Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Taufpredigt über Markus 10,13-16

Pastor Wolfram Braselmann


Liebe Gemeinde,

Das kennen wir, haben die meisten von uns schon vorher einmal gehört, und eben, bei der Taufe wieder einmal: diese schöne, anrührende Geschichte: Jesus segnet die Kinder.

Doch: Würden wir diese Geschichte nicht nur kennen, würden wir sie ernst nehmen: Dann würde ganz viel anders werden, ja neu werden. Unser Verhältnis zu den Kindern, das Verhältnis der Generationen zueinander, ja unser Verhältnis zur Welt und zu uns selbst. Und wenn wir die Taufe als Kindertaufe wirklich ernst nähmen, dann wäre es ebenso.

Denn: Diese Geschichte stellt ja die Welt auf den Kopf. Sie sagt ja nichts anderes, Jesus sagt in ihr nichts anderes als: Lernt von den Kindern. Lasst euch die Kinder als Vorbild sein, an dem ihr euch orientiert.

Sollen wir das mal den Schulräten, den Kultusministern, der PISA-Kommission diese Geschichte zuschicken, mit der Bitte um Kenntnisnahme?

Nicht wahr, die öffentliche Diskussion unserer Zeit, und auch, was wir privat und für uns so denken und reden, wenn es um Kinder geht, fragt ja so: Was bringen wir den Kindern bei? Was können, müssen, sollen sie von uns lernen?

Und da fällt uns vieles zu ein: Das Einmaleins natürlich, das war schon immer so. Und Rechtschreiben. Warum keine Gedichte mehr? Die Zehn Gebote natürlich auch, Latein, um die Vergangenheit zu verstehen, Englisch für die Gegenwart, den Umgang mit dem Computer, Sport, damit es nicht so einseitig wird, und Sozialverhalten natürlich auch noch, weil auch das im Zeugnis bewertet wird.

Das alles und noch viel mehr: Denn wir können das zwar auch nicht alles, aber wir erklären es doch für wichtig.

Und wir wollen die Kinder fit machen für unsere Welt.

Die eine Frage aber bleibt unbeantwortet: Ob unsere Welt, und dafür fit sein, für Kinder wirklich so erstrebenswert ist?

Unsere Welt: Diese Welt des Leistens und des Verbrauchens, des Machens und der Konkurrenz: Wirklich so erstrebenswert?

„Lasst die Kinder zu mir kommen, und wehret ihren nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.“ Ihrer Welt, nicht unserer Welt ist das Reich Gottes.

Lernt ihr von den Kindern! Lasst sie euch Beispiel sein! Richtet euch nach ihnen aus!

Kinder sind nicht Spielmaterial für uns, die wir nach unseren Vorstellungen formen sollen - Wahrscheinlich ist dieser Gedanke an dieser Stelle zum ersten Mal ausgesprochen worden.

Kinder bringen eine Botschaft mit aus jener anderen Welt Gottes in unsere oft so verkehrte Welt. Die Botschaft, die wir schon längst verlernt haben. Das Reich Gottes, mit dem wir schon längst nicht mehr rechnen.

Sich segnen lassen, wie die Kinder es tun in dieser Geschichte. Sich angenommen wissen, von all dem, was wir tun und leisten. Dass all unser Tu erst dann wichtig wird, wenn Er uns schon längst angenommen und gesegnet hat: Das ist der tiefe Sinn der Kindertaufe.

„Sehr geehrter Kultusminister, sehr geehrte Schulrätinnen und Schulräte, sehr geehrte Mitglieder der PISA-Kommission! Auf die Frage nach Lerninhalten, Methoden, Zielen und Organisationsformen des Lernens der künftigen Generation gibt es eine alte und doch wohl auch neue Antwort, die wir zu überdenken bitte: Wir, wenn wir zuerst von den Kindern dieser Welt lernen, was das ist: sich annehmen lassen, sich segnen lassen. Auch dann, wenn noch nichts geleistet ist.“

Sie werden sagen: Das ist zu wenig für die Zukunft, zu wenig, um fit zu sein für das, was kommt.

Aber: Von welcher Zukunft reden wir da?

Die Zukunft der Welt und der Menschen wird davon abhängen, dass und ob wir eine Welt haben, die wir verbrauchen oder die wir erhalten: Für die Kinder. Das Verbrauchen haben wir gelernt und gelehrt. Jetzt aber kommt es darauf an, dass wir das Staunen über die Welt, wie sie uns geschenkt ist, neu lernen, und darüber das Vernichten lassen: Und das lernen wir am besten von den Kindern; denn ihrer ist das Reich Gottes.

Wir haben die Konkurrenz gelernt und gelehrt. Jetzt aber kommt es darauf an, Gemeinschaft unter den Menschen und in dieser Welt zu lernen. Und das lernen wir am besten von den Kindern; denn ihrer ist das Reich Gottes.

Und angefangen werden wir mit solchem Lernen, wenn wir uns segnen lassen, wie wir alle als Kinder bei unserer Taufe gesegnet worden sind: Ja, damals war unser das Reich Gottes, und so bleibt es.

Amen.


 


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