Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Ostern-die Garantie für unzerstörbares Leben"

Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke


Patent Mensch

Am 6. April 2000 ging die Sensationsmeldung durch sämtliche Zeitungen. Der Code des Menschen ist geknackt: unsere 23 Chromosome, die DNS-Fäden mit ihren Milliarden chemischer Buchstaben und die hunderttausend Gene, die uns prägen. Wir haben ein Buch mit fremden Schriftzeichen entdeckt; bald werden wir sie lesen können.

So äußern sich die Entdecker. Ich bin fasziniert und erschrocken zugleich. Was wird aus unserem Menschenleben? Wie kann es seinen Grund in Gott behalten?

Wenige Wochen später, am 27. Juni 2000 lese ich die Schlagzeile: Wir sind näher am Ziel. Die Grammatik des Lebens lässt sich in ihren Anfängen entschlüsseln. "Ich sah vor mir die Anfänge einer Grammatik der Biologie". Die Zeitung druckt seitenweise die Buchstabenkombinationen für die letzte Sequenz des menschlichen Genoms ab.

Man spricht von einer neuen Mondlandung; und diese Etappe der Forschung erscheint noch um vieles bedeutender. Einst hat Galilei die alte Lehre und mir ihr den Menschen aus der Mitte des Kosmos gerückt. Dann holte Freud aus dem Unterbewussten die geheimsten Dinge ans Tageslicht. Jetzt werden wir ganz zum gläsernen Menschen.

Patente spielen bei Craig Venters Entdeckung eine große Rolle. Mit der Genforschung lässt sich enormes Geld verdienen. Man wird unsere Baupläne beeinflussen, korrigieren, in sie eingreifen können. Die Horrorvisionen von einem Dr. Frankenstein gewinnen neue Aktualität. Wird sich ein Modellmensch nach Wunsch konstruieren lassen? Wo bleiben die Schwachen, die weniger Glücklichen? Werden wir einmal den Versicherungen und anderen Unternehmungen unsere Genprofile vorlegen müssen, damit sie uns entsprechend einstufen können?

In dieser schönen neuen Welt lebe ich, bedroht durch die animal farms und mehr oder weniger beeindruckt von big-brother-Spielen, an denen die große Masse ihren Spaß haben soll. Wo bleibe ich da mit meinem Glauben an Gott, den Schöpfer, den Christus, den Wegbegleiter unseres Lebens, an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender?

Die Ostersensation

Am 8. April des Jahres 30, so lässt es sich mit guten Gründen ermitteln, wird Jesus von Nazareth unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus ans Kreuz geschlagen. Am Sonntag darauf, dem dritten Tag, verbreitet sich eine sensationelle Nachricht: Der Gekreuzigte lebt. Frauen, die sein Grab aufsuchen, finden Jesus nicht darin. Ehe die Männer lange überlegen und ihre Ratlosigkeit pflegen können, begegnet ihnen Jesus. Nicht einer, der scheintot gewesen ist, nicht ein wiederbelebter Leichnam; nein, der den sie so gut gekannt hatten, kommt in einer neuen Daseinsform auf sie zu. Sie erleben ihn mit Merkmalen und Spuren seines Leibes und erfahren zugleich, wie er Raum und Zeit überwindet. Die Begegnung mit ihm trifft sie wie ein Schlag. Er zeigt, dass sein Erdenleben und sein Tun nicht vergebens war. Er zeigt in seiner Person, wie menschliches Leben jenseits des Todes aussieht; Leben, das den Tod hinter sich gelassen hat; Leben, das die Spuren des Erdenlebens nicht verliert; Leben, das in einer neuen, ungeahnten Form für immer besteht – in Ewigkeit.

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Aus der kleinen verängstigten Schar wird eine mitreißende Gruppe von Jüngerinnen und Jüngern. Ihre Entdeckung vom Leben des Menschen setzt sich allem Widerstand gegenüber durch. Besonders der einstige Gegner Paulus wird zum glühenden Botschafter. Auf dem Weg nach Damaskus begegnet ihm der von den Toten Auferstandene und stürzt ihn vom hohen Ross seiner Vorurteile.

Leibhaftige Menschen haben die gute Nachricht im Leben und Sterben bezeugt. Sie haben in der antiken Welt und besonders in deren Zentren, in Rom und in den anderen großen Städten, dem Glauben Gestalt gegeben. Auf ihrem Zeugnis baut die Kirche. Sie wächst in lebendiger Überlieferung weiter: auf Petrus und Paulus in Rom, auf Bonifatius in Deutschland, auf Ansgar im Norden Europas, auf den ungezählten Männern und Frauen, in denen Christus lebendig wird.

