Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Aufführung "The Man in the Mirror - God of Pop oder Gottes Kind

Pfarrer Frank Bolz (ev)

24.09.2011 in der Ev. Pfarrkirche in Marburg / Lahn

The Man in the Mirror

Michael Jackson – God of Pop oder Gottes Kind?

Textcollagen von Frank Bolz

Alle aufgenommenen Details inkl. der entworfenen Spielszenen basieren auf den beiden folgenden literarischen Werken:

J. Randy Taraborrelli: Michael Jackson. Die ultimative Biografie, deutsche Neuausgabe Heel Verlag Königswinter 2009

Hanspeter Künzler: Black or White. Michael Jackson. Die ganze Geschichte, Koch Verlag Höfen/Österreich 2009

1. Programmatische Einführung: Man in the Mirror (1988)

Sprecherpaar

Stimme 1: Ikonen sind heilige Bilder. Sie lassen die Gläubigen unmittelbar in den Himmel schauen.

Stimme 2: Einen Popstar als Ikone zu titulieren, verrät die religiöse Dimension des Kultes, der um ihn gemacht wird. Da weitet einer die Enge des Lebens in der Art und Weise, wie er tanzt und singt, und seine Fans beten ihn an. Sie liegen ihm zu Füßen, weil sie sich von seinem göttlichen Schein getroffen fühlen.

Stimme 1: Michael Jackson, „King of Pop“ und Ikone der 80er, ist am Kult um seine Person zerbrochen. Dem Druck der geplanten 50maligen Comebackshow hielt er schließlich nicht mehr stand. Rast- und ruhelos starb er am 25. Juni 2009 in Los Angelos an den Narkosemitteln, die ihm den ersehnten Schlaf bescheren sollten. Am Ende wurde es der Schlaf des Todes. Michael Jackson wurde nur 50 Jahre alt.

Stimme 2: Und wir? Waren wir mit dabei, ein einst hoch begnadetes Kind in den Himmel zu heben, statt uns einfach an seinem Talent zu freuen?

Gehören wir auch zu denen, die medial inszenierte Götter brauchen, weil ihnen der Glaube an den Mensch gewordenen Gott des Christentums verloren ging?

Stimme 1: Ein Top-Hit aus Michael Jacksons bester Zeit erzählt nicht nur davon, was ihn selber trieb. Er hält auch uns einen Spiegel vor: Lernt ihr aus alledem? Oder macht ihr einfach weiter so wie immer?

„Ich fange mit dem Mann im Spiegel an,

ich fordere ihn auf, seinen Weg zu ändern.

Und keine Botschaft könnte klarer sein:

Wenn du die Welt zu einem besseren Ort machen willst,

schau dich selber an!

Und dann vollziehe diese Veränderung.“

Man in the Mirror.

2. Kindheit und Jugend: Rockin’ Robin (1972)

Sprechmotette für drei Stimmen und Szenenspiel

Stimme 1 (begeistert): Talent!

Stimme 2 (begeistert): Träume!

Stimme 3 (ernüchtert): Traumata!

Stimme 1: Schon als kleines Kind hatte Michael Jackson die grandiose Gabe,

Gesten, Tanzschritte und gesangliche Tricks im Nu nachzumachen.

Als „The Jackson 5“ gewannen er und seine Brüder einen Talentwettbewerb nach dem anderen.

Stimme 2: Es heißt, Vater Joseph Jackson habe seine Söhne regelrecht zum

Erfolg geprügelt. Im Zorn warf er sie auch schon mal gegen die Wand.

Stimme 3: (betont tief gesprochen = Vater Jackson!):

„Entweder du bist in diesem Leben ein Gewinner oder ein Verlierer. Und keins meiner Kinder ist ein Verlierer!“

Stimme 1: Der Erfolg schien ihm Recht zu geben. Durch seinen Drill und Michaels Talent machten die „Jackson 5“ bald Karriere.

Stimme 3: Mutter Katherine, eine strenge Zeugin Jehovas, nahm Michael immer noch regelmäßig in ihre Kirche mit.

