Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Gebetswoche für die Einheit der Christen

Pfarrer Mag. Lars Müller-Marienburg (ev.-luth. A.B.)

20.01.2011 im Dom zu St. Jakob in Innsbruck

ökumenischer Gottesdienst

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

zusammen glauben, feiern, beten ist die Überschrift für die diesjährige Gebetswoche.

Die Lesungen, die wir gehört haben, beleuchten dieses Miteinander auf die eine und andere Weise:

Jesaja spricht vom Miteinander mit denen, die Not leiden. Die Apostelgeschichte erzählt vom wunderbaren harmonischen Miteinander der ersten Gemeinde in Jerusalem. Und im Matthäusevangelium gibt Jesus deutliche Mahnungen, was das Miteinander zwischen „Brüdern“ betrifft.

An diesem Begriff „Brüder“ (oder besser Geschwister) bin ich hängen geblieben.

 

Früher wäre ich daran hängen geblieben, weil ich den Begriff unangenehm fand. Mir ist es immer etwas komisch vorgekommen, wenn Menschen in der Kirche sich als Bruder und Schwester angeredet haben. Denn ich hatte den Eindruck, das hat so etwas Süßliches: Alle in der Kirche haben einander fürchterlich lieb - und als Zeichen dafür reden sie sich gegenseitig als Bruder und Schwester an.

 

Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich verstanden habe: das stimmt ja gar nicht: Nicht alle in der Kirche haben einander lieb - und auch nicht alle sind übermäßig lieb.

Aber vor allem: das bedeutet es gar nicht, wenn man „Bruder“ oder „Schwester“ sagt, denn Geschwister sein ist ganz und gar nichts Süßliches.

Geschwister sein bedeutet nicht automatisch, dass man sich ständig fürchterlich lieb hat. Es gibt genügend Beispiele von Streit/Kampf Geschwistern. Das also nicht entscheidend am Geschwister sein.

Sondern Geschwister sein bedeutet: Man hat etwas miteinander zu tun. Man kommt einander nicht aus: Bruder und Schwester werden immer da sein; wenn man sich gut versteht und wenn man streitet.

Wenn ich Bruder oder Schwester zu jemandem sage, dann gebe ich zu: Auch du bist Kind meiner Eltern, wir haben dieselben Wurzeln.

 

Ich muss also mein Vorurteil von früher überdenken: Wenn man in der Kirche Bruder und Schwester sagt, hat das eigentlich nichts klebrig Süßliches. Sondern es ist realistisch: Geschwister sein bedeutet miteinander verbunden sein. Nicht, weil wir es wählen, sondern weil es so ist: wir haben dieselben Wurzeln, unseren gemeinsamen Glauben. Wir sind miteinander verbunden. Nicht weil wir unbedingt ständig ein Herz und eine Seele sind, sondern weil Gott wichtig ist in unserm Leben. Weil wir die Sehnsucht nach ihm teilen. Weil wir gemeinsam auf dem Weg sind.

Wenn ich jemanden meinen Bruder oder meine Schwester nenne, erkenne ich an: wir haben miteinander zu tun, ob mir das gefällt oder nicht.

 

Darum ist es gut, wenn wir in der Ökumene über einander als Bruder und Schwester denken. Denn damit erkennen wir auch hier an: ob wir wollen oder nicht, wir kommen einander nicht aus. Ich kann nicht die Augen davor verschließen, dass es dich gibt. Sondern ich akzeptiere, dass du da bist: Wir haben gemeinsame Wurzeln. Auch du bist ein Kind meines Gottes. Auch du, die andere Kirche, bist Kind unseres gemeinsamen Gottes. Ganz egal, ob wir uns gerade gut verstehen oder nicht. Ganz egal, ob wir für gut heißen, was der andere tut, oder nicht. Wir sind verbunden durch die Sehnsucht nach diesem Gott. Wir sind gemeinsam auf Weg.

Wir haben etwas miteinander zu tun. Darum heißen wir Geschwister.

 

Mein Eindruck von früher, dass „Bruder“ und „Schwester“ etwas Süßliches an sich hat, stimmt nicht.

Die Bibel weiß das schon lange: Wir müssen nur an die dramatischen Brudergeschichten im Alten Testament denken: Kain und Abel, Esau und Jakob, Josef und seine Brüder.

Und auch die Lesungen in diesem Gottesdienst wissen davon: Jesaja muss daran erinnern: auch die Schwachen sind Geschwister. Die Apostelgeschichte erzählt von der Urgemeinde und vom seltenen Glück dort, dass Gemeinschaft gelingt – wenn Eintracht herrscht zwischen Geschwistern. Es muss anscheinend extra berichtet werden, wenn es einmal doch so ist. Und das Matthäusevangelium überliefert die Worte Jesu zum Miteinander von Brüdern, von Geschwistern.

 

Ich möchte diese Stelle aus der Bergpredigt im Hinblick auf uns als ökumenische Geschwister lesen.

Jesus setzt hohe Maßstäbe an das Miteinander zwischen Geschwistern. Harte Worte sind dabei: Wer Zorn hat auf Geschwister oder schlecht redet, ist genauso schuldig wie ein Verbrecher. Ein hartes Urteil – und eine harte Anfrage an uns, wie es mit unserem Zorn und unseren Worten über den ökumenischen Bruder, die ökumenische Schwester aussieht.

