Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Ökumene unter dem Kreuz"

Erzbischof em. Dr. Alfons Nossol (rk)

04.09.2010 in Frankfurt am Main

Sommerfest der STIFTUNG HAUS der action 365, Frankfurt/Main

Predigtpreis 2011 für sein Lebenswerk

 

 

Ökumene unter dem Kreuz

1.   Im Zentrum unserer heutigen Eucharistiefeier steht „das erweiterte Jahresthema in der Form, wie wir es bei der Agape zum Ökumenischen Kirchentag in München betrachtet haben“. Die Lesung aus dem Römerbrief soll dies näher konkretisieren. Wie wir hörten, hebt sie u.a. hervor:

 

Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit, die Christus Jesus entspricht, damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes. Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes. (Röm 15,5-7; 13)

 

 

Wenn der Glaube anders sieht und die Liebe tiefer, so sieht die Hoffnung eben weiter.

Die 2. Sondersynode der Bischöfe für unser Kontinent von 1999 hatte sich zum Ziel gesetzt, Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt und wirkt, als Quelle der Hoffnung für das Europa von heute herauszustellen. Damit nahm sie die Herausforderung an, „die Botschaft der Hoffnung einem Europa zu verkünden, das sie verloren zu haben scheint“.

Indem das nachsynodale Schreiben „Ecclesia in Europa“ auch konkret von Zeichen und Lichtblicken der Hoffnung in unserer Zeit spricht, weist es gezielt auch auf die Dynamik des ökumenischen Dialogs hin.

Das eigens für diese Eucharistiefeier gewählte Evangelium kulminiert zweifelsohne im berühmten testamentarischen Wunsch unseres Herrn und Heiland – des Einsseins, „ut unum sint“ aller an ihn Glaubenden.

„Alle sollen eins sein ..., damit die Welt glaubt ...“. Jesus bittet seinen und unseren Vater im Himmel: „sie sollen eins sein ..., wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit ...“ (Joh 17,21-23).

 

2.   Wohlgemerkt, dieser Wunsch kommt ausdrücklich in den Abschiedsreden Jesu zum Ausdruck, nach denen im Johannes-Evangelium nur noch über seine Erhöhung, also sein Leiden und den Tod, sowie die Auferstehung berichtet wird. Und so kommen wir gar nicht darum herum, von den christlichen Einheitsbestrebungen im Schatten bzw. im Lichte von Golgotha zu sprechen, kurzum: von der Ökumene unter dem Kreuz. Bleiben wir dabei bei unserem Evangelium. Johannes berichtet in diesem Zusammenhang.

 

Nachdem die Soldaten Jesus an Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus. (Joh 19,23 ff).

 

Sollte uns dies nicht ernst zu denken geben, dass die römischen Schächer es nicht wagten, Jesu Gewand, seine „Tunika“ zu zerstückeln? Sie warfen einfach das Los, damit sie unzerstückelt einem von ihnen gehört.

Und wie verhalten wir uns, Christen, seine Jünger? Symbolisch dürfen wir im Gewand Jesu heute seine Kirche sehen. Wir wagen es, einfach das Gewand des Herrn zu zerreißen ... .

Behaupten nicht alle christlichen Konfessionen, Kirchen und Gemeinschaften, sie allein hätten die Wahrheit? Und niemand pflegt sich dabei die begründete Frage zu stellen, ob umgekehrt die Wahrheit uns hat, und nur uns allein? Dabei ginge es selbstverständlich um die biblische, „personenhafte“ Wahrheit im Sinne von Jesu Aussage: „Ich bin der Weg, die WAHRHEIT und das Leben“ (Joh 14,6).