Stimme 2: (hell, jugendlich gesprochen = Michael Jackson!)

Von der Kirche direkt ins Showbusiness – das war mein Sonntag.

Stimme 1: Eine echte Kindheit hatte Michael Jackson nicht. Dafür war er schon bald im Allerheiligsten der Musikbranche. Im Sommer 1968 traten die „Jackson 5“ zum ersten Mal unter dem Label von „Motown“ auf.

Stimme 2: Aber das nicht ohne Legendenbildung. Eine Szene im Haus der großen

Motown-Lady Diana Ross in Beverly Hills. Da sitzen die “Jackson 5“ zusammen mit Motown-Boss Berry Gordy und erwarten den Auftritt der Diva. Jetzt betritt sie den Raum …

Szene (Theater- oder Hörspiel in Diana Ross‘ Haus)

Die „Jackson 5“ und Berry Gordy sitzen, als Diana Ross den Raum betritt.

Jermaine Jackson: Sie sieht wieder wie eine Göttin aus! Da bleibt einem glatt der Mund offen stehen.

Diana Ross: (divenhaft!) Ich möchte euch noch einmal sagen, dass ich immer für euch da bin. Hier (zieht ein Telegramm hervor und zeigt es) dieses Telegramm habe ich an eine Menge Leute geschickt. Michael lies es doch mal vor. (reicht ihm das Telegramm)

Michael Jackson: (liest vor) Bitte begrüßen Sie mit mir am Montag, 11. August,

18.30-21.30h, im Daisy in Beverly Hills, die „Jackson 5“, eine brilliante Musikgruppe. Die „Jackson 5“ mit dem sensationellen 8jährigen Michael Jackson werden … (stoppt das Lesen, schaut Diana Ross an und sagt weiter) Ma’am, ich glaube, sie haben da einen Fehler gemacht. Ich bin nicht 8, ich bin 10.

Berry Gordy: Nicht mehr! D a s ist Public Relations. Du bist 8 und Diana Ross hat euch entdeckt. Das ist gut fürs Image.

Michael Jackson: Alles klar. Ich bin 8 und wir wurden von der großen Diana Ross entdeckt.

Diana Ross: Genau, wunderbar! Du bist einfach zu süß!

Stimme 3: Aus der Motown-Zeit: Michael Jacksons erste Solo-Nummer über einen Rock’n Roll tanzenden und singenden Vogel:

Rockin’ Robin

3. Image: Bad (1987)

Sprecherpaar:

Stimme 1: (Michael Jackson) „Meine Karriere soll die größte Show auf Erden werden!“

Stimme 2: Jedem gefallen.

Jede Rolle spielen, die ihm dafür gegeben wurde.

Jeden Erfolg durch einen noch größeren überbieten.

Süchtig nach Anerkennung ordnete Michael Jackson den Erwartungen seiner Fans und den Verkaufszahlen seiner Platten das ganze Leben unter.

Stimme 1: Auch ein neues, tougheres Image musste dafür her. Es galt das Bild des smarten Boogie-Sängers abzuschütteln. Jetzt waren die härteren Disco-Nummern angesagt.

Stimme 2: Das alles nicht so ernst nehmen, war die eine Seite.

Z.B. mit bewusst verbreiteten Lügengeschichten wie der, dass er in einer Sauerstoffkammer schlief, um 150 Jahre alt zu werden.

Oder mit dem Song „Bad“. Augenzwinkerndes Spiel mit dem Gangster- Image. „Do l i k e really bad!“ Alles nicht so gemeint.

Stimme 1: Die andere Seite war trauriger.

Es war die Sehnsucht, die nie gelebte eigene Kindheit nachzuholen. Immer mehr umgab er sich dafür mit der Rolle des perfekten Märchenprinzen. Neverland, seine wie ein privates Disneyland eingerichtete Ranch in Kalifornien, wurde zum Symbol dafür.

Stimme 2: „Wacko Jacko“, schrieb die Presse.

