Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Der Wolf von Gubbio"

Prof. Dr. Josef Imbach

21.07.2001 in Allschwil (BL, Schweiz)

Lesung: Aus den Fioretti des hl. Franziskus (gekürzte Fassung)

Evangelientext: Joh 10, 11-16

Zu Lebzeiten des seligen Vaters Franz lebte in der Umgegend der Stadt Gubbio ein Wolf, der war von schreckhafter Größe und in seinem Hunger von so grimmiger Wildheit, dass er alle Bürger in Angst versetzte, und alle gingen bewaffnet, wenn sie die Stadtmauer verließen, als gelte es, einen gefährlichen Krieg zu führen.
Da empfand der heilige Franz Mitleid mit den Leuten und beschloss, dem Wolf entgegenzutreten, und so schritt er unbewaffnet vor das Stadttor und ging dem Wolf ohne Furcht entgegen.
Und siehe, angesichts der vielen Menschen, die von erhöhten Orten aus zuschauten, rannte der schreckliche Wolf auf den heiligen Franz zu; dann hielt er plötzlich inne, und der schaurig aufgesperrte Rachen schloss sich. Franz rief ihn her und sprach: »Komm zu mir, Bruder Wolf! Im Namen Christi befehle ich dir, weder mir noch sonst jemand einen Harm zu tun!« Da kam das Untier gesenkten Kopfes heran und legte sich gleich einem Lamme dem heiligen Franz zu Füßen.
Wie er so vor ihm lag, sprach dieser zu ihm so: »Bruder Wolf, alle klagen mit Recht über dich und die ganze Gegend ist dir Feind. Aber jetzt will ich zwischen dir und den Leuten Frieden machen.«
Da hob der Wolf die rechte Tatze und legte sie zutraulich in die Hand des heiligen Franz. Damit gab er ihm das Zeichen der Treue, so gut er's vermochte. Und er folgte dem heiligen Franz gleich einem sanften Lamme.
Wie das die Leute sahen, waren sie aufs Höchste verwundert. Vor der zahlreichen Menge hielt der heilige Franz eine wundersame Predigt und schloss: »Ich verbürge mich für Bruder Wolf, dass er den Friedensvertrag getreulich achten wird.«
Da versprachen alle Versammelten, sie wollten fortan den Wolf ernähren. Und der Wolf lebte noch zwei Jahre und ließ sich von Tür zu Tür die Nahrung geben, ohne jemand ein Leid zu tun; und auch die Leute taten ihm nichts zu Leide und fütterten ihn freundlich. Und sonderbar, nie bellte ein Hund gegen ihn.
Schließlich starb Bruder Wolf an Altersschwäche. Die Bürgersleute waren über seinen Tod sehr traurig. - A laude di Cristo. Amen.

»Etwas Wundersames« sei er im Begriffe zu berichten, sagt der Chronist, bevor er seine Erzählung vom Wolf von Gubbio beginnt. »Von schreckhafter Größe« und in seinem Hunger »von grimmiger Wildheit« ist der Wolf, der eine ganze Stadt und deren Umfeld bedroht. Wehren können sich die Bewohner nur mit Waffen. Und wer bewaffnet geht, hat Übles vor - oder hat Angst.

Wer dem Feind mit einer Waffe in der Hand entgegentritt, muss auf- und nachrüsten - und das gilt gleicherweise für den Gegner. Wenn der Erstere knurrt, wird der Letztere mit den Zähnen fletschen, der Erste wird zum Stock greifen, der Zweite sich eine Axt besorgen... »Bewaffnet« nur wagen sich die Bewohner von Gubbio vor die Stadtmauer, den Wolf bedrohend. »Zähnefletschend« streift der Wolf durch die Gegend, Panik verbreitend. Bedarf da das Symbol der Stadtmauer noch eigens der Deutung? Angesichts dieser Lage gibt es nur ein Hier oder ein Dort, ein Diesseits oder ein Jenseits, ein Entweder oder ein Oder - bis einer auf den verrückten Gedanken verfällt, die Waffen zu Hause und die Mauer hinter sich zu lassen.

