitzt aus dem Erzgebirge sein.

Aber: So schön es anzuschauen ist , es ist eine optische Täuschung. So war es nicht.
Es war eine erbärmliche Flüchtlingsszene. Und der Josef, was wird der über Maria und das Kind gedacht haben... Vielleicht haben sie sich auch angegiftet, es waren normale Menschen.
Und Maria - eine Heilige? Pu...
Ein Maler hat sie mal bei der Züchtigung des Jesuskindes gemalt. Da war aber die fromme Christenheit hellauf empört. Recht hat er! Das ist doch mit Sicherheit  passiert, dass der Mary mal die Nerven durchgingen...  
Eine ganz normale Familie. Weihnachten wie bei uns.

Und später war es auch nicht anders: Jesus war nie romantisch. Hat gekämpft, wurde bekämpft. Verlacht, bezweifelt und schließlich umgebracht. Hat sich um die gekümmert, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen. Die hat er selig gepriesen.
Jesus würde zu Weihnachten auf die Brücke gehen, wo mit Sicherheit jemand steht, der springen will...
Jesus sitzt bei der ratlosen Mutti inmitten einer heillos zerstrittenen family.
Er wartet vor der Kneipe auf die, die diese Flucht gewählt haben....

Das ist sein Trost: Wenn Weihnachten bei mir schief geht, dann steht Jesus in der Nähe. Steht bereit. Drängt sich nicht auf, aber steht bereit. Ich weiß, das klingt ein wenig einfach, fast banal. Aber es ist so. Ich habe diesen Jesus immer so empfunden: er steht irgendwo im Halbdunkel, 3 Schritte entfernt - wenn ich will, kann ich leise rufen. Und dann kommt er...

Jesus kann nicht alles kitten, was zerbrochen ist. Aber allein seine Anwesenheit tut gut. Er erträgt mit den Menschen dieses ganze für so viele unerträgliche Weihnachtsfest. Er erträgt die Bitterkeit und die glitzernde Fassade. Diesen so erbärmlichen Mischmasch. Und uns erträgt er auch - uns, so hilflos irgendwo dazwischen.

Jesus weiß ganz genau Bescheid. Das Zauberwort heißt: "Vertrauen". Und weil man Vertrauen nicht malen kann, mußte Jesus ein Baby werden, weil man dann das Vertrauen plötzlich doch malen kann. Vorbehaltlos vertrauen. Das können wir fast nur bei Babys. Also: wird Jesus zum Baby.
Und so, wie ein Baby das Gesicht eines sich zu ihm herabbeugenden Menschen zu verzaubern vermag, so verwandelt uns dieser Jesus. Zaubert ein Strahlen, ein unerklärbares Strahlen in unser dunkles Leben.
Liebt uns.
Es ist mit unserem Verstand partout nicht zu erklären. Aber wir spüren, dieser Jesus, in seiner Art den Menschen zu begegnen, dieser Jesus kann uns rausholen. Selbst aus der Gar-nicht-heilen-Familienkatatstrophe kann er uns herausholen.Er legt uns ein erstes noch ganz zaghaftes Gebet in den Mund.
Eine winzige Bitte. Ein Flehen. Mehr nicht.
Das ist sein ganzes Geheimnis.

Und dann so nach und nach - nach ein zwei Jahren verhilft er uns
vielleicht auch noch zu ein paar kleinen praktischen Regeln.... abgeguckt an seinem Leben:

1.
Jesus war viel unter Leuten, fast ständig, aber dann passiert es immer wieder - er zieht sich plötzlich zurück, ist allein, flieht ins Alleinsein. Diese Balance brauchen wir auch. 1. Feiertag für die Familie. Der andere Feiertag für mich allein.  Reserviert. Ein Reservat für meine Seele. Jesus redet nämlich ganz ganz leise.
Also irgendjemandem müssen Sie absagen. Das gehört auch zu Weihnachten.

2.
Wenn die Familie sich trifft, sollte man gemeinsam was machen. Meinetwegen so einen Adventsstern zusammenbaun und anbringen. Da hat auch der Onkel was zu tun und es redet sich leichter. Ich hab vor vielen Jahren mal mit dem bekannten Dresdner Superintendenten Christof Ziemer  unsern Adventsstern zusammengesetzt, weil ich den gerade in der Hand hatte, als er zu Besuch kam. Erst war's mir peinlich, dann war's gut. Sehr sehr gut. Was tun, hilft reden.

3.
Und wer allein - so ganz und mutterseelenallein ist?
Machen Sie sich einen ganz genauen Plan. Überlegen Sie, wer würde sich denn am meisten freuen, wenn Sie kämen? Die Freude dieses Menschen brauchen Sie vermutlich.
Und wenn Sie partout gar keinen finden, dann rufen Sie die Seelsorgenummer an: 0800 - 111 0 111   und reden Sie einfach drauflos...
Ich empfehle das allen: Machen Sie einen genauen Plan für Weihnachten! Planen ist das halbe Weihnachten.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, kein langweiliges, kein einsames, auch kein katastrophales Weihnachtsfest, aber wenn es doch so kommen sollte, dann auf jeden Fall ein Jesus-in-der-Nähe-Weihnachtsfest. Es ist schließlich sein Geburtstag.

Amen