Stimme 1: „Peter Pan“, sagte Jane Fonda, wie Elizabeth Taylor eine mütterliche Freundin. Und Michael Jackson antwortete unter Tränen:

Stimme 2: „Weißt du, die Wände in meinem Zimmer sind voll mit Bildern von Peter Pan. Ich identifiziere mich vollkommen mit ihm, dem verlorenen Jungen aus Nimmerland.“

Stimme 1: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16,7) Vom Spiel mit dem Image:

Bad

4. Religion und Mission: Heal the World (1992)

Sprecherpaar

Stimme 1: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Jesus Christus im Evangelium nach Matthäus 25,40)

War Michael Jackson ein religiöser Mensch?

Stimme 2: Geprägt von Mutter Katherine war er selber lange Zeuge Jehovas. Die obligatorischen Hausbesuche machte er in skurril verkleidet, um nicht erkannt zu werden. Erst als das mit den Lügengeschichten anfing, trat er aus. Aber daran, die Welt als Gottes Werk zu sehen und mit den Menschen darin mitzufühlen, änderte das nichts. Randy Taraborelli schreibt in Michael Jacksons Biografie:

Stimme 1: „Michael hatte immer mit der Not der Hungernden, der Obdachlosen und Kranken, besonders der Kinder, mitgefühlt. Frank Dileo, lange sein Manager, kann viele herzzerreißende Geschichten über den positiven Einfluss von Michael auf todkranke Kinder erzählen. … Eines Abends zum Beispiel wurde nach einem Konzert ein kleines Kind, das an einem Hirntumor und Rückenmarkskrebs litt, auf einer Bahre zu Michael gebracht. Michael nahm die Hand des Jungen und hielt sie fest. Das Kind lächelte. Frank Dileo musste sich umdrehen und brach in Tränen aus.“ (Randy Taraborelli, Michael Jackson, S. 353)

Stimme 2: Kein Wunder also, dass Michael Jackson nahezu davon besessen war die Welt zu retten, dass er so viele Wohltätigkeitsorganisationen unterstützte wie kein anderer Star und Lieder schrieb wie dieses:

„Und die Welt, an die wir einst glaubten,

wird wieder im Glanz erstrahlen.

Warum machen wir dann damit weiter das Leben zu unterdrücken, verwunden die Erde und kreuzigen ihre Seele?

Es ist doch klar zu sehen: Dies Welt ist himmlisch.

Sei Gottes Glut (Funke)!“

Stimme 1: Das Lied, dessen Namen auch sein eigenes Kinderhilfswerk trägt:

Heal the world

5. Der Tänzer: Beat it (1983)

Sprecherpaar mit Lied-Intro

Sänger/in: (singt!) Video killed the radio star, video killed he radio star, hmhmhm…

Stimme 1: Mit dem Videoclip zu diesem Hit der Buggles ging am 1.8.81 der Musikkanal MTV auf Sendung. Die Stars der Szene erzählten ihre Geschichten nun nicht mehr nur in Worten und Melodien. Sie inszenierten sie und mit ihnen sich selbst fortan mit immer neuen Bildern. Tag für Tag. 24 Stunden lang.

Für Michael Jacksons „Thriller“, das erfolgreichste Album aller Zeiten, das perfekte Timing. Mit den Videoclips zu „Billy Jean“ und „Beat it“ war er ständig präsent. Und es war vor allem sein Tanz, mit der er die Popularität von MTV steil nach oben trieb.

Stimme 2: Dabei hatte er seinen berühmten Moonwalk nicht einmal selbst erfunden. Geron Candidate alias „Casper“, Sänger aus der TV-Serie „Soul Train“ hatte ihm den beigebracht. Für gerade mal 1000 $. Casper selber sagte dazu:

Stimme 1: „Das war so viel, wie ich verlangt hatte. Ich war 16. Für mich war das ein Haufen Kohle. Um ehrlich zu sein, ich hätte es auch umsonst gemacht. Wie konnte ich auch ahnen, dass es zu Michael Jacksons Markenzeichen werden würde?“ (Taraborelli, S. 255)

Stimme 2: „Beat it“ ist eine der besten Tanznummern auf dem Album „Thriller“. Im Video tritt Michael Jackson als Großstadt-Kid auf. Er ist der Gute, der zwei Streetgangs davon abbringt, sich zu bekriegen. „Es geht darum, dass niemand der ganz harte Bursche sein muss“, erklärte er dazu. „Du kannst dich von einem Kampf fernhalten und trotzdem ein Mann bleiben. Du must nicht draufgehen, nur um deine Männlichkeit zu beweisen.“ (Taraborelli, S. 256)

Stimme 1: „Sie werden dich treten, dann dich schlagen,

dann werden sie dir erzählen, das sei fair.

