Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt angelehnt an eine Nachdichtung von Psalm 100 sowie das im Gottesdienst vorgetragene Gedicht “Wäre ich Gott” von Astrid Lindgren

Pfarrerin Sarah Süselbeck (ev)

07.06.2015 in der Salvatorkirche in Duisburg

zur Ausstellungseröffnung “Konsumwandel”

Der Mensch hat die Herrschaft über die Erde übernommen. Was anfänglich ein Segen schien, ist für die Erde und das Leben auf ihr längst zum Fluch geworden.

Pessimisten meinen, der selbstgewirkte Untergang der Erde sei nicht mehr aufzuhalten.

Optimisten sagen: wir können das schaffen, aber wir brauchen eine ernsthafte Umkehr. Und zwar jetzt sofort.

So geht es nicht weiter.

Elfenbeinküste, Afrika.

Ein zwölfjähriger Junge sitzt auf einer Bank und weint. Er ist völlig aufgelöst, verzweifelt schaut er um sich, sucht jemanden, ein bekanntes Gesicht, er weint und weint, jemand fragt ihn wie er heiße, unter den Tränen ist der Junge kaum zu verstehen.

Er wurde von Kinderhändlern aus Mali verkauft, um auf den Kakaoplantagen im Süden der Elfenbeinküste zu arbeiten.

 

Viel zu oft ist auch die erste Geschichte in unserer Bibel, der sogenannte erste Schöpfungsbericht missbraucht worden, um die Unterdrückung und Ausbeutung dieser Erde zu rechtfertigen.

Da steht doch: macht euch die Erde Untertan, nehmt sie in Besitz!

Ja, das steht da. Eigentlich steht da folgendes: setzt euren Fuß auf die Erde.

Das hebräische Wort kabasch steht dort. Wie ein König auf antiken Bildern und Reliefs, der dort steht und seinen Fuß auf den besiegten Feind stellt.

Unterwerfung, Machtdemonstration. Das können wir nicht umdeuten.

Aber die alten Könige werden in gleicher Pose dargestellt, mit dem Fuß auf einem Raubtier, das so gebändigt wird. Er bändigt das wilde Chaos und fördert so das ihm anvertraute Leben.

Dazu kommt eine weitere Bedeutung: im Alten Testament nimmt man ein Grundstück in Besitz, indem man es betritt, also seinen Fuß darauf setzt.

Aber wir sollen nicht irgendein Haus betreten, in Besitz nehmen, sondern diese Erde. Und diese Erde ist etwas Besonderes.

Die Schöpfungsgeschichte weiß darum und erzählt davon.

Am Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen. Und Gott sprach: es werde Licht! Hier geht es nicht um die naturwissenschaftlichen Fragen  der Weltentstehung, sondern um den Beginn einer Beziehung; der Beziehung Gottes zur Welt:

zu Himmel und Erde. Es geht um den Anfang der Zuwendung Gottes zu seiner Erde und zu allem Lebendigen auf ihr.

Vom ersten Tag an, noch bevor es irgendetwas anderes gab, hat sich Gott seiner Schöpfung zugewandt.

Diese Zuwendung kommt in dem kurzen Gotteswort zum Ausdruck:

Es werde Licht! Und dieses Wort Licht meint nicht Sonne, Mond und Sterne, sondern es handelt sich um Licht als Leben und Heil, im Gegensatz zu Finsternis als Unheil und Tod.

Es geht hier um das Licht Gottes, das auf die Erde strahlt. Gott selber strahlt diese Erde an, fördert auf ihr Leben, wärmend und erleuchtend.

All diese Aspekte schwingen mit. Die Menschen werden von Gott ermächtigt, das Haus zu betreten, es in Besitz zu nehmen und es als Verwalter zu schützen und zu verteidigen und zwar zum Wohle ALLER Lebewesen, hier leuchtet Gottes Licht und Leben soll möglich sein!

Die Schöpfungsgeschichte erzählt uns, wie die Welt eigentlich ist.

Sie ist das IDEAL, so hat Gott die Welt gemacht und so sollen wir sie sehen, in ihrer ganzen Herrlichkeit und Schönheit und so soll der Mensch sich sehen:

als Geschöpft und als Verwalter dieser Schönheit.

