Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Eröffnung des 3. Europäischen Ehe- und Familienkongresses

Pater Elmar Busse (kath.)

21.05.2010 in Vallendar-Schönstatt

Liebe Familien

Auch wenn wir bald das Pfingstfest feiern, möchte ich doch von Weihnachten erzählen, von einem ganz besonderen Weihnachten. Dem ersten Weihnachten nach der Gründung der Schönstatt-Bewegung am 18.Oktober 1914.

Der Ökonom Jeremy Rifkin schreibt in seinem neuesten Buch „Die empathische Zivilisation“: „Es war in Flandern, am Abend des 24. Dezember 1914. Der Erste Weltkrieg ging in seinen fünften Monat. Millionen Soldaten hatten sich verschanzt in den verzweigten, provisorisch ausgehobenen Gräben, die die europäischen Frontlinien markierten. Auf vielen Schlachtfeldern lagen sich die gegnerischen Armeen nur 30 bis 50 Meter gegenüber - in Rufweite. Die Bedingungen waren höllisch. Die Eiseskälte des Winters drang bis in die Knochen. In den Gräben stand das Wasser. Die Männer schliefen im Stehen, um nicht im Dreck und Matsch ihrer unzulänglichen Quartiere liegen zu müssen. Das »Niemandsland« zwischen den feindlichen Fronten war mit toten Soldaten übersät, deren Leichen wenige Meter von ihren Kameraden entfernt vor sich hin faulten, weil sie nicht geborgen und begraben werden konnten.

Als die Dämmerung über den Schlachtfeldern hereinbrach, geschah etwas Unerhörtes. Die Deutschen entzündeten Kerzen an Tausenden von kleinen Christbäumen, die man ihnen aus der Heimat geschickt hatte. Dann fingen sie an, Weihnachtslieder zu singen - als erstes „Stille Nacht“, gefolgt von anderen Weisen. Die britischen Soldaten waren perplex. Sie starrten fassungslos zu den feindlichen Linien hinüber, und einer von ihnen bemerkte, die hell erleuchteten Gräben sähen aus wie »das Rampenlicht im Theater«. Die Engländer reagierten mit Applaus, erst zaghaft, dann mit Begeisterung. Schließlich stimmten sie ihrerseits Weihnachtslieder an, begleitet vom ebenso donnernden Applaus ihrer Feinde. Auf beiden Seiten begannen einzelne Soldaten aus den Gräben zu klettern und über das Niemandsland aufeinander zuzugehen. Hunderte folgten ihrem Beispiel.

Die Geschichte begann sich in Windeseile an den Fronten herumzusprechen, und Tausende strömten aus ihren Gräben. Sie schüttelten sich die Hände, tauschten Zigaretten und Plätzchen, zeigten Familienfotos herum. Sie unterhielten sich darüber, woher sie kamen, schwelgten in Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste und machten Witze über die Absurdität des Kriegs.

Als am nächsten Morgen die Weihnachtssonne über dem Schlachtfeld Europa aufging, standen Zehntausende Männer - manche Schätzungen gingen gar von 100.000 aus - friedlich beieinander und unterhielten sich.

Soldaten, die noch 24 Stunden zuvor Feinde gewesen waren, begruben jetzt gemeinsam ihre toten Kameraden. Berichte von manch einem spontan organisierten Fußballspiel machten die Runde. Während die Offiziere an der Front mit von der Partie waren, reagierten die Stabsoffiziere, als die Nachricht von den Ereignissen zu den Heeresführungen im Hinterland durchsickerte, weniger begeistert. Weil die Generäle fürchteten, der Waffenstillstand könne die Kampfmoral der Soldaten unterminieren, riefen sie ihre Truppen eilends zur Ordnung.

Der surreale »Weihnachtsfrieden« endete so abrupt, wie er begonnen hatte - alles in allem nur ein winziges Lichtsignal in einem Krieg, der im November 1918 nach dem bis dato größten Gemetzel in der Geschichte der Menschheit mit achteinhalb Millionen Toten zu Ende gehen sollte. Für ein paar Stunden, nicht mehr als einen Tag lang, verweigerten Zehntausende von Männern nicht nur ihren Heeresführungen die Gefolgschaft, sondern ignorierten auch ihre Treueeide aufs Vaterland, um ihre elementare Menschlichkeit zu bekunden. An die Front geschickt, um zu verstümmeln und zu töten, missachteten sie mutig ihre militärischen Pflichten, um miteinander zu fühlen und das Leben zu feiern.“[1]

Dort, wo der Mensch im anderen Menschen wirklich wieder den Menschen sieht – dort ist Weihnachten, und dort geschieht auch Pfingsten.

Dort, wo der andere nicht mehr der Gegner, der Feind, der Ausländer oder der Fremde ist, sondern ein Mensch – dort geschieht Pfingsten.

