Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Eröffnung der Kreissynode Duisburg

Pfarrer Dirk Sawatzki (ev)

09.11.2012 in der Jesus-Christus-Kirche Buchholz

זכור - Gedenke! Synodalgottesdienst am 9. November 2012

Foto: privat

Liebe Synodalgemeinde,

die reine Fixierung auf den Nationalsozialismus muss endlich raus! 1 - Wir kennen die Rufe nach einem Ende des Erinnerns an die Verbrechen der Nazi-Zeit. In der Regel kommen sie aus einer bestimmten politischen Ecke und gehen im Gleichschritt mit altem oder neuem Antisemitismus. Dass dieser Satz aber ausgerechnet von Edna Brocke stammt, der langjährigen Leiterin der Alten Synagoge Essen, überrascht.

Jedes Jahr haben wir mit unserer Konfi-Gruppe die kleine Ausstellung in dem prächtigen Gebäude besucht: über jüdisches Leben im Nationalsozialismus, Verfolgung, Flucht, Pogromnacht und Tod.

Sollte das jetzt alles raus? Das wollte Edna Brocke natürlich nicht. Es sollte seinen angemessenen Raum haben inmitten einer umfassenden Ausstellung. Aber die Fixierung auf den Nationalsozialismus sollte aufgehoben werden. Wir brauchen eine andere Form des Gedenkens.

Geboren 1943 in Jerusalem steht Edna Brocke für die Generation nach der Shoa. Unter unseren jüdischen Geschwistern in Deutschland beginnt ein anderer Umgang mit der Geschichte. Und auch junge Menschen in Israel gehen anders mit dem Gedenken an die Shoa um. Unumstritten ist das nicht.

Zur Generation der Enkel gehört die israelische Filmemacherin Tali Shemesh, die aus den Erzählungen und den Albträumen ihrer Großmutter weiß, wie es in den Konzentrationslagern zuging. Sie hat dieser Generation der Überlebenden mit einem vielbeachteten Film ein Denkmal gesetzt: sehr liebevoll, aber gleichermaßen durchaus humorvoll.2 Die Erinnerung soll bleiben. Aber mit dem traditionellen Gedenken hat sie ihre Probleme, sagt Tali Shemesh. Am Yom HaShoa, dem israelischen Holocaust- Gedenktag, der im April begangen wird, bleibt sie lieber zu Hause.

In diesem Jahr fand im Vorfeld dieses Tages in den israelischen Medien eine heftig geführte Diskussion zwischen den Generationen statt über die Frage, ob man am Yom HaShoah das Champions League Halbfinale Real Madrid gegen Bayern München im Fernsehen übertragen und vielleicht sogar laut jubelnd gucken darf. Oder ob man dadurch das Andenken der Ermordeten beschmutzt.3

Und mit Berlin verbinden junge Leute in Israel nicht mehr in erster Linie die alte Hauptstadt des Dritten Reichs. Berlin, das ist die angesagte Stadt in Israel. Das ist das Traumziel der Jugend: eine Reise nach Berlin! Vielleicht werden einige junge Menschen dabei die familiären Wurzeln ihrer Großeltern suchen. Natürlich werden sie ins jüdische Museum gehen und zum eindrucksvollen Mahnmal am Brandenburger Tor. Aber vor allem kommen sie nach Berlin, weil sich in Israel herumgesprochen hat, dass man da inzwischen fast so gut Party machen kann wie in Tel Aviv.

In Israel beginnt ein neuer Umgang mit dem Gedenken. Man will sich lieber dem Leben zuwenden, nach vorn blicken.

Ein sympathischer Gedanke. Können wir da mitgehen? Können wir das auch so sagen: „Die reine Fixierung auf den Nationalsozialismus muss endlich raus!

Genau das macht natürlich den Unterschied: ob die Nachkommen der Opfer oder die Nachkommen der Täter diesen Satz sagen.

Aber bin ich persönlich denn ein Nachkomme der Täter? Meine Großeltern waren Bergleute und Sozialdemokraten. Als Bergleute waren die damals sogar vom Hitlergruß befreit und durften es beim „Glückauf!“ belassen.

Aber als ich vor 25 Jahren das erste Mal in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem war, da habe ich die direkte Betroffenheit auch als Nachgeborener gespürt. Es waren nicht so sehr die Bilder und Fakten, die waren weitgehend bekannt. Es war die Tatsache, dass da die Vernichtungsbefehle in verschiedener Übersetzung vorlagen. Aber ich konnte die Originale lesen und verstehen. Ich brauchte keine Übersetzung. Das war meine Sprache, meine Herkunft. Dann verschlägt es einem an diesem Ort die Sprache. Man möchte da nicht mehr sprechen: deutsch sprechen.