Schönheit.

Schulter an Schulter, wie angeschmiegt liegen sie nebeneinander.

Bilder aus einem Ferienlager könnte man meinen. Alle schlafen, haben die Augen geschlossen, Kinder im Alter von 4-12 Jahren, sie liegen da, sehen friedlich schlafend, träumend aus.

Die Kamera zieht auf, hinter den rund 20 Kindern folgt die nächste Reihe, wieder Kinder, danach noch eine Reihe, noch mehr Kinder. Und sie schlafen nicht. Sie sind tot.

 

Beim flüchtigen Einsatz von Giftgas werden sehr kleine Tröpfchen verwendet, die größtenteils augenblicklich verdampfen, so dass sehr schnell eine hohe Konzentration des Kampfstoffes wirksam werden kann.

Die Belegungsdichte wird so gewählt, dass ein Atemzug in den meisten Fällen tödliche Mengen des Kampfstoffes enthält.

Rund 1400 Menschen starben bei einem Giftgasangriff in Syrien Ende August 2013. Wer die tödlichen Bomben warf, ist völlig egal, denn es ändert nichts an den Folgen:

Die Menschen sind nicht friedlich gestorben, sondern elendig verreckt.

Giftgas verursacht nicht nur Kopfschmerzen, Atembeschwerden, sondern es führt zu Bewusstlosigkeit, Atemstillstand, Lähmungen und schließlich zum Tod.

Der Körper kollabiert, weil die Nerven überlastet sind.

Ein Mann hält den schlaffen Körper seines kleinen Sohnes in die Kamera, dessen Kopf, Arme und Beine schlackern wild umher, als er der Vater zu brüllen beginnt: „Seht euch das an! Seht es euch an! Warum hilft uns denn niemand?!“

Der verzweifelt weinende Junge aus der Elfenbeinküste, der als Sklave verkauft wurde, der schreiende Vater in Syrien

5 Der HERR sah, dass die Menschen auf der Erde völlig verdorben waren. Alles, was aus ihrem  Herzen kam, ihr ganzes Denken und Planen, war durch und durch böse.

6Das tat ihm weh, und er bereute, dass er sie erschaffen hatte.

7Er sagte: »Ich will die Menschen wieder von der Erde ausrotten – und nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere auf der Erde, von den größten bis zu den kleinsten, und auch die Vögel in der Luft. Es wäre besser gewesen, wenn ich sie gar nicht erst erschaffen hätte.«

Zwischen Schöpfung und Syrien liegen, zwischen Paradies und Elfenbeinküste liegen keine tausende von Jahren, dazwischen liegen 5 Kapitel, nach denen Gott bereut, was er geschaffen hat.

Er kann es nicht mehr hören, das Kriegsgeschrei, die Opfer, die Folterer.

Wäre ich Gott, dann würde ich weinen, Ströme, Ströme würde ich weinen, damit sie ertrinken könnten in den Fluten meiner Tränen, alle meine armen Menschen und endlich wäre Ruhe. (A. Lindgren, Sündenbekenntnis aus dem Eingangsteil)

Ich habe auf den roten Knopf der Fernbedienung gedrückt. Ruhe.

Liebe Gemeinde,

ich schreibe noch nicht so lange Predigten, aber keine Vorbereitung hat mich jemals so viele Tränen gekostet und mich um meinen Schlaf gebracht.

Und die Bilder wollen nicht verschwinden.

Als ich diese Berichte sah, hatte ich das Gefühl, dass wir selten so weit vom Paradies entfernt waren wie heute.

Und ein fürchterliches Gefühl hat in mir Raum ergriffen:

Wut und Ohnmacht. Wütend war ich erst einmal auf mich selbst: man, der Giftgasangriff ist schon so lange her und erst jetzt berührt dich das?

Von dem Leben der Kinder im Grenzgebiet zur Elfenbeinküste wusste ich nichts.

Interessiert das denn niemanden?! Das ist doch zum Verzweifeln! Zum Ausrasten!

„Ich schließe meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen

Ich gebe euch die feste Zusage: Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten. Die Flut soll nicht noch einmal über die Erde hereinbrechen.“

Die Sintflutgeschichte ist keine Angstmachgeschichte. Im Gegenteil.

