Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Ausstellung “Leben im Verborgenen…”

Karl-Helmut Barharn (ev.-luth.)

25.10.2009 in St. Johannis - Göttingen

Ich habe jemand kennen gelernt, der seinen Tag so beginnt: Er sagt im Gebet:
“O JESUS CHRISTUS, Dein heiliger Engel sei mit mir und halte mich Dir hin - .”
Ich finde, das ist ein guter Einstieg in einen neuen Tag. Und: ich halte diese Bitte auch für sehr geeignet, wenn eine Predigt nicht ins Leere gehen soll! Bei dem nicht, der sie hält; aber auch bei denen nicht, die sie hören.
Das kann uns also von Anfang an verbinden, dass wir denken und beten:
“O JESUS CHRISTUS, Dein heiliger Engel sei mit uns und halte uns Dir hin”.

Wir haben eine einzigartige Möglichkeit, in der Richtung zu Erfahrungen zu kommen:
das Hinhören auf die Überlieferung, die in der Bibel gebündelt worden ist.
Wer sich damit befasst, kann  -  immer wieder  -  Schnittpunkte finden, - zwischen dem, was von CHRISTUS überliefert ist und dem, was heute passiert.

Ich bin auf ein Beispiel gestoßen, das Sie vielleicht überraschen wird.
Der Satz, über den ich immer wieder nachdenken musste,  -  ich habe vor diesem Gottesdienst auch mit verschiedensten Leuten darüber gesprochen  -  dieser Satz steht in dem Teil des Johannesevangeliums, in dem die Verhaftung Jesu, der Prozess und seine Tötung berichtet wird. Bei der Anklage vor Pontius Pilatus sagen die, die zu Gegnern JESU geworden waren:
“Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben…” (Kp. 19,7 )

Was ist da “gelaufen”, dass das zu einem entscheidenden Argument werden konnte?

JESUS ist in ein Volk hineingeboren, wo man seit Jahrhunderten versucht hat, das Leben durch Vorschriften zu schützen. Über 600 Vorschriften waren es im Verlauf der Zeit geworden.
Aber einige dieser Vorschriften waren besonders hoch angesiedelt: die, in denen es um die Unantastbarkeit Gottes ging. Denn: der ist unantastbar und heilig!

Und da gab es dann auch Leute, die fanden, sie müssen darauf aufpassen, dass diese Vorschriften eingehalten werden.
Dieses Aufpassen konnte aber auch zu Engstirnigkeit führen.
( Die Engstirnigkeit konnte Formen annehmen wie bei den “Revolutionswächtern” im Iran. )

Es gab  - schon ehe JESUS auftrat  -  Menschen, die unter dieser Engstirnigkeit zu leiden hatten.
Als JESUS kam, wurde daraus ein scharfer Konflikt:
JESUS wirkte zunächst einmal sehr freundlich und gütig. ER sah Menschen, die sonst keiner mehr sah. Die, die von der Gesellschaft ausgegrenzt waren, konnten es kaum glauben: “Was, der sieht uns?”     

Aber, - dabei ging JESUS soweit, dass ER auch denen einen vollen Platz in der Mitte des Lebens zusprach, die sich an den geheiligten Ordnungen seines Volkes vergangen hatten.
Die “Wächter“ über diese Ordnungen fanden: Wenn ER das anfängt, ist ER nicht nur ein “Gutmensch“, über den wir milde lächeln können, sondern dann fängt ER an, die heiligen Ordnungen zu stören!
Und wenn ER dann auch noch behauptet, ER tue das “im Namen Gottes“, - dann ist das absolut anmaßend!
Die “Wächter” kamen schnell zu einem Urteil. Sie waren sich ihrer Sache sehr sicher!

Wir wissen: Sie waren engstirnig geworden.
Sie waren blind dafür geworden, dass der GOTT, dem sie mit all den Ordnungen dienen wollten, “größer ist als unser Herz”!
Sie konnten nicht mehr denken, dass GOTT eine neue Aktion startet. Eine Aktion, mit der ER die Vorläufigkeit und Unvollkommenheit der menschlichen Vorschriften und Gesetze deutlich machte - .
Was CHRISTUS tat, sollte zeigen:
Vorschriften, die gut gedacht waren, sind zu Instrumenten der Härte geworden.
Aus Vorschriften, die das Leben schützen sollten, sind Instrumente der Unmenschlichkeit geworden. Die Opfer, die es dadurch gibt, - GOTT will sie nicht allein lassen!

Wir wissen: Die “Wächter” der Ordnungen waren nicht lernfähig.
Wir wissen, sie konnten erreichen, dass CHRISTUS getötet wurde.
Aber: sie konnten nicht verhindern, dass die Liebe GOTTES den Tod überwand!


Ich habe Ihnen am Anfang versprochen, es gibt Schnittpunkte.
Schnittpunkte zwischen dem, was von CHRISTUS überliefert ist und dem, was heute passiert.
Einen “Punkt” aus der Überlieferung habe ich aufgegriffen. Ahnen Sie schon, wo ich da “Schnittpunkte” sehe?

