Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Glück"

Pfarrer Jochen Bernhardt

01.06.2001 in der evang.-luth. Kirchengemeinde "Zum Guten Hirten" Oberhaching

Liebe Gemeinde,

"was ist eigentlich Glück". In einer durchaus ernsthaften Zeitung gibt eine Frau diese Antwort: "Wenn ich am Morgen im Kreis meiner Familie sitze und in ein frisches Nutellabrot beiße". So einfach? Nun, als Familien kann man diese Antwort nachvollziehen, auch ich liebe das gemeinsame Frühstück mit Semmeln und so am Samstag morgen.

Zweiter Anlauf auf das Thema: Neulich habe ich eine sehr feinsinnige Antwort auf die Frage gehört, was eigentlich jene spezifische Art von Glück sei, das wir Mutterglück nennen: "Mutterglück ist, wenn die Kinder abends im Bett sind.".

Zwei zugegebenermaßen sehr fragmentarische und ironische Antworten auf unsere gewaltige Fragestellung. Ich versuche mich noch mal auf andere Weise, der Frage zu nähern:

Sind Sie glücklich? Wie haben Sie auf die Einstimmungsfragen geantwortet? Bei einer Umfrage zum Thema Glück vor drei Jahren gaben über 30% der Befragten an, sie seien sehr glücklich, 51% immerhin, sie seien eher glücklich.
Und: Wenn Sie mit Ja antworten, was macht Sie eigentlich glücklich? Bei der Umfrage war die Trias Freundschaft, Familie, Liebe Spitzenreiter, dicht gefolgt von Freizeit.

Was ist nun eigentlich Glück? Wenn uns hier eine genaue, scharfe Definition zur Verfügung stünde, würde ich Sie Ihnen nicht vorenthalten. Glück ist aber ein sehr schillernder Begriff. Mit der eben gestellten Frage "Sind sie glücklich?" ist am ehesten an das ganz subjektive Empfinden gedacht. "Fühlen Sie sich glücklich?". Glück als Gefühl, als Stimmung.

Wenn ich davon spreche: "Da habe ich aber Glück gehabt", dann spiele in der Regel auf äußere Verhältnisse an, z.B. ein Sechser im Lotto: Glück als mir günstige Rahmenbedingungen für ein gelingendes Leben.

Tasten wir uns weiter an eine Antwort heran: Sicherlich kann man daher zwischen glücklichen Verhältnissen und dem inneren Glückszustand unterscheiden. Wenn zwischen beidem, äußeren und inneren Wohlergehen auch ein Zusammenhang besteht - wer wollte das bestreiten - hat die philosophische Ethik doch immer danach gefragt, wie inneres Glück möglich ist auch ohne die Güter dieser Welt, wie Reichtum, Ehre, schöne Erlebnisse und andere.

Also lässt sich vielleicht inneres und äußeres Glück unterscheiden, wobei jenes innere Glück weit mehr ist als ein flüchtiges Glückserlebnis oder nur ein Glücksgefühl, von dem vorher die Rede war. Inneres Glück ist mehr als ein Zustand der Euphorie.

In der griechisch-römischen Philosophie - und von hier haben es die Kirchenväter übernommen - frug man nach der Glückseligkeit, der Eudämonia. Sie ist im Prinzip identisch mit dem, was wir als inneres Glück bezeichnen, die Ausgeglichenheit der Seele, die Geduld und Gelassenheit.

Der römische Stoiker Seneca bezeichnet in seiner Schrift "De vita beata" demgemäß als das höchste Ziel des Menschen "seiner Natur gemäß zu leben" und das heißt für ihn, gelassen zu leben, sich in sein Schicksal zu fügen, sich die Unabhängigkeit von den äußeren Dingen zu bewahren und in Treue zu den einmal gefällten Entscheidungen zu stehen.

