Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Tolerantes Brandenburg"

Pfarrer Stephan Schaar (ev.-ref.)

10.09.2000 auf der großen Bühne des Marktes, Prignitz, Perleberg

Liebe Perlebergerinnen und Perleberger, liebe Gäste des Festivals - Christenmenschen und Atheisten!

Ich hoffe, uns alle auf diesem Platz verbindet nicht nur die Freude an Musik und das Interesse an der Vielfalt der Kulturen. Ich hoffe, wir versammeln uns hier auch ganz bewußt unter dem Schlagwort "Tolerantes Brandenburg" und nehmen die Herausforderung an, dieses Programm mit Leben zu füllen.

Kann man Toleranz lernen? Tahar Ben Jelloun erklärt seiner Tochter, es sei die Intoleranz, die man von der Umwelt erlernt, der Mensch an sich sei neugierig und offen für Fremdes und Fremde.

Aber es sieht so aus, als hätten wir es im Moment bitter nötig, Toleranz zu lernen; und ich meine, das kann man gut, kann man sogar am besten aus der Bibel.

Eine besonders schöne Formulierung dafür, was es bedeutet, den andern in Frieden leben zu lassen und dasselbe Recht für sich selbst in Anspruch zu nehmen, stammt von Jesus. In der Bergpredigt formuliert er eine Regel, die wir zumeist nur in ihrer negativen Fassung kennen - und dann ist sie schon verwässert und verdorben; im Original lautet sie: Wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut auch ihr ihnen! Anders ausgedrückt: Behandelt die Mitmenschen ebenso, wie ihr von ihnen behandelt werden möchtet.

Die Geschichte, die wir eben gehört haben, vom "barmherzigen Samariter", der als ungeliebter Ausländer tut, was die hochgeehrten Würdenträger unterlassen - nämlich hinzugehen, statt wegzuschauen -, diese Geschichte zeigt, wie ich meine, sehr deutlich, daß die Goldene Regel der Bibel tatsächlich etwas anderes meint als die Parole: "Laß dich bloß nicht erwischen - irgendwann trifft es dich selbst!" Unser Sprichwort sagt: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Man höre und staune: Der Volksmund, nicht etwa die Bibel, kommt mit den Verboten daher. Die Bibel beginnt nicht mit den Worten: Du sollst nicht. Denn ehe Gott Grenzen zieht, schafft er Raum, weiten Raum, zum Leben.

Nun ist es schön und gut, weiten Raum zum Leben zu haben. Nicht zuletzt, weil ihnen dieser Raum im eigenen Land fehlt, sind viele Menschen zu uns noch Deutschland gekommen. Aber in der weiten Landschaft braucht man auch Orientierungspunkte, um sich zurecht zu finden: hier ein Baum, dort ein Fluß, da ein Hügel - niemand würde solche "natürlichen Grenzen" als Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit empfinden und im Ernst auf die Idee kommen, sie allesamt beseitigen zu wollen.

Mit den Wegweisern und Grenzpfählen, die Gott gegeben hat, ist es im Grunde genauso: Wer sie entfernt, gaukelt eine Freiheit vor, die Menschen verloren gehen läßt in der endlosen Steppe.

In der Sprache der Wirtschaftspolitik, die heute unser Bewußtsein beherrscht, nennt man das stolz: "Deregulierung". Da werden, um des freien Handels willen, Dämme eingerissen, die dazu da sind, die Schwachen vor der Willkür der Starken zu schützen, nun aber als Hindernis gelten für die freie Entfaltung der Kräfte. Heute steht der Feierabend zur Disposition, morgen der Sonntag - und vielleicht tritt übermorgen an die Stelle des Jahresurlaubs ein Lebens-Arbeitszeitkonto, dessen Guthaben man aufzehren soll, statt Arbeitslosengeld zu beziehen...

Liebe Nachbarn und Gäste! Wenn die Grenzen, die Menschen vor Menschen und Möchten schützen, infrage gestellt und abgeschafft werden - kann es da im Ernst noch verwundern, wenn Jugendliche jegliche Orientierung verlieren, kein Maß mehr kennen, sich ihre Werte-Weit zusammenbasteln und dabei den Mitmenschen hinten anstellen, so wie sie selbst auch am Rande der Gesellschaft stehen?!

Wie soll Toleranz lernen, wer selbst das Gefühl hat, nur geduldet zu sein?!

Die Furcht vor Strafe, die auf dem Fuße folgt, mag abschrecken - Bewußtsein verändern wird sie kaum.

Der Samariter in unserer Beispielgeschichte hat lebendig veranschaulicht, was das heißt: SEINEN NÄCHSTEN zu LIEBEN, ihn so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Aber eben dieser zweite Teil des Gebotes, das Wie-dich-Selbst, scheint das Problem zu sein: Wer nicht erfährt, daß er geliebt wird, wer sich selbst nichts zutraut, weil einem andere nichts anvertrauen, der ist dazu gezwungen, festzuhalten, was man irgendwie ergattern konnte, und deshalb auch mißtrauisch gegenüber allem und jedem, der einem wegnehmen könnte, was einem ein bißchen Halt gibt.