Also hau ab!

Aber du willst ja böse sein.

Hau doch einfach ab!“

Beat it

6. Fankult: Billy Jean (1983)

Sprecherpaar und Szenenspiel

Stimme 1: Communion. Teilhabe am Göttlichen. Im Tod wie im Leben. Das ist Ziel und Inhalt religiöser Praxis. Viele Fans suchen d a s im Kult um ihre Idole.

Stimme 2: Die Kultfigur Michael Jackson stürzte das in eine tiefe Zerrissenheit. Auf der Bühne war er besessen davon, alles für seine Fans zu tun, um ihnen zu gefallen. Privat erlebte er sie als ewige Verfolger – bis zum Stalking in Reinkultur, so dass er oft nur maskiert und verkleidet auf die Straße ging.

Doch selbst zuhause war er nicht vor ihnen sicher. Hier Szenen mit Michael Jackson und einem seiner Hausdiener:

Szene (Theater- oder Hörspiel in Michael Jacksons Haus)

Michael Jackson sitzt auf einem Sessel. Ein Hausdiener bringt ihm einen Briefumschlag.

Hausdiener (freundlich): Mr. Jackson. Ich habe einen Brief für sie.

Michael Jackson: (öffnet laut hörbar den Umschlag, nimmt den Brief heraus und liest)

Weibl. Stimme aus dem Off: Lieber Michael, ich hoffe du erinnerst dich an mich. Ich liebe dich so sehr. Und ich sehne mich danach, endlich mit dir zusammen zu sein. Schau die Fotos an, die ich dir schicke. Das Kind, das du siehst, ist dein Kind! Wie glücklich könnten wir sein, würden wir es gemeinsam groß ziehen.

Michael Jackson: (springt auf und schreit) O nein! Ich kenne diese Frau doch gar nicht!

Dann verharrt er einen Moment in dieser Haltung („freezing“, in der Hörszene: kurze Pause!), bevor er sich wieder setzt. Dann kommt der Hausdiener ein zweites Mal und bringt ihm wieder einen Briefumschlag.

Hausdiener (freundlich): Mr. Jackson. Ich habe wieder einen Brief für sie.

Michael Jackson: (öffnet wieder laut hörbar! den Umschlag, nimmt den Brief heraus und liest)

Weibl. Stimme aus dem Off: Lieber Michael, das Baby und du – ihr habt die gleichen Augen. Ich kann nicht verstehen, dass du dein eigenes Fleisch und Blut verleugnen kannst.

Michael Jackson: (springt wieder auf und schreit) Nein! Ich bekomme schon Alpträume wegen dieser Frau! Wo ist sie? Und was wird sie tun, wenn sie womöglich hier auftaucht?!?

Wieder verharrt er einen Moment in dieser Haltung („freezing“, in der HÖrszene: kurze Pause!), bevor er sich erneut setzt. Nun kommt der Hausdiener ein drittes Mal, bringt ihm diesmal aber ein kleines Päckchen.

Hausdiener (freundlich): Mr. Jackson, heute habe ich sogar ein Päckchen für Sie!

Michael Jackson: (öffnet es mit deutlichen Packgeräuschen und nimmt erst mit Geräusch von Papierrascheln einen Brief, dann eine Pistole heraus, worauf er laut und entsetzt aufschreit): Mein Gott, eine Pistole! Ich fass es nicht!

(Dann entfaltet er deutlich hörbar den Brief und liest)

Weibl. Stimme aus dem Off: Lieber Michael, ich fordere dich auf, dich nächsten Freitag um diese Zeit mit dieser Waffe selbst zu töten. Ich werde zur selben Zeit das gleiche tun, nachdem ich unser Kind getötet habe. Wenn wir in diesem Leben nicht zusammen sein können, können wir es vielleicht in einem anderen.

