Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Christliches Verständnis zur Organspende"

Ralf Friedrich (ev.-luth.)

im Dekanat vorderer Odenwald

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Amen

Liebe Gemeinde,

Ich stelle diese Predigt unter ein Wort aus dem Psalm 139 (13a) aus der Deutschen Übersetzung der Septuaginta: „Denn du hast meine Nieren erworben.“

In dieser Predigt werde ich ein Thema auslegen, welches mir selbst an die Nieren geht und welches in der Bibel nicht direkt behandelt wird: Das christliche Verständnis zur Organspende. Vielleicht haben sich einige von Ihnen bereits als Organspender oder -spenderin mit einem Ausweis registrieren lassen. Vielleicht haben einige von Ihnen sich auch noch gar nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Auf jeden Fall ist das Thema ein aktuelles, wenn auch in der Öffentlichkeit, wenig Diskutiertes. Denn die Zahl der Organspender ist dramatisch am fallen.

„Denn du hast meine Nieren erworben“, betet der Psalmist. Er dankt Gott, dass er auf dieses wichtige Organ viel Mühe verwendet hat, dass er Anteil daran hat wie an einem hoch bezahlten Gut.
Welche Bedeutung können heute Organe, auch als eine handelbare Ware, haben?

Als Beispiel möchte ich eine Geschichte eines jungen Paares aus Moldawien erzählen. Von Angela, 1974 geboren, und Andrei, der 2 Jahre älter ist. Seit sie noch Kinder waren, sind sie als Paar beisammen. Wenn sie für Zeiten getrennt waren, haben sie sich viele Briefe geschrieben. Angela hat über 600 Liebesbriefe von Andrei erhalten. Sie lebten in Armut und wollten aus dieser Armut fliehen. Angela unterzeichnete in ihrer Not den Vertrag, eine ihrer beiden Nieren zu spenden. 3000 Dollar sollte sie dafür bekommen. Andrei war dagegen. Doch Angela ließ sich nicht von dem Plan abbringen.

Die Operation fand in Istanbul statt. Sie spendete die Niere und erhielt dafür 2900 Dollar. 100 Dollar behielt der Vermittler als Provision ein und sie traute sich nicht, zu protestieren. Zu groß war die Demütigung, die erlebte Schmach beim Verkauf ihrer Niere! Die Würde wurde Angela durch diese, Organspende genommen. Vielleicht dachte sie: „Bin ich ein lebendes Ersatzteillager? Sind meine Organe im Handel mehr wert als ich, der lebende ganze Mensch?“

Mit dem Geld bezahlte das Paar einen Schleuser, der Angela illegal nach Italien brachte. Dort fand sie Arbeit für 800,- EURO im Monat. Plötzlich bricht sie in Italien zusammen; fällt in ein Koma. Das ist Folge der Pfuschoperation in Istanbul. Sie erwacht aus dem Koma und wird, sobald sie transportfähig ist, nach Moldawien abgeschoben. Zuhause pflegt sie Andrei, bis Angela eines Morgens Anfang Juli 2008 stirbt, kurz vor ihrem 34. Geburtstag.

Einige mögen sich jetzt fragen: Hat Angela falsch gehandelt? Hat sie durch ihre Organspende Gottes Zuwendung verspielt? Ich denke nicht. Gott steht uns in guten und in schlechten Zeiten bei. Angela wurde in ihrer verzweifelten Notlage Opfer eines unmenschlichen Systems, von dem vor allem reiche Menschen profitieren. Trotz ihrer Schwäche war Gott sicher immer bei ihr, im Leben, wie im Sterben. Sie konnte Zuhause, innerhalb ihrer Familie friedlich sterben. Gott spricht „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Wozu Angela's Organspende diente, bleibt uns in der Anonymität des Organgeschäftes verborgen.

„Denn du hast meine Nieren erworben.“, betet der Psalmist. Gott bleibt die Geschichte von Angelas Niere nicht verborgen.

Kann es eine Zustimmung zur Organspende aus Sicht des christlichen Glaubens überhaupt geben? Bereits 1990 haben sich die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in einer „Gemeinsamen Erklärung“ für die Organspende ausgesprochen. Es sei auch für Christen gut, zu Lebzeiten eine Entscheidung über die eigene Bereitschaft zur Organspende nach dem Todeseintritt zu treffen. Man könne so seinen Angehörigen die zuweilen schmerzliche Last einer Entscheidung abnehmen.

