Foto von aufgeschlagenen Büchern

Schaut hin!

Prof. Dr. Harald Schroeter-Wittke, Universität Paderborn (ev.)


Rede bei der Gedenkfeier des Vereins 2. April 1945 im KZ Niederhagen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Rede bei der Gedenkfeier des Vereins 2. April 1945 im KZ Niederhagen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Verehrter Herr Engleitner,
liebe zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus Versammelten,

Schaut hin!
So lautet die Aufforderung der Jugendmitarbeiterinnen aus Borchen, die diese Gedenkstunde mitgestalten.

Schaut hin!
Wohin? Wohin? Wohin?
So fragt der 2. Chor in der Eröffnung der Bachschen Matthäuspassion.
Während der Knabenchor von der grausamen Schlachtung eines Unschuldigen singt, sucht der 1. Chor nach Gehilfen der Klage angesichts des Unvorstellbaren:
"Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen." So beginnt die Matthäuspassion.
Und der 2. Chor?
Er stellt Fragen, Fragen über Fragen:
Wer? Wen? Was? und: Wohin? Wohin? Wohin?

Schaut hin!
Die Jugendmitarbeiterinnen aus Borchen haben uns ein bewegendes Standbild gezeigt.
Ein Mensch liegt am Boden. Ein anderer zertritt seinen Lebensodem.
Ein Mensch hat einen anderen im Visier.
Ein Mensch trauert um einen anderen.
Ein Mensch will flüchten, ein anderer dreht sich um.
Ein Mensch geht vorbei, ein anderer schaut nicht hin.
Ein Standbild baut sich auf, ein Standbild baut sich ab.
Das Standbild zittert. Es ist kaum auszuhalten.
Wir stehen rund herum und hängen dazwischen
mit unseren Gedanken und Gefühlen,
mit unseren Erfahrungen und Befürchtungen.
Wer wäre ich in dieser Situation gewesen?
Wen hätte ich in dieser Situation schützen können?
Was hätte ich in dieser Situation getan?
Wohin hätte ich mich in dieser Situation überhaupt noch wenden können?

Das Standbild geht mir unter die Haut.
Es lässt mich nicht kalt.
Das Standbild stellt mich.

Schaut hin!
Wohin? Wohin? Wohin?
Auf unsere Schuld!
So antwortet bei Bach der 1. Chor auf die bedrängende Frage des 2. Chores.

Auf meine Schuld?
Ich hatte doch nichts damit zu tun.
Das ist richtig – und dennoch:
Diese unendliche Schuld ist Teil auch meiner Geschichte.

Mir ist diese Einsicht erst hier in Wewelsburg so richtig deutlich geworden.
Ich bin ein Zugezogener.
Vor 7 Jahren waren meine Frau und ich hier im Frühjahr spazieren.
Wir haben unser Auto am Waldrand geparkt und sind durch diesen Ort gelaufen zu dieser wunderschönen Burg, die wir schon aus der Entfernung bestaunt haben.
Einzige Dreiecksburg Deutschlands, so heißt es vielversprechend auf der A 44.

Voller Erwartungen nähern wir uns der Wewelsburg.
KZ-Gedenkstätte – so lesen wir auf dem Weg zur Burg.
Unser Gespräch verstummt schlagartig.
Was soll das denn hier? So schießt es mir durch den Kopf.
Ich studiere die Ortskarte vor der KZ-Gedenkstätte.
Ich suche nach dem Waldrand, wo unser Auto parkt.
Langsam packt mich Entsetzen, Wut steigt in mir auf.
Ich habe mitten in einem KZ geparkt und habe nichts davon gewusst.
Ich bin in einem KZ spazieren gegangen und habe nichts davon bemerkt.
Ich überlege: War da was ausgeschildert?
Das kann doch wohl nicht wahr sein!
Ich habe nichts gewusst von einem KZ in NRW,
obwohl ich fast mein ganzes Leben in diesem Land verbracht habe.
Hätte ich das wissen müssen oder wissen sollen?
Kalt erwischt es mich an jenem warmen Frühlingstag.
Ich gehe in die Gedenkstätte hinein.
Und es erwischt mich nochmal kalt.

1961 bin ich geboren.
Das war für mich immer weit weg von 1933 oder auch 1945.
Auf den ins Maßlose übersteigerten Bauplänen des SS-Architekten Hermann Bartels für die Wewelsburganlage lese ich eine Jahreszahl, an der die Baumaßnahmen abgeschlossen sein sollten: 1960.
Ich bin empört. Noch nie stand es mir so klar vor Augen: Die Nazis haben Pläne geschmiedet, die auch in mein Leben eingegriffen hätten. Seit ich diese Pläne gesehen habe, fahre ich anders auf der A 44 und benutze auch den Flughafen Paderborn/Lippstadt mit einem anderen Bewusstsein.