Die Würde eines Menschen beruht aber weder auf seiner Leistung, noch auf seiner Geburt, weder auf seiner nationalen noch seiner religiösen Identität noch auf seinem Geschlecht. Die Würde jedes Menschen basiert nach christlichem Verständnis auf der Liebe Gottes zu allen Menschen, zu seiner ganzen Schöpfung.

Die Selbstliebe hat ihre Berechtigung darin, daß Gott uns liebt, und in dieser Liebe zu uns steckt auch der Grund dafür, weshalb wir unsere Mitmenschen lieben sollen, denn wir sind Schwestern und Brüder auf dieser Erde - ob schwarz, ob weiß, ob rot, gelb oder braun.

Und weil Gott uns liebt wie ein Vater seine Kinder, sieht er nicht einfach zu, wie sie sich im Geschwisterstreit gegenseitig umbringen, bestehlen, betrügen, einander verächtlich und das Leben zur Hölle machen.

Er gibt uns Gebote und Regeln als Geländer, damit wir Halt machen, bevor wir ins Bodenlose stürzen. Er gibt uns Wegmarken, damit der weite Raum des Lebens nicht zu einer Wüste wird für viele mit Oasen nur für die wenigen, die stärker und rücksichtsloser als die anderen sind und für sich allein beanspruchen, was doch für alle geschaffen worden ist.

Der Kernsatz: DU SOLLST DEINEN NÄCHSTEN LIEBEN WIE DICH SELBST ist eingerahmt in weitere Bestimmungen, aus denen klar hervorgeht, wie Gott sich ein gutes Zusammenleben zwischen Menschen vorstellt und auf wessen Seite er steht; ich lese Beispiele aus dem 3. Buch Mose, Kapitel 19:

Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten.

Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen.

Ihr sollt nicht stehlen noch lügen und betrügerisch handeln einer mit dem andern.

Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen.

Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen.

Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen...

Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht; du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten.

Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben.

Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest.

Schließlich auch die ausdrückliche Anweisung:

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott.

"Toleranz lernen aus der Bibel" heißt eben nicht, liebe Festgemeinde, daß jeder nach seiner Facon selig werden soll, so daß man am Ende gar nicht mehr danach fragt, welche Werte für den anderen wichtig sind. Es geht nicht darum, einander in Ruhe zu lassen, sondern darum, daß das Lebensrecht und die Würde anderer Menschen unantastbar sind.

Deshalb: Keine Toleranz für Haß, keine Duldung von Gewalt, kein Pardon für Rassismus und Antisemitismus!

Ich freue mich natürlich, wenn dem auch solche Menschen zustimmen, die sich ansonsten nicht an der Bibel orientieren, sondern lediglich hier Übereinstimmungen zwischen Christen und Atheisten in Sachfragen feststellen. Vielleicht darf man das sogar noch immer als eine Nachwirkung dessen betrachten, was die christliche Kirche - trotz all ihrer eigenen Verbrechen - im Laufe von Jahrhunderten an ethischen Normen geschaffen hat.

Aber ich sage es noch einmal: Die Werte der Bibel beruhen nicht auf Vernunft, nicht auf Konvention, sondern sind die Folge dessen, daß Gott die Welt und alle seine Geschöpfe liebt.

Jeder ist eingeladen, auf dieser Grundlage Regeln des menschlichen Miteinanders zu formulieren, so wie das in der UN-Menschenrechtscharta geschehen ist.

Aber für gläubige Menschen kommt noch ein anderes hinzu:. Wir wissen, daß wir Gott Antwort zu geben haben mit unserem Leben, daß seine Liebe unsere Liebe wecken will. Gott erwartet keine überschwenglichen Gefühle, sondern nüchterne Taten, die einem schlichten JA zum Nächsten entsprechen: Gott hat JA gesagt zu mir, Gott hat JA gesagt zu dir - wir sind Geschwister, ob wir uns mögen oder nicht.

Weil wir alle die Kinder unseres Vaters im Himmel sind, kann ein Christenmensch weder die Todesstrafe befürworten, noch den Krieg wollen.
Es ist Gotteslästerung, das Geld mehr zu lieben als seine Mitmenschen und Mitgeschöpfe!
Und schließlich: Wie sollten wir Unterschiede machen zwischen Rassen und Nationen, wenn denn Gott in Christus alle Schranken beseitigt hat, die uns voneinander trennen und von ihm?!

Als seine Blutsverwandten Jesus von der Menge wegholen wollten und ihm sagen ließen: Komm heraus, deine Mutter und Geschwister warten auf dich, da hat er vor den Ohren aller deutlich gesagt, was wichtiger ist als Abstammung und Herkunft: Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Am Beispiel des Samariters steht uns klar vor Augen, was heute und immer zu tun ist: DEN NÄCHSTEN LIEBEN in der konkreten Tat - seine Wunden verbinden und ihn beschützen, damit sich die Schlägerbanden nicht mehr an ihn wagen.