In 2000 Jahren Christentum hat die Entdeckung der Lebenskraft Jesu Christi bei Milliarden und Abermilliarden von Menschen gezündet. Mehr als 30 % der Weltbevölkerung zählen heute als Christen. Für mich bilden die lebendigen Menschen, in denen sich der Glaube ausdrückt und bewährt, einen immer neu eindrucksvollen Beweis für die Wahrheit des Auferstandenen.

 

Die Nachricht und die Tatsachen

Aber kann man dieser Botschaft wirklich glauben? Hier muss jeder Mann, jede Frau eine persönliche Entscheidung treffen. Glaube bewegt sich auf einem anderen Feld als dem der platten Tatsachen. Er wächst in der Tiefe des Herzens und speist sich aus einer personalen Begegnung. Ein wirklich menschlicher, reifer Glaube jedoch darf nicht unvernünftig sein.

Der Glaube an den Auferstandenen baut auf dem Fundament der Gewissheit, dass ein Menschenleben mehr ist als ein Existieren in den Grenzen des Leibes unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Seit jeher wissen Menschen um ihre Seele, die ihnen Dauer und persönliche Identität im Fluss der Zeit gibt. Sie können im Geist über sich hinausgreifen. Die geistig-personale Dimension in uns erscheint mit dem Leib verbunden. In ihm kommt sie zum Ausdruck, sie prägt ihn und wird von ihm beeinflusst. Mir leuchtet es ein, dass der Wesenskern eines jeden Einzelnen über den Tod hinaus in einer neuen Dimension fortdauert. Seit es Menschen gibt, reift diese große Ahnung und Idee in ihnen. Sie äußert sich in verschiedenen Bildern und Vorstellungen und macht uns wertvoll und schön. So kann uns am Auferstandenen aufgehen, dass die Ahnung vom größeren Leben Realität ist und für jeden Einzelnen gilt, nicht zuletzt für die Geringsten und am Leib misshandelten.

Wie steht es um die historischen Gewissheiten? Das Zeugnis vom Auferstandenen läßt sich unmöglich als Erfindung oder Einbildung abtun. Die Schar um Jesus war durch den Tod Christi erledigt. Es ist menschlich völlig unerklärlich, wie sie auf einmal eine so unerwartet neue Kraft zeigen konnte, hätte sie nicht die überwältigende Erfahrung von Ostern gemacht: nüchterne, handfeste Menschen. Ohne den Urknall der Begegnung mit dem neuen Leben Jesu Christi bleibt auch dem vernünftigsten Menschen die Entwicklung des Christentums völlig unverständlich.

Für mich ist es in den Jahren des Reifens so mancher meiner theologischen Überlegungen immer wichtiger geworden, dass die Auferstehung Jesu Christi neben den angedeuteten allgemein menschlichen Einsichten und Plausibilitäten auch im Blick auf die Fakten glaubwürdig ist. Noch einmal: Sie ersetzen nicht den Glauben, aber sie sind eine wichtige Voraussetzung für ihn.

Zur Begegnung mit der außergewöhnlichen Person Jesu Christi und mit seiner Botschaft, wie sie uns in den Evangelien vor Augen tritt, muss die zweite neue und unerwartete Erfahrung kommen, dass dieser Jesus jenseits des Todes entgrenzt von Raum und Zeit lebt. Nur sie erklärt die Dynamik des christlichen Anfangs.

Denken wir daran: Wir haben es immer mit konkreten Menschen zu tun, die einander gekannt und in überschaubaren Zeiträumen gelebt haben. Paulus, von der Erfahrung des Auferstandenen überwältigt, baut seine ganze Verkündigung auf dem Zeugnis vom gestorbenen, begrabenen, am dritten Tag auferweckten Christus (1 Kor 15,1-10) auf. Drei Jahre nach seiner Bekehrung trifft er in Jerusalem mit Petrus und Jakobus zusammen. Im Jahr 48 oder 49 findet mit Paulus und Barnabas und den übrigen Aposteln das denkwürdige "Apostelkonzil" in Jerusalem statt. Auf das Jahr 64 oder 67 ist der Märtyrertod Petri und Pauli in Rom unter Kaiser Nero zu datieren. Wie soll ein kritischer Geist glaubhaft machen, dass die namhaften Zeugen von der Auferstehung überzeugt waren und dass sie und zugleich die anderen Menschen aus ihrer Umgebung doch gleichzeitig vom Grab in Jerusalem wussten, in dem Jesu Leichnam hätte liegen sollen? Die Schizophrenie, von einem aktuell im Grab Liegenden zu sagen, er sei auferstanden, kann einem nüchtern urteilenden Menschen in keiner Weise einleuchten. Der Auferstandene ist nicht ein wiederbelebter Leichnam, sondern der raumzeitlich entgrenzte Mensch. Aber nur die einmalige und außergewöhnliche Erfahrung mit der Wucht seines neuen Lebens kann als ausreichende Begründung für den Weg der ersten Glaubenszeugen angesehen werden.

Christus, der Schlüssel zum Code des Leben

Die Osterbotschaft hat deswegen Geschichte gemacht, weil sie uns Leben erschließt. Sie zeigt: Menschenleben atmet Zukunft. Es beginnt nicht nur tagtäglich immer neu, sondern trägt Ewigkeit in sich. Jeder einzelne mit seinem unersetzlichen Leben lebt über den flüchtigen Moment hinaus. Unser Lieben und unser Leiden, unser Tun und Lassen haben für immer Geltung. Diese Perspektive wird von Jesus Christus erschlossen.

In der Sprache des Glaubens besagt der Code des Menschenlebens nach dem Bild Christi: Du bist für immer - und mit dir zusammen jeder Mensch auf der Welt, wann und wo auch immer - Kind, Sohn, Tochter Gottes. Gott ruft dich beim Namen. Du darfst ihm auf deine Weise Antwort geben. Gott ruft dich ins Leben hier und heute und endgültig ins ewige Leben.

Wir können es komplizierter ausdrücken: Jeder Mensch ist unmittelbar zum Höchsten, das sich denken läßt. Er ist in seiner Würde unantastbar. Er verfügt über eine je eigene personale Integrität und sittliche Autorität im Gewissen. Das gibt ihm Bestand, Halt, Dauer in der flüchtigen Zeit.

Christus zeigt uns, wie ein Menschenleben auf Erden Glanz und Schönheit gewinnt. Er nimmt uns in die Pflicht. Er öffnet uns für Gott, und unlösbar damit verbunden erschließt er uns für den Mitmenschen. Über die Todesgrenze hinaus nimmt er uns an die Hand auf dem Weg in eine neue, ungeahnt schöne, verklärte Existenzweise.

Ich bin dankbar für diesen Schlüssel. Er schließt mein eigenes Leben auf: meine unverwechselbare Existenz unter den Gegebenheiten und Bedingungen, in denen ich stecke; mein Leben, das ich aktiv mit meinen Ideen und Fähigkeiten gestalte; mein Dasein in seinem oft kläglichen Mittelmaß bis hin zu den Situationen erbärmlichen Versagens. Manchmal lasse ich den Schlüssel liegen, muss ich lange suchen, bis ich ihn wiederfinde, muss ich neu probieren, ob er wirklich passt. Aber ich erfahre doch wenigstens in Ansätzen immer wieder, wie er Türen und Fenster öffnet und mich weiterführt. Jesus Christus, der Lebendige in den Geschichten seines Lebens auf Erden und in seinem neuen Leben jenseits des Todes wird uns nicht als ein theoretischer Schlüssel oder als eine Art Formel gegeben. Immer bleibt er die konkrete menschliche Person, ein Begleiter und Gefährte, ein Vorbild und Freund, der, in dem der unendliche Gott uns anschaut und anspricht: Gut, dass du da bist, jetzt und für immer.

Für mich haben die Ausdrucksformen menschlicher Erfahrungen in der Schrift, in der Musik, in der Kunst eine ganz besondere Bedeutung. An hervorragender Stelle steht die Bibel als Summe menschlicher Gottes- und Lebenserfahrungen. Aufgeschlossen, geklärt und geläutert durch Jesus Christus wird sie zu Gottes verbindlichem Wort, erhält sie ihr Maß und ihre Mitte. Christus macht sie lebendig und garantiert ihre Autorität.

Ich bin mit vielen sympathischen Menschen zusammen und lebe in der einen Welt inmitten der Unzahl unserer Zeitgenossen. Viele von ihnen finden den Schlüssel Jesus Christus nicht oder lehnen ihn ab. Aber ihr Leben fordert mir oft den höchsten Respekt und tiefstes Mitgefühl ab. Ich lasse es mir nicht nehmen zu sehen, wie der Menschensohn auch in ihnen Gestalt annehmen will. Ich kann meines Glaubens an Christus nur dann froh werden, wenn alle Menschen mit ihm zu tun haben. Der Auferstandene ermutigt mich zu dieser Hoffnung.