Das Gedenken muss bleiben. Was wäre die Alternative? Das Gegenteil vom Erinnern ist das Vergessen. Wenn wir die Namen der Opfer vergessen würden, dann hätten die Mörder ihr Ziel erreicht, die aus Menschen Nummern gemacht haben, die verbraucht und verbrannt wurden. In Yad Vashem forscht man nach jedem einzelnen Opfer und bewahrt die Namen auf. Und bei der jährlichen Gedenkfeier hier in unserer Stadt haben auch gestern wieder Jugendliche an den Stolpersteinen die Namen derer genannt haben, die damals zum Schweigen gebracht wurden. Seit heute Mittag steht auf dem Harry-Epstein-Platz ein Mahnmal mit den Namen der 130 jüdischen Kinder, die vom Hauptbahnhof Duisburg aus in die Todeslager der Nazis deportiert wurden. - Die Opfer sind nicht vergessen. Ihre Namen sind unter uns gegenwärtig.

Es gibt nichts Schlimmeres, als von Gott und den Menschen vergessen zu werden. Hiob kämpft in seiner Verzweiflung dagegen an. Er will, dass Gott sich an ihn erinnert. Er will, dass seine Freunde sich an ihn erinnern: nicht als ein Symbol des Leids und der Sünde sollen sie ihn sehen. Sondern er will als Individuum, als Mensch erkannt sein und unter ihnen bleiben.4

Vergiss nicht! Erinnere dich! Diese Aufforderung durchzieht durchweg die Hebräische Bibel, unser Altes Testament. Unsere Bibel ist ein Gedenkbuch.

Aber wie machen wir das: gedenken? Wie machen wir das richtig? - Wir machen da erst mal gar nichts.

Es ist in erster Linie Gottes Sache, zu gedenken. Gott gedenkt der Taten eines Menschen. Er gedenkt seines Volkes Israel. Das tut er auf ganz besondere Weise. Gottes Gedenken ist kein Gedankenspiel. Wenn Gott sich erinnert, dann greift er ein in die Geschichte. So gedenkt er des Bundes, den er geschlossen hat.

Da ist der Noah-Bund ganz am Anfang: Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde.5

Das Gedenken bewegt Gott zur Reue. Immer wieder wird es so sein, wenn er seines Bundes mit Israel gedenkt: Ich will meines Bundes gedenken, den ich mit dir in deiner Jugend geschlossen habe, und will einen ewigen Bund mit dir eingehen.6

An den Bund denkend wendet Gott die Not. Er vergibt Schuld. Er rettet vorm Tod. – Nur der Toten – gedenkt er nicht mehr.7 „Ich bin zu den Toten hinweggerafft (…). An sie denkst du nicht mehr, denn sie sind deiner Hand entzogen“, sagt noch der Beter des 88. Psalms8.

Genau das will Hiob nicht wahrhaben. Sollte es wirklich nicht möglich sein, dass Gott derer gedenkt, die sich im Totenreich versteckt haben, fragt er vorsichtig: Wenn du dann an mich dächtest (…) wenn einer stirbt: lebt er dann wieder auf?“9

Mit Hiob beginnt ein neues Denken in der Hebräischen Bibel. Gottes Gedenken endet nicht an den Toren der Unterwelt. Seine Erinnerung schafft Leben und Zukunft – auch noch für die Toten.

Darum ist es in erster Linie Gottes eigene Sache, zu gedenken. Alles menschliche Gedenken fällt dahinter zurück. Aber weil Gott es tut, sollen und dürfen wir das auch: uns erinnern. An die eigenen - auch schlechten - Taten zuerst. Denn in Israel weiß man: Wir leben allein aus der Gnade Gottes. Aus der Erinnerung entsteht die Gewissheit auf Vergebung und neue Zukunft.

Der biblische Mensch lebt mit dem Gedenken. Er lebt aus der Erinnerung an Gottes gute Taten.

Sachor – Gedenke! Gedenke des Schabbats!10 Gedenke der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens!11 Denkt daran, dass Gott uns immer wieder gerettet hat. Denkt daran, dass Gott uns erneut retten wird. In der Zeit und am Ende aller Zeiten. Die Erinnerung hat zwei Richtungen. Sie streckt sich als Hoffnung aus auf das kommende messianische Reich.

Als Rabbi Akiwa das zerstörte Jerusalem sieht, so wird erzählt, und seine Begleiter darüber weinen, da beginnt er zu lachen. Seinen verständnislosen Weggenossen erklärt er: Jetzt ist es wahr geworden, was schon die Propheten Jeremia und Urija angekündigt haben: Dass der Zion als Feld gepflügt und Jerusalem zur Ruine werden wird12. Jetzt bin ich mir sicher, dass auch das Wort des Sacharja sich erfüllen wird und Gott zurückkehrt nach Jerusalem, dass es neues Leben in Frieden an diesem Ort geben wird.13

„Wir erinnern uns an das Dunkle. Und wir erinnern uns an den Gott, der sich an seine Verheißung erinnert: Das Helle liegt noch vor uns.“14

Mit Israel erinnern wir uns der Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Und mit Israel hoffen wir auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.15

Unser Erinnern führt uns nicht nur in die Vergangenheit. Es bleibt nicht bei der Betroffenheit am heutigen Gedenktag stehen. Sondern durch die Erinnerung an die Treue Gottes steht uns die Zukunft vor Augen. Wenn wir uns von Gottes Gedenken an seine Verheißung mitreißen lassen, dann fällt aus dem, was kommt, ein neues Licht auf das, was ist. Dann wird uns deutlich, wie heute unser Gedenken aussehen kann.