Der Legendendichter mag dabei an ein Wunder gedacht haben. Das eigentliche Wunder aber besteht doch wohl darin, dass ein Mensch plötzlich erkennt, dass diese ganze irrsinnige Geschichte nur so lange dauern kann, als sich alle an die Spielregeln halten.

Dabei verhält es sich keineswegs so, dass Franz sich passiv verhält. Nicht mit Duldermiene tritt er dem Wolf entgegen, sondern energisch: Du bist ein »Räuber und Mörder«; was du dir herausnimmst, ist mehr als bloßer Mundraub, und deshalb würdest du verdienen, dass man dich dem Tod überliefert! Nichts wird verharmlost, nichts unter den Tisch gewischt, nichts unter den Teppich gekehrt. Aber? »Aber ich weiß sehr wohl, du tust alles Schlimme nur vom Hunger getrieben.« Im Klartext: Du bist der reißende Wolf nur, weil auch die Leute von Gubbio keine Unschuldslämmer sind.

Wie kommt der Wolf dazu, seinen Sinn zu ändern? Sicher geschieht dies nicht aus der Überraschung heraus, dass einer ihm waffenlos entgegenkommt. Dieser Anblick bewirkt bloß, dass »sein schaurig aufgesperrter Rachen« sich schließt. Was er gerade erlebt, macht ihn fassungslos. Die Reaktion ist Verblüffung, aber noch keine Sinnesänderung. Man könnte auch andersherum fragen: Warum kann Franz dem Wolf entgegentreten? Wie findet er den Mut dazu? Offenbar ist es nicht sein Gottesglaube allein, der ihn zu diesem Schritt bewegt; es hätten ja sonst auch die Gottesfürchtigen unter den Bewohnern von Gubbio auf den gleichen Gedanken kommen können.

Wie also gelangt der Wolf dazu, seinen Sinn zu ändern? Und warum kann Franz dem Wolf entgegentreten? Die Antwort auf beide Fragen ist die gleiche. Und sie liegt auf der Hand. Während der Erzähler selber den Wolf als lupo terribile, als »Untier«, bezeichnet, und die Bewohner der Stadt ihn als Ungeheuer betrachten, spricht Franz ihn als frate lupo, als »Bruder Wolf« an, eine Anrede, die sich der Erzähler ganz am Schluss selber zu Eigen macht (»Schließlich starb Bruder Wolf an Altersschwäche«), gerade als hätte er seinerseits eine Lehre gezogen aus dieser Geschichte.

Konflikte sind unvermeidbar. Sie entstehen im privaten Leben und im öffentlichen Bereich. Mauern sind schnell errichtet, die Waffen leicht zur Hand. Im Grunde hat man dann nur die Wahl zwischen dem Gleichgewicht der Kräfte und dem Schwergewicht des Vertrauens. Wer auf Letzteres setzt, kommt nicht darum herum, den ersten Schritt zu tun. Das gelingt wohl nur, wenn man selbst im Gegner und in der Feindin den Bruder oder die Schwester sieht.

Dass Franziskus das erkannt hat, belegt eine kurze Stelle aus seiner ersten Ordensregel, die er im Jahre 1221 für seine Gefährten verfasste: »Und mag zu den Brüdern kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber, sie sollen ihn voll Güte aufnehmen.« Wenn die Legende vom gezähmten Wolf einen historischen Kern enthält, dann ist er hier zu finden. Dass sie eine zeitlose Wahrheit enthält, beweist die Tatsache, dass von einem, der 1700 Jahre früher und zehntausend Kilometer von Assisi entfernt lebte, Ähnliches erzählt wird: »Der Erleuchtete spricht: Auf der Berghalde weilend, zog ich Löwen und Tiger durch die Kraft der Freundschaft zu mir. Von Löwen und Tigern, von Pantern, Bären und Wölfen, von Antilopen, Hirschen und Ebern umgeben, lebe ich im Wald. Kein Wesen erschrickt vor mir, und auch ich bin bar jeglicher Furcht vor allem Lebendigen.« Diese Buddha zugeschriebenen Worte könnten auch von Franz von Assisi stammen.