In der Gedenkstätte finde ich ein Modell des KZ Niederhagen.
Ich erfahre, dass dieser Name deshalb gewählt wurde, damit niemand dieses KZ orten kann. Denn Niederhagen ist nur eine unbedeutende Flur, die außerhalb von Wewelsburg unbekannt ist.
In dem Modell sehe ich einen Bretterzaun, der rund um das KZ angebracht ist.
So bleibt das Innenleben des KZ für die Außenstehenden verborgen.
Aber auf den Fotos vom KZ Niederhagen ist nirgendwo ein Zaun zu sehen.
Auf meine Nachfrage erhalte ich die Antwort, dass die Bewohner von Wewelsburg gesagt haben, dass es um das KZ Niederhagen einen Zaun gegeben habe. Als aber die Überlebenden des KZ wieder nach Wewelsburg kamen und das Modell gesehen haben, haben sie gesagt: Da ist alles richtig. Nur einen Zaun, den hat es nicht gegeben.
Bis heute ist diese Frage nach dem Zaun wohl nicht eindeutig geklärt.
Aber sie bewegt mich tief.
Denn sie stellt die Frage nach dem Zaun in mir.
Wenn ich KZ-Insasse gewesen wäre – gar nicht auszudenken.
Jedesmal, wenn ich mich mit dem sog. Alltag im KZ beschäftige, fühle ich ein Ersticken in mir hoch kommen und eine unendliche Wut über das, was Menschen Menschen anzutun in der Lage sind. Ich werde stumm und sprachlos. Doch solange der Blick nach draußen offen bleibt, gehe ich an meiner Ohnmacht nicht zugrunde. Schau hin – das ist immer ein innerer Angang.
Wenn ich Wewelsburger gewesen wäre, dann hätte es bei mir auch diesen Zaun gegeben. Denn wie soll ich sonst mit diesem unvorstellbaren Grauen in meiner Mitte leben können?

Vielleicht ist es gut, dass die Frage nach dem Zaun nicht mehr eindeutig zu klären ist. Denn sie hält die Frage nach meinen Zäunen wach. Und nur wenn diese Frage wach bleibt, ist Gedenken möglich.

Vor 5 Jahren habe ich eine Lehrveranstaltung angeboten mit dem Titel: Die Wewelsburg als religionspädagogische Herausforderung. Meine Studierenden kommen zumeist aus dem südlichen OWL oder dem nördlichen Sauerland. Sie wissen auch, dass da an der Wewelsburg irgendwas mit den Nazis war, aber so genau weiß das meist niemand.
An einem schönen 1. Mai sind wir unten von der Alme her zur Wewelsburg aufgestiegen, und ich habe die Arbeitsanweisung gegeben: Welchen Film würdet ihr an dieser Kulisse drehen? Natürlich kamen Antworten wie Burgfräulein, Ritterfilme, Mittelalter und Feen.
Nachdem wir uns über unsere Filmideen ausgetauscht haben, gebe ich die Arbeitsanweisung:
"Hier im Ort hat es ein KZ gegeben.
Wir treffen uns dort in 1 Stunde auf dem Appellplatz."
Und bevor Rückfragen kommen können, bin ich auch schon von der Bildfläche verschwunden und überlasse die Studierenden sich selbst.
Nach einer Stunde treffen wir uns hier am Appellplatz wieder. Einige berichten, dass sie Schwierigkeiten hatten, diesen Ort zu finden. Sie hätten zu allen möglichen Orten eine Ausschilderung gefunden, aber nicht zum KZ. So hätten sie im Dorf nachfragen müssen. Dabei hätten sie auch die Antwort erhalten, hier habe es niemals ein KZ gegeben.
Eine Studentin sagt die ganze Zeit nichts, aber es bebt in ihr. Plötzlich bricht es aus ihr heraus: "Ich wollte hier einen schönen Maitag verbringen. Und jetzt stehe ich hier mitten in einem KZ. Das kann man doch nicht einfach so machen. Da müssen Sie uns doch vorwarnen."
Wir reden danach noch sehr lange mit der gesamten Gruppe darüber, wie das denn damals im Nationalsozialismus war. Da wurde auch niemand vorgewarnt oder vorbereitet. Das hat die Menschen hier in Wewelsburg auch kalt erwischt – im Lager wie im Dorf.

Die Augenzeugen dieser Zeit werden immer weniger. Wir sind froh, dass Herr Engleitner heute unter uns ist und uns noch aus eigenem Erleben von dieser schweren Zeit berichten kann. Die Warnung "Nie wieder!" bekommt so für uns Nachgeborene ein Gesicht und eine Geschichte. Wir werden zu Ohrenzeugen eines Augenzeugen.
Was aber, wenn keine Augenzeugen mehr unter uns sind?
Dann sind wir Augenzeugenzeugen
Dann müssen wir für die Zeugen zeugen.

Die Borchener Jugendmitarbeiterinnen haben uns eindrücklich gezeigt, was sie in der Auseinandersetzung mit diesem Ort und seinem grausamen Geschehen bewegt hat. Sie haben sich stellvertretend für uns in eine Situation hinein begeben und mit ihren Körpern Gefühle, Blicke, Szenen und Ohnmacht ausgedrückt. Sie haben aber auch aus dieser Situation wieder heraus gefunden und uns gezeigt, dass wir gegen Unterdrückung auch wieder aufstehen können. Die geschundenen Körper der damaligen Zeit sind ihnen durch Mark und Bein gegangen. Ihre Aufforderung Schaut hin! war kaum auszuhalten. So haben sie uns heute, hier und jetzt zu Augenzeugen gemacht.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith