Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema „Schmuck - Drohung - Hilfe. Was ist mit dem Kreuz passiert?“

Christian Schröder

21.04.2006 in der Christuskirche Düsseldorf

Politischer Gottesdienst der Predigtveranstaltung „Gottesdienst Plus“

Politischer Gottesdienst der Predigtveranstaltung „Gottesdienst Plus“

Liebe Schwestern und Brüder,
Schmuck - Drohung - Hilfe
was ist mit dem Kreuz passiert?
Ja, was ist passiert?
Vielleicht fragen wir erst einmal, was ist eigentlich das Kreuz???

Klar, es ist ein Henkers Werkzeug und als solches kennen wir es seit der Zeit der Römer, die es als beliebte grausame Todesfolter für Sklaven und nicht römische Freie bei besonders schweren Vergehen wie Mord, Hochverrat, Tempelraub etc. benutzten. Übernommen haben die Römer diese Todesfolter vermutlich von den Karthagern. In einfacher Form gab es diese Todesfolter aber auch schon viel länger in der Form des Pfählens im gesamten Orient. Aus dieser Tradition heraus, war es auch die erste Wahl bei der Vollstreckung der Todesstrafe gegen Jesus Christus. Wobei nicht überliefert ist (weder in den Evangelien, noch in andere neutestamentlichen Büchern oder Apokryphen) ob Jesus an einem Kreuz mit aufgesetzten Balken oder Pfahl oder der ungewöhnlichsten Form des Kreuzes mit tiefergelegten Querbalken getötet wurde.

Dass wir uns das Kreuz und die Kreuzigung Jesus so vorstellen, wie hier hinter dem Altar dargestellt, liegt an den christlichen Künstlern. Allerdings datieren die ersten künstlerischen Darstellungen der Kreuzigung erst auf ca. 400 nach Christus, also zu einem Zeitpunkt, wo die Kreuzigung als Todesstrafe schon seit fast 100 Jahren im römischen Reich abgeschafft war. Abgeschafft wurde sie um ca. 315 nach Christus durch Konstantin.

Als religiöses Zeichen existiert das Kreuz schon seit ca. 2500 - 1500 vor Christus fast weltweit, wobei die älteste Form des Kreuzes das von der faschistischen und nationalsozialistischen Bewegung seit Ende des vorletzten Jahrhunderts okkupierte Hakenkreuz ist. Es gilt in seiner ursprünglichen Form als Glücks und Heilsbringer. Später benutzten die Hochkulturen des Orientes das Kreuz in unterschiedlichen Formen und Deutungen. Die Ägypter z.B. als Zeichen des Lebens, die Assyrer als Zeichen der Sonne. Durch Christi Tod wurde das Kreuz zu einem christlichen Symbol. Es entstand schon in frühen Schriften eine Kreuzestypologie. Allerdings gibt es auch erst wieder seit der Zeit Konstantins eine eigentliche Kreuzesverehrung. Diese geht auf eine Legende zurück, dass Kaiserin Helena und der Bischof von Jerusalem Makarios um 320 nach Christi auf Golgatha drei Kreuze gefunden haben und dass durch eine Krankenheilung das Kreuz Christi offenbart wurde. Daraufhin ließ Kaiser Konstantin an der Fundstelle die Grabeskirche bauen, die am 13.9.335 geweiht wurde. In ihr sollen sich Teile des Kreuzes Christi befinden, andere Teile des Kreuzes wurden seit diesem Zeitpunkt als Reliquien in alle Welt verteilt. Erst im siebenten Jahrhundert wurde die Kreuzesverehrung als Karfreitagsliturgie in die christliche Liturgie eingeführt.

Das Kreuzsymbol wurde als Hauskreuz, Wegkreuz, Grabkreuz, Schmuckkreuz usw. immer weiter verbreitet, wobei es nicht selten zu einem magischen Zeichen wurde.

Unter dem Kreuzsymbol wurden aber auch Kriege geführt, Menschen verfolgt, geknechtet und getötet. Es wurde zugleich zu einem Macht- und Ohnmachtssymbol. Zu einem Symbol der aufopfernden Liebe und zu einem Symbol des Hasses.

