Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Konfirmation

Pfarrer Andree Best (ev)

12.05.2013 in der Evangelischen Stadtkirche Herborn

Konfirmation 2013

„…Fortsetzung folgt!“

Liebe Gemeinde, liebe Konfis,

das war mal ein ordentlicher Einzug, den ihr da hingelegt habt. Einen richtig großen Bahnhof hat man euch heute bereitet. Alle sind aufgestanden. Blitzlichtgewitter. Pompöse Orgelmusik und ein eigens zu diesem Zweck singender Chor. Ihr seid umrahmt von den Bodygards des Kirchenvorstands, zwei „Man in Black“ sind auch dabei! Fehlt eigentlich nur noch der rote Teppich! Wenn ich nicht wüsste, dass wir in einer Kirche sind, könnte man meinen wir sind in Hollywood – vielleicht bei einer Filmpremiere. Und ihr? Ihr seid die Stars, die den Catwalk entlangschreiten. Alle Augen sind auf euch gerichtet. Nicht schlecht, oder?

Und irgendwie ist es ja auch eine Premiere für Euch. Es ist schließlich eure erste und auch einzige Konfirmation. Heute erntet ihr die Früchte eurer Arbeit. Heute habt ihr euch fein gemacht, und die Familie und die Freunde sind alle da, diesen Tag mit euch zu verbringen. Und ein großes Publikum gibt es auch.

So eine Premiere, im Besonderen eine Filmpremiere, dienst ja dazu, Werbung für den Film zu machen, den man in mühsamer Arbeit in den letzten Monaten fertig gedreht hat. Aber da sind in der Regel nicht nur die Darsteller, sondern auch der Regisseur, manchmal auch der Drehbuchautor oder die Agenten der Schauspieler. Ein großes Durch- und Miteinander.

Doch wie heißt der Film, den ihr heute vorstellt? „Konfirmation – Episode I“? Oder „KonfiMan 3“? Nein, die Geschichte, die ihr erzählt, trägt den Namen „Heilsgeschichte“. Zugegeben, das hört sich nicht nach einem wirklichen Blockbuster an, ist es aber. Vielleicht sollten wir dieser Geschichte einen fremdländischen Namen geben, etwas Außergewöhnliches. Wie wäre es mit „Soteriologie“, oder auf Englisch „Soteriologie“. Das klingt schon besser. Untertitel: „Mysterium Salutatis - das Geheimnis der Erlösung“! Diesen Film kennt ihr nicht? Ich glaube schon. Es war eure Idee, einmal darüber zu predigen. Doch fangen wir vorne an:

Am Anfang. (darstellerisch) – Der Vorhang lichtet sich. Noch ist es dunkel! Eine knisternde Erwartung liegt in der Luft. Alle sind gespannt, was passiert. Stille! Und plötzlich eine Stimme aus dem Off: „Es werde Licht!“ Und es wird Licht: Auf der Leinwand wird es hell, Taghell. Man ist vom Zuschauen geblendet. Und die Stimme sagt: Gut gemacht!

Die Stimme, ihr Lieben, gehört dem Produzenten des Films - producer auf Englisch, oder wie die Filmproduzenten früher hießen, creators, die Macher, die Schöpfer! Unser Film beginnt mit der Stimme des Schöpfers, der sein Werk mit seinem Machtwort beginnt. Durch sein Wort entstehen die Dinge. Hell und Dunkel, Tag und Nacht, Oben und Unten, Himmel und Erde, Meere und Tiere, Du und ich! Und letztere sind die Hauptdarsteller: Sehr gut gemacht! Gott hat ihnen die Hauptrolle gegeben. Sie sollen den Film bestimmen. Doch – wie Hauptdarsteller so sind – interpretieren sie ihre Rolle so sehr, dass sie aus der Rolle fallen und das Geschick des Films selbst in die Hand nehmen wollen. Ab nun liegt es an ihnen, Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen treffen zu müssen: Richtig oder Falsch, Gut oder Böse. Unser Film beginnt mit dem grandiosen Aufstieg und dem jähen Fall des Geschöpfs. So ist es im Drehbuch nachzulesen. Dem Buch der Bücher, oder einfach, wieder mal Fremdländisch, weil’s besser klingt. „Das Buch“ – biblos, besser bekannt als Bibel.