 

3.   Bei solch einer personalistischen Sichtweise der Wahrheit brauchen wir keineswegs in den Sog der „Diktatur des Relativismus“ hineingezogen zu werden, weil es sodann um die Kirche Christi geschehen wäre. Existenziell zählt hier vor allem das „veritatem facere in caritate“, die in Wahrheit getane Liebe.
Weil Gott die Liebe ist (1 Joh 4,16), kommt Ökumene in der wahren Kirche Jesu Christi auch nicht ohne Liebe aus. Für uns Christen gilt das Kreuz als „Höchster Altar der Liebe“ (K. Rahner). Der im Johannes-Evangelium enthaltene Appell und Aufruf zur Einheit aller Christgläubigen pocht somit entschlossen auf das Geheimnis der Liebe. Jesu meint „damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin“ (Joh 17,26). Praktisch gesehen, fußt somit die Ökumene auf der intensiveren Bekehrung, der Hinwendung zu Christus, die uns allen stets Not tut. Je mehr wir also ans Kreuz Christi rücken, uns an das Zeichen des Heiles schmiegen, um es dynamischer zu umarmen, sodann werden wir es gar nicht einmal bemerken müssen, dass wir uns auch gegenseitig zu umarmen anfangen. Und diese Umarmung muss konsequent dazu beitragen, „damit die Welt glaubt ...“ (Joh 17,21). Liebe ist nämlich die einzige Macht, die nicht demütigt und nicht verknechtet. Der evangelische Theologe Heinz Zahrnt rät deswegen uns Christen, endlich „die Macht der Liebe zur Macht kommen zu lassen“. Durch das Vollendetsein in der Einheit (vgl. Joh 17,23) wird die Kirche einen heilbringenden Vorstoß nicht nur unserem Europa, sondern der ganzen Welt gegenüber in Richtung einer Heilbringenden „Zivilisation der Liebe und des Lebens“ bewirken können, ohne dass uns früher oder später eine „Kultur des Todes“ überwältigt, wie dies immer wieder insbesondere Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hervorhoben.

 

4.   Beide Päpste brachten ohne Zweifel viel Schwung in die aktuelle ökumenische Bewegung. Der Papst aus Polen gab u.a. der Kirche die erste prägnante ökumenische Enzyklika mit dem verheißungsvollen Titel: „Ut unum sint – Damit alle eins seien“. Gleich in der Einleitung stellt er mutig fest: „die Ökumene ist ein Imperativ des christlichen Gewissens und der Weg der Kirche“. Dieser Überzeugung folgt ganz und gar auch der Papst aus Deutschland, indem er durch seine zwei ersten Enzykliken: „Deus caritas est“ und „Spe salvi summus“ („Gott ist die Liebe“ und „Erlöst durch die Hoffnung“) konkrete Anregungen und Bausteine für die ökumenische Theologie liefert. Abgesehen davon, dass allein schon die Wahl eines Deutschen nach dem Polen einen wesentlichen Versöhnungsfaktor im heutigen Europa darstellt.
Mit anderen Worten: wir dürfen ungeniert sagen; dass das wahre Christsein heute ohne die ökumenischen Komponente nicht mehr möglich ist.

 

