Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Wie wird es mit der Kirche...."

Pfarrer Prof. Dr. Heinrich Jacob

11.05.2002 in Kleine Kirche Osnabrück

Liebe Schwestern und Brüder,

wie wird es mit der Kirche, mit unseren Gemeinden, mit dem Glauben überhaupt weitergehen? Diese Frage bewegt nicht wenige von uns. Und meist wird sie angstvoll gestellt: Im Blick auf die verschwindende Zahl der Gottesdienstteilnehmer, im Blick auf die Altersstruktur kirchlicher Gruppierungen, im Blick auf den Mangel an Nachwuchs z. B. im Priesterberuf. Wenn heute oder in den letzten Tagen zehn geweiht worden sind, ist das eine absolute Ausnahme. Wir werden wieder auf zwei oder drei jährlich uns absenken, so sagt es jedenfalls die Statistik. Wie wird es also mit der Kirche weitergehen?

Ebenso betroffen fragen dieses die Pfarrer und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im seelsorglichen und katechetischen Dienst, wenn sie wahrnehmen, wie erfolglos manchmal ihre Bemühungen sind. Gelegentlich fällt einem das auf bei Firmgottesdiensten, wo eine mühsam gebändigte Schar sich firmen lässt und dann den großen Abschied von der Kirche nimmt und irgendwo als U-Boot im Meer des Heiles weiterschwimmt. Und dann nur auftaucht, wenn die Heirat angesagt ist oder ein Kind in den kirchlichen Kindergarten kommen muss.

Auch die Diözesanleitungen haben spezielle Sorgen, wie sie das vorhandene und immer weniger werdende seelsorgliche Personal einigermaßen gerecht verteilen und den Mangel einteilen soll. Und wir erleben in unserer Diözese, dass die Gemeinden, die sozusagen aus dem Mutterschoß einer Urgemeinde hervorgegangen sind, jetzt in diesen Schoß wieder zurück kehren. Sie werden Zentren zugeordnet. Und es ist nicht leicht, Pfarrer eines Zentrums zu sein und nicht einer Gemeinde, mit der man - so war früher die Ideologie - gleichsam verheiratet war. Unter dieser Ideologie bin ich noch angetreten und hatte seinerzeit in Quakenbrück glückliche Tage, weil ich nicht drei oder vier Gemeinden hatte und mich dann zerteilen müsste.

Es klingt oft recht pessimistisch, die Lagebeurteilung unter den Christen hier zu Lande. Nun würde ich sie fragen, zum Nachdenken heute Abend oder sonst wann: Wo stehen Sie eigentlich in diesem Prozess? Wie sehen Sie die Lage? Was ist Ihr Empfinden im Glaubensalltag, den Sie führen? Wie geht es Ihnen mit der Kirche von heute? Und ich plädiere dafür die bedrückenden Erfahrungen nicht unter den Tisch zu kehren. Aber ich frage mich auch, woher nehmen wir die Kraft, damit diese Erfahrungen, die oft negativ sind, uns nicht lähmen und uns die Lebendigkeit rauben? Denn nichts ist trauriger als jemand, der mit der Trübsal trompetet, in geistlichen Landen herum wandert. Er hat keine Attraktivität und man fragt sich, wo sein Glaube eigentlich geblieben ist.

Man könnte den Versuch machen, der natürlich in einer solch kleinen Predigt etwas gewagt ist, das heutige Evangelium zu nehmen und sagen, dass es uns einen Hoffnungsweg zeigt. Etwas versteckt und geheimnisvoll, wie es eben die Art des Johannes-Evangeliums ist. Von der Verherrlichung Jesu und von der Verherrlichung des Vaters ist da die Rede. Herrlichkeit und Verherrlichungen, das Wort, das in unserem Evangelium mehrfach wiederkehrt. In der Sprache der Bibel steht es für die Größe, die überragende Hoheit unseres Gottes. Es steht für die Kraft Gottes, aus der die ganze Welt stammt, und für die Kraft seiner Liebe, die er dieser Welt und den Menschen und jedem von uns zugewendet hat. Wenn man sich ein wenig einhört in das Johannes-Evangelium, und sich durch die hohe, mystische Sprache nicht verstören lässt, dann merkt man, dass geheime, wirkungsvolle und starke Botschaften in diesem Evangelium zu uns kommen. Einst hat Mose die Herrlichkeit Gottes erfahren auf dem Sinai, dem Berg des Bundes und der Gottesnähe. Nach seiner Gottesbegegnung stieg er vom Berg herab, und der Glanz der Herrlichkeit Gottes lag noch auf seinem Angesicht. Sein Angesicht glänzte und die Leute in Israel erschraken. Jetzt aber, sagt uns Johannes, leuchtet die Herrlichkeit Gottes, unüberhörbar und unüberbietbar, auf in Jesus Christus, in seinem Wort und Wesen, in seinen Gesten und Begegnungen, in seiner liebevollen Zuwendung zu den Menschen. Besonders aber leuchtet sie auf in jener Stunde seines Lebens, die sein Inneres offenbar machte. In der Stunde seiner Erhöhung, in der Stunde des Kreuzestodes, dem er entgegen geht. Das ist die Situation dieses Textes. Es ist die Stunde, in der er das ganze Vertrauen in die lebensrettende Macht des Vaters setzt. In der er ganz eins ist mit seiner Liebe, ganz eins mit der Offenheit zum Vater und mit der Zuwendung zu den Menschen. Es ist die Stunde, in der er gerade so, aller Feindseligkeit und aller Ablehnung zum Trotz, in eine gewaltige Freiheit hineinkommt, in eine unüberbietbare Souveränität, und in eine innere Stärke.

Dieses Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus ist der Kirche, den Gemeinden und jedem und jeder von uns als Geschenk und als Schatz anvertraut. Ein Schatz freilich, der auch gehoben werden will. Wenn wir also sozusagen mit "westerwellischer" Fröhlichkeit durch das Evangelium sausen und uns von Event zu Event hangeln, dann kommen wir da nicht weiter. Johannes verlangt ein wenig Besinnung, ein wenig Ruhe, dass man sich sich selber stellt und den Fragen, die in der Tiefe meines Herzens wohnen. Ich denke, ein Schatz wohnt im Johannes-Evangelium, der gehoben werden muss.

Wirkt das Leben der Kirchen und Gemeinden deswegen in unseren Breiten oft so müde und matt, weil so wenige zu diesem Schatz vordringen, weil so wenige erkennen und verinnerlichen, was ihnen da eigentlich geschenkt ist, weil so wenige sich die Zeit nehmen sich davon ganz persönlich berühren zu lassen?

Dazu gibt es eine schöne Geschichte aus dem Schatz der jüdischen Weisheitsliteratur, von Martin Buber aufgeschrieben, die geht folgendermaßen: Levi Jitchak suchte gegen den Willen seines Schwiegervaters einen bekannten Rabbi in Nikolsburg auf und blieb einige Zeit bei ihm. Als er zurück kommt fragt sein Schwiegervater, der ein wenig die Konkurrenz im Glauben fürchtet, spöttisch: "Was hast Du denn bei ihm schon gelernt?" "Ich habe gelernt", antwortete Levi Jitchak, "dass es einen Schöpfer der Welt und der Menschen gibt." Der Schwiegervater lacht ihn aus, ruft seinen Diener herbei und fragt ihn: "Ist Dir bekannt, dass es einen Schöpfer der Menschen gibt und auch der Welt?" "Selbstverständlich." nickt der Diener. "Ja", sagt Levi Jitchak nachdenklich, "alle sagen es. Aber lernen sie es auch?"