Das wohl spannendste und faszinierendste Buch der Welt, weil es unsere Geschichte erzählt, unsere Geschichte mit Gott. Wir stellen mal auf Schnelldurchlauf, denn manchmal lassen sich Geschichten einfacher erzählen, wenn man die Szenen schnell aneinander reiht: Der Mensch entfernt sich von seinem Schöpfer. Der Darsteller macht, was er will. Das gefällt dem Produzenten und Regisseur nicht und er sagt: Dann mach was du willst! Doch er sieht schnell, dass das im Chaos endet. Also bringt er wieder Ordnung ins System. Er rebootet! Und schließt einen Friedensvertrag mit den Menschen. „Nie wieder will ich das System neu starten müssen.“ Als Unterschrift dient ihm ein Regenbogen. Und dann beginnt er mit einem kleinen Nomadenvolk in der Wüste ganz von vorne. Er weiß nun, dass die Darsteller Anweisungen benötigen, klare Regeln, sagen wir mal mindestens 10! Und er schließt einen Vertrag mit diesem Volk, den Israeliten, ab. Ohne Kleingedrucktes: „Ihr haltet Euch am meine Regeln und ich sorge dafür, dass es euch gut geht.“ Dieser Vertrag, und früher nannte man wichtige Verträge „Testament“, wurde mit dem Blut der Beschneidung besiegelt. So weit so gut. Aber, auch dieses kleine Nomadenvolk machte größtenteils, was es wollte. Alle pädagogischen Maßnahmen halfen nichts, zum Verzweifeln! Die Folge war eine Konventionalstrafe nach der anderen. Also eine Schuld, die man sich aufbürdet, wenn man einen Vertrag nicht einhalten kann. Kurz: Die Gattung Mensch hatte sich durch ihr Fehlverhalten bis über beide Ohren verschuldet und drohte Konkurs zu gehen. „Menschheitsinsolvenz“ sozusagen. Wieder drohte das System zusammenzubrechen. Angesichts dieser Katastrophe endet der erste Teil der Trilogie „Soteriologie“, er trägt den Titel „Altes Testament“ oder Episode I. Doch das Ende des ersten Teils verspricht mehr. Fortsetzung folgt! – Schnitt – Szenenwechsel, Aufblenden in einem kleinen Dorf bei Jerusalem.

Auch der zweite Teil beginnt im Dunkeln! Wieder ist die Leinwand dunkel. Nur die Stimme aus dem Off war zu hören, die schon immer da war. Und diese Stimme verwandelt sind, wird selbst Darsteller, Hauptdarsteller, Gott greift ein und wechselt vom Regisseur zum Akteur. Wie Hitchcock taucht er persönlich im Film auf, um sich der Sache anzunehmen. Er wechselt die Gestalt, dass nicht alle ihn gleich erkennen. Wird Mensch szenisch perfekt in einem Stall.

Damit hat keiner gerechnet! Episode II beginnt in der Nacht in Bethlehem mit einem Kind.

Gott hatte ja ein Versprechen gegeben, einen Neustart des Systems nicht mehr zuzulassen. Und so spannte er einen Rettungsschirm. Sein Plan: Ein Schuldenschnitt! Im Kleingedruckten des Alten Vertrages war es schon zu lesen:

Jeremia 31: „Siehe, es kommt die Zeit, da will ich einen neuen Bund schließen. Nicht so wie der alte gewesen ist, sondern ich will mein Gesetz in ihr Herz geben. Sie sollen mich alle erkennen und ich will ihnen ihre Fehltritte vergeben und ihre Schulden bezahlen!“

Bezahlt werden muss immer! Bei einem Schuldenschnitt trifft es nicht mehr den Schuldner, sondern den Gläubiger. Ein Schuldenschnitt kehrt die Verhältnisse um. Gott zahlt, indem er sich erniedrigt. Und so wird der Gläubiger zum Schuldtragenden am Kreuz. Und der Schuldner wird zum Gläubiger, oder sagen wir besser zum Glaubenden. Dieser Schuldenschnitt wird ebenfalls vertraglich besiegelt, mit einem Neuen Vertrag, oder Neuem Bund, oder Neuen Testament – Epsiode II. Unterschrieben wird dieser Vertrag wieder mit Blut, dem Christi Blut, für uns am Kreuz vergossen. Wenn wir Abendmahl feiern erneuern wir immer wieder unsere Unterschrift unter diesen Vertrag.

Da steht es, das Kreuz auf Golgatha und wieder wird es Dunkel. Die Kamera fährt zurück und blendet langsam aus. Kein Happy End.

Doch nun, als alle Glauben der Film ist schon vorüber, passiert etwas Unglaubliches. Drei Tage nachdem der Vorhang gefallen (und zerrissen) ist, geht die Sonne auf. Und mit ihr neues Leben. Die Darsteller, die eben noch traurig waren, weil sie ihren Regisseur verloren haben, bekommen neue Anweisungen. Er ist wieder da! Das war noch nicht das Ende! Nein, es ist erst der Anfang. Und der Regisseur stellt seinen Darstellern einen Manager an die Seite, in der Filmwelt heißt das wohl „Agent“, der sie aufbauen soll, ihnen neue Kraft geben soll und sie individuell beraten soll – Sein Name: Heiliger Geist. Und tatsächlich es funktioniert! Petrus spricht aus, was dieser Agent für ihn tut: „Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.“ (Apg. 2, 28).

