Foto von aufgeschlagenen Büchern

Tischrede zum Erntedankfest 2001

Pfarrer Bernd Berger

in der Kirchengemeinde in Hamburg Billstedt

Ground Zero: I have a dream.
Und weil diese Sonntagsrede auch davon geprägt ist, was sich in den letzten Tagen vor unseren Kirchentür abgspielt hat, kann sie auch heißen:
Von Schiffbek in Hamburg nach Manhattan in New York

Zum Erntedankfest gehört das Danken, die Freude über die eingebrachte Ernte, der Dank für alles, was uns zum Leben geschenkt ist. Auch der Dank darüber, daß wir und unser Leben bewahrt geblieben sind.

Auf unser Erntedankfest in diesem Jahr aber fällt der Schatten des 11. September, jenes Tages, an dem Tausenden von Menschen auf unvorstellbar grausame Weise das Leben genommen wurde.
Entsetzen und Mitgefühl, Trauer und Angst bestimmen seitdem unser Leben.

Unsere Welt ist durch dieses Ereignis in allem näher zusammengerückt, und wir haben auf makabre Weise erfahren müssen, wie angreifbar unsere hochgerüstete westliche Welt ist, wie zweifelhaft die Schlagworte der Globalisierungspropheten.
Der Abgrund, der sich vor uns auftat, die bittere Erkenntnis darüber, was Menschen Menschen antun - wieder einmal oder immer noch? - ist unteilbar. Die unvorstellbare Gewalt, der Schrecken und die Angst sind unteilbar.
Und wir können unsere Augen nicht länger vor der Tatsache verschließen, wie stark sich die Welt nicht nur durch die schrecklichen Taten von religiös fanatisierten Terroristen, sondern auch durch unsere westlich kapitalistische Weltsicht und Wirtschaftsweise polarisiert hat.

Und so finde ich, sind wir aufgefordert, unser Mitgefühl zu "globalisieren", die Menschen in Afghanistan, die jetzt zu Hunderttausenden auf der Flucht sind, nicht auszuschließen aus unserer Sorge und Anteilnahme. Niemanden mehr auszuschließen von dem, was wir haben, und von dem besten in uns, das wir geben können.
Schon unserer eigene geschichtliche Erfahrung gebietet das. Und wie? Was tun?
Ich will noch einmal genau hinschauen , bevor ich den Blick nach vorne richte.

Vielleicht könnte noch eine andere Linie von Manhattan nach Schiffbek in unsere Kreuzkirche gezogen werden, als die, die wir in den vergangenen Tagen an unserem eigenen Leib zu spüren bekommen haben.

Ground Zero heißt jetzt der Ort in Manhattan, wo vorher das World Trade Center gestanden hatte.

Der Begriff ist nicht neu: Die Anfang der achtziger Jahre gültige Nato-Doktrin bezeichnete damit den Ort, an dem die erste Atombombe abgeworfen werden sollte, um den Vormarsch der Roten Armee in die Bundesrepublik und weiter nach Westeuropa zu den Wirtschaftszentren zu stoppen. Das war das strategisch wichtige Hattenbacher Autobahndreieck südlich von Kassel..
Grausames Szenario eines Eiskalten Krieges, der Menschlichkeit für teilbar hielt.

Ground Zero heute benennt den Ort einer tatsächlichen, unermesslichen Zerstörung, den Ort wo Tausende von Menschen getötet wurden, und Tausende von Menschen in aller Welt Angehörige und Freunde verloren.
Für die Amerikaner ist er aber auch zu einem Ort geworden, an dem ihr Stolz auf sich sellbst und ihr Land sich aufrichtet, ein Ort, an dem aus der Wüste der Zerstörung neue Hoffnung geboren wird.

Die Bibel nennnt so einen Ort Finsternis.
Sie gibt es immer wieder, seit sie den Hügel Golgatha im Jerusalem vor zweitausend Jahren verdunkelt hat. Ganz am Anfang der Bibel hat sie noch einen anderen Namen: Tohuwabohu, wüstes Durcheinander, Chaos und Leere, aus dem die Erde geschaffen wurde.

Ground Zero, der Punkt Null, der Ort an dem alles aufhört, stehenbleibt. Anfängt?

Ein Nullpunkt ist erst einmal ein Ort, wo es weder vor- noch zurückgeht.
In einem Koordinatensystem ist er ein Kreuzpunkt, durch den jede Auf- und Abwärtsbewegung nivelliert wird. Alle Kurven kommen an diesem Nullpunkt zur Ruhe. Sind unbewegt.
Ähnlich unserer Erfahrung in den letzten Wochen: Uns stockt der Atem und wir sind gezwungen, innezuhalten.
Wie an einem Grab, an dem man Verstorbenen noch einmal die Ehre gibt-
Grabesruhe, Pause und Unterbrechung.
Das ernst zu nehmen hieße , nicht in vorschnelles Handeln zu kommen und einen "Feldzug" oder gar "Kreuzzug" zu starten, der bis vor einigen Tagen in religiöser Überhöhung "unendliche Gerechtigkeit" hieß. Daß es heute nicht mehr so genannt wird, läßt auf Besonnenheit schließen und uns hoffen in der Völkergemeinschaft. Gott sei Dank!

Ground Zero - Nullpunkt. Die Stunde Null ist Beginn einer neuen Zeitrechnung.
Es heißt, ein Stern sei aufgegangen bei der Geburt dessen, dem wir sie verdanken.
Geburt einer neuen Zeit sollte es sein, Liebezeit und Friedezeit.

Die Botschaft ist noch immer unterwegs, und deshalb wage ich heute zu sagen: Ich habe eine Vision, oder darf ich sagen: I have a dream?

Ground Zero könnte, wenn die Welt und wir mit ihr wieder Atem holen würden, noch ein anderer Ort werden, ein Ort der Umkehr.

Und ich würde an diesem Ort etwas neues aufbauen, ein Zeichen für diese Umkehr. Vielleicht nicht stolz und erhaben, vielleicht auch nicht aus Stahl und Beton, sondern aus lebendigem Material, aus Holz. Ein Lebenszeichen.
Und ich würde es zusammenzimmern aus den abgesägten Gewehrkolben der eingesammelten Waffen aus Mazedonien und Nordirland, aus Zedern vom Libanon, und Zypressen aus Israel und Palästina, Platanen aus den pennsylvanischen Wäldern und Kiefern aus Bergen- Belsen.

Ein Lebenszeichen

Und auf gar keinen Fall himmelhoch, sondern eher niedrig und klein, so wie wir Menschen sind, daß es uns Demut und Achtsamkeit lehrt.
Und verwurzelt in der Erde, daß es uns daran erinnert, daß wir endlich sind und das Zeitliche segnen werden, so daß wir unsere Augen an diesem Gegenstand aufheben und unser Rückgrat daran aufrichten können und merken: wie kostbar und einzigartig jeder Tag unseres Lebens ist.
Und ein Zeichen, was in seiner Horizontalen den ganzen Erdball umspannt, so daß wir an ihm unsere Suche nach dem einen festmachen können, was not tut:
Dem einen Vater im Himmel, dem Gott aller Menschen, dem Liebhaber des Lebens.

Und als Bauvorlage für dieses eine würden wir unseres gerne zu diesem Zwecke von unserer Kreuzkirche abmontieren, wie es die Boulevardpresse kolportiert hat. Wir könnten meinetwegen auch den talibanischen Gesundheitsminister damit beauftragen, wenn er denn fundametal friedliebend würde, sonst wäre es der Ehre wohl zu viel. Aber er dürfte es nicht hinter der Gardine unseres Gemeindesaals verstecken, sondern er müßte es von unserer Kreuzkirche nach New York bringen. Und eine Delegation unseres Kirchenvorstandes würde ihn mit freundlichen Grüßen begleiten.
Auch ein kleine sich im Hintergrund aufhaltende Gruppe des Verfassungsschutzes wäre dabei gern gesehen.
Wir würden das als unseren Vorschlag für den Aufbau eines Teils einen neuen Zentrums der Welt einbringen.

Und daneben würden sich die Zeichen aller anderen friedliebenden Glaubensrichtungen aller Weltreligionen finden, der siebenarmige Leuchter und die Gebetsbänder der Juden, die Teppiche der Muslime, die Gebetsfahnen der Buddhisten und so weiter, bis alle Insignien vor Ort wären. Und auch die Kult- und Stammeszeichen der verschiedenen noch auf unserem Erdball lebenden Eingeborenen dürften nicht fehlen. Die Totempfähle der Indianer, unter denen sie ihre Friedenspfeifen mit uns rauchen, Gebetsschreine und meinetwegen auch einige Voodoopuppen, aber nur, wenn sie zu guten Zwecken genutzt werden.

Hauptsache friedlich.

Und daneben würde nur eine Flagge wehen, nämlich die Flagge der wirklich vereinten Nationen und ihrer Menschen. Und keine Nationalflagge mehr. Dann müßte auch keine mehr verbrannt werden, weder die von Israel, noch die von Palästina, noch die der USA.
Und meine Vision ist, daß dann das neue Zentrum der Welt kein Konsum- oder Geschäftstempel mehr wäre, sondern ein bunter farbenfroher Gebetstempel, eine Kathedrale des Glaubens und der Versöhnung, ein World Peace Center, zu dem dann alle pilgern könnte: Die gelben, roten, schwarzen und weißen Eingeborenen unseres Planeten.
Und sie würden Bauklötze staunen, auf welcherlei verschiedene Weise man Gott loben kann zum Wohle seiner Geschöpfe auf Erden.

Und Gott, dessen Himmel sich über uns allen wölbt, würde vor lauter Glück uns allen und aller Kreatur erst einmal ein gemeinsames Sabbatjahr verordnen und uns einen ausgeben , nur damit man sich erst einmal kennenlernen und sattsehen kann aneinander in dem ganzen Getümmel. Und Zeit ist, um sich gegenseitig zu fragen: Wie lebst Du, was ist dir heilig und wichtig?
Und ansonsten wird nur gefeiert und getanzt und gelacht und manchmal auch innnegehalten zum gemeinsamen Gebet.

Und nachdem der große Meister das getan hat, wird er sich selbst ein Plätzchen einrichten zwischen all den Menschen im Süden Manhattans.
Nichts großes , denke ich, die Bibel sagt, eine kleine Hütte, ein transparentes Zelt.

Hauptsache ein Dach über dem Kopf.

Und wenn der erste Hering eingeschlagen ist in die Erde, dann hat das angefangen, wovon das Letzte Buch der Bibel mit folgenden Worten schwärmt:" Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, und ich sah die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen sein und bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er wird ihr Gott sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid , noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. Denn siehe, ich mache alles neu."

Wenn wir an diesem Traum mit Gottes Hilfe bauen, dann könnte ich heute jubeln am Erntedankfest und mich freuen zur Erntezeit und die Ernte einfahren, von der Jesus sagt: "Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist dein Herz."

Das wäre eine "essential harvest", eine wahrhaft unerläßliche Ernte! Und wir könnten gemeinsam Thanksgiving feiern.
Allerdings müßten wir auch etwas tun:
Jetzt im Herbst anfangen, den Acker zu bereiten und den Samen dafür auszusäen.
So wahr uns Gott helfe !

Amen

 

Anmerkung:
Die Kirchengemeinde in Hamburg Billstedt geriet nach den Terroanschlägen in den USA in den Focus der Medien, weil sie unwissentlich, wie der NDR recherchiert und am 27. September dann in den Tagesthemen berichtet hat, ihren Gemeindesaal am 27. Januar 2001 für eine Veranstaltung vermietet haben, bei der sich, wie sich später herausstellte, der damalige talibanische Gesundheitsminister in unserem Gemeindesaal anwesend war auf Einladung von in Hamburg lebenden Afghanen und sich zur Gesundheitssituation in Afghanistan äußerte. Ulrich Wiggert kolportierte in den Tagesthemen am 27.9, daß "nun auch die evangelische Kirche ihre Gotteshäuser zur Verfügung stelle, um für Bin Laden zu werben". Dieser Aufmacher in den Tagesthemen führte dazu, dass am folgenden Tag, am Freitag vor dem Erntedankfest, die Kirchengemeinde in den Blickpunkt sämtlicher Medien, auch der ausländischen, geriet und sie Rede und Antwort zu stehen hatten.Der Presserummel hielt über das Erntedankfest hinaus. In dieser angespannten Situation war die Predigt für die Prediger auch eine Verarbeitung der schrecklichen Terroanschläge in den USA.