Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Fußball Weltmeisterschaft 2010

Andreas Eisenmann (ev)

18.07.2010 in Legelshurst

Gottesdienst anders Juli 2010

Die WM ist vorbei. Deutschland ist zwar nicht Weltmeister geworden – aber trotzdem: die Mannschaft hat ein gutes Turnier gespielt. Wochenlang war Südafrika 2010 Gesprächsthema. Es gab Erfreuliches wie etwa die deutschen Spiele gegen England und Argentinien, die neuen Stars wie Özil und Müller, die starken Leistungen des deutschen Schiedsrichters Stark. So konnte FIFA-Präsident Blatter ein positives Fazit ziehen. Allerdings wurde die WM auch durch mehrere Dinge getrübt. Die vielen leeren Plätze in den Stadien, selbst beim Finale. Das nervige Getröte der Vuvuzelas. Das hässlich-harte Spiel der Holländer. Das trostlose Abschneiden und Ausscheiden einiger Möchtegernfavoriten. Und natürlich die teilweise grauenhaften Fehlentscheidungen der Schiedsrichter.

Kurz: eine WM mit Höhen und Tiefen. That’s life. C‘est la vie. So ist das Leben.

Ja genau: das Leben. Wir alle hier haben eines – genau eines, nicht mehr und nicht weniger. Damit müssen wir etwas anfangen. Ob dann immer Fußball unser Leben ist, bezweifle ich. Aber trotzdem: Erinnern wir uns doch nochmal an einige Momente der WM.

Deutschland gegen Australien. Zu bemängeln war nur die Chancenauswertung von Miroslav Klose und Co. Ansonsten ein gelungener Auftakt. Alles schön, alles voller Freude.

So ist das Leben: Manchmal läuft einfach alles gut. Da scheint mir alles zu gelingen. Ich werde gelobt von allen anderen. Ich fühle mich gut. Ich bin toll. Und dann vielleicht auch überheblich.

Wenn bei mir alles gut läuft, gibt es immer die Gefahr, dass ich auf andere herabschaue. Da kann es sein, dass ich denke, ich bin besser als der Mensch, der neben mir steht.

Vielleicht bin ich mir dann selbst genug. Vielleicht lasse ich dann sogar Gott einen guten Mann sein. Erfolg verleitet dazu, den Blick auf sich selbst zu zentrieren. Ich bin dann die Sonne, um die sich alles dreht. Alles anderen sind kleine Planeten oder gar Monde – auch Gott. Hochmut kommt vor dem Fall.

Deutschland gegen Serbien. So schnell kann es gehen: Aus den luftigen Höhen wieder abgestürzt. Eigentlich war das Spiel in Ordnung – aber der Schiedsrichter mit seinen vielen gelben Karten war eine Zumutung. So etwas will niemand sehen. Unglaublich aber wahr: Einer allein kann ein ganzes Spiel kaputtmachen.

So ist das Leben: Manchmal braucht es nur einen. Einen der querschießt. Einen der nicht mitzieht. Dazu fällt mir die ehemalige Ministerpräsidentin Heide Simonis ein. 2005 hätte sie wiedergewählt werden sollen – aber ein Abweichler hat nicht für sie gestimmt. Die Folge: Statt einer SPD-Regierung wurde plötzlich ein CDU-Mann Regierungschef.

So etwas gibt es nicht nur in der Politik und im Fußball – nein, das erlebe ich auch im Privaten und natürlich auch im kirchlichen Bereich. Dabei ist es natürlich keine Frage, dass jemand eine andere Meinung haben kann. Doch es lohnt sich, auch den Standpunkt der anderen anzusehen und zum Wohl der vielen zu entscheiden – statt sich selbst gerecht zu werden.

Gott hätte dem Volk Israel in seiner Geschichte unzählige gelbe und einige rote Karten zeigen können – denken Sie nur an das goldene Kalb. Aber er hat den Menschen immer wieder eine Chance gegeben. Eine solche hatte unser Team dann auch im nächsten Spiel wieder.

Deutschland gegen Ghana. Es geht um alles. Die deutsche Mannschaft muss gewinnen, um sicher weiter zu kommen. Es ist hart. Ghana ist gut. Doch endlich, in der 60. Minute, trifft Özil das Tor. Das Spiel ist nicht vorbei – es geht noch eine halbe Stunde. Doch dann ertönt der erlösende Schlusspfiff. Achtelfinale.