Sie sagt: die Erde wird Gott nicht noch einmal vernichten wollen.

Gott wird die Erde nicht noch einmal vernichten wollen. Gott nicht.

Denn auch hier gilt es wieder vorsichtig zu lesen. Gott sagt nach der Sintflut:

„Ich will die Erde nicht noch einmal bestrafen, nur weil die Menschen so schlecht sind! Alles, was aus ihrem Herzen kommt, ihr ganzes Denken und Planen, ist nun einmal böse von Jugend auf. Ich will nicht mehr alles Leben auf der Erde vernichten, wie ich es getan habe.“

Gott verfällt nicht der Illusion, dass der Mensch sich geändert haben könnte nach dieser Bestrafung. Denn das war die Sintflut: Gott war zornig auf den Menschen, so unsagbar wütend, dass er seine ganze Wut am Menschen ausgelassen hat, diesem undankbaren Geschöpf.

Nein, der Mensch hat sich nicht verändert durch die Sintflut. Aber Gott hat sich verändert: er hat seinen Zorn abgelegt für alle Zeiten.

Von ihm droht uns keine Gefahr mehr.

Die Schöpfungsgeschichte wurde nicht durch das Wasser der Sintflut ausgelöscht, hinweggeschwemmt.

Die Schöpfungsgeschichte gilt. Es ist immer noch Gottes Glanz, der diese Erde anstrahlt und noch immer haben wir den Auftrag sie zu einem Lebenshaus für alle zu machen.

Das bleibt weiterhin unsere Aufgabe.

Verantwortung zu übernehmen, sich berühren zu lassen vom Schicksal anderer, das ist hart, es ist schwierig und man riskiert seinen Seelenfrieden.

Und wie viel schwieriger ist es zu handeln? Eine eigene Meinung zu haben, was zu tun ist.

Ja, Syrien ist ganz weit weg, die Elfenbeinküste noch weiter.

Aber so zu tun als habe mein Leben hier mit den Menschen wo anders auf der Welt nichts zu tun, das ist ebenso bequem wir dumm.

Gott hat diese Welt geschaffen: als Einheit!

EINE Erde! EINE Menschheit. EIN Auftrag: macht die Erde zu einem Lebenshaus für ALLE:

Keine Wohnbedingungen erster zweiter dritter und unterster Klasse. Nicht für die einen so, für die anderen so.

Mein Leben hier in Duisburg berührt Menschen in der ganzen Welt. So wie ich lebe, hat Auswirkungen weit über direkte Freunde und Familie hinaus.

Der kleine Junge in Afrika wird verkauft, um auf Kakaoplantagen zu arbeiten, damit Milka, Nestle und Co ihre Schokolade billig an den Mann und die Frau bringen können.

Statistisch gesehen verspeist jeder Deutsche in seinem Leben 1094 Tiere. 1094. Die wollen alle gefüttert werden. Wo soll das Fitter herkommen? Wenn man hier und da etwas Regenwald abholzt, dann ist wieder genug Anbaufläche für Soja da.

Und in Zukunft werden noch mehr Kriege geführt werden, noch fieser und hinterhältiger, denn Land und Wasser sind die Schätze der Zukunft.

Noch mehr Menschen werden fliehen, der Flüchtlingsstrom wird nicht versiegen.

Was wollen wir tun? Mit dem Fuß treten oder unseren Fuß darauf setzen und Verantwortung übernehmen?

Das ist so unendlich anstrengend, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Keiner lebt auf einer Insel. Unsere Leben berühren sich, hier und überall.

Gott nimmt uns in die Pflicht: übernehmt Verantwortung! Für eure Nächsten und die nächste Generation.

Das ist keine einfache Aufgabe. Und wir können von Duisburg aus nicht die Welt retten. Aber die Frage an jede und jeden Einzelnen bleibt:

Wie gestaltest du dein Leben?

Als Pessimist oder Optimistin?

Nach mir die Sintflut ist immer eine Option.

Aber: in die Wolken hat Gott seinen Bogen gesetzt.

Die Hoffnung auf das Paradies bleibt.

Amen.