Alle sagen es. Aber lernen sie es auch? Erkennen heißt das, dass es den Schöpfer gibt, erlernen, dass es einen Gott gibt, der sich in seiner Herrlichkeit und Liebe uns zuwendet. Bei Jesus Christus können wir das lernen. Wir dürfen bei ihm etwas von dem Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes erfahren. Er strahlt die liebevolle Zuwendung Gottes aus. Diese liebevolle Zuwendung, die uns entgegen kommt in Jesus Christus, ist eine Chance für jeden Einzelnen. Eine Chance auch für die Lebendigkeit von Gemeinden und Kirche. Denn in seinem Licht gewinne ich Geborgenheit. Ich weiß, dass es einen festen Halt gibt inmitten aller Infragestellungen des Alltags, ein Zuhause inmitten aller Heimatlosigkeit, die ich manchmal auch mitten unter den Menschen - auch in meiner Familie - spüren kann. In seinem Licht gewinne ich Entschiedenheit. Ich gewinne eine größere innere Klarheit über meinen Weg. Ich bleibe zwar weiterhin am suchen und ich werde mich den vielfältigen Herausforderungen, die oft überraschend kommen, weiterhin stellen müssen. Aber ich finde auch den Mut zu mir selbst zu stehen, auch gegen Modetrends und Mehrheitsmeinungen. In seinem Licht gewinne ich die innere Freiheit. Ich habe einen Bezugspunkt. Ich habe meinen Rückhalt, und der ist verlässlich. Ich kann zu meinen Grenzen stehen. Ich spüre zwar noch genug Ängste, aber ich bin in ihnen nicht mehr gefangen. Und in dieser Freiheit kann ich dann offener sein für andere. Das ist die Chance, die im Begegnen mit Jesus Christus liegt, im Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes, die Chance Geborgenheit zu gewinnen, Entschiedenheit zu gewinnen und eine innere Freiheit zu gewinnen.

Und Sie merken, dass wir hier auf den Weg eines mystischen Christentums kommen, das nicht die Tat klein schreibt, das aber allein im Tun und in einer Kette von Aktionen nicht das Heil sieht, wenn vorher nicht nachgedacht wurde und wenn vorher nicht der Weg zu den inneren Gründen angetreten wurde, in denen Jesus Christus zu finden ist. Der ja nicht irgendwo herbei gebetet werden soll, sondern der in der Tiefe des Herzens der Menschen wohnt - zumal der Getauften und der Gefirmten. Wir kennen den berühmten Satz des Augustinus "Deus est interior intimo meo". Gott ist mir innerlicher als ich selber es bin. Darum, wenn ich zu mir einkehren komme ich nicht in die Wogen des Egoismus, unter verschiedene Strömungen und Triebe, sondern tiefer finde ich in mir das Leuchten der Herrlichkeit Gottes. Und wer diesen Weg gelegentlich geht und sich damit vertraut macht und auch Fühlung mit Menschen hat, die diese Wege gehen, geht den Weg eines mystischen Christentums. Und Sie haben es öfter gehört, was Karl Rahner gesagt hat, den ich in Innsbruck jahrelang studiert habe: "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr Christ sein." Das hat er damals schon vor Jahrzehnten gesagt, und Mystik noch nicht einmal mehr als Versponnenheit, als irgendwas Esoterisches, sondern als diesen stillen Gang in die Tiefe, in der Gott in mir wohnt, bewogen durch das Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes im Antlitz Jesu Christi. Eine Mystik des Alltags freilich und nicht eine Mystik nur erhabener und heiliger Stunden.

Wenn Sie solche Menschen treffen, die von Innen her strahlen und gelassen sind, dann merken Sie, dass es gut ist, dass wir den Glauben haben und dass man als ein solcher Mensch andere trösten kann. Burning persons, brennende Personen, die nicht hin und her zündeln, sondern aus deren Herzen und deren Augen ein Feuer kommt, ganz still, aber wann, das uns zu bewegen vermag. Liebe Schwestern und Brüder, Menschen, die auf diese Weise bei Jesus in die Lehre gegangen sind und ihn erkannt haben, die - denke ich - sind die eigentlichen Hoffnungsträger der Kirche. Wir machen ja viele Geschichten, Finanzgeschichten, McKinsey war in unserer Diözese und hat - so hoffe ich - einiges Gute herausgebracht. Wer aber nur meint durch Finanzregulationen und strukturale Veränderungen das Wesentliche zu treffen (ich glaube nicht, dass das jemand so meint, ich sage nur, wenn das jemand meint), wäre das ein wenig kurzfristig gedacht.