So ist das Leben: Manchmal ist es hart, manchmal muss ich kämpfen. Und am Ende kann da ein knapper Sieg stehen – oder eine knappe Niederlage. In einem Gespräch mit einer Frau ging es um eine schwere Krankheit. Die Frau wäre fast gestorben – aber sie wollte leben. Und sie hat gekämpft, nicht nur für sich, auch für ihren Mann und ihre Kinder. Und sie hat gewonnen, nach vielen Jahren.

Diese Frau hat mir gesagt, dass sie diesen Kampf nur gewonnen hat, weil sie eine wichtige Unterstützung hatte: Ihre Familie – und Gott. Sie hat viel gebetet. Sie hat viel in der Bibel gelesen. Und es hat ihr Kraft gegeben. Kraft, um zu siegen. Ein viel größerer Kampf und ein viel größerer Sieg als es ein Fußballspiel jemals sein kann.

Doch trotzdem kommen wir zurück zur WM.

Deutschland gegen England. Lampard schießt und plötzlich ist der Ball im Tor. 2 zu 2. Doch nein, das Tor wird nicht gegeben. Auch wenn der Ball deutlichst hinter der Linie war. Wie in Wembley, nur ein halber Meter weiter hinten. Der Schiedsrichter lässt weiterspielen.

So ist das Leben: Allzu oft hat jemand anderes eine andere Meinung. Ich bin mir sicher, dass ich recht habe – aber gegen diesen Menschen komme ich nicht an. Das geht manchen Kinder in der Schule so: Was der Lehrer sagt, gilt – auch wenn ich es vielleicht besser weiß. Oder bei der Arbeit: Der Chef hat es gesagt – ich widerspreche mal lieber nicht, auch wenn es Unsinn ist.

Ungerechtigkeit gibt es eben in der Welt. Die Mächtigen bestimmen. Im Großen wie im Kleinen. Aber Jesus erzählt uns von einer anderen Zukunft: von Gottes Reich. Einer Welt, ohne Ungerechtigkeit. Auf dieses Reich können wir warten – aber auch jetzt schon daran bauen.

Aber dafür müssen wir etwas tun. Nicht so wie die folgenden Beteiligten:

Japan gegen Paraguay. Ziemlich sicher das schlechteste Spiel der WM. Keine Werbung für den Fußball. Eintönig, ohne große Momente – langweilig.

So ist das Leben: Manchmal ist nichts los, es ist langweilig. Ich weiß nichts mehr damit anzufangen. Das was ich tue oder tun müsste, interessiert mich nicht.

Statt die Zeit totzuschlagen könnte ich aber auch versuchen, sie sinnvoll zu nutzen. Vielleicht einfach mal als Zeit mit Gott verbringen. Beten. Meditieren. Oder etwas für meinen Nächsten zu tun. Jemanden besuchen, der einsam ist. Jemandem einen Kuchen backen.

Es gibt immer etwas zu tun. Auch dann, wenn man den besten Fußballer der Welt nicht zur Entfaltung kommen lassen will.

Deutschland gegen Argentinien, März 2010. Thomas Müller kommt zur Pressekonferenz, was Diego Maradona verärgert, dass er mit einem Niemand dort sitzen muss – und darum geht er einfach. Einige Monate später, wieder Deutschland gegen Argentinien. Das Spiel endet 4:0, Argentinien ist gedemütigt. Diego Maradona weiß nun, wer Thomas Müller ist.

So ist das Leben: Manchmal werde ich falsch eingeschätzt oder auch unterschätzt – und das passiert mir auch bei anderen Menschen. Der erste Eindruck ist wichtig. Aber er muss auch veränderbar sein. Als ich neu in diese Gemeinde kam, musste ich mich erst einmal orientieren. Zum Beispiel in der Schule: 80 neue Schüler. Da waren auch manche dabei, von denen ich erst einmal dachte: Oh je, das kann ja heiter werden. Einige von diesen sehe ich jetzt ganz anders. Mit meinem ersten Urteil lag ich falsch.

Gott hingegen schätzt die Menschen richtig ein. In der Bibel heißt es: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber schaut das Herz an.