5.   Mit der Ökumene unter dem Kreuz ist noch ein weiteres wichtiges Phänomen verbunden, und zwar – das Leiden an der Kirche. Gerade heute angesichts des aufgedeckten Missbrauchsskandals haben viele Christen damit zu tun. Abgesehen vom „überhitzten“ und gewiss auch gesteuerten Medienspektakel sollten wir keineswegs vergessen, dass die Geistlichen in der Kirche einfach aus unserer Gesellschaft kommen. Dennoch sind Verbrechen dieser Art unentschuldbar. Den besten Artikel schrieb in dieser Hinsicht übrigens Kardinal Karl Lehmann, indem er auf „Die Kirche der Heiligen und der Sünder“ hingewiesen hat.
Die neuesten aufrichtigen Maßnahmen innerhalb der Kirche haben bereits in dieser Hinsicht einen unentbehrlichen Läuterungsprozess begonnen.
Lassen wir aber dieses traurige Kapitel hingestellt sein. In einer Kirche die aus „Heiligen und Sündern“ besteht, kommt es auch sonst ohne an ihr zu leiden nicht aus. Man darf jedoch nie vorzeitig das Handtuch werfen und einfach bösartig auf sie mit dem Finger hinweisen, weil man dabei vergisst, das auch wir alle, also ein jeder von uns, die Kirche sind. Anstatt die Kirche zu brandmarken und in eine besondere Art von Hochmut zu geraten, sollten wir nicht den Weg der heilenden Demut vergessen, den Christus selbst gegangen ist, bis er zum Schluss am allerletzten Platz landete, und zwar ganz unten, am Kreuz. Und dieses Verhalten Jesu ist Ausdruck seines innersten Geheimnisses: denn der, der Gott ist, wurde Mensch wie wir. Als solcher ist er im Stall von Bethlehem geboren und am Kreuz gestorben.
Hier drängt sich die folgende Erzählung auf: Ein Schüler kam, zum Rabbi und fragte: Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr? Darauf antwortete Rabbi: weil sich niemand mehr so tief bücken will. Die nur noch „oben“ leben, finden Ihn somit nicht“.
Eine zutiefst ökumenische Gesinnung muss sich auch das Bücken zu Eigen machen, um die anderen Christen in der einen wahren Kirche zu sehen. Die christlichen Konfessionen dürfen nicht gegeneinander leben, sondern müssen füreinander da sein, um ein gemeinsames Zeugnis in der immer stärker „säkularisierten“ Welt zu geben.

6.   Zum Schluss muss direkt noch ein äußerst wichtiges Geheimnis erwähnt werden, nämlich – das gemeinsame Mahlsakrament als Ziel der Ökumene unter dem Kreuz. Es ist nämlich zutiefst mit dem letzten Abendmahl Jesu verbunden, bevor er auf Golgotha für uns alle sein Leben hingegeben hat.
Jedenfalls sollte dieses Sakrament niemals als Selbstabgrenzung oder zum geistlichen Narzissmus missbraucht werden. Das Abendmahl gehört nämlich zum Wesen des lebendigen Christseins.
Der Bamberger Neutestamentler Joachim Kügler versucht in seiner jüngsten wichtigen Veröffentlichung dazu Stellung zu nehmen („Hungrig bleiben!? Warum das Mahlsakrament trennt und wie man die Trennung überwinden könnte“, Echter Verlag, Würzburg 2010). Er tut dies aus der Perspektive Jesu, für den das Mahl mit den Sündern das prophetische Zeichen der Gegenwart Gottes und seiner grenzüberschreitenden Liebe war. Dabei wird deutlich, wie gerade die ältesten biblischen Traditionen die christliche Mahlfeier zukunftsfähig machen können: als ein Sakrament der universalen Integration, ein Fest der Liebe und der Versöhnung, des Ausgleichs zwischen Arm und Reich, Alten und Jungen, Männern und Frauen.
Wenn auch manche seiner Vorstellungen und Überlegungen kritisch zu bewerten wären, so scheint es doch lohnend zu sein, sie zur Kenntnis zu nehmen, auf dass wir alle unter dem Kreuz vereint als Kirche Jesu Christi dastehen könnten. Denn nicht die Einheit der Kirche gilt es zu rechtfertigen, sondern vielmehr unser Getrenntsein in ihr oder krasser gesagt: das sündhafte Zerreißen des Gewandes Jesu in der Geschichte, an dem wir alle Schuld tragen.
„Im Kreuz ist Leiden, im Kreuz ist Heil, „im Kreuz ist der Liebe Lehre“. So singen wir bei uns zu Hause in einem Passionslied. Wir sollten somit nicht vergessen, dass man auf Golgotha nicht wohnt. Im Alltagsleben kommen wir zwar keineswegs ohne das Kreuz aus, aber wenn es auch im Zentrum unseres christlichen Glaubens steht, bildet es endgültig einen Wegweiser Richtung Ostern. Und als solches ist es letztendlich ein markantes Zeichen der Hoffnung, weil wir Christen doch „österliche Menschen“ zu sein haben.