Die Hoffnungsträger der Kirche sind diese Menschen eines neu gefundenen und immer wieder begangenen innerlichen, mystischen Weges, die ausstrahlen nach Außen und dann auch Handelnde sind, aber Handelnde aus der Tiefe ihres Herzens, nicht - wie gesagt - aus dem Einerlei oder dem Vielerlei der täglich andrängenden Dinge. Nicht durch großartige Worte und umwerfende Auftritte, sondern durch die Ausstrahlung unseres Lebens werden wir das Christentum halten und verbreiten. Wenn Kardinal Ratzinger in einem Interview vor einiger Zeit sagte, das Christentum müsste in Deutschland ganz neu beginnen, so kann man einige Dinge abstreichen, die aus römischer Sicht anders aussehen, als bei uns. Ich weiß nicht genau, was er so meint. Er könnte auch gemeint haben, dass wir uns wieder besinnen müssen auf diesen Weg des neuen, inneren und des von daher ausstrahlenden Lebens und der Vitalität des Christentums.

Man findet solche Menschen. Ich glaube schon, wenn man die Augen auf macht, dass man nicht sagen kann, "Du kannst ja gut reden. Hast Du irgendwelche Handbücher, wo Beispiele stehen?" Nein, ich glaube, dass man die Beispiele auch in unserem Leben findet. Wenn ich das nur so sage, - ich war jetzt eine längere Zeit im Marien-Hospital und bin allmählich die ersten Schritte wieder in Freiheit da - finde ich solche Menschen.

Zum Beispiel eine Frau auf dem Krankenbett, die sich eben noch viele Pläne zurecht gelegt hatte und die jetzt weiß, dass ihre Krankheit nicht mehr zu bezwingen ist. Und da liegt sie nun. Und nach einer Zeit der Turbulenz geschieht es, dass sie mit einer großen Ruhe und mit einer starken, inneren Kraft ihren Weg geht. Oder, was es auch gab, bei Eltern, die ein schwerbehindertes Kind haben, und dazu "ja" sagen und mit Treue und Gelassenheit diese Aufgabe als ihre Lebensaufgabe angenommen haben und sich durch eine ironiesierende Gesellschaft nicht aus der Ruhe bringen lassen. Oder ein junger Mann, den ich kenne, der gegen den Willen seiner Eltern, die ihm gerne den Betrieb vermacht hätten, den sie haben, einen Beruf im sozialen Bereich ansteuert und unverdrossen diesen Weg geht.

Schauen Sie, Sie wüssten wahrscheinlich noch bessere und treffendere Beispiele. Auf ihnen, diesen Menschen, in ihrer inneren Gewissheit, Klarheit und Entschiedenheit, denke ich, liegt ein Widerschein der Herrlichkeit Gottes. Ihr Lebensmut ist eine Chance für uns. Hier finden wir die Herrlichkeit Gottes und nicht nur, wenn im Dom unter Glockenklingeln das "Te Deum" gesungen wird. Das kann schon so sein, aber ich habe da andere Fundorte, die ich auch verteidige. Mir persönlich, muss ich sagen, bin ich dankbar dafür, dass es in unserer Kirche, auch in dieser Gemeinde, das Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes gibt. Ich bin dankbar dafür, dass ich in dieser Kirche mit anderen zusammen immer wieder unverdrossen die leeren Hände nach dem Licht Gottes ausstrecken kann. Besonders dankbar bin ich, dass uns gerade in dieser sehr menschlichen und immer wieder angefochtenen Kirche die treue Fürsorge unseres Herrn zugesagt worden ist. Darum unser Gebet, ein altes Gebet, das in einem Lied aufgenommen ist: "Ach, wenn Du mich doch segnetest." Der Segen Gottes zeigt uns das Antlitz seiner Herrlichkeit.

Amen