Michael Jackson: (springt wieder auf und schreit) O, mein Gott!!! Was mache ich, wenn sie hier auftaucht?!?!“ (verharrt dann / „freezing“ / kurze Zeit der Stille)

Stimme 1: Sie tauchte niemals auf, sondern wurde in eine Anstalt eingewiesen. Michael Jackson aber hat über diese Stalkerin ein Lied geschrieben – eine spielerische Tanznummer, in der sich über all das lustig zu machen scheint.

Im Video jedenfalls leuchtet bei jedem Tanzschritt unter ihm magisch der Bürgersteig.

Billy Jean

7. Apokalyptische Züge: Earth Song (1995)

Sprechmotette

Stimme 1: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ (Paulus im Brief an die Römer 8,18+19)

Stimme 2: Ein neuer Song über die Welt trägt dunkle, apokalyptische Züge.

Michael Jackson singt ihn als Gebet, in dem er mit Gott hadert und ringt, weil der tatenlos zuzuschauen scheint, wie der Mensch die Welt zerstört.

„Was ist mit gestern?

Was ist mit den Meeren?

Die Himmel stürzen herab,

ich kann nicht einmal mehr atmen.

Was ist mit alledem?

Wann wirst du die Krankheit wegnehmen?“

Stimme 1: Ist das ein Sinnbild auch für Michael Jackson selbst Mitte der 90er Jahre?

Stimme 3: (laut herein rufend!) From bad to worse!

Stimme 4: (laut herain rufend!) Jackson is so evil!

Stimme 5: (laut herein rufend!) Jacko used me as sex toy!

Stimme 2: So schreibt die Boulevardpresse, als ihn das erste Verfahren wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch zu ruinieren droht. Und seine erste Frau Lisa Marie Presley reicht nach nur 19 Monaten Ehe die Scheidung ein.

Stimme 1: Sein Song erzählt unterdessen vom Seufzen der gequälten Kreatur und von der menschlichen Schuld daran. Er fragt nach dem Frieden, für den Gott seinen eingeborenen Sohn geopfert hat. So wird er zum musikalischen Zeugnis der um Erlösung ringenden Welt.

Ist die Botschaft bei uns angekommen?

Hat sie ihn selbst bewegt in jener Zeit?

Simme 2: Die treusten Fans hielten fest an ihm. Und das anklagende und zugleich wunderschöne Lied wurde zu einem Riesenhit:

Earth Song.

8. Die Kinder: Speechless (2001)

Sprecherpaar und Talkshow

Stimme 1: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Jesus Christus in Matthäus 18,3)

Stimme 2: Was ist dran an den Anklagen? War Michael Jackson ein homosexueller Kinderschänder? Oder war er einfach tief im Inneren selbst noch ein Kind? Und im Spiel mit Jordy Chandler und den anderen Jungen holte er nur die eigene, verlorene Kindheit nach?

Stimme 1: Ein Fernsehinterview mit der Talkmasterin Diane Sawyer, die Michael Jackson und seiner Frau Lisa Marie Presley im Juni 1995 Fragen stellt.

Szene (Theater- oder Hörspiel im Fernsehstudio)

Diane Sawyer: Mr. Jackson, warum haben Sie den finanziellen Forderungen von Jordy Chandlers Vater nachgegeben? Ist das nicht das Eingeständnis Ihrer Schuld?

Michael Jackson: Ich fragte meine Anwälte, ob sie mir garantieren können, dass die Gerechtigkeit siegen würde. Und sie sagten: nein. Ich war total empört. Ich wusste, dass ich etwas unternehmen musste, einfach um den Alptraum loszuwerden. Nie im Leben könnte ich einem Kind Schaden zufügen. Aber ich hole sie ja auch gar nicht in mein Zimmer, wenn sie im Haus sind. Sie kommen von ganz allein zu mir.

Diane Sawyer: Wie sehen Sie das als seine Frau, Mrs. Presley?