Herzklopfen gibt es im Fußball vor allem in einer ganz bestimmten Situation: beim Elfmeter.

Ghana gegen Uruguay. Welch eine Dramatik. In der letzten Minute der Nachspielzeit klärt der Uruguayer Suarez mit der Hand auf der Torlinie. Rote Karte. Elfmeter. Alle denken sich: Das war es, Ghana ist weiter. Asamoah Gyan ist treffsicher. Und dann das. Er verschießt. Unglaublich. Es gibt doch noch Elfmeterschießen. Und da gewinnt auf einmal Uruguay.

So ist das Leben: Ganz plötzlich ändert sich alles. Wir sind vor kurzem mit dem Pfarrkonvent bei der Firma Draisin in Achern gewesen, die Fahrräder für Menschen mit Behinderung herstellt. Dort trafen wir auch einen Kunden, der etwas aus seinem Leben erzählt hat: Er hatte einen Schlaganfall – und plötzlich war alles ganz anders. Er konnte kaum mehr gehen, war an seine Wohnung gefesselt, kam nicht mehr heraus. So lebte er drei Jahre. Dann wurde wieder alles anders. Er kaufte sich ein behindertengerechtes Fahrrad und kam wieder herum, fuhr in der Offenburger Gegend herum, besuchte wieder Freunde, ging zu Veranstaltungen.

Was auch immer passiert: Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott da ist. Auch, wenn plötzlich alles zusammenbricht.

Einen Zusammenbruch erlebte auch das Selbstvertrauen unserer Mannschaft im Halbfinale.

Deutschland gegen Spanien. Aus der Traum vom Finale. Spanien macht vielleicht sein bestes Spiel bei der WM – und kommt mit einem Tor weiter.

So ist das Leben: Manchmal sind andere besser als ich. Manchmal kann der oder die etwas, das ich nicht kann. Nicht immer ist das leicht zu akzeptieren. Frust oder auch Wut können daraus erwachsen. Mein Selbstvertrauen kann beschädigt werden. Ich fühle mich klein.

Aber für Gott ist das nicht wichtig. Im Gegenteil: Er steht besonders auf der Seite der Schwachen, der Versager. Wie viele Geschichte in der Bibel gibt es dazu. Petrus ist das beste Beispiel. Während die Frauen zum Kreuz kommen, haut er ab. Ja er verleugnet Jesus gar. Doch dieser hält zu ihm – und Petrus wird Leiter der Gemeinde.

Deutschland gegen Uruguay. Der Schiedsrichter hat schon die Pfeife zum Schlusspfiff im Mund, doch es gibt noch einen Freistoß für Uruguay. Diego Forlan schießt – an die Latte. Es hätte der Ausgleich sein können.

So ist das Leben: Manchmal steht alles Spitz auf Knopf. Da kann es in die eine oder andere Richtung gehen. Da ist der Grat, auf dem wir wandeln, allzu oft sehr schmal. Auf manches kann ich mich auch nicht vorbereiten. Doch wichtig ist, sich nicht entmutigen zu lassen, wenn mal etwas schief geht. Und vielleicht auch mal Gott Danke sagen, wenn etwas gerade noch gut geht.

Was nicht gutging war das letzte Spiel der WM.

Spanien gegen Holland. Fußball gegen Fußtreten. Spielfreude gegen Zerstörungswut. Fußballtricks gegen Kung-Fu-Kicks.

So ist das Leben: Manchmal habe ich es mit Menschen zu tun, die unfair spielen. Auch hier in der Gemeinde erlebe ich das immer wieder. Leider wird gerade im Dorf immer viel hinten rum erzählt – und das ist in Legelshurst genauso wie anderswo. Aber das ist schade.

Dabei wäre es für alle besser, wenn wir fair miteinander umgehen würden. Auch mit Gott. Und nicht einfach ihm die Schuld zuschieben, wenn etwas Schlechtes passiert. Nicht einfach ihn links liegen lassen, wenn wir ihn gerade nicht brauchen. Darum sagt Jesus: Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst – dann machst du alles richtig im Leben.

Die WM ist vorbei – wie geht es weiter? Geht es weiter?

Ja, denn jeder Tag wartet mit etwas Neuem auf mich. Es liegt an mir, was ich aus meinem Leben mache. Gerne auch mit Gottes Hilfe.

Amen.