„Denn du hast meine Nieren erworben“, betet der Psalmist. Da haben vielleicht Christen Bedenken, wie es mit meiner Auferstehung aussieht, wenn ich meine Organe gespendet habe?

Wir können auf ein Wort des Apostels Paulus aus dem 1. Korintherbrief , (15, 35,42-44) hören:
35 Aber vielleicht fragt jemand: »Wie soll denn das zugehen, wenn die Toten auferweckt werden? Was für einen Körper werden sie dann haben?« 42 So könnt ihr euch auch ein Bild von der Auferstehung der Toten machen. Was in die Erde gelegt wird, ist vergänglich; aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist unvergänglich. 43 Was in die Erde gelegt wird, ist armselig; aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Herrlichkeit. Was in die Erde gelegt wird, ist hinfällig; aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Kraft. 44 Was in die Erde gelegt wird, war von natürlichem Leben beseelt; aber was zu neuem Leben erwacht, wird ganz vom Geist Gottes beseelt sein.
Wenn es einen natürlichen Körper gibt, muss es auch einen vom Geist beseelten Körper geben. (GN)

In anderen Worten: Wir Christen glauben, dass wir durch Fürsprache unseres Herrn Jesus Christus von Gott zu einem neuen Menschen erweckt werden. Einem Menschen, dem es an nichts fehlen wird. Wir werden als neugeschaffene Wesen wieder einzigartig sein und weiterhin geliebt und geleitet werden von unserem Schöpfer.

Denn die Bibel preist Gott als den Schöpfer und Erhalter des Lebens. Er setzt sowohl dem Kosmos wie dem Leben aller Kreaturen Grenze und Maß und Zukunft. Der Mensch, der als einziges Wesen sich seiner Endlichkeit bewusst ist, handelt klug, wenn er seines kommenden Todes gedenkt und die ihm gegebene Zeit verantwortungsbewusst nutzt.

Aus diesem christlichen Verständnis des Todes und aus dem Glauben an die Auferstehung der Toten kann auch die Spende von Organen von Toten als wünschenswert angesehen werden. Dass das irdische Leben eines Menschen unumkehrbar zu Ende ist, wird mit der Feststellung des Hirntodes zweifelsfrei erwiesen. Eine Rückkehr zum Leben ist dann auch durch ärztliche Kunst nicht mehr möglich. Wenn die unaufhebbare Trennung vom irdischen Leben eingetreten ist, können funktionsfähig gehaltene Organe dem Leib entnommen und anderen schwerkranken Menschen eingepflanzt werden, um deren Leben zu retten und ihnen zur Gesundung oder Verbesserung der Lebensqualität zu helfen.

Denn du hast meine Nieren erworben.“, betet der Psalmist. Er meint auch, dass er sich nicht allein gehört, dass sein Leben eingebettet ist in anderes Leben.

Es gibt aber noch die andere Seite der Organspende: den Menschen, dem das Organ eingepflanzt wird, den Empfänger. Er muss – auch aus dem Glauben – Antwort finden auf die Frage: Darf ich leben, weil ein anderer Mensch gestorben ist? Weshalb darf ich mit einem fremden Organ weiterleben und ein anderer Mensch nicht? Wenn Patienten Organe mit Zweifeln und Schuldgefühlen annehmen, kann es die Gefahr von Abstoßungsreaktionen vergrößern. Wenn die Organspende eine wirklich freie, barmherzige Tat war, eine Tat, die keinen Ausgleich - auch finanzieller Natur - erwartet, dann ist es auch die Pflicht der Organempfänger, die Barmherzigkeit des Spenders anzunehmen, frei von Schuldgefühlen. In diesem Akt der Barmherzigkeit zeigt sich besonders viel Nächstenliebe und wir sollten auch dafür dankbar sein, dass Gott Ärztinnen und Ärzte, die ja auch gläubige Menschen sind, die medizinischen Möglichkeiten hat finden lassen, solche lebensrettenden Transplantationen durchzuführen.

„Denn du hast meine Nieren erworben“, betet der Psalmist. Eine gespendete Niere kann die Lebensqualität eines Dialysepatienten so stark verändern, dass es wie eine Neugeburt, ja wie eine Auferstehung im Leben, empfunden wird. Er könnte beten: Du hast mir eine neue Niere geschenkt.