Bisher haben wir das Schwergewicht unserer Betrachtung auf die einzelnen auftretenden Gestalten gelegt. Dies bedeutet, dass wir uns mit unseren Gefühlen und Erfahrungen und Fragen in dem einen oder anderen der auftretenden Handlungsträger wieder finden und uns mit ihm identifizieren.

Man kann die Legende aber auch so verstehen, dass die beiden von Franziskus miteinander versöhnten Parteien, nämlich der Wolf und die Bevölkerung von Gubbio, für zwei gegensätzliche Tendenzen stehen, die in einer einzigen Person vereint sind - ähnlich wie Goethes Faust das zum Ausdruck bringt, wenn er von den »zwei Seelen« spricht, die in seiner Brust wohnen.

Tatsächlich unterscheiden sich der Wolf und die Bevölkerung von Gubbio gar nicht wesentlich voneinander. Beide liegen miteinander im Streit, und zwar in einem Streit auf Leben und Tod. Beide sind bewehrt; der Wolf zeigt »zähnefletschend« seinen »wilden Rachen«, während die Leute sich nur noch »bewaffnet« vor die Stadtmauer wagen. Die Bevölkerung und der Wolf stehen also gewissermaßen für ein und dieselbe Person. Wölfe sind eben auch nur Menschen. Und Menschen verhalten sich immer wieder einmal wie Wölfe.

Deshalb kann es nun aber in gar keinem Fall darum gehen, das ‚Wölfische‘ einfach zu verleugnen oder auszublenden. Vielmehr gilt es, diesen Aspekt zu integrieren. Wie das geschieht, zeigt uns wiederum die Legende, und zwar auf überaus eindrückliche und plastische Weise. Während die Bevölkerung des Städtchens nur ein Ziel kennt, nämlich das »Untier« zu töten, geht Franziskus auf den Wolf zu und schließt mit ihm einen Pakt. Dieser Pakt mit dem Wolf kann aber nur zu Stande kommen, wenn auch für ihn auf eine Weise gesorgt ist, dass er sich nicht mehr gezwungen sieht, über andere herzufallen. Das bedeutet, dass die Leute ihm, solange er lebt, die »tägliche Kost verschaffen« müssen.

Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir in diesem Wolf ein Symbol für die menschlichen Triebe und Urinstinkte sehen. Dieser Wolf verschlingt die Menschen reihenweise. Hinterhältig lauert er denen auf, die ihn ausrotten wollen (was offensichtlich nicht gelingt). Und am helllichten Tag fällt er über jene her, welche sich ihm leichtsinnig nähern. Franziskus indessen geht auf den Wolf zu, wohl wissend, in welch große Gefahr er sich begibt, gleichzeitig aber auch in der Gewissheit, dass diese Gefahr gebannt wird, wenn man den Wolf als Geschöpf Gottes und als Bruder betrachtet. Der reißende Wolf schließt seinen Rachen, sobald man ihm mit Vertrauen begegnet. Und er ist von dem Augenblick an nicht mehr gefährlich, in dem er auf geordnete Weise bekommt, was er zum Leben braucht.

Vielleicht lächeln wir jetzt nicht mehr darüber, dass in Gubbio vor dem Kirchlein Santa Maria della Pace ein Wolfsgrab sich findet, dessen Grabplatte die Pilger und Wallfahrerinnen noch heute wie eine Reliquie verehren. Denn dieser Grabstein erinnert nicht nur an die zeitlose Wahrheit einer frommen Legende, sondern verweist auch auf einen Traum des Propheten Jesaja, dem die Menschen noch immer nachträumen: Dass nämlich der Wolf einmal friedlich weiden werde neben dem Lamme (Jesaja 65,25). Oder, um es mit den Worten unseres heutigen Evangelientextes zu sagen: Dass ein Hirt sei und eine Herde.

Amen