Vom ersten Pfingstfest wird uns berichtet, dass Menschen ganz erstaunt darüber waren,

  • dass sie einander verstehen konnten,
  • dass Herz zu Herzen fand – trotz unterschiedlicher Sprachen.

Wir haben uns hier, am Ursprungsort der Schönstatt-Bewegung, aus 18 europäischen Ländern versammelt, um in diesen Tagen unsere Erfahrungen darüber auszutauschen,

  • wie Ehe und Familie gelingen kann,
  • wie Werte wieder neu zu leuchten beginnen,
  • wie Kinder zu liebevollen Menschen erzogen werden können.

Und wir besinnen uns auf das, was der Gründer unserer Bewegung, Pater Kentenich, in seinem langen Priesterleben an Erfahrungen zu diesen Themen gesammelt hat.

Eine seiner Stärken lag darin, dass er wirklich jedem Menschen in Ehrfurcht begegnet ist.

Einem SS-Mann, der ihn anfuhr und brüllte, „Dieser Pfaffe [= deutsches Schimpfwort für Priester] kann mein Fahrrad putzen“, antwortete er nüchtern: „Das kann ich tun, aber um Ihnen als freier Mann einen Gefallen zu tun.“ – Darauf wusste der SS-Mann nichts zu erwidern. Am nächsten Tag, als die neuen Häftlinge die Aufnahmeformalitäten zu erledigen hatten und dieser SS-Mann Aufsicht hatte, drehte sich der Häftling Kentenich um und fragte ihn ganz ruhig: „Warum haben Sie mich gestern eigentlich so angebrüllt?“ – Weder vorwurfsvoll noch untergeben war der Ton Kentenichs. Der Wachmann nahm Kentenich mit in ein kleines Zimmer, und auf einmal fiel von der braunen Bestie die Hülle ab und es kam ein Häufchen Elend zutage: Ein älterer Mann, der in die SS reingeschlittert war, von Haus aus katholisch war und einen Priester in der Verwandtschaft hatte, den Pater Kentenich auch kannte.[2] Weil Kentenich nicht im Reagieren stecken blieb, sondern einfach Menschlichkeit investierte, verwandelte sich die braune Bestie wieder in einen Menschen – zumindest für einige Minuten.

Ein sozialdemokratischer Mithäftling, der sonst auf die Pfaffen schimpfte, suchte jede Gelegenheit, um mit dem Mithäftling Kentenich zu reden. Was besprochen wurde, blieb Geheimnis beider.[3]

Was war das Geheimnis des Häftlings Kentenich? Er selber gab sich Rechenschaft darüber und führte seine Ausstrahlung auf zwei Haltungen zurück, die er so beschrieb:

„Lebendige Fühlung halten“ und

„Emporbildendes Verstehen“

Hören wir ihn selbst:

„Erziehen heißt: lebendige Fühlung halten. Der ganze Lebensstrom flutet hinein von mir in die anderen und von den anderen in mich hinein. Das ist ein Lebensstrom, und da hinein soll nicht nur das Religiöse, sondern auch das Sittliche, Profane, Wirtschaftliche. Die Not der Kinder ist meine Not und umgekehrt.“[4]

„Dann zweitens meine ich, sagen zu dürfen vom pädagogischen Standpunkte aus: Sehen Sie, Liebe muss eine emporbildende Liebe sein. Emporbildend ist sie dann, …wenn sie verstehend ist. Was heißt das: verstehende Liebe schenken? Das heißt erstlich: immer glauben an das Gute im Menschen. Auch wenn das Gegenüber Gott weiß wie viele Schatten hat - und dann immer ans Gute glauben. Zweitens: auch an die Sendung des Anderen[5] glauben.“[6]

 

Wir wollen in diesen Tagen in die Schule Pater Kentenichs gehen. Inhaltlich deckt sich das, was Jeremy Rifkin die „empathische Zivilisation“ nennt, mit dem, was Pater Kentenich „lebendige Fühlung“ und „emporbildendes Verstehen“ nennt. Denn das Anliegen, das sich hinter diesen Worten verbirgt, hat an Aktualität nichts verloren.

Wir können in Deutschland und in den unmittelbaren Nachbarländern auf 65 Jahre Frieden zurückblicken, auch wenn wir das nicht von allen europäischen Ländern sagen können. Denken wir an den Balkankrieg und die blutigen Auseinandersetzungen zwischen der damaligen Sowjetunion und Litauen im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung. Aus den sogenannten „Erbfeinden“ von früher sind liebe Nachbarn geworden. Und doch ist der menschliche Umgang miteinander immer wieder bedroht.