Der große Kirchenvater Augustinus definiert in seiner Schrift gleichen Titels "Vom glücklichen Leben" das Glück dagegen als tugendhafte und perfekte Gotteserkenntnis. Glück wird also Gott zugeordnet. Die Auffassung Augustins, dass sich wahres Glück in der vollkommenen Gottesgemeinschaft erst jenseits dieses Lebens verwirklichen lasse, markiert freilich den tiefen Bruch der seitdem maßgeblichen christlichen Glücksvorstellungen mit der antiken Philosophie.
Die Frage, ob wahres Glück im Diesseits oder im Jenseits zu erfahren ist, hat die christliche Theologie jahrhundertelang im letzteren Sinn beantwortet bis zur extremen Ansicht, dass diese Welt eigentlich nur ein Jammertal sei und das heißt: nicht einmal ein Vorgeschmack auf das ewige Leben in voller Glückseligkeit.

Sicherlich gab es immer wieder Zwischentöne. Eine neue Front gegen das Glück bauten jedoch überraschenderweise starke Strömungen der Aufklärung auf, so auch der große Philosoph Immanuel Kant. Für ihn war das Glück geradezu das negative Gegenbeispiel zu einem Leben, das sich an der Pflicht orientiert. Wenn sich ein Mensch nach dem Glück ausrichtet, so sagt es Kant, wird er zwar klug und auf seinen eigenen Vorteil abgewitzt, aber niemals gut. Mit anderen Einflüssen prägte er damit insbesondere die protestantischen Kirchen bis heute.

Ich sag es einmal etwas polemisch: Ein ordentlicher Protestant, von dem auch in mir eine Portion drin steckt, deshalb darf ich das auch sagen, ärgert sich an der Welt, sieht Probleme und Schattenseiten, engagiert sich, um die Dinge zu verändern, kämpft sich ab. Glück in diesem Kampf ist bestenfalls eine Nebensache. Schnell entsteht hier der Eindruck von Sauertopfprotestanten, die sich und anderen das Leben durch ständige Unzufriedenheit schwer machen.

Stimmt diese Analyse? Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und zwar schaute ich das Stichwortverzeichnis des brandneu überarbeiteten Evang. Erwachsenenkatechismus durch; das Wort "Glück" sucht man hier vergebens.

Nicht so in dem fast 20 Jahre älteren kath. Erwachsenenkatechismus - hier kommt Glück sehr wohl vor, zwar etwas verhalten, aber es ist vorhanden. Das hat für mich schon etwas mit der Bejahung dieses Lebens zu tun: Nicht umsonst gedeiht die bayerische barocke Lebensart mit Feiern, Trinken, Essen im kath. Umfeld.

Nach diesem Ausflug in theologische Traditionen sei schon einmal die Frage gestellt: "Darf ein Christ glücklich sein?". Stimmt es, was ein Journalist so ausdrückt: "Der Kirche - und gemeint ist vor allem die evangelische - ist das Glück ziemlich suspekt - darum wünscht man sich lieber Gottes Segen"? Glück rieche eben, so der Journalist weiter, so penetrant immanent, so nur weltlich. So diesseitsschwer. So wenig heilig.."

Ein Blick in das AT hilft weiter. Denn hier ist sehr wohl von ganz konkretem Glück die Rede, wenngleich dieses Glück eher in den äußeren Lebensbedingungen besteht. Aber: Immerhin Glück findet sich 100mal im AT. Eine typische Aussage findet sich im Buch Prediger:

"Dies ist etwas, was ich eingesehen habe: Das vollkommene Glück besteht darin, dass jemand isst und trinkt und das Glück kennen lernt durch seinen eigenen Besitz, für den er sich unter der Sonne anstrengt während der wenigen Tage seines Lebens, die Gott ihm geschenkt hat. Denn das ist sein Anteil."