Lisa Marie Presley: Ja, das stimmt. Sie rennen ihm überall hin nach. Sie lassen ihn nicht aus den Augen. Sie lassen ihn nicht einmal allein ins Badezimmer gehen. Wenn Michael ins Bett kommt, stehe ich auf, denn sie springen ihm alle nach ins Bett.

Diane Sawyer: Würden Sie denn ihren eigenen Sohn auf diese Art mit einem erwachsenen Mann verkehren lassen, wie es Michael Jackson mit seinen jungen Freunden tut?

Lisa Marie Presley: Nie und nimmer! Aber ich kenne Michael. Ich weiß, dass bei ihm nicht der verwerflichste Gedanke dahinter steht.

Stimme 1: Michael Jackson ist nie verurteilt wurden. Aber statt keinen Anlass mehr zu Verdächtigungen zu geben, hat er immer wieder Kinder zu sich nach Hause eingeladen. War er doch schuldig? Oder war er einfach grenzenlos naiv – wie eben ein Kind naiv sein kann?

Stimme 2: Von seiner zweiten Frau Debbie Rowe wurden ihm endlich eigene Kinder geboren. Leibliche Kinder? Oder doch von einem Leihvater erkauft? Bild einer heilen Familie, die es nie gegeben hat?

Nach einer Wasserballonschlacht mit seinen Kindern schrieb er jedenfalls in nur einer ¾ Stunde einen seiner schönsten Songs – den einzigen übrigens, den er von Anfang bis Ende ganz allein produzierte:

„Wenn ich bei dir bin, fehlen mir die Worte,

ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Mein Kopf dreht sich wie ein Karussell,

und ich bete still.

Hilflos und hoffnungslos – das ist, wie ich mich innerlich fühle.

Nichts ist wirklich, aber alles ist möglich,

wenn Gott an meiner Seite ist.“

Speechless

9. Hautfarbe: Black or White (1991)

Sprecherpaar

Simme 1: (pathetisch wie Martin Luther King in seiner berühmten Rede!)

I have a dream, that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. I have a dream today.

(Martin Luther King, Rede am Lincoln Memorial in Washingten, 1963)

Stimme 2: Ein Jahrzehnt nach Martin Luther Kings großem Traum wurden die Jacksons von vielen Schwarzen als Vorbild bewundert. Sie hatten es Schwarze geschafft, erfolgreicher zu sein als die blütenweißen Osmonds, eine andere Boygroup ihrer Zeit.

Stimme 1: Noch einmal knapp zwei Jahrzehnte später landet eine Vorabkopie von Bruder Jermaine Jacksons Lied „Word to the Badd“ – Wort an den Bösen – bei einem Radiosender und wird dort gespielt:

„Einst wurdest du geschaffen.

Du hast dein Äußeres verändert.

War deine Hautfarbe falsch?

Das kannst du nicht mehr zurück drehen,

es ist eine bekannte Tatsache:

Du bist zu weit gegangen.“

Stimme 2: Waren es Bleichungsmittel?

War es die Hautkrankheit Vitiligo?

War es Teil der immer merkwürdigeren Selbstinszenierung als Kunstfigur, dass Michael Jacksons Nase immer spitzer und seine Haut immer heller wurde?

Stimme 1: Jane Fonda war sich sicher, es gab nur einen, ganz anderen Grund: Michael Jackson wollte nicht aussehen wie sein Vater Joseph, der so egoistisch und willkürlich über seine Familie herrschte.

„Big Nose!“ hänselten ihn einst ja sogar die Brüder.

Er musste raus aus dieser Vergangenheit und die Familie abstreifen – und mit ihr die Rolle als schwarzer Soul-Motown-Sänger.

Stimme 2: „Liebe dich so, wie du bist, und für den, der du bist“, ermutigte ihn Jane Fonda.