 

Wirklich hängen geblieben bin ich aber an 2 Versen:

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh

und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.

Ich finde diesen Gedanken bemerkenswert, denn er verändert die Perspektive: Friede zwischen Geschwistern ist kein Gefallen, den ich Bruder oder Schwester tue (also anderen). Sondern es wird klar: Dieser Friede ist etwas, das für mich selbst entscheidend wichtig ist. Weil ich Bruder und Schwester nicht aus kann – weil wir verwandt sind – , darum ist es in meinem Interesse, wenn es gut läuft mit Bruder und Schwester.

Das zeigt Jesus am Beispiel des Gottesdienstes. Ohne Frieden ist es nicht möglich, dass ich meinen eigenen Gottesdienst feiere.

         Wenn Unfriede herrscht, lass deine Gabe vor dem Altar liegen;

         geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder

Niemand darf vor den eigenen Altar treten, so lange Unfriede herrscht mit den Geschwistern.

Friede mit Geschwister liegt in meinem Interesse. Ich tue mir etwas Gutes, wenn ich in Frieden bin mit meinen Geschwistern. Ich ermögliche mir etwas, denn erst wenn es Frieden gibt, kann ich das tun, was für mich so wichtig ist: meinen Gottesdienst feiern.

 

Friede mit Geschwistern bedeutet Interesse daran haben, dass es Bruder und Schwester gut geht. Es ist kein Gefallen, den ich jemandem anderen tue.

Im letzten Sommer in Kanada habe ich ein langes Gespräch mit einem mennonitischen Pastor geführt. Seine Gemeinde liegt in einer kleinen Ortschaft. Dort gibt es drei  Gemeinden verschiedener Konfessionen auf sehr engem Raum. Er hat etwas gesagt, was mich wirklich zum Nachdenken gebracht hat. Er hat gesagt: „Wir haben in diesem Ort starke Nachbarn – und das ist gut für uns.“ Es ist gut für uns, wenn es den Geschwistern gut geht, wenn sie Erfolg haben. Ich bin immer noch beeindruckt von seiner Haltung, denn das ist nicht leicht. Ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so denken könnte. Ein winziger Ort, drei Gemeinden: Das schaut doch sehr nach Konkurrenz aus.

 

Es braucht Mut, so zu denken (und bestimmt auch Gewöhnung). Aber eigentlich könnten wir es uns leisten, den Erfolg der anderen zu wünschen. Wir könnten uns freuen, wenn Menschen die Angebote der anderen annehmen. Wir nehmen einander nichts weg. Es gibt immer noch genug Menschen, auf die wir zugehen könnten, die nichts mehr erhoffen – von irgendjemandem von uns. Wir könnten uns am Erfolg der anderen freuen.

Denn wenn einer von uns ökumenischen Geschwistern Menschen gewinnt (oder auf andere Erfolg hat), dann gewinnen auch wir. Denn wir gehören gemeinsam zur Kirche Jesu Christi.

Wir können es uns leisten, den Geschwistern Erfolg zu gönnen.

 

Es brauch Mut, so zu denken. Aber umgekehrt können wir es uns überhaupt nicht leisten, anders zu denken. Wir können es uns nicht leisten, uns etwa am Misserfolg der anderen zu freuen.

Wenn es in einer Kirche Schwierigkeiten gibt, ist das nie gut für die andere Kirche. Wenn die römisch-katholische Schwesterkirche so viele Mitglieder verliert (wir haben in dieser Woche die dramatischen Zahlen gehört), dann können wir es uns nicht leisten, das als erfreulichen Misserfolg eines Konkurrenten zu sehen.

Denn wenn einer von uns ökumenischen Geschwistern leidet (oder Menschen verliert), dann leiden und verlieren auch wir. Denn wir gehören gemeinsam zur Kirche Jesu Christi.

Wir können es uns nicht leisten, unseren Geschwistern Misserfolg zu gönnen.

 

Es liegt in unserem ureigenen Interesse, wenn es Bruder und Schwester gut geht. Wir haben diese Haltung bitter nötig. Wir müssen endlich aufhören zu denken, der andere sei eine Bedrohung. Wir müssen endlich aufhören zu glauben, wir hätten etwas vom Unglück des anderen.

Wir sind Geschwister: Wir haben etwas miteinander zu tun. Wir kommen uns nicht aus. Darum ist für uns selbst wichtig, wenn es Bruder und Schwester gut geht.

 

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.

 

Friede mit Geschwistern kommt zuerst – noch bevor ich meinen eigenen Gottesdienst feiere.

Das heißt für mich in guten Zeiten: Mich für die Geschwister freuen, wenn es ihnen gut geht. Vielleicht mitfeiern, wenn es etwas zu feiern gibt und ich eingeladen bin.

Und das heißt in schlechten Zeiten: Anteil nehmen am Unglück der Schwester. Beten für die Leiden des Bruders. Vielleicht da sein, wenn ich helfen kann.

 

Sorge dafür, dass das Motto der Gebetswoche möglich wird: zusammenglauben, feiern, beten. Mit deinen Geschwistern.

Dann komm, sagt Jesus. Dann komm zurück, wenn du Frieden gemacht hast. Dann bete, rede, zelebriere in deiner Weise.

Dann hast du alles Recht dazu

Amen.