Auch in unserer Zeit wird das Kreuz vielfältig genutzt. Es ist als modisches Accesoire weit verbreitet, als Ohrhänger, Kettenanhänger, Applikation auf Taschen und vieles mehr. Es wird für magischen Riten benutzt, findet sich in der Esoterik wieder und ist immer noch das bekannteste christliche Symbol.

Was bedeutet es aber heute für uns? Auch hier gibt es sehr unterschiedliche Angänge. Viele Christen deuten das Kreuz vom alten Testament her als Opferkreuz und sehen es in gewisser Weise als "Drohung" wie sehr Christus für jeden Menschen leiden musste. Was wir durch unsere Schuld ihm angetan haben. In dieser Form der Frömmigkeit wird Christus als Opferlamm gesehen und das Leiden wird bis zum Exzess vergöttert wie zum Beispiel in Mel Gibsons Kreuzigungs-Film. Andere Christen sehen im Kreuz das Symbol für die ausgestreckte Hand Gottes, der alles überbrücken will, was uns von ihm trennt. Und wieder andere Christen sehen Kreuz und leeres Grab als einen Sinnzusammenhang:
Jesus ging bewusst in den Tod um uns die Angst vor der Endgültigkeit des Todes zu nehmen, und um uns einen Hauch von Ewigkeit spüren zu lassen.

Es gibt also nicht das Kreuz oder den einen Kreuzesglauben. Genauso vielfältig wie das Kreuz im Allgemeinen genutzt wird, ist auch der Umgang mit dem Kreuz im persönlichen Glauben.

Für mich persönlich ist zum Beispiel das Kruzifix mit dem leidenden Leichnam Jesu, so wie dieses hier in der Kirche, ein seltsames Symbol. Natürlich litt Jesus, aber er lebt, er überlebte, weil er seinen Weg so gehen wollte. Er ging seinen Weg, nicht als Vorwurf für uns, sondern als Brückenschlag. Jesus hängt auch nicht mehr an diesem Kreuz. Er wurde zu Grabe getragen und am dritten Tage war das Grab leer. Nicht weil sein Leichnam gestohlen wurde, sondern weil er den Tod überwunden hatte. Jesus ist für mich der Beweis für und die Brücke und der Weg in das ewige Leben. Deshalb ist das Kruzifix für mich immer ein Hängenbleiben am Karfreitag, eine Selbstkasteiung und nicht das Symbol der Gnade, die alles verzeiht, die hilft, die uns bis in die Ewigkeit trägt. Für mich ist das Kreuz als christliches Symbol leer. Es zeigt Christi Brückenschlag und zeigt, dass dieser gelungen ist, weil Christus eben nicht bei Karfreitag hängen geblieben ist. Er sagte auch nicht "Was tut ihr mir an?" sondern, "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun".

Das Kreuz ist also auch das Zeichen für die Bereitschaft Jesu Fürsprache für uns zu halten. Es ist das Zeichen der alles verzeihenden Liebe, der Gnade, des Verständnisses und in diesem Sinne kann und will das Kreuz auch heute eine Wegmarke in deinem und meinem Leben sein.

Es erinnert uns daran Liebe zu üben. Es erinnert uns daran, dass wir einander verzeihen sollen. Es erinnert uns daran, dass wir im Leben nie allein sind, denn zumindest ein Fürsprecher wird immer bei uns sein, Jesus verlässt uns nicht. Er liebt uns, er trägt uns, er schenkt uns Kraft und Hilfe in jeder Lebenslage. Daran erinnert uns das Kreuz und in diesem Sinne kann es sehr wohl auch heute noch eine Wegmarke in deinem und meinem Leben sein. Jesus sagte uns: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. Eine klare Aussage, ein Versprechen, eine Zusage. Das Kreuz ist das Siegel, die Erinnerung und das Symbol für die ewige Erinnerung an dieses Versprechen Jesu. Also ist und bleibt es auch unsere Wegmarke auf dem Weg in die Ewigkeit.

Amen.