Foto von aufgeschlagenen Büchern

Taufpredigt über 2. Mose 23,20

Pastor Enno Junge

20.05.2006 in der Ludwig-Harms-Kirche Fuhrberg

Wasserzeichen

Liebe Cosima, lieber Oskar, liebe Eltern und Paten, liebe Großeltern und Freunde, liebe Gemeinde!

Dass die Taufe ein Zeichen ist, ich denke, das wissen wir alle.
Und das sie mit Wasser geschieht, auch.
Die Taufe, so könnte man sagen, ist ein Wasserzeichen.
Wasserzeichen, so wie wir sie vielleicht aus anderen Zusammenhängen kennen, gibt es nachgewiesenermaßen seit 1282 und auch heute noch finden wir auf Banknoten und auf besserem Schreibpapier solche Wasserzeichen.

Und auch auf diesem Papier, auf dem diese Taufansprache für Cosima und Oscar steht, befindet sich ein Wasserzeichen.

Auf ein Blatt Papier kann viel geschrieben werden: Gescheites und Dummes, Böses und Gutes, Wichtiges und Nebensächliches. Auf einem Blatt Papier kann radiert werden, durchgestrichen, Neues geschrieben, alles mögliche. Ein Blatt Papier kann zum Schluss sehr schön aussehen, oder aber ziemlich chaotisch.

Was aber nicht zerstört werden kann, ist das Wasserzeichen in dem Papier. Normalerweise sehen wir es gar nicht, aber wenn wir das Papier gegen das Sonnenlicht halten, dann sehen wir das Wasserzeichen.

Und ein Wasserzeichen kann niemand ändern oder wegradieren. Manchmal denke ich: Wie ein Blatt Papier ist auch ein Mensch. Am Anfang ist er noch unbeschrieben, aber im Laufe seines Lebens wird jeder Mensch zu einem beschriebenen Blatt, denn viele schreiben darauf: Eltern, Großeltern, Geschwister, Paten, Lehrer, Pastoren, Bekannte, Freunde - wer weiß, wer noch alles auf diesem Blatt schreiben wird.

Manches von dem, mit dem wir beschrieben sind, radieren wir aus, wenn wir es denn können. Manches - und das sind meistens die schönen Strecken in unserem Leben - unterstreichen wir, und manch anderes streichen wir weg. Manches schreiben wir weiter. Doch beschriebene Blätter sind wir allesamt.

Beschrieben mit dem, was unsere Eltern und Paten uns ans Herz legten. Beschrieben mit dem, was unsere Lehrer und Pastoren uns lehrten.

Beschrieben mit dem, was die Leute sagen. Und dieses beschriebene Blatt Papier, das wir sind: Es trägt seit dem Tag unserer Taufe ein Wasserzeichen. Das allerwichtigste kommt also auch gleich am Anfang des Lebens von Cosima und Oscar. Und im Wasserzeichen dieser hübschen kleinen Kinder ist nun folgendes zu lesen: Du gehörst zu Gott.
Er wird Dich begleiten.
Gott liebt Dich und hat Dich angenommen. Du bist in Gottes Hand und von seiner Liebe wird Dich nichts und niemand trennen. Niemals.
Bevor man aber so etwas für sich klar bekommt, dass das so ist, müssen diese beiden Kinder, die sich noch in der frühesten Zeit ihres Lebens befinden, erst einmal erfahren, wer dieser Gott eigentlich ist. Und da wir noch nicht mit letzter Gewissheit sagen können, wie oder wer Gott genau ist, will ich mich mal jetzt so verhalten wie die Schreiber im Alten Testament, die sich durch Geschichten, durch seriöse Bekenntnisse Gott angenähert haben:
Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Bei den handelnden Personen kann es sich wahlweise um Oscar oder um Cosima handeln. Ich habe mich für das Mädchen entschieden, denn zweimal will ich Ihnen diese Geschichte denn doch nicht vortragen und ich musste mich entscheiden. Also:

Es war einmal ein kleines Mädchen, das Gott kennen lernen wollte. Sie wusste, dass es ein langer Weg sein würde, und so packte sie Schokoriegel und einen Sechserpack Limonade in ihr Köfferchen und machte sich auf den Weg.
Als sie drei Häuserblocks weit gegangen war, traf sie auf eine alte Frau. Sie saß auf einer Parkbank und sah unverwandt den Tauben zu. Das Mädchen setzte sich neben sie und öffnete sein Köfferchen. Gerade wollte sie einen Schluck Limonade trinken, als ihr auffiel, wie hungrig die alte Frau aussah, und so bot sie ihr einen Schokoriegel an.
Sie nahm ihn dankbar entgegen und lächelte das Mädchen an. Ihr Lächeln war so entzückend, dass das Mädchen es noch einmal sehen wollte, und so bot sie ihr auch eine Flasche Limonade an. Wieder lächelte sie ihr zu. Wie sehr sich das Mädchen da freute!
So saßen sie den ganzen Nachmittag nebeneinander und aßen und lächelten, aber keiner von beiden sprach auch nur ein Wort. Als es dunkel wurde, merkte das Mädchen, wie müde es war. Sie stand auf, um zu gehen, doch schon nach ein paar Schritten kehrte es um, rannte zu der alten Frau zurück und umarmte sie. Da schenkte sie ihr ihr allerschönstes Lächeln.
Als das Mädchen wenig später nach Hause kam, wunderte sich ihre Mutter, warum ihre Tochter so glücklich aussah.
Sie fragte ihn: "Was hast du heute gemacht, dass du so strahlst?"
Sie antwortete: "Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen."
Und noch bevor ihre Mutter etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: "Und weißt du was? Sie hat das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe!"
Mittlerweilen war auch die alte Frau bei sich zu Hause angelangt. Auch sie war überglücklich. Ihr Sohn wunderte sich über ihren zufriedenen Gesichtsausdruck und wollte wissen: " Mutter, was hast Du heute gemacht, dass du dich so freust?"
Sie antwortete: " Ich habe im Park gesessen und mit Gott Schokoriegel gegessen."
Und noch bevor ihr Sohn etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: "Und weißt du was? Sie ist viel jünger, als ich dachte!"

Darf man so über Gott reden? Ich weiß es nicht; ich tue es einfach und die Botschaft, dass Gott ganz anders ist und ganz anders erlebt wird, ist mir auch viel wichtiger als die Diskussion, ob denn Gott nun weiblich oder männlich ist. Das Diskutieren über diesen Punkt sollen mal andere übernehmen, ich habe Wichtigeres zu tun: Nämlich diese beiden Kinder taufen.

Gott ist hier, zwar nicht zu sehen, aber doch gegenwärtig, in den Zeichen, die wir tun und in den Worten aus der Heiligen Schrift. Und eines dieser Worte aus der Heiligen Schrift ist der Taufspruch, den die beiden heute bekommen:
Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.

Dieses Wort ist eine Zusage Gottes an Ihre beiden Kinder, liebe Eltern. Diese Zusage muss sich bewähren und wird es auch, denn Gott selber steht ein für die Erfüllung seiner Zusagen und Verheißungen. Nur, dass er eben das Maß und den jeweiligen Zeitpunkt bestimmt und nicht wir.
Das ist das Wasserzeichen, wenn Sie so wollen, nicht wegzuradieren und auch mit keinem anderen Mittel wegzubekommen.
Meistens sieht man das Wasserzeichen Gottes beim Menschen ja nicht gleich auf dem ersten Blick, aber wenn wir im Lichte Gottes stehen, dann kann man dieses Wasserzeichen sehen. Und selbst dann wenn es dämmrig oder gar dunkel um uns wird, ist das Wasserzeichen der Liebe Gottes zu uns da.
Und sehen Sie, liebe Taufgemeinde, was auch immer geschrieben, radiert und durchgestrichen oder auch unterstrichen wird auf dem Blatt unseres Lebens: Das Wichtigste bleibt unveränderlich stehen: Dass wir Gott gehören. Dass Gott uns annimmt und nichts und niemand uns von seiner Liebe trennen kann.
Und weil wir das glauben dürfen, deswegen taufen wir Cosima und Oscar heute auf den Namen des Dreieinigen Gottes.

Amen.