Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt zum Thema "Der Schlüssel zum Glück"

Diakon Dr. theol. Emmerich Beneder (rk)

09.04.2002 im Bildungshaus St. Michael in Matrei am Brenner

Der Philosoph Plato sagte einmal: "Die Menschen lieben lernen, ist das einzig wahre Glück". Liebe vermittelt Freude am Dasein. Liebe schenkt Leben und ist der Schlüssel zum Glück. Dieser Schlüssel hat einen dreifach gezackten Bart, wenn er zum Leben und zur wahren Freude führen soll; die erste Bartzacke ist die Selbstliebe, die zweite die Nächstenliebe und die dritte Bartzacke die Gottesliebe. Erst alle drei zusammen führen zum wahren Glück. Wer daher ja zu sich, ja zum Nächsten und ja zu Gott sagen kann, findet das Glück.

Die erste Zacke des Schlüsselbartes, die Selbstliebe, ist nicht mit dem Egoismus gleichzusetzen. Schon in der Bibel heißt es: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Viele können sich selbst nicht lieben, denn sie halten sich nicht für liebenswert, sie müssen erst zur Liebe geführt werden. Wer sich selbst nicht bejaht, kann auch den Nächsten nicht bejahen, wer sich selbst nicht mag, mag auch den anderen nicht und kann niemanden glücklich machen. Sich selbst zu mögen ist eine Forderung Gottes. Sich selbst lieben bedeutet, die eigenen körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Es gibt aber auch Menschen, die sich für andere aufopfern, total selbstlos sind; sie sind bald ihr Selbst völlig los, werden krank, weil sie physisch und psychisch die Aufopferung nicht durchhalten können. Wer Liebe mit Aufopferung verwechselt, weiß nicht, dass die erste Bartzacke wahrer Liebe die Selbstliebe ist. Aus Liebe zu mir, muss ich auf meine Gesundheit achten. Denn Liebe verlangt in erster Linie, dass ich mich selbst ändere.

Der zweite Zacke des Schlüsselbartes will uns an die Nächstenliebe erinnern. In einer goldenen Regel fasst Jesus alles zusammen, worauf es im Leben ankommt: "Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ebenso ihnen (Mt 7, 12)". Wo immer diese Regel beachtet wird, kann Zusammenarbeit in der Familie, im Büro, in der Wirtschaft, oder unter den Völkern gelingen. Das Freund- Feind-Schema, das die Parteien noch immer kennen, würde zu Ende sein. Wo die Liebe ist, da ist Gott, wo Liebe herrscht, wird Weihnachten, beginnt Versöhnung und Auferstehung. Doch Liebe ist nicht immer nur eitle Wonne, denn in jedem von uns steckt auch eine Wolfsnatur. Der Satz "Homo homini lupus" gibt uns zu denken. Liebe von Mensch zu Mensch ist "vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist" (Rainer M. Rilke). Trotzdem dürfen wir die liebevolle Beziehungen nicht aufgeben. Ohne Liebe würden wir erfrieren. Ein tiefes Geheimnis bleibt die Liebe. Ein Geheimnis, dem selbst der Tod machtlos gegenübersteht. Wahre Liebe stirbt nicht, niemand kann sie aufhalten, sie endet nicht, geht über den Tod hinaus.

Der dritte Bartzacke zeigt uns die Gottesliebe an. Es ist bekannt, dass der einstige UNO- Generalsekretär Dag Hammarskjöld um den Zusammenhang von Mystik und Politik wusste. Er schrieb einmal in sein Tagebuch: "Das Seil über den Abgrund wird von denen gespannt, die es im Himmel festmachen". Wer daher die Liebe pflegen will, muss stets Gottes Liebe suchen, die in Jesus Fleisch geworden ist. Wir können auf Dauer uns selbst und den Nächsten nur lieben, wenn wir immer aus dem ewigen Brunnen der Liebe Gottes schöpfen. Wer daher von der eucharistischen Liebe des Herrn ergriffen ist, kann sich auch reichlich dem anderen verschenken. Auf diese Weise wächst mit der Nächstenliebe auch die Gottesliebe.
In Solschenizyns Roman "Krebsstation" wird einmal die Frage gestellt "Wovon leben die Menschen?" Dieser Frage müssen auch wir uns stellen. Keiner kann vom Brot allein leben, er braucht auch die Liebe, das Wohlwollen und die Anerkennung. Der Sinn unseres Lebens ist: zu lieben und geliebt zu werden.
Für viele Menschen bleibt doch die große Liebe zeitlebens eine Illusion, weil sie nie diese wundersame Kunst erlernt haben: Jeder möchte geliebt werden, beginnt aber nicht bei sich selbst. Viele erkennen nicht, dass die Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe wie drei Seiten eines Dreiecks zusammenhängen, eine Einheit sind. Jeder, der sein Herz Gott öffnet, hat auch ein Herz für sich und für den Nächsten. Diese dreifache Liebe, die eigentlich eine ist, bringt Harmonie, inneres Gleichgewicht, Zufriedenheit und Sicherheit. Selig ist zu preisen, wer diesen Schlüssel gefunden hat, denn er hat das Glück gefunden: er hat zu sich, zum Nächsten und zu Gott gefunden.

Amen


 


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