Den begonnen Weg hat sie nicht aufhalten können. Aber ein großartiger Song nimmt das Thema auf. Darin erhebt Michael Jackson den Vorwurf, dass es noch immer nicht gleich ist, welche Hautfarbe jemand hat. Und er fordert:

„Aber wenn du darüber nachdenkst, mein Bruder zu sein,

dann sielt keine Rolle, ob du schwarz bist oder weiß.“

Black or White

10. Zunehmende Verlorenheit: Stranger in Moscow (1996)

Einzelstimme

Wen hat er am Ende gesehen, wenn er den Mann im Spiegel sah?

Den King of Pop, das bahnbrechende, manchmal missverstandene Genie, dessen Karriere fast ein ganzes Menschenalter umspannte? Oder einen einsamen und tief unglücklichen Menschen, der sich alles kaufen konnte – außer Liebe und Geborgenheit?

„Wie fühlt es sich an, wenn du allein und innerlich kalt bist?“, fragt Michael Jackson in einer traurig schönen Ballade. Sie ist d a s Lied, in dem er sich selbst beschreibt, wie er durch das verregnete Moskau geht, wo ihm im Schatten des Kreml der russische Geheimdienst KGB nachstellt.

In Metaphern des längst vergangenen kalten Krieges besingt er seine persönliche Verlorenheit. Weil er sich selbst so sieht und fühlt: Nicht als der große King of Pop, sondern als Opfer eines kalten Krieges gegen sich – lächerlich klein gemacht und für nicht zurechnungsfähig erklärt.

Sah er selbst noch eine Chance für einen Neuanfang?

Wieder war es ein Kind, das für ein kleines Zeichen von Hoffnung steht:

„Dann rief ein Bettlerjunge meinen Namen:

Glückliche Tage werden den Schmerz ertränken.“

Stranger in Moscow

11. Schlussgebet: Will you be there? (1993)

Sprecherpaar

Sänger/in: (singt die John-Lennon-Verse) Nobody loves you when you’re down and out. Everybody loves you when you’re six foot in the ground.

(spricht) Niemand liebt dich, wenn du ganz unten und draußen bist.

Jeder liebt dich, wenn du sechs Fuß tief im Boden liegst. John Lennon. (Album Anthology, 1998, mit vorher unveröffentlichten Aufnahmen aus den Jahren 1969-1980)

Stimme 1: Idole verlieren ihre Kraft, wenn der Glaube an sie verloren geht.

So schnell wie Fans ihre Stars in den Himmel heben, lassen sie sie oft wieder zur Erde fallen. Und die „Hosianna“-Rufe schlagen um in das „Kreuzige ihn“! Egal ob das einer anmaßend findet oder nicht – in der Passionsgeschichte Jesu Christi findet sich das Grundmotiv auch für den Weg des King of Pop. So ist es am Ende Jesus Christus selber, der uns fragt:

Habt ihr die Botschaft verstanden?

Habt ihr aus alledem gelernt, um es in Zukunft anders zu machen?

Stimme 2: „Jedermann ergreift Kontrolle über mich.

Es scheint, dass die Welt eine Rolle für mich vorgesehen hat.

Wirst du mir zeigen, dass du für mich da sein wirst,

und dich genug darum kümmern mich zu tragen?“

Stimme 2: Vor dem Hintergrund von Leid und Schuld, von einem neuerlichen Prozess und dem verlorenen Kampf um ein alles vollendendes Comeback wird ein Lied zum Sinnbild der letzten Jahre, das Michael Jackson schon in den 90ern geschrieben hatte.

Auch dieses Lied ist wieder ein inniges Gebet angesichts der eigenen Angst, Verzweiflung und Vergänglichkeit – mit der Bitte um Liebe, zärtliche Geborgenheit und Heilung. Aber das schon mit deutlichen Anklängen einer Vorbereitung auf den eigenen Tod, auf Erlösung und Ewigkeit:

Stimme 1: „Halt mich wie der Jordanfluss,

und dann werde ich zu dir sagen:

Du bist mein Freund.

Trage mich, als wenn du mein Bruder bist.

Liebe mich wie eine Mutter.

Wirst du da sein?

Heb mich auf, zieh mich herauf.

Heb mich auf, ja, ich möchte dein Land sehen!“

Will you be there?

Zugabe: We are the world (1985)