Ein Beispiel: Ein Kabarettist erzählte: „Die Stadt Essen ist ja 2010 Kulturhauptstadt Europas zusammen mit Pécs in Südungarn. Das Besondere an Essen sind die Teilnehmer im Straßenverkehr. Dort sitzen nämlich Esel, Hornochsen, Rindviecher und Kamele hinter dem Steuer. Nur die Polizei redet die Kraftfahrer mit „Herr“ und „Frau“ an. Und für dieses Kompliment kann man dann schon mal 20 oder 30 Euro zahlen.“

Nicht nur im Straßenverkehr, auch im alltäglichen Umgang kann es leicht geschehen, dass man die Achtung voreinander verliert. Angesichts der erlebten Schwächen und Fehler des Partners in den alltäglichen Belastungssituationen verschwindet schon mal die Bewunderung und Faszination des Anfangs. Kommt als erschwerende Bedingung dann noch dazu, dass ich mich durch den Partner verletzt fühle, dann wandelt sich in Sekundenschnelle der ehemalige Geliebte in einen Feind, der mir wehtut.

Egal ob nun im Krieg, im KZ, im Straßenverkehr, in der Ehe oder im Kloster – ob wir im Menschen den Menschen sehen können, ist eine ständige Herausforderung – egal wo wir sind. Nur der Schwierigkeitsgrad ist verschieden.

Auf dem Hintergrund dieser Alltagserfahrung wird verständlich, dass es bei dem Rat Jesu über die Feindesliebe nicht darum geht, irgendwelche Bösewichter in Afghanistan zu lieben. Nein, der tägliche Trainingsraum für die Feindesliebe ist die Ehe. Denn der Mensch, der mir am nächsten steht, wird mich zwangsläufig auch am meisten und am tiefsten verletzen. Und viele Verletzungen geschehen gar nicht aus Bosheit sondern aus Ungeschicklichkeit und Gedankenlosigkeit. – Wir beobachten also, dass der Preis für den Genuss der seelischen und körperlichen Nähe darin bestehen kann, dass mich der andere verletzt. Wer sich davor schützen will, manövriert sich automatisch in die Isolation. Denn jede Ritterrüstung, mit der ich mich vor Verletzungen schützen will, stellt gleichzeitig eine Isolierung dar. Wollen wir also Nähe, wollen wir miteinander in Liebe verbunden sein und bleiben, dann müssen wir bereit sein, den Preis dafür zu zahlen.

Hinter der Haltung, die Pater Kentenich mit „lebendige Fühlung“ und „emporbildendes Verstehen“ umschreibt, steckt also ganz viel Tapferkeit. Und es steckt auch dahinter die Erfahrung, dass die Seele ganz viele Selbstheilungskräfte hat. Wer verzeihen gelernt hat, der beobachtet in sich diese aktiven Selbstheilungskräfte der Seele. Und nur wer verzeihen kann, ist ehefähig.

 

Liebe Ehepaare!

Wir sind aus 18 Ländern zusammengekommen, um über Pfingsten unsere Erfahrungen auszutauschen, wie heute Ehe und Familie gelingen kann. Es geht nicht darum, im frommen Wunschdenken in eine heile Welt abzudriften, sondern sich gegenseitig das zu schenken, was sich im Alltag als praxistauglich erwiesen hat.

Und wir sind nicht irgendwo zusammen gekommen, sondern an diesem Gnadenort, wo sich die Gottesmutter als diejenige verherrlicht hat und weiterhin verherrlichen will, die seelische Wandlungs- und Heilungswunder wirkt. Die vollerlöste Frau, der ganz heile Mensch Maria hat aus dem kontaktunfähigen und einsamen Studenten Kentenich einen Priester gemacht, der seelische Nähe anbieten konnte, der sich einfühlen konnte wie nur selten jemand. Aus dem eigenen persönlichen Erlebnis, Maria macht mich heil, hat Pater Kentenich eine Spiritualität entwickelt, die sich dem seelischen Wachstum und der Beziehungsfähigkeit in besonderer Weise verpflichtet weiß. Die Braut des Hl.Geistes hat ihr Sorgenkind und Lieblingskind Josef Kentenich nicht im Stich gelassen. Der hl. Geist hat ihn mit vielen Charismen reich beschenkt. Und wir sind in diesen Tagen hier an diesem Wallfahrtsort zusammen, um Anteil zu bekommen an diesen Charismen. Möge die Gottesmutter uns ihre Fähigkeit verleihen, in jedem Menschen den erlösungsbedürftigen aber auch der Erlösung fähigen Menschen zu sehen. Dann wächst um uns herum eine Kultur der seelischen Nähe und des emporbildenden Verstehens. So werden wir selber zum Segen für andere.

Amen.

 


[1] Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation, Campus, Frankfurt 2009, S. 17f.

 

[2] Monnerjahn, Häftling 29392, S.106.

 

[3] Monnerjahn, Häftling 29392, S.117.

 

[4] Zur sozialen Frage. Industriepädagogische Tagung 1930, S.308.

 

[5] Im Origninaltext: „des Gegenüber“

 

[6] 1952, 23. Juli  8. Vortrag  in: USA-Terziat 1952. I. Band: Erste Woche: 21.-25. Juli 1952. Vorträge 1-16 Berg Sion 1988 (409 S.), S. 165-185