Das Leben gewinnen

Ich setze auf dieses schöne Wagnis, weil es uns Menschen ehrt. Es ist bewährt bei Jesus Christus und im leibhaftigen Leben ungezählter realer Menschen. Zweitausend Jahre Christentum sind allen dunklen Seiten und Irrwegen zum Trotz auch eine Zeit des immer deutlicheren Hervortretens einer Humanität, die uns Menschen Ehre macht. An wahrhaftigen Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten seit dem Anfang unserer Menschheit findet sie ihren Widerschein.

Die durch Jesus Christus erschlossene Sicht des Menschen richtet sich nicht gegen Wissenschaft, Technik und Fortschritt. Immer haben Christen gewusst und sich davon inspirieren lassen, dass Gott ihre guten Kräfte freisetzt. Wir ehren Gott, wenn wir sie zum Nutzen und zum Heil des Menschen entwickeln. So muss mit der Entdeckung des Gen-Codes der Mensch nicht seine Würde verlieren. Im Gegenteil, wir erahnen die Komplexität und die Schönheit des Lebens. Menschlicher Geist von Gott in uns gelegt, ist zu solchen Entdeckungen fähig. Wir kommen an die Bausteine des Menschen heran. Über ihnen entfaltet sich das menschliche Ich, seine Person, seine Seele. Gut, wenn es uns gelingt, Krankheiten zu vermindern. Vielleicht sind wir einmal imstande, das Leben in der Zeit zu verlängern.

Treten wir damit selber an die Schwelle des Schöpfers? Ich bin sicher, dass Gott uns als Helfer und Werkzeuge zum Wohl seines Menschen gebrauchen und in den Dienst nehmen kann, genauso wie wir schrecklichen Missbrauch in unseren Laboren und animal farms betreiben können.

Ein Menschenleben bleibt jedoch immer unendlich viel mehr als die Summe seiner Genome. Als bewusste geistige Subjekte, beseelt und mit unserer unverwechselbaren Personalität ausgestattet darf jedes einzelne Menschenkind Gottes schöpferisches Wirken an ihm erfahren. Die theologische Rede, dass Gott die Seele jedes Menschen erschafft, behält ihre Gültigkeit, auch wenn sie neu buchstabiert und formuliert werden muss.

Dieser Mehrwert des Lebens wird uns sehr schön in Jesus Christus eröffnet. Wir sehen in ihm und in seinen Begegnungen mit den Menschen die Breite und Tiefe des Lebens. Er erschließt seinen Reichtum, seine vielfältigen Facetten.

Über diesem Erdenleben geht in Jesus Christus der Himmel auf. Die andere Dimension des ewigen Lebens beginnt hier und heute, und sie wird jenseits des Todes endgültig offenbar. Sonst wären wir wirklich arm dran. Alles würde in tödlicher Langeweile enden.

Wir können das Leben vielleicht ein wenig formen und gestalten, aber nie erschaffen, erklärt Craig Venter, der Entdecker der menschlichen Elementargrammatik. Damit kann enormer Schaden angerichtet werden. Die Aussicht darauf muss uns Angst und Bange machen. Albert Schweitzers Wort von der Ehrfurcht vor dem Leben muss aktueller als je zuvor sein. Die menschliche Weltgesellschaft braucht Gesetze und Regelungen gegenüber Missbrauch, willkürlichen Eingriffen, Bewertungen, dem Zugriff auf den Einzelnen. Aber ich will nicht ängstlich sein. Ich will dem Leben trauen und dafür kämpfen. Denn Gott garantiert es für immer.

Als ein Buch mit noch fremder Schrift wird die Entdeckung des Jahres 2000 bezeichnet. Im Buch des eigenen Lebens zu lesen, bleibt eine Chance und Pflicht für jeden von uns. Manchmal sehen wir klarer. Vieles bleibt dunkel und verworren. Lassen wir nicht nach, zu buchstabieren, Worte zu machen, Sätze zu finden, die uns tragen und weiterführen. Mit dem Schlüsselwort, dem Passwort von Gottes Sohn bleiben wir nicht ratlos. Der von den Toten Erstandene führt seinen Menschen aus den geschlossenen Systemen heraus. Er sprengt für immer die Gräber, in denen Schluss sein soll mit den Menschen. Gottes Machtwort lässt dieses Ende nicht zu.