Wir haben - im hinteren Teil der Kirche - eine Ausstellung.
Auf 5 “Säulen” ist dargestellt, wie es Menschen ohne Pass und Papiere in Deutschland geht. Ob Sie schon einen Eindruck davon gewinnen konnten?
Es sind ja sogar originale Stimmen zu hören, die vermitteln:
- wie groß die Angst ist, entdeckt und abgeschoben zu werden,
- unter welchen Druck sie geraten können, wenn Menschen ihnen übel wollen, ihnen den Lohn vorenthalten oder ihnen Wuchermieten abverlangen
- oder: wie verzweiflungsvoll es aussieht, wenn sie “eigentlich” einen Arzt brauchen!

Da muss doch gefragt werden: Warum ist das so?

Meine Antwort: Weil es in unserm Land Verordnungen und Gesetze gibt, die Menschen ohne Pass und Papiere in solche Lage bringen!

Wieder frage ich: Was ist da eigentlich “gelaufen”, dass es zu solchen Gesetzen und Verordnungen gekommen ist?

Ich verkenne nicht: Die Politiker in unserm Land sahen Probleme vor sich:
Aus aller Welt drängten Flüchtlinge nach Deutschland, weil in unserm “Grundgesetz” stand: Hier kann jeder Asyl beantragen!
Noch mehr und noch mehr taten das. Da verdichtete sich die Meinung: das kann unser Land nicht verkraften. Wir müssen die Sache anders regeln. Wir müssen unser Land schützen!
Vom (unseligen) “Asylkompromiss” im Jahr 1993 an sind daraus Gesetze geworden und immer neue Zusatzbestimmungen.
Diese Gesetze - ich sage es noch einmal - sollten das Leben in diesem Land und die Funktionsfähigkeit unserer Sozialsysteme schützen.

Asyl gewähren oder Zurückschieben?  -  die meisten Bestimmungen dazu sind inzwischen für ganz Europa beschlossene Sache.  Und in Ergänzung dazu gibt es mit vielen “Herkunftsländern” von Flüchtlingen “Rückabnahme - abkommen”.
Man muss schon Spezialist sein, um all diese Regelungen zu kennen.

Ich wiederhole noch einmal: das Motiv war verständlich:
die Politiker wollten ihre Länder vor einer “Überflutung” “von allen möglichen” Flüchtlingen schützen.

Aber,  -  es gibt nun  -   leider!  - viele Beweise, dass sie  -  vor lauter Eifer  -  “engstirnig” geworden sind! Ganz ähnlich, wie die “Wächter” der religiösen Ordnungen und Gesetze im Volk JESU!
Die Politiker, die die Verordnungen und Gesetze für  -  oder besser: gegen! - die Flüchtlinge beschlossen haben, meinen, etwas Gutes getan zu haben.
Aber: - sie verkennen, wie Menschen durch diese Gesetze sterben!!

Es geht nicht ohne einige Beispiele, wenn ich so einen harten Vorwurf ausspreche!
Drei Beispiel sollen es sein. Sie werden von andern vorgetragen.

Beispiel I :  Dublin II und die Folgen:


Beispiel II:  Abschiebung “nach Gesetzeslage”


Beispiel III.  Die Härtefall-Kommission in Niedersachen - eine Enttäuschung


Beispiel I: Dublin II und die Folgen:

“Dublin II” ist das Kürzel für eine europäische Verordnung, die im Jahr 2003 in Dublin beschlossen wurde.
Sie legt fest, dass jeder Flüchtling nur einmal in Europa einen Asylantrag stellen darf. Und zwar in dem Land, wo er zuerst europäischen Boden “betreten” hat.
Hat der Flüchtling es irgendwie geschafft, in ein weiteres europäisches Land zu reisen, und versucht, dort einen Asylantrag zu stellen ( weil er dort gern bleiben möchte ) muss er in das Land zurückgeschoben werden, das er zuerst erreichte.

Man sieht nicht leicht, was das Problem dabei sein kann.

Aber: Seit einem Jahr ist bekannt:
einen Flüchtling  ( gemäß dieser Dublin-Verordnung ) nach Griechenland zurückzuschicken, ist unverantwortlich!
Die schaffen es dort nicht, ein reguläres Asylverfahren zu garantieren!
Die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern sind katastrophal!

Im September hat das Bundesverfassungsgericht deswegen zum ersten Mal für einen Flüchtling aus dem Irak die Rückschiebung nach Griechenland gestoppt!

Das soll doch wohl etwas sagen?
Aber: bis jetzt macht das entsprechende “Bundesamt” noch weiter und lässt Rückschiebungen nach Griechenland ( gemäß Dublin II ! ) vorbereiten.

Daran gehen Menschen zugrunde!
Oder: Sie tauchen eben unter, in die Illegalität  -  !


Beispiel II. Abschiebung “nach Gesetzeslage”

Im August ist eine junge Frau, Abta Houran, von Niedersachsen aus nach Syrien abgeschoben worden.