Pfingsten ist der Tag, an dem der Film wieder anläuft und alle plötzlich mitspielen dürfen. Nun beginnt der älteste Film der Menschheitsgeschichte, sein Name: Kirche! Und: „The show must go on!“

Und heute steigt ihr, liebe Konfis, mit allen Rechten und Pflichten in diesen Film ein. Welche Rolle ihr darin spielt, wird sich noch erweisen. Ihr seid die Darsteller in Gottes Heilsgeschichte. Sie gilt euch. Er will euch mitten hineinnehmen!

Ihr seid schon seit geraumer Zeit dabei. In der Taufe hat Gott seine Bereitschaft erklärt, Euch mitspielen zu lassen. Er hat für jeden von Euch sein Drehbuch bereits geschrieben. Heute, mit der Konfirmation besiegelt ihr diesen Vertrag mit Gott und bekräftigt, dass ihr in diesen Heilsplan einsteigen wollt. Ihr bekräftigt Eure Bereitschaft vom Schuldner zum Glaubenden zu werden. Die Heilsgeschichte ist kein Film, sondern das Leben.

Eure Eltern und Eure Paten haben Euch so gut es eben geht auf die Rolle, die ihr im Leben spielen sollt, vorbereitet. Wir, Eure Pfarrer, haben euch von diesen Vertragsinhalten erzählt. Dass es nicht nur juristisch zugeht, sondern auch emotional. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, sagt Jesus Christus, ich will euch neue Kraft geben, ich will euch erquicken.“(Mt.11,28)

Wenn Christus zum Regisseur eures Lebens werden kann, wenn ihr ihm eure Wege anvertraut, braucht ihr nicht die alleinige Verantwortung und Last des Lebens tragen. Ihr seid eben nur bedingt Schmiede eures eigenen Glücks. Ihr habt in eurem Leben schon die Erfahrung gemacht, das eigene Pläne, die man sich vornimmt, manchmal scheitern. Das gilt auch für die Rollen, die man spielt, oder spielen muss, denn viele Szenen in Eurem Leben sind bereits abgedreht. Wo sind die Szenen in Eurem Leben, die gründlich daneben gingen? Eine Beziehung vielleicht, eine Enttäuschung? –Pause- Wo sind die Szenen, die ihr lieber anders gespielt hättet? –pause- Dass die Eltern sich nicht trennten? Das der Umzug nicht anstünde? –pause-

Nein, das Leben ist kein Spiel! Wir Erwachsenen wissen das nur zu gut und wir freuen uns daran, wie leicht ihr das Leben als Kindern angegangen seid. Nun seid ihr aber dabei, selbst erwachsen zu werden. Und ihr braucht das Rüstzeug, die Ausrüstung, das Wissen, die Kompetenzen, um Eure Rolle im Leben zu finden und gut zu erfüllen. Deswegen der Konfiunterricht. Und ich mag das Wort Unterricht, weil es einen Vorgang der Aneignung von Fertigkeiten und Wissen beschreibt, dass einen weiterbringen soll. Und wenn es eine Quintessenz gibt, also eine oberste Lehre im christlichen Glauben, dann diese:

„Du spielt eine wichtige Rolle bei Gott. Er hat einen Plan für dich und dein Leben. Du musst nicht alles alleine bestimmen. Lass die leiten und führen von seiner Liebe. Stelle dich unter seinen Segen. Befiel dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen! (Ps.37,5)“

Aber halt! Ist unser Film Soteriologie nicht eine Trilogie gewesen? Kommt da nicht noch was? Was ist mir Episode III? Der Stoff für Euer weiteres Drehbuch ist schon geschrieben: Abschluss, Auto, Liebe, Führerschein, Familie, Lehre, Studium, Haus – es gibt noch viel zu erleben. Aber das größte was ein Darsteller erreichen kann, ist es unsterblich zu werden. Unsere Rolle geht einmal zu Ende. Ihr seid, so Gott will, noch lange nicht am Ende angekommen. Aber wenn es einmal so sein sollte, und die finale Staffel anläuft, besteht tatsächlich die Aussicht nicht nur in der Erinnerung unsterblich zu werden, denn die Erinnerungen verblassen wie das Zelluloid alter Filme auf denen sie gespeichert sind, nein uns blüht noch eine Aussicht weit über die Hollywood Hills hinaus. Episode III trägt noch keinen Namen. Nur eine Verheißung: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 16).

Heute genießt eure Premierenfeier. Streicht heute eure Gage für die Mühen der letzten Monate ein, obwohl es mehr Freude als Mühe war, mal ehrlich. Genießt es, dass ihr nun gewiss sein dürft, dass Gott eine Rolle in seinem Heilsplan für euch vorgesehen hat. Genießt das Ende eurer Ausbildung in kirchlichen Dingen. Lernt aber fleißig weiter. Erhaltet Euch eure Neugier. Arbeitet an Euch und genießt den Segen Gottes, der Euch gewiss sein darf. Kommt immer wieder her und tankt auf. Uns seid gewiss: Fortsetzung folgt!!!

Nicht „The End“, sondern Amen!