Das ist die absolute Stärke des AT, dass es unseren Blick auf die Freuden dieses Lebens lenkt. So sage ich es deutlich: Ein Christ darf glücklich sein - sowohl, was seine äußeren Lebensbedingungen angeht, als auch sein subjektives Empfinden. Natürlich gibt es zahlreiche Dinge, an denen wir uns freuen dürfen. Das Leben darf genossen werden - deshalb tut es uns eingefleischten Protestanten auch gut, wenn wir in Bayern mit seiner barocken Lebensfreude wohnen. Das ist sozusagen eine Glückstherapie.

Ein Christ darf glücklich sein, darf genießen, darf sich am Leben freuen - das ist das eine, was gesagt werden muss. Das andere aber muss hinzugefügt werden: Gelingendes Leben hängt dennoch nicht davon ab, ob es mir äußerlich betrachtet gut geht oder ob ich mich glücklich fühle. Das ist jetzt ganz wichtig: Es ist gut, schön und richtig, wenn ich glücklich sein darf, aber das Leben ist auch dann nicht verfehlt, wenn ich im landläufigen Sinn nicht glücklich bin.
Glück ist nicht gleich Lebenssinn, Glück ist nicht gleich erfülltes Leben, Glück ist nicht das letzte Ziel unserer Existenz. Die Bibel bindet ein gelingendes Leben an den Glauben an JC.
Leben in Fülle, das verspricht Jesus dem, der an ihn glaubt: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."

Noch einmal: Glaube und Glück schließen sich nicht aus. Ich darf als glaubender Mensch glücklich sein. Mein Leben findet aber seine Erfüllung im Glauben, das ist das wahre Glück, das Glück im eigentlichen Sinn, unabhängig vom äußeren Wohlergehen oder subjektiven Empfinden.
Mit der antiken Philosophie unterscheide daher auch ich das innere Glück, das dauerhafte Glück von glücklichen Verhältnissen oder Glücksgefühlen. Vielleicht kann man dieses wahre Glück auch als inneren Frieden bezeichnen.

Und zwar ist der Glaube deshalb der Friede oder das wahre Glück, weil den Glauben mir niemand nehmen kann, während das Glück meines Lebens wie ein Kartenhaus zusammenfallen kann. Ein Sinn hat mein Leben auch dann, wenn jenes äußere Glück für mich ein Fremdwort geworden ist.

Verstehen Sie? Es geht mir um zweierlei: Einmal will ich Mut machen, auch Ja zu einem Leben zu sagen, das man im landläufigen Sinn nicht mehr als glücklich bezeichnen kann. Wenn unser Leben durch den Glauben in Gott verankert ist, dann hat es immer Sinn. Insofern hat die christliche Tradition recht, wenn sie von Gott als dem höchsten Gut spricht.

Zum Zweiten will ich mit einer Irrlehre aufräumen, die tief in uns drin steckt: Glauben heißt nicht automatisch, dass es mir gut geht. Auch Christen wird im Leben Schweres zugemutet - das wissen Sie alle, teilweise aus eigener Erfahrung. Das heißt aber auch von dieser Seite: Glück und Glauben bedingen einander nicht. Ein moderner amerikanischer Autor fragt sogar provokativ im Titel seines Buches: "Gott suchen oder Glück finden". Ich habe es deutlich gemacht: Das ist zwar für mich kein Gegensatz, aber: Gott suchen ist immer mehr als Glück finden. Das Ziel unseres Lebens ist Gott, wenn wir dabei das Glück dieser Welt erfahren, dürfen wir uns freuen und es genießen, sollte es uns verwehrt bleiben oder genommen werden, ist das Leben dennoch sinnvoll, weil es im Bannkreis Gottes bleibt.

Das Vertrauen auf einen Gott, der es gut mit mir meint, der mir Glück schenkt, aber auch in unglücklichen Phasen mich seine Liebe und Treue erfahren lässt, gibt meinem Leben Sinn und Erfüllung. Glück im eigentlichen Sinn ist: in Gottes Nähe leben zu dürfen.

Amen