Ihre Geschichte: Als 16-Jährige kam sie  -  illegal  - nach Deutschland.
Von Hause aus gehört sie zur Religionsgemeinschaft der Yeziden, - in Syrien eine verfolgte Minderheit. Ihr eigner Asylantrag wurde abgelehnt.

Sie fand einen yezidischen Mann, der eine Aufenthaltsberechtigung und Arbeit hat. Sie erwartet ein Kind; sie ist im 4. Monat schwanger.

Ihr Pech: Bisher waren sie und ihr Mann nur nach religiösem Ritus verheiratet; für die standesamtliche Eheschließung nach deutschem Recht fehlten noch Papiere.

Und warum die Abschiebung?

Das Gesetz verlangt, dass rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber abgeschoben werden.
Nach Abschluss des Rückabnahme-Abkommen mit Syrien war das auch in diesem Fall “möglich”.
Bei der Entscheidung der Ausländerbehörde im Kreis Ammerland spielte keine Rolle, dass Frau Houran in wenigen Monaten, mit der Geburt ihres Kindes, ein Aufenthaltsrecht zugestanden hätte!

Was halten Sie von der Auskunft, die die UnterstützerInnen dieser Familie im Innenministerium in Hannover bekamen:
“Frau Houran könne nach Ablauf der Wiedereinreisesperre und Erstattung der Abschiebungskosten in etwa drei Jahren regulär zu ihrem Mann nach Deutschland einreisen.” ?

Oder was halten Sie von der Äußerung eines Referatsleiters im niedersächsischen Innenministerium, der sagte:
“Die deutschen Behörden seien am Wohlergehen von Abta Houran”
 - wohlgemerkt:  in Syrien! -  “sehr interessiert”?


Beispiel III:  Die Härtefall-Kommission in Niedersachsen  -  eine Enttäuschung

Es sah aus wie ein Lichtblick, als die Konferenz der Innenminister die Einrichtung von “Härtefall - Kommissionen” freigab  -  um bei besonderen Flüchtlingsschicksalen noch humanitäre Gesichtspunkte einzubringen.

Merkwürdigerweise haben die einzelnen Bundesländer das sehr verschieden aufgenommen.

Niedersachsen hat erst nach monatelangem Zögern eine Härtefall - Kommission eingerichtet.  Aber,  -  die Geschäfts- und Verfahrensordnung, die in Niedersachsen dafür herausgekommen ist, gibt der Kommission nur minimale Möglichkeiten!

Die Geschäftsordnung besteht fast nur aus Einschränkungen:
 - wie ein Fall überhaupt zu einer Vorlage werden kann,
 - wie viele Ausschlussgründe es gibt,
 - wie die Abstimmungsverhältnisse sein müssen
und: nach allem behält sich Herr Schünemann immer noch die Entscheidung vor, ob er einer Empfehlung der Kommission folgt.

Im Februar gab es deswegen offenen Streit zwischen den Kommissionsmitgliedern der Kirchen und Wohlfahrtsverbände und dem Innenminister.

In Zahlen: In 2 Jahren wurde nur über 31 Fälle entschieden; in 18 Fällen wurde das Innenministerium gebeten, dem Flüchtling ein Bleiberecht zu geben, um eine humane Härte zu vermeiden. 25 % dieser eingereichten Fälle hat Herr Schünemann dennoch abgelehnt.

In andern Bundesländern sehen die Möglichkeiten der Härtefall - Kommission und die Bilanz der Entscheidungen dort viel besser aus!

Niedersachsens Härtefall - Kommission   -  eine absolute Härte!


Ich mute Ihnen zu, lange zuzuhören.
Aber vielleicht verstehen Sie, was mich umtreibt:

Ich meine, in unserm Land und in Europa hat sich eine Stimmung entwickelt, die  -  letzten Endes  -  in Kauf nimmt, dass Menschen  -  durch unsere Gesetze  - sterben!

Wie gut, wenn welche dagegen aufstehen!
Es gibt die “Nicht-Regierungs-Organisationen”, die sich wirklich kundig gemacht haben, was für Schattenseiten die Gesetze für Flüchtlinge und Asylsuchende haben!
Und die dagegen protestieren!

Es gibt Organisationen, die sich einsetzen für die Betroffenen, die zum Beispiel etwas dafür tun, dass auch Menschen ohne Pass und Papiere medizinisch geholfen wird!

Es gibt Filmemacher und Journalisten, die auf die unmenschlichen Vorgehensweisen hinweisen!

Wer die Überlieferung kennt, von dem, wie GOTT in Aktion gegangen ist, um Engstirnigkeit und unmenschliche Härte aufzubrechen und um Opfer aufzurichten, der muss allemal bei dem Protest dabei sein, wenn er sieht, wo Gesetze dazu führen, dass Menschen sterben!

Der muss auch seiner Kirche Druck machen, wenn sie sich nicht deutlich zum Anwalt der Entwurzelten macht.

GOTT gebe, dass in unsern Kirchen Mut und Einsatzbereitschaft dafür wachsen!

Ich glaube, dass CHRISTUS dazu noch immer anstiften will!

Amen