Mit unserer alltäglichen Arbeit an der Gestaltung von Gottesdiensten hat das zu tun. Nicht nur, wenn sie an Gedenktagen stattfinden, am 9. November oder am 27. Januar. Vor allem zwischen den Gedenktagen muss es in ganz besonderer Hinsicht heißen: Die reine Fixierung auf den Nationalsozialismus muss endlich raus! Weil das zu wenig ist. So macht der Satz für uns Sinn.

Unser Erinnern darf nicht mit dem 9. November 1938 beginnen. An diesem Tag ist eine Saat aufgegangen, die über Jahrhunderte von Christen und Kirchen ausgestreut wurde. Und die ersten antijudaistischen Ansätze reichen zurück bis ins Neue Testament.

Nicht immer war das bösartig gemeint. Oft war das einfach nur Nachlässigkeit. Die aber muss sich uns heute verbieten. Wenn wir Theologie treiben oder Gottesdienste liturgisch gestalten, lauern da immer noch bis in unser Gesangbuch hinein üble Ausrutscher. Dafür sensibel zu werden, ist unsere Aufgabe.

Die reine Fixierung auf den Nationalsozialismus muss endlich raus. Es gilt, auch in der Gegenwart wach und sensibel zu bleiben für neuen Antisemitismus. Der war nie richtig weg und scheint mancherorts wieder salonfähig zu werden. Manchmal versteckt unter der Kritik an der Politik des Staates Israel. Die es geben darf und muss. Die aber oft genug ein Einfallstor bildet, um die alten Sprüche wieder auszugraben: Da sieht man mal wieder …!

Es erschreckt mich, dass auf den Schulhöfen unserer Stadt „du Jude“ wieder zu einem gängigen Schimpfwort geworden ist.

Da haben die Verantwortlichen in unserer Kirche damals die richtige Entscheidung getroffen, als sie bei einer Gegendemonstration gegen einen Neo-Nazi-Aufmarsch in Duisburg darauf bestanden haben, dass dieser Weg nirgendwo anders als an der Synagoge beginnen kann. Ein gelungenes Beispiel angemessenen Gedenkens.

Und die Alte Synagoge in Essen? Kurz vor ihrem Ruhestand konnte Edna Brocke den Umbau vollenden.16 Aus der grauen Gedenk- ist eine freundliche Begegnungsstätte geworden. Der 9. November 1938 hat da seinen Platz. Als ein wichtiger Abschnitt der Geschichte. Aber das Bedrückende, stumm Machende ist gewichen. Der Blick ist auf die ganze Bandbreite jüdischen Lebens in aller Welt gerichtet: vom Sportverein in Israel bis zum jüdischen Motorradclub in New York.

Und oben, auf der alten Frauenempore, hörten sich Konfis bei unserem letzten Besuch israelische Popmusik an und versuchten kichernd und verschämt, den an der Wand tanzenden Schattenfiguren die Hora-Schritte zur Folkloremusik nachzumachen. Lachen und Tanzen in der Gedenkstätte?

Zweifellos eine neue Art des Gedenkens. Der Blick ist auch nach vorne gerichtet.

Wer jetzt die vor wenigen Jahren neu konzipierte Dokumentation in Yad Vashem verlässt, bedrückt und erschlagen, kommt am Ende an ein großes Fenster, das bis zum Boden reicht. Da blickt man – auf das moderne Jerusalem. Und versteht: Es gibt Gegenwart. Es gibt Zukunft. Trotz allem, was gewesen ist. ---

Gott gedenkt. Amen.

1 Zitat Edna Brocke , Artikel „Eine Frau und ihr Lebenswerk“, WAZ Essen vom 15. Mai 2010

2 „The Cemetery Club“. Ein Film von Tali Shemesh, Ventura Film, Israel 2006

3 embassies.gov.il/berlin/NewsAndEvents/Kommentare/Pages/Fussball-an-den-Gedenktagen-aber-ohne-Kommentatoren.aspx

4 Albert Friedland, Zachor – Gedenke! EvTh 48/1988, S. 384

5 Gen 9,16

6 Ez 16,60

7 Willy Schottroff, Art. זכר zkr gedenken, THAT I, Sp.514

8 Ps 88,6

9 Hi 14,13f.

10 Ex 20,8

11 Dtn 5,15

12 Jer 7,14; 26,18.20

13 Sach 8,2ff.

14 Albert Friedland, Zachor – Gedenke! EvTh 48/1988, S. 387

15 KO Grundartikel I (seit 1996)

16 www.alte-synagoge.essen.de