Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Sommer"

Diakon Thomas Becker

21.06.2005 in der Pfarrei Herz-Jesu, Bochum-Hamme

"Sommer"

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,

sind Sie - seid ihr - auch urlaubsreif? Oder "reif für die Insel", wie man es zuweilen auch etwas locker formuliert? Für viele von uns - mich selber nicht ausgenommen - waren ja die letzten Wochen und Monate eine anstrengende Zeit; und nicht wenige freuen sich mit ihren Familien auf die kommenden Ferien.

"Ja, ich bin urlaubsreif", so sagen Sie. Aber - bin ich auch reif für den Urlaub? Beides hört sich sehr ähnlich an - und doch ... Es ist spannend, daß dieses kleine Wörtchen "reif" in der deutschen Sprache einen doppelten Sinn hat.

"Ich bin urlaubsreif" - damit will man sagen, daß man von allem die Nase gestrichen voll hat, daß es einem bis oben hin steht, daß amn einfach nur weg will und vor allem hier raus.

"Ich bin reif" dagegen meint, eine gewisse Vollendung erreicht zu haben, zum Beispiel wie bei einer Frucht, die gepflückt werden kann. Eine gewisse Reife zu haben, bedeutet dann, einen Wachstums- oder Lebensabschnitt erfolgreich abgeschlossen zu haben. Das meinte das früher übliche Wort "Reifeprüfung" für den Abschluss des Gymnasiums.

"Ja, ich bin urlaubsreif", aber - bin auch "reif" für den Urlaub? Oder, mit anderen Worten: "Habe ich die Kunst des Urlaubmachens" überhaupt gelernt? Das soll nämlich keine Flucht aus dem Alltag sein. Das ist auch keine Reduzierung des "Lebens" auf diese Tage und Wochen des Jahres. Und deshalb warne ich davor, allzuviel an Wünschen und Erwartungen in diese Zeit hineinzupacken.

Die "Kunst des Urlaubmachens" bedeutet vielmehr, im Urlaub sehr bewußt ein Gegengewicht zum Alltag zu setzen, ohne diesen aber dadurch entwerten zu wollen. Wenn ich in meinem Alltag viel mit Menschen zu tun habe, dann suche ich im Urlaub die Einsamkeit. Wenn ich viel alleine bin, mag mir im Urlaub die menschliche Nähe gut tun. Wenn ich sehr verplant und nach Terminkalender lebe, dann brauche ich in den Ferien spontane Aktionen. Wenn ich viel unterwegs bin, fühle ich mich in einer vertrauten Landschaft wohl. Wer eher geordnet lebt, mag den Nervenkitzel suchen, wer im Alltag genug Aufregung hat, ist für Ruhe und Entspannung dankbar.

Alltag und Urlaub - zwei Bereiche, die sich ergänzen und deswegen zusammengehören. Alltag und Urlaub - zwei Bereiche, die gemeinsam beitragen zu einem gelungenen Leben. Alltag und Urlaub - zwei Bereiche, die uns vom Schöpfer vorgegeben sind. Denn in sechs Tagen erschuf Gott die Welt, und am siebten ruhte er. Und sein Sohn Jesus Christus suchte zwischen seinen Predigten auch immer wieder die Ruhe und das Alleinsein. Warum sollten wir es anders machen?

Amen.