Es mag bei Angehörigen gefühlsmäßige Vorbehalte gegen die Entnahme von Organen eines Hirntoten geben. Doch wir wissen, dass bei unserem Tod mit unserem Leib auch unsere körperlichen Organe alsbald zunichte werden. Die Erwartung der Auferstehung der Toten und des ewigen Lebens hängt nicht an der Unversehrtheit des Leichnams, sondern der Glaube vertraut darauf, dass der gnädige Gott aus dem Tod zum Leben auferweckt und Leib, Geist und Seele, die ganze Person des Verstorbenen heil macht und in ein neues Leben bei sich führt.

In der Organspende kann auch über den Tod hinaus etwas spürbar werden von der „größeren Liebe“, zu dem Jesu seine Jünger und Jüngerinnen auffordert. Organspende ist aus dem Glauben an Jesus „übergreifender Liebe“ motiviert: ist Nächstenliebe. Also ein ernsthafter Versuch, und auf gar keinem Fall ein Zwang, unserem Vorbild Jesus Christus nachzufolgen, soweit es geht; es uns gegeben ist. Beispielsweise eine regelmäßige Blutspende oder die Entnahme von Knochenmark zur Behandlung von Leukämiekranken bis hin zu einer Lebendspende eines Doppelorgans wie zum Beispiel die Nieren, vielleicht für einen Verwandten oder einen anderen lieben Menschen.

Denn du hast meine Nieren erworben.“, betet der Psalmist. Dass in der Organspende noch über den Tod hinaus etwas spürbar werden kann von der „größeren Liebe“, zu der Jesus seine Jünger auffordert, und die die Welt zu verändern vermag, möchte ich anhand einer wahren Begebenheit darstellen, die in dem erstklassigen Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“ auch verfilmt wurde.

Es ist die Geschichte von Ahmed, einem Palästinenser-Jungen. Ahmed ist 12 Jahre und spielt mit einem Spielzeuggewehr. Ein israelischer Soldat fühlt sich bedroht und schießt auf ihn. Ahmed wird auf die Intensivstation des Ramabam-Klinikums in Haifa eingeliefert, doch es ist zu spät – der Hirntod wird festgestellt! Die Ärzte bitten seine Eltern die Organe von Ahmed zur Spende freizugeben, schweren Herzens willigen die Eltern ein. Darauf empfangen vier israelische Kinder Ahmeds Organe und konnten geheilt werden. Der Film zeigt in bewegender Weise, wie sich die Kinder, die Ahmeds Organe bekommen haben und deren Eltern mit Ahmeds Eltern treffen.

Liebe Gemeinde, ist das auch eine Frage an uns, wie die Nächstenliebe Glaubensverschiedenheit und politische Feindschaft überbrücken kann? Wie aus sehr schweren, traurigen Umständen positive Entscheidungen getroffen werden können, die neue Zukunft schaffen? Ahmeds Vater suchte einen Weg aus der Verzweiflung über den sinnlosen Tod seines Kindes im krebsartig sich ausweitenden Krieg und Hass. Sein Protest und damit auch indirekt der Protest seines Sohnes ist: Inmitten der Welt des Todes stifte ich Leben gegen den Hass, für ein anderes Menschenbild zwischen zwei Völkern, zwei Religionen – in Übereinstimmung mit meinem Glauben, mit dem Gott aller Menschen!!

Das hat eine ganz besondere ethische Kraft – anders als die „Opferung“ als Selbstmordattentäter, anders als ein Verkauf von Organen auf einem „Markt“. Für Ahmeds Eltern war es heilsam die Kinder zu sehen, die Ahmeds Organe erhalten hatten, denn in jedem Kind spürten sie doch auch noch etwas von ihrem eigenen Sohn.

„Denn du hast meine Nieren erworben.“, betet der Psalmist. Auch ein Muslim betet zu Gott, dem er Leib und Leben verdankt. Auch er bemüht sich, den Willen Gottes in konkreten Leben zu verstehen und danach zu handeln.

Und wir Christen hier in Deutschland können nach unserem leiblichen Tod etwas von unserer Liebe weitergeben, indem wir bereits jetzt unsere persönliche Entscheidung treffen, uns als Organspender oder -spenderin registrieren zu lassen. Dazu habe ich Ihnen Informationen zur Organspende und Organspendeausweise mitgebracht, die Sie am Ausgang mitnehmen können. Gerne stehe ich Ihnen nach dem Gottesdienst für ein Predigtnachgespräch zur Verfügung. Vielleicht möchten Sie das Thema auch einmal in Ihrer Familie oder in Ihrem Freundeskreis besprechen. Was immer Sie machen, es wird sicher das sein, was für Sie